Einführung
Die Forschung im Bereich der Langlebigkeit und der Verlangsamung des Alterungsprozesses hat in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Gesundheit des Gehirns, da altersbedingte kognitive Beeinträchtigungen eine große Herausforderung für alternde Gesellschaften darstellen. Studien untersuchen verschiedene Ansätze, von Medikamenten bis hin zu natürlichen Substanzen, um das Gehirn jung und leistungsfähig zu halten.
Metformin: Ein Diabetes-Medikament mit Anti-Aging-Potenzial
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Diabetes-Medikament Metformin den Alterungsprozess im Gehirn von Affen um etwa sechs Jahre verlangsamen kann. Eine Studie der University of Chinese Academy of Sciences in Beijing untersuchte die geroprotektiven Effekte von Metformin auf männliche Javaneraffen über einen Zeitraum von 40 Monaten. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Journal "Cell", zeigten, dass Metformin positive Effekte auf die Gehirnalterung hatte und die Gehirnstruktur schützte sowie die kognitive Leistungsfähigkeit verbesserte.
Altersuhren für Affen
Die Forscher entwickelten spezielle Alterungsuhren für die Affen, um die Effekte von Metformin auf den gesamten Organismus zu messen. Diese Uhren basierten auf modernen Analysemethoden wie DNA-Methylierung und Proteomanalyse. Die Ergebnisse zeigten, dass Metformin eine signifikante neuroprotektive Wirkung entfaltet.
Schutz vor neuronaler Alterung durch Aktivierung von Nrf2
Ein zentraler Aspekt der Forschung war die Fähigkeit von Metformin, den neuronalen Alterungsprozess zu verlangsamen. Dies wurde durch die Aktivierung des Transkriptionsfaktors Nrf2 erreicht, der für seine antioxidativen Eigenschaften bekannt ist. Durch die Aktivierung dieses Faktors kann Metformin das Gehirn vor oxidativem Stress schützen und so den Abbau der Gehirnleistung verhindern.
Bedeutung für den Menschen
Die Wissenschaftler betonten, dass die Physiologie von Affen der des Menschen ähnlicher sei als bei anderen Versuchstieren, was die Bedeutung der Ergebnisse für zukünftige Anwendungen beim Menschen erhöht. Die Ergebnisse könnten wegweisend für die Entwicklung neuer pharmakologischer Ansätze zur Verlangsamung des menschlichen Alterungsprozesses sein. Langfristige Untersuchungen sind geplant, um die Effekte von Medikamenten auf den Alterungsprozess besser zu verstehen.
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Weitere Anti-Aging-Substanzen und Forschungsansätze
Neben Metformin gibt es eine Vielzahl weiterer Substanzen und Forschungsansätze, die das Potenzial haben, den Alterungsprozess zu verlangsamen oder sogar umzukehren.
mTOR-Inhibitoren
Eine Klasse von Anti-Aging-Entwicklungskandidaten zielt darauf ab, das Zellwachstum zu modulieren. Etliche dieser Wirkstoffe hemmen die Aktivität der Serin/Threonin-Kinase mTOR. Im Labor führt die Hemmung dieses Steuerproteins zu einer teils deutlichen Lebensverlängerung von Tieren, darunter die Fruchtfliege oder die Maus. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigte, dass eine Hemmung des mTOR-Signalwegs sich positiv auf Alterungsprozesse auswirkt und für ältere Menschen positive Effekte zeigt, einschließlich einer Verbesserung der Immunfunktion und einer Verringerung der Infektionsraten.
Rapamycin
RTB101 ähnelt einem bereits zugelassenen mTOR-Hemmer, dem Immunsuppressivum Rapamycin. Rapamycin legt die Aktivität des Enzyms mTOR lahm, das Körperzellen wuchern lässt. Gewissermaßen täuscht Rapamycin den Zellen dadurch einen Nahrungsmangel vor. Fastenzeiten nutzen Körperzellen jedoch, um sich von Abfallstoffen zu befreien, die auf Dauer den Zelltod herbeiführen können. Laut der Max-Planck-Gesellschaft ist Rapamycin das derzeit vielversprechendste Anti-Aging-Medikament.
NMN (Nicotinamidmononukleotid)
NMN ist ein Vitamin B3-Abkömmling, das im Körper in ein wichtiges Molekül namens NAD+ umgewandelt wird. NAD+ ist wiederum der Treibstoff für die Mitochondrien, die Kraftwerke der Körperzellen. Das Molekül gewährleistet eine gesunde Zellfunktion, die den Körper vor Alterung und Krankheit schützt und die Muskelkraft stärkt. Alterforscher konnten in Tierstudien zeigen, dass die Gabe von NMN zahlreiche Alterungsprozesse verlangsamen kann.
Resveratrol
Resveratrol ist ein sekundärer Pflanzenstoff, der bereits in über 70 Gewächsen nachgewiesen wurde. In hoher Konzentration kommt er in roten Weintrauben, Himbeeren, Heidelbeeren, Erdnüssen und Soja vor. In der Medizin hat Resveratrol aufgrund seiner antioxidativen, entzündungshemmenden sowie antimikrobiellen Wirkung Aufmerksamkeit auf sich gezogen - insbesondere in der Dermatologie. Erforscht wird das Potenzial von Resveratrol in der Wundheilung, der Behandlung von Narben sowie als potenzielle Anti-Aging-Substanz gegen vorzeitige Hautalterung.
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Senolytika
Senolytika sind eine neue Klasse von Medikamenten, die jene nicht mehr teilungsfähigen Zellen (seneszente Zellen) beseitigen, die Entzündungen und andere Schäden im menschlichen Körper. Bei vielen im Alter auftretenden Erkrankungen wie Demenz, Arteriosklerose oder Diabetes spielen seneszente Zellen eine Rolle. Bisher bekannte natürliche Stoffe mit senolytischer Wirkung sind Quercetin und Fisetin, die in Gemüse und Obst vorkommen, aber auch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich sind.
Spermidin
Spermidin ist eine natürliche Substanz, die in jeder Zelle des menschlichen Körpers vorkommt. Ähnlich wie Rapamycin erhöht auch Spermidin die Lebensdauer von Mäusen. Es regt ebenfalls den Prozess der Autophagie an, des körpereigenen Zellverjüngungs- und Aufräumprozesses, der mit zunehmendem Alter langsamer vonstatten geht. Erste Studien am Menschen zeigen, dass eine Supplementierung mit Spermidin Haarausfall vorbeugen und das Haarwachstum stärken kann. Eine Studie aus dem Jahr 2022 präsentierte Daten, wonach "eine höhere Spermidinaufnahme ein vielversprechender Ernährungsansatz zur Erhaltung der Gehirngesundheit bei älteren Erwachsenen sein könnte".
Multivitaminpräparate: Ein einfacher Ansatz zur Verbesserung der Gedächtnisleistung
Die tägliche Einnahme eines Multivitaminpräparates kann den altersbedingten Gedächtnisverlust verlangsamen. Das hat ein Forschungsteam mit einer großangelegten Untersuchung herausgefunden. Bereits nach einem Jahr zeigte sich in der Gruppe derer, die täglich Multivitamine einnahmen, eine deutliche Verbesserung der Hirnleistungen im Vergleich zu denen in der Placebo-Kontrollgruppe. Diese Verbesserungen hielten den gesamten dreijährigen Forschungszeitraum an. Die Forschenden schätzten aufgrund ihrer Ergebnisse, dass sich der altersbedingte Abbau im Gehirn durch die Einnahme von Multivitaminpräparaten um rund drei Jahre aufhalten lässt.
Cannabis und Anti-Aging-Wirkung
Eine niedrigdosierte Langzeitgabe von Cannabis kann nicht nur Alterungsprozesse im Gehirn umkehren, sondern hat auch eine Anti-Aging-Wirkung. Dies konnten Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn mit einem Team der Hebrew University (Israel) jetzt bei Mäusen zeigen. Den Schlüssel dafür fanden sie in dem Proteinschalter mTOR, dessen Signalstärke Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit und Stoffwechselprozesse im gesamten Organismus hat.
Verjüngungskur im Blut
Mit dem Alter lässt auch das Gedächtnis nach. Das ist bei Mäusen nicht anders als bei Menschen. Diesen geistigen Verfall konnten Forscher nun mit einer Verjüngungskur im Blut umkehren. Indem sie dieses Hormon stoppten, konnten die Forschenden Entzündungen verhindern und natürliche Alterungsprozesse umkehren. Die Makrophagen des Immunsystems verrichteten wieder korrekt ihre Arbeit.
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Ernährung und Lebensstil
Neben der Einnahme von spezifischen Substanzen spielen auch Ernährung und Lebensstil eine entscheidende Rolle bei der Verlangsamung des Alterungsprozesses. Eine ausgewogene, vitaminreiche Ernährung ist den Präparaten vorzuziehen. Studien haben gezeigt, dass eine Gewichtsabnahme bei Menschen mit Adipositas auch ihre Gehirngesundheit positiv beeinflussen und das Organ quasi verjüngen kann.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Die Suche nach Substanzen gegen das Altern ist ein aufregendes Forschungsfeld. Inzwischen gibt es verschiedene Mittel, die bei Nematoden, Fruchtfliegen oder Mäusen erstaunliche Erfolge zeigen. Doch was davon ist auf den Menschen übertragbar? Welche der erforschten Wirkstoffe nicht nur bei Tieren sondern auch beim Menschen Wirkung zeigen, ist bislang weitgehend unklar. Womöglich aber kann die Wissenschaft in absehbarer Zeit belastbare Antworten liefern. Auf die Ergebnisse wollen jedoch nicht alle warten. Und so setzen manche Forscher ihre bisherigen Erkenntnisse bereits im Alltag um.