Die Forschung an der Retinalen Vaskulopathie mit zerebraler Leukenzephalopathie und systemischen Manifestationen (RVCL-S) sowie Fortschritte in der personalisierten Medizin, insbesondere im Bereich der Pharmakogenomik, stehen im Fokus dieser Übersicht. Dabei werden aktuelle Studien und Entwicklungen des Leiden University Medical Center (LUMC) und der Uniklinik RWTH Aachen beleuchtet.
RVCL-S: Eine seltene, aber aufschlussreiche Erkrankung
RVCL-S ist eine autosomal-dominant vererbte Vaskulopathie, die durch trunkierende Mutationen im TREX1-Gen verursacht wird. Die Hauptmerkmale sind fortschreitende neurologische Manifestationen, die sowohl fokale als auch diffuse Hirnfunktionsstörungen umfassen, sowie vaskuläre Retinopathie. Bildgebende Verfahren zeigen Hyperintensitäten der weißen Substanz und intrazerebrale Massenläsionen. Weniger bekannt, aber dennoch relevant sind systemische Manifestationen wie Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Bluthochdruck, Raynaud-Phänomen, Hypothyreose und Anämie.
Biomarker-Forschung am LUMC
Eine Studie am LUMC, dem nationalen Referenzzentrum für RVCL-S in den Niederlanden, untersuchte die Assoziation von Serum- und Liquor-NfL- (Neurofilament Leichtkettenprotein) und GFAP- (Glial Fibrillary Acidic Protein) Spiegeln mit der RVCL-S-Symptomatik und neuropsychologischen Funktion. NfL ist ein Marker für neuroaxonale Schäden, während GFAP in reaktiven Astrozyten hochreguliert wird und somit als Marker für Astrogliose gilt.
Die Ergebnisse zeigten, dass symptomatische RVCL-S-Träger höhere Serum-NfL-Spiegel aufwiesen als Kontrollen und prä-symptomatische Träger. Prä-symptomatische RVCL-S-Träger zeigten bereits erhöhte CSF-NfL-Spiegel im Vergleich zu Kontrollen. Obwohl die GFAP-Spiegel keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen zeigten, korrelierten erhöhte Serum-NfL- und GFAP-Spiegel bei RVCL-S-Trägern mit einer schlechteren kognitiven Funktion, einschließlich der globalen kognitiven Funktion und der psychomotorischen Geschwindigkeit.
Bedeutung der Biomarker
Diese Studie deutet darauf hin, dass erhöhte Serum-NfL- und GFAP-Spiegel eine beeinträchtigte kognitive Funktion bei RVCL-S-Trägern signalisieren und potenziell als Marker für die SVD-Progression dienen können. Die Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die einen Zusammenhang zwischen Serum-NfL-Spiegeln und dem Schweregrad und der Progression von sporadischer SVD und CADASIL (Cerebral Autosomal Dominant Arteriopathy with Subcortical Infarcts and Leukoencephalopathy) feststellten.
Lesen Sie auch: Demenz weltweit verstehen
Obwohl NfL ein allgemeiner Marker für Neurodegeneration ist und somit nicht als diagnostischer Biomarker geeignet ist, zeigt die Assoziation zwischen Serum-NfL und kognitiver Funktion bei RVCL-S sein Potenzial als Biomarker zur Überwachung der Krankheitssymptomatik. Zukünftige Studien sind jedoch erforderlich, um die Assoziation von NfL und GFAP mit radiologischen, ophthalmologischen und systemischen Anzeichen und Symptomen von RVCL-S zu bewerten.
Personalisierte Medizin: Ein Paradigmenwechsel in der Arzneimitteltherapie
Neben der Erforschung seltener Erkrankungen wie RVCL-S engagiert sich das LUMC auch im Bereich der personalisierten Medizin, insbesondere der Pharmakogenomik. In diesem Zusammenhang hat ein internationales Forschungskonsortium unter der Leitung des LUMC herausgefunden, dass Patientinnen und Patienten 30 Prozent weniger schwere Nebenwirkungen haben, wenn die Medikamentendosis auf ihre DNA abgestimmt ist.
Der "DNA-Medikamentenpass"
Die Forschenden haben einen "DNA-Medikamentenpass" entwickelt, der die genetische Ausstattung von Patient:innen mit Medikamenten verknüpft. Rund 7000 Patient:innen aus sieben europäischen Ländern haben an der Studie teilgenommen, die verschiedene medizinische Bereiche berücksichtigte, wie die Onkologie, Kardiologie, Psychiatrie und Allgemeinmedizin.
Die Forschenden untersuchten zwölf ausgewählte Gene, für die bereits ein Zusammenhang mit Medikamenten bekannt war. Es zeigte sich, dass 50 Arten von Genvarianten die Wirkung von 39 ausgewählten Medikamenten beeinflussen. Diejenigen, die eine an ihre spezifischen Erbinformationen angepasste Dosierung erhielten, zeigten weniger Nebenwirkungen.
Bedeutung für die klinische Praxis
"Zum ersten Mal haben wir gezeigt, dass eine ‚maßgeschneiderte‘ Strategie in großem Maßstab in der klinischen Praxis funktioniert. Wir haben nun genügend Belege, um mit der Umsetzung zu beginnen", sagt Henk-Jan Guchelaar vom LUMC. Mit dem Pass können Ärzt:innen ihre Patient:innen künftig individualisiert behandeln, das heißt eine auf sie zugeschnittene Dosierung der Medikamente auswählen. Die Forschenden gehen davon aus, dass eine Übernahme der Kosten für personalisierte Arzneimitteltherapien durch die Krankenkassen aufgrund der Studienergebnisse erleichtert wird.
Lesen Sie auch: Ursachen von Epilepsie im Alter
Beteiligung des IKP am Bosch Health Campus
Von deutscher Seite war auch das Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie (IKP) am Bosch Health Campus in Stuttgart beteiligt. Matthias Schwab, Leiter des IKP, ergänzt: „Die Studie belegt, dass eine genetische Testung zur Vermeidung von Nebenwirkungen von Ärzt:innen, der beteiligten Apotheker:innen und vor allem von Patient:innen sehr gut angenommen wird.“
Weitere Forschungsprojekte und Initiativen der Uniklinik RWTH Aachen
Die Uniklinik RWTH Aachen ist ebenfalls in verschiedene Forschungsprojekte und Initiativen involviert, die darauf abzielen, die Patientenversorgung zu verbessern und innovative medizinische Lösungen zu entwickeln.
Forschung an resorbierbaren Membran-Implantaten
Die Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie der Uniklinik RWTH Aachen wird vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) mit rund einer halben Million Euro für ihr Projekt „Soft Tissue Regeneration“ gefördert. Im Rahmen dieses Verbundprojekts werden resorbierbare Membran-Implantate erforscht. Ziel ist es, den direkten Austausch zwischen den zukünftigen Anwendern in der Uniklinik RWTH Aachen und den Akteuren der RWTH Aachen University sowie Netzwerkvereinen und Dienstleistern zu fördern.
Qualitätssicherung und -management
Die Uniklinik RWTH Aachen legt großen Wert auf Qualitätssicherung und -management. Verschiedene Indikatoren geben Auskunft über die Qualität in der Uniklinik RWTH Aachen und helfen, sie langfristig zu sichern. Strukturierte Qualitätsberichte geben Einblick in die Qualitätsdaten der Uniklinik RWTH Aachen.
Ausbau der Infrastruktur
Die Uniklinik RWTH Aachen baut ihre Infrastruktur kontinuierlich aus, um den steigenden Anforderungen an die Patientenversorgung gerecht zu werden. So wurde beispielsweise mit dem Bau eines neuen Parkhauses begonnen, um die Parksituation für Patient:innen, Besucher:innen und Mitarbeiter:innen zu verbessern.
Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung von Demenz
Migräne-Forschung am LUMC
Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Arn van den Maagdenberg vom Leids Universitair Medisch Centrum (LUMC) hat Genvarianten für die Migräne ohne Aura identifiziert. Die Ergebnisse deuten sowohl auf eine vaskuläre Dysfunktion hin als auch auf eine Übererregbarkeit des Gehirns infolge einer vermehrten Aktivität von des Neurotransmitters Glutamat.
tags: #lumc #leiden #neurologie