Gehirn: Wenn wenig Übung zur Sprachlosigkeit führt – Aktuelle Forschungsergebnisse

Die Erforschung des menschlichen Gehirns ist ein komplexes und faszinierendes Feld. Insbesondere die Auswirkungen von Verletzungen, Erkrankungen oder auch gezielten Eingriffen auf die Sprachfähigkeit geben Forschern seit Langem Rätsel auf. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser Aspekte, von den bahnbrechenden Split-Brain-Operationen Roger Sperrys bis hin zu modernen Brain-Computer-Interfaces und den Herausforderungen bei Sprachstörungen wie Aphasie und Mutismus.

Die Split-Brain-Experimente von Roger Sperry

In den frühen 1960er Jahren führte der US-amerikanische Neurobiologe Roger Sperry am White Memorial Medical Center in Los Angeles eine wegweisende Operation durch: die Durchtrennung des Corpus callosum, des Balkens, der die beiden Hirnhälften miteinander verbindet. Dieser Eingriff, auch Callosotomie genannt, wurde bei Patienten mit schwerer Epilepsie durchgeführt, um die Ausbreitung von Anfällen von einer Hirnhälfte zur anderen zu verhindern.

Sperrys jahrelange Forschung an diesen sogenannten Split-Brain-Patienten brachte erstaunliche Erkenntnisse über die Spezialisierung der Hirnhälften zutage. Er erhielt dafür 1981 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Seine Experimente zeigten, dass die linke Hirnhälfte vorwiegend für analytische und sprachliche Aufgaben zuständig ist, während die rechte Hirnhälfte besser in räumlicher Wahrnehmung und Musik ist.

Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse von Sperrys Forschung war die Beobachtung, dass die getrennten Hirnhälften unabhängig voneinander agieren können. So berichtete Sperrys Assistent Michael Gazzaniga von einem Patienten, bei dem die rechte Hand die Hose hochziehen wollte, während die linke Hand versuchte, sie herunterzuziehen. In einem anderen Fall griff ein Mann im Ärger seine Frau mit der linken Hand an, während die rechte Hand versuchte, sie zu schützen.

Um die Folgen der Split-Brain-Operationen genauer zu untersuchen, entwickelten Sperry und Gazzaniga spezielle Tests. Sie präsentierten den Patienten Bilder auf zwei Bildschirmen, wobei jedes Auge nur das Bild auf einem Bildschirm sehen konnte. Wenn den Patienten auf dem rechten Bildschirm das Bild einer Tasse gezeigt wurde, konnten sie diese problemlos benennen. Wurde ihnen jedoch auf dem linken Bildschirm das Bild einer Gabel gezeigt, konnten sie diese nicht benennen. Mit der linken Hand konnten sie allerdings das Wort aufschreiben, in einer Liste auf das richtige Wort tippen oder die Gabel durch Fühlen unter mehreren verdeckten Gegenständen heraussuchen.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Diese Ergebnisse zeigten, dass die rechte Hirnhälfte zwar nicht so sprachbegabt ist wie die linke, aber dennoch in der Lage ist, Wörter zu erkennen und zu verstehen. Vor gut einem halben Jahrhundert waren diese Entdeckungen revolutionär und trugen maßgeblich zum Verständnis der Gehirnfunktion bei.

Moderne Anwendungen der Callosotomie

Auch heute noch wird die Callosotomie in Deutschland schätzungsweise ein Dutzend Mal pro Jahr bei Patienten mit besonders schwerer Epilepsie durchgeführt. Neurochirurg Karl Rössler von der Universitätsklinik Erlangen betont, dass das Verfahren den Patienten helfen kann, ohne die mitunter lebensbedrohlichen Anfälle zu leben.

Darüber hinaus wird die Callosotomie mittlerweile auch bei Tumoren im Hirnkammersystem eingesetzt. Durch den Spalt zwischen den Hirnhälften können die Chirurgen gut an die Tumore herankommen, wobei es das Ziel ist, so wenig Fasern wie möglich zu verletzen. Im Gegensatz zu Sperrys Split-Brain-Patienten verändern sich die Patienten nach einer solchen Operation in der Regel nicht, da nur ein kleiner Schnitt von einem halben Zentimeter erforderlich ist, um den Zugang zu ermöglichen.

Brain-Computer-Interfaces: Kommunikation durch Gedanken

Die Forschung an Brain-Computer-Interfaces (BCIs) hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Diese Technologie ermöglicht es, Gehirnaktivität zu messen und in Steuersignale umzuwandeln, um beispielsweise Prothesen zu bewegen oder Computer zu bedienen. Ein besonders vielversprechender Anwendungsbereich von BCIs ist die Unterstützung von Menschen mit schweren Lähmungen, die nicht mehr sprechen können.

Eine Technik, die in vielen BCI-Systemen eingesetzt wird, ist die Elektroenzephalographie (EEG). Dabei werden Elektroden auf der Kopfhaut befestigt, um die elektrische Aktivität der Nervenzellen im Gehirn zu messen. Obwohl das EEG nicht so genaue Signale liefert wie implantierte Systeme, ist es einfacher anzuwenden und kostengünstiger.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Ereigniskorrelierte Potenziale (EKPs) sind ein wichtiger Bestandteil vieler BCI-Systeme. Ein besonders bekanntes EKP ist das P300, das auftritt, wenn das Gehirn einen unerwarteten oder relevanten Reiz entdeckt. Dieses Signal kann genutzt werden, um Buchstaben auszuwählen, indem den Nutzenden in schneller Abfolge Buchstabenreihen und -spalten gezeigt werden. Jedes Mal, wenn die präsentierte Reihe oder Spalte den gewünschten Buchstaben enthält, entsteht ein P300, wodurch der ausgewählte Buchstabe ermittelt werden kann.

Eine weitere vielversprechende Technik ist das Visuell Evozierte Potential (VEP). Dabei wird die Reaktion des visuellen Kortex auf einen flackernden visuellen Reiz gemessen. Indem jedem Buchstaben eine andere Frequenz zugewiesen wird, kann aus dem EEG-Signal der richtige Buchstabe ausgelesen werden. Eine Weiterentwicklung dieser Technik ist das cVEP, bei dem eine sogenannte m-Sequenz als Flacker-Stimulus genutzt wird.

Trotz der vielversprechenden Fortschritte gibt es noch einige Herausforderungen bei der Entwicklung von BCIs. Eine wichtige Frage ist, wie BCIs mobiler und kostengünstiger gestaltet werden können, um sie für den Alltag der Nutzenden praktikabel zu machen. Außerdem ist noch unklar, ob die vorgestellten VEP-basierten BCIs für vollständig gelähmte Patientinnen und Patienten nutzbar sein werden, die nicht einmal mehr ihre Augen bewegen können.

Aphasie: Sprachverlust nach Hirnschädigung

Aphasie ist eine Sprachstörung, die durch eine Schädigung des Gehirns verursacht wird, meist durch einen Schlaganfall. Betroffene haben Schwierigkeiten, Wörter und Sätze zu verstehen oder zu produzieren. Je nach Art und Schweregrad der Aphasie können verschiedene sprachliche Fähigkeiten beeinträchtigt sein.

Es gibt verschiedene Formen der Aphasie:

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

  • Amnestische Aphasie: Betroffene haben Wortfindungsstörungen, können diese aber oft durch Umschreibungen kaschieren.
  • Broca-Aphasie: Der Sprachfluss ist langsam und angestrengt, die Sätze sind kurz und einfach, oft im Telegrammstil.
  • Wernicke-Aphasie: Die Wahl der passenden Wörter und Sätze fällt schwer, das Sprachverständnis ist stark gestört, die Sprache ist oft von langen, verschachtelten Sätzen geprägt.
  • Globale Aphasie: Dies ist die schwerste Form der Aphasie, bei der sowohl das Sprachverständnis als auch die eigene Sprache massiv gestört sind.

Die Therapie einer Aphasie wird von Logopäden oder Patholinguisten durchgeführt. Ziel ist es, die Hirnareale zu reorganisieren und zu kompensieren, die Sprachfähigkeiten aufzubauen und die Betroffenen zum Sprechen und sozialem Kontakt zu animieren. Technische Entwicklungen wie Sprachapps und spezielle Computerprogramme können die Therapie unterstützen.

Studien haben gezeigt, dass intensives Sprachtraining auch bei chronischer Aphasie zu einer entscheidenden Verbesserung der Sprachstörung und der Lebensqualität führen kann. Auch durch Betroffene selbst gesteuertes Sprachtraining per Software konnte die Wortfindung effektiv verbessert werden.

Mutismus: Wenn Angst die Sprache raubt

Mutismus ist eine psychische Störung, bei der Betroffene trotz vorhandener Sprechfähigkeit in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen nicht sprechen können. Man unterscheidet zwischen selektivem Mutismus, bei dem die Betroffenen nur in bestimmten Situationen schweigen, und akinetischem Mutismus, der durch eine schwere Schädigung des Gehirns verursacht wird.

Die Ursachen für Mutismus sind vielfältig. Häufig spielen genetische Faktoren, Ängstlichkeit und soziale Gehemmtheit eine Rolle. Jüngere Forschungen haben gezeigt, dass Kinder mit sozial gehemmtem Verhalten über eine verringerte Reizschwelle ihres Angstzentrums im Gehirn verfügen.

Die Diagnose Mutismus wird in der Regel vom Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen gestellt. Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Störung. In der Regel kommen Sprachtherapie, Verhaltenstherapie oder Familientherapie zum Einsatz. Ziel ist es, die Angst vor dem Sprechen abzubauen und die kommunikativen Fähigkeiten zu stärken.

Konzentration und Fokus: Die Herausforderungen des modernen Alltags

In der heutigen Zeit, die von ständiger Ablenkung und Reizüberflutung geprägt ist, fällt es vielen Menschen schwer, sich zu konzentrieren und fokussiert zu arbeiten. Studien zeigen, dass das Gehirn nach einer Unterbrechung im Schnitt über 20 Minuten braucht, um wieder voll im Fokus zu sein.

Um die Konzentration zu steigern, können verschiedene Strategien helfen:

  • 10-Minuten-Fokusblöcke: Stellen Sie einen Timer auf 10 Minuten, legen Sie das Handy in einen anderen Raum, nur eine Aufgabe, kein Tabwechsel. Nach den 10 Minuten machen Sie zwei Minuten Pause.
  • Rituale: Schaffen Sie ein kleines Ritual vor jeder Konzentrationsphase, um sich mental vorzubereiten.
  • Pausen: Machen Sie regelmäßige Pausen, um das Gehirn zu entlasten und neue Energie zu tanken.
  • Prioritäten setzen: Konzentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aufgaben und delegieren oder streichen Sie unwichtige Aufgaben.
  • Ablenkungen reduzieren: Schalten Sie Benachrichtigungen aus, schließen Sie unnötige Tabs im Browser und schaffen Sie eine ruhige Arbeitsumgebung.

Indem Sie diese Strategien anwenden und sich bewusst machen, wie Ihr Gehirn funktioniert, können Sie Ihre Konzentration steigern und produktiver und effektiver arbeiten.

tags: #gehirn #wenig #ubung #macht #stumm