Das West-Nil-Virus (WNV) breitet sich in Europa immer weiter aus und stellt eine wachsende Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar. Besonders betroffen ist Italien, wo es in den letzten Jahren zu einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen und Todesfälle gekommen ist. Aber auch in Deutschland wird das Virus seit einigen Jahren nachgewiesen, was die Notwendigkeit verstärkt, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen.
Was ist das West-Nil-Virus?
Das West-Nil-Virus (WNV) ist ein Flavivirus, das zur Familie der Flaviviridae gehört. Es wird hauptsächlich durch Stechmücken der Gattung Culex zwischen wildlebenden Vögeln übertragen. Menschen und andere Säugetiere wie Pferde können ebenfalls infiziert werden, sind aber sogenannte Fehlwirte, da sie das Virus nicht in ausreichendem Maße vermehren, um als Infektionsquelle für Mücken zu dienen. Das Virus wird in zwei Haupttypen unterteilt: WNV-Subtyp 1 und WNV-Subtyp 2.
Verbreitung des West-Nil-Virus
Das West-Nil-Fieber ist eine Zoonose, die in verschiedenen Regionen der Welt endemisch vorkommt. Ursprünglich aus den Tropen stammend, hat sich das Virus durch Zugvögel auch in Gebiete am Mittelmeer und in Europa ausgebreitet. In Südeuropa, insbesondere in Italien, Griechenland, Frankreich und weiten Teilen des Balkans, tritt es saisonal im Sommer auf und kann dort auch überwintern. Auch die Türkei ist betroffen.
Aktuelle Situation in Italien
In Italien grassiert das West-Nil-Virus seit geraumer Zeit. Die Zahl der Infektionen und Todesfälle ist in den letzten Jahren gestiegen. Besonders betroffen sind Urlaubsregionen wie Sardinien, Kampanien und Venetien. Die italienischen Gesundheitsbehörden haben Maßnahmen zur Mückenbekämpfung ergriffen, wie beispielsweise die Larvenbekämpfung mit biologischen Mitteln und den Rückschnitt von Bäumen zur Eindämmung von Brutplätzen.
Situation in Deutschland
Auch in Deutschland wird das West-Nil-Virus seit einigen Jahren nachgewiesen. Seit 2018 wurden in den Sommermonaten WNV-Funde bei Vögeln und Pferden berichtet, überwiegend in Ostdeutschland. Im Spätsommer 2019 wurden erste in Deutschland durch Mücken übertragene Infektionen von West-Nil-Fieber in Ostdeutschland bekannt. Seitdem wurden in den Sommer- und Herbstmonaten Infektionen berichtet. Das Vorkommen von WNV-Erkrankungsfällen über mehrere Jahre zeigt an, dass WNV auch in Deutschland überwintert und im Sommer ausreichend günstige klimatische Bedingungen vorfindet.
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Übertragungswege
Die Hauptübertragung des West-Nil-Virus erfolgt durch Stechmücken, die das Virus von infizierten Vögeln auf Menschen und andere Säugetiere übertragen. Verschiedene Stechmücken, insbesondere die in Deutschland weit verbreiteten Culex-Mücken, gelten als Hauptvektoren.
Weitere mögliche Infektionswege sind Organtransplantationen, Bluttransfusionen und die Schwangerschaft. WNV kann auch durch nicht virusinaktivierte Blutprodukte übertragen werden. Aus diesem Grund gelten in betroffenen Regionen besondere Bestimmungen für Blutspenden.
Symptome und Krankheitsverlauf
Die meisten Infektionen mit dem West-Nil-Virus verlaufen klinisch unauffällig. Etwa 20 % der Infizierten entwickeln eine fieberhafte, grippeähnliche Erkrankung, die etwa 3-6 Tage andauert. Die Inkubationszeit beträgt 2-14 Tage. Der Krankheitsbeginn ist abrupt mit Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen. Bei etwa 50 % dieser Erkrankten findet man ein blasses, makulopapulöses Exanthem, das sich vom Stamm zum Kopf und zu den Gliedmaßen ausbreitet.
Nur etwa jede 100. infizierte Person erkrankt schwer an einer neuroinvasiven Form der Erkrankung. Bei einem Teil dieser Patienten tritt eine zumeist gutartige Meningitis auf. In seltenen Fällen entwickelt sich eine Enzephalitis. Mögliche Symptome sind dann mentale Veränderungen, Muskelschwäche, schlaffe Lähmungen, Ataxie, extrapyramidale Symptome, Optikusneuritis und Veränderungen der anderen Hirnnerven, Polyradikulitis und epileptische Anfälle. Selten wurden Entzündungen des Herzens oder der Leber beobachtet.
Das West-Nil-Fieber heilt in der Regel komplikationslos aus, bei Enzephalitis-Patienten sind Spätfolgen jedoch relativ häufig (etwa 50 %).
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Diagnose
Bei Verdacht auf West-Nil-Fieber sollte die Labordiagnostik nach Möglichkeit ein Speziallaboratorium übernehmen. In den ersten Tagen nach Symptombeginn kann virale RNA vor allem durch RT-PCR nachgewiesen werden (in Vollblut, Serum oder Liquor). Danach ist der Nachweis von Antikörpern in Serum- bzw. Liquorproben durch West-Nil-Virus-ELISA (Nachweis von IgM und IgG) sinnvoll.
Es muss beachtet werden, dass andere Flavivirusinfektionen oder Impfungen (FSME, Gelbfieber, Dengue, Japanische Enzephalitis, Usutu u.a.) zu Kreuzreaktionen im ELISA führen können. Zur Bestätigung, dass es sich wirklich um eine Infektion mit West-Nil-Virus handelt, kann der Serologiebefund durch einen hoch-spezifischen Plaque-Reduktions-Neutralisationstest (PRNT) bestätigt werden.
Behandlung
Das West-Nil-Fieber wird symptomatisch behandelt. Es gibt keine spezifische antivirale Therapie. Bei schweren neurologischen Verläufen ist oft eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich.
Prävention
Der beste Schutz vor einer Infektion mit dem West-Nil-Virus ist die Vermeidung von Mückenstichen. Dazu gehören folgende Maßnahmen:
- Tragen von langärmeligen Hemden/Blusen und langen Hosen an Orten mit bekannter Mückenbelastung
- Aufenthalt in geschlossenen oder klimatisierten Räumen am Abend
- Anwendung von Repellents und Insektiziden
- Gebrauch von Moskitonetzen und Fenstergittern
- Beseitigung von Mückenbrutplätzen im Wohnumfeld (z.B. wassergefüllte Eimer oder Pflanzschalen)
Besonders Personen, die aufgrund hohen Alters oder Immunschwäche ein erhöhtes Risiko haben, durch eine WNV-Infektion schwer zu erkranken, sollten diese Schutzmaßnahmen konsequent anwenden.
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Blutspenden
WNV kann durch nicht virusinaktivierte Blutprodukte übertragen werden. Die EU-Direktive 2004/33/EG sieht vor, dass potenzielle Blutspender 28 Tage nach Verlassen eines Gebiets mit fortlaufender Transmission des WNV auf Menschen von der Spende zurückgestellt oder auf WNV-RNA untersucht werden, wenn aus den Spenden Blutprodukte hergestellt werden, die keinem Verfahren zur Virusinaktivierung unterzogen werden. Dies gilt auch für entsprechende Gebiete in Deutschland. Das Paul-Ehrlich-Institut als zuständige Bundesoberbehörde ordnet die Rückstellung von Spendewilligen bzw. die Testung auf WNV-RNA zwischen dem 1. Juni und dem 30. November an.