Gehirn Wortlesen Forschung: Ein Einblick in die Neurowissenschaft der Sprache

Die Erforschung der neuronalen Grundlagen der Sprache hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Dank bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) können Wissenschaftler heute das Gehirn bei der Arbeit beobachten und so die komplexen Prozesse entschlüsseln, die dem Sprachverständnis und der Sprachproduktion zugrunde liegen.

Die Komplexität der Sprache

Sprache ist ein komplexes Phänomen, an dem sehr viele Teile des Gehirns beteiligt sind. Wenn wir sprechen, benutzen wir neben Zunge und Kehlkopf auch Lippen, Gaumen inklusive Bogen, Segel und Zäpfchen sowie Rachen, Kehldeckel und Lunge. Auch Zähne und der Nasenraum sind für die Artikulation wichtig. Beim Verstehen analysiert unser Gehirn das Gehörte nach räumlichen und zeitlichen Merkmalen und gleicht es dann mit gespeicherten Wortformen, grammatikalischen Regeln, Satzstrukturen und Bedeutungen ab. Beim Sprechen ruft es Bedeutungen, Grammatik und Wortformen ab, gliedert sie metrisch, phonologisch und silbisch, überführt sie in motorische Arbeitsanweisungen und gibt sie an die Artikulationsorgane weiter.

Die Rolle des Gehirns beim Sprachverständnis

Die Sprachverarbeitung ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Hirnregionen involviert. Traditionell wurden vor allem das Broca-Areal im Frontallappen und das Wernicke-Areal im Temporallappen als die zentralen Sprachzentren betrachtet. Das Broca-Areal ist für die Sprachproduktion zuständig, während das Wernicke-Areal für das Sprachverständnis verantwortlich ist.

Moderne bildgebende Verfahren wie die MRT haben jedoch gezeigt, dass die Sprachverarbeitung im Gehirn viel komplexer ist als bisher angenommen. Neben dem Broca- und Wernicke-Areal sind viele weitere Hirnstrukturen für die Verarbeitung von Sprache nötig. Diese umfassen große Teile des Temporal-, Parietal- und Frontallappens und sind nicht auf Sprechen oder Verstehen spezialisiert, sondern übernehmen vermutlich differenzierte Aufgaben, wie zum Beispiel die Entschlüsselung komplexer Syntax. Um ihre Aufgabe zu erfüllen, sind mehrere Regionen über Faserbündel miteinander verbunden und wirken als Netzwerk zusammen.

Sprache wird hauptsächlich in einer Hirnhälfte verarbeitet, der so genannten dominanten Hirnhälfte. Bei Rechtshändern, also der Mehrheit der Bevölkerung, ist dies die linke. Jedoch spielt auch die nicht-dominante, also meist rechte Hirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Sprachverarbeitung. Während in der dominanten Hirnhälfte vorwiegend die Laute und der Satzbau verarbeitet werden, ist die andere Hirnhälfte dafür zuständig, die Satzmelodie zu verstehen.

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Die Bedeutung der weißen Substanz

Die graue Substanz des Gehirns besteht aus den Körpern von Nervenzellen, während die weiße Substanz aus den Fortsätzen der Nervenzellen besteht, den so genannten Fasern. Diese Fasern bilden Bündel, die das gesamte Gehirn durchziehen und die verschiedenen Hirnregionen miteinander verbinden. Die weiße Substanz ist somit für die Kommunikation zwischen den verschiedenen Hirnregionen von entscheidender Bedeutung.

Die Forschung hat gezeigt, dass bestimmte Faserbündel, wie der Fasciculus arcuatus und der Fasciculus superioris longitudinalis, eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung komplexer Sätze spielen. Schädigungen dieser Faserbündel können zu Sprachstörungen führen.

Genetische Grundlagen der Sprache

Als die Hälfte der Mitglieder der englischen Familie KE Anfang der 1990er Jahre massive Sprachstörungen bekam, vermuteten Forscher eine genetische Ursache. 2001 kamen sie dem ersten Gen auf die Spur, das für eine korrekte Sprachentwicklung nötig ist: FoxP2. Kürzlich entschlüsselten Forscher am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik den genauen Mechanismus. Sie fanden heraus, dass FoxP2 das Längenwachstum und die Verästelung von Nervenzellen unterstützt und so die für den Spracherwerb notwendigen neuronalen Netzwerke schafft.

Der Stroop-Effekt: Einblick in die Automatismen des Gehirns

Der Stroop-Effekt ist ein psychologisches Phänomen, das die Funktionsweise des Gehirns und die Fähigkeiten der Aufmerksamkeit verdeutlicht. Er beschreibt die Interferenz, die auftritt, wenn die Benennung der Farbe eines Wortes durch die Bedeutung des Wortes selbst erschwert wird.

Was ist der Stroop-Effekt?

Der Stroop-Effekt tritt auf, weil das Lesen ein automatisierter Prozess ist, der im Gehirn schnell und unbewusst abläuft. Wenn wir ein Wort sehen, wird seine Bedeutung automatisch aktiviert, auch wenn wir uns eigentlich auf die Farbe des Wortes konzentrieren sollen. Diese automatische Aktivierung der Wortbedeutung interferiert mit der bewussten Verarbeitung der Farbe, was zu einer Verlangsamung der Reaktionszeit und einer erhöhten Fehlerquote führt.

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Der Stroop-Effekt wurde erstmals 1935 von John Ridley Stroop beschrieben und ist seitdem ein wichtiger Bestandteil der psychologischen Forschung. Er wird häufig verwendet, um die Funktionsweise des Gehirns und die Fähigkeiten der Aufmerksamkeit zu untersuchen. Vom Stroop-Effekt wurde auch der Stroop Test abgeleitet.

Der Stroop-Test

Der Stroop-Test ist ein Verfahren zur Prüfung der selektiven Aufmerksamkeit. Bei dem Test werden bewusst Konflikte zwischen kontrollierten und automatisierten Verarbeitungsprozessen geschaffen.

Es gibt verschiedene Varianten des Stroop-Tests. Eine häufig verwendete Variante ist der Farbe-Wort-Interferenz-Test. Bei diesem Test werden den Teilnehmern Wörter präsentiert, die in einer Farbe gedruckt sind, die nicht mit der Bedeutung des Wortes übereinstimmt (z. B. das Wort "blau" in roter Farbe). Die Teilnehmer werden dann aufgefordert, die Farbe des Wortes so schnell wie möglich zu nennen.

Der Stroop-Test zeigt, dass es für Menschen schwieriger ist, die Farbe eines Wortes zu nennen, wenn die Farbe nicht mit der Bedeutung des Wortes übereinstimmt. Dies liegt daran, dass das Lesen ein automatisierter Prozess ist, der im Gehirn schnell und unbewusst abläuft. Wenn wir ein Wort sehen, wird seine Bedeutung automatisch aktiviert, auch wenn wir uns eigentlich auf die Farbe des Wortes konzentrieren sollen. Diese automatische Aktivierung der Wortbedeutung interferiert mit der bewussten Verarbeitung der Farbe, was zu einer Verlangsamung der Reaktionszeit und einer erhöhten Fehlerquote führt.

Anwendungen des Stroop-Tests

Der Stroop-Test wird in verschiedenen Bereichen eingesetzt, z. B. in der klinischen Psychologie, der Neuropsychologie und der kognitiven Psychologie. Er wird verwendet, um die Aufmerksamkeit, die exekutiven Funktionen und die Verarbeitungsgeschwindigkeit zu messen. Der Stroop-Test kann auch verwendet werden, um Hirnschäden oder neurologische Erkrankungen zu diagnostizieren.

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Kann man den Stroop-Effekt ausschalten?

Ein Team um den schwedischen Wissenschaftler Andreas Lind nutze den Stroop-Effekt, um zu zeigen, dass dieser sich nicht nur auf das Lesen beschränkt, sondern auch das Hören betrifft. In einem Versuch baten sie verschiedene Probanden, die Farbe, in der ein Wort geschrieben stand laut auszusprechen. Die untersuchten Wörter waren in etwa die gleichen, wie die auf der rechten Seite unseres Bildes. Parallel dazu wurde den Versuchsteilnehmern, ihre Stimme über Kopfhörer eingespielt - sie hörten also, was sie sagten. Womit die Probanden jedoch nicht rechneten, ist, dass die Wissenschaftler das, was gehört wurde, manipulierten. Ein Beispiel: Die Farben Grau und Grün klingen im Schwedischen sehr ähnlich. In dem Versuch sahen die Probanden unter anderem folgende Kombination: GRAU Doch auch wenn der Teilnehmer richtig mit „Grün“ geantwortet hatte, wurde ihm per Kopfhörer das Wort „Grau“ eingespielt. Das faszinierende an diesem Versuch war, dass den Probanden diese Manipulation nicht auffiel, sondern sie sich davon sogar noch beeinflussen ließen. Wenn man den Versuchsteilnehmer darum bat, das von ihm Gesagte zu wiederholen, antworteten 85% mit „Grau“, also dem eingespielten Wort. Die Dominanz des automatischen Prozesses wird hier sehr deutlich. Selbst wenn der Stroop-Effekt einmal erfolgreich unterdrückt wurde, kommt er bei erneuter Verarbeitung wieder durch. Manipulation lässt uns sogar gänzlich den Aufwand, den unser Gehirn betrieben hat, um ihn zu unterdrücken, vergessen. Man kann sich, trotz hartem Training, nur schwer in dieser Aufgabe verbessern. Dazu sind die beteiligten Automatismen einfach zu stark. Allerdings stellt der Stroop-Effekt ein beeindruckendes Phänomen dar und zeigt erneut, wie vielseitig und verstrickt unsern Gehirn arbeitet.

Speed-Reading: Mythos und Realität

Die Vorstellung, das Lesetempo erheblich steigern zu können, ohne das Textverständnis zu beeinträchtigen, ist für viele Menschen verlockend. Sogenannte Speed-Reading-Techniken versprechen genau das. Doch was ist dran an diesen Versprechen?

Ralph Radach, Professor für Allgemeine und Biologische Psychologie, hat sich in zahlreichen Untersuchungen mit dem Thema Schnelllesen befasst. Er bestätigt, dass sich das Lesetempo mit dem richtigen Training verdoppeln lässt.

Die Funktionsweise des Lesens

Unsere Augen gleiten nicht fließend über einen Text, sondern bewegen sich ruckartig von Fixpunkt zu Fixpunkt. Zwischen diesen Fixpunkten sind wir faktisch blind. Während dieser kurzen Blindphasen wird die visuelle Information im Gehirn weiterverarbeitet, um den Sinn zu entschlüsseln.

Unsere Augen springen nicht nur in Leserichtung, sondern auch immer wieder zurück. Diese Regressionen machen etwa zehn bis 25 Prozent der Augenbewegungen beim Lesen aus. Je anspruchsvoller der Text, desto häufiger auch der Blick zurück.

Negative Lesegewohnheiten

Neben den Regressionen gibt es weitere "negative Lesegewohnheiten", die das Lesetempo beeinträchtigen. Dazu gehört das innere Mitsprechen, bei dem die innere Stimme den Text im Kopf laut mitspricht. Dadurch wird die Lesegeschwindigkeit auf das Sprechtempo begrenzt.

Techniken zur Steigerung des Lesetempos

Es gibt verschiedene Techniken, um das Lesetempo zu steigern. Eine Möglichkeit ist, Regressionen zu vermeiden, indem man bereits Gelesenes sofort verdeckt. Noch besser funktionieren laut Radach aber computergestützte Verfahren, wie etwa die "Moving-window-Technik", bei der sich ein Fenster über den jeweils zu lesenden Textbereich bewegt und ihn scharfstellt, während alle Bereiche außerhalb des Fensters unscharf sind.

Seriöse Schnelllesekurse

Wer das Schnelllesen erlernen will, sollte einen seriösen Kurs besuchen, der auf dem aktuellen Forschungsstand basiert. Der Kurs sollte Gedanken zur Vor- und Nachbereitung beinhalten, um die Teilnehmer für planvolles Lesen zu sensibilisieren. Auch sollte der Kursleiter die Geschwindigkeit nicht schlagartig verdoppeln wollen, sondern kleinschrittig erhöhen - bei ständiger Verständniskontrolle.

Die gelehrte Technik müsse vor allem darauf abzielen, den Leseprozess zu verändern: "vom Wort-für-Wort-Lesen hin zu einem ganzheitlichen Lesen". Dazu muss die parallele Verarbeitung von Sinneinheiten trainiert werden. Zu guter Letzt müssen auch negative Lesegewohnheiten wie Regressionen oder inneres Mitsprechen durch Training systematisch ausmerzt werden.

Die Grenzen des Speed-Reading

Der ideale Leser sei ein adaptiver Leser, sagt Radach. Er passe sein Tempo den Erfordernissen an. Entscheidenden Fortschritt, da ist sich die Forschung weitgehend einig, verspricht das sogenannte Chunken (englisch „chunk“ = Brocken). Dabei werden vom Auge Wortgruppen und nicht länger Einzelwörter erfasst. Ärgerlicherweise hindert uns die Beschaffenheit unserer Augen jedoch daran, die Brocken beliebig groß wahrzunehmen. Denn die Blickspanne, innerhalb derer unsere Augen alles klar zu lesen in der Lage sind, ist auf circa 3 bis 3,5 Zentimeter begrenzt. Diese Spanne durch Training oder einen Schnelllesekurs zu erweitern, hält Fachmann Radach für „ausgemachten Unsinn“.

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