Viele Anleitungen und Ratgeber erklären, dass jeder das Zeichnen lernen kann. Doch was hat das Gehirn damit zu tun? Kinder zeichnen spontan, ohne viel nachzudenken. Mit etwa zehn Jahren ändert sich das. Zeichnungen aus frühen Kindertagen wirken plötzlich "falsch". Stattdessen wird versucht, Motive so zu zeichnen, wie sie wirklich aussehen. Die Schwierigkeit dabei: Was die Augen sehen, stimmt nicht immer mit dem überein, was die linke Gehirnhälfte an Wissen gespeichert hat.
Die Rolle des Gehirns beim Zeichnen
Die vereinfachte Erklärung, dass sich das Gehirn in eine rechte und eine linke Hälfte einteilen lässt, wobei jeder Hälfte bestimmte Fähigkeiten zugeordnet werden können, hilft, die Datenverarbeitung zu veranschaulichen.
Beim Zeichnen tasten die Augen ein Motiv ab. Die visuelle Wahrnehmung zerlegt es in Einzelteile: Linien, Striche, Punkte, Kurven und Winkel. Die rechte Gehirnhälfte verarbeitet diese bildlichen Daten. Schwierig wird es, wenn sich die linke Gehirnhälfte einschaltet. Sie ist für das begriffliche Denken zuständig und ruft Informationen ab, die sie zu einem bestimmten Begriff oder Symbol gespeichert hat.
Die rechte Gehirnhälfte ist also für das bildliche Denken zuständig, die linke für das begriffliche. Beim Zeichnen, wo es um das Sehen und Wiedergeben von Bildern geht, wäre die rechte Gehirnhälfte gefordert. Da die linke Gehirnhälfte jedoch ihre Informationen beisteuert, fällt es vielen schwer, das zu zeichnen, was sie tatsächlich sehen.
Sehen lernen: Klischees überwinden
Anfänger sind oft unzufrieden, wenn sie versuchen, etwas aus dem Kopf oder aus der Fantasie zu zeichnen. Der Anspruch, etwas aus dem Kopf zeichnen zu können, ist jedoch sehr hoch. Oft meint man, ein Bild klar vor Augen zu haben, muss es nur noch zu Papier bringen. Doch das gelingt nicht.
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Ein Grund dafür ist, dass unser Gehirn Informationen filtert. Es speichert Klischees: Ein Mensch hat einen runden Kopf, einen geraden Körper, Arme und Beine. Ein Auto hat runde Räder und eckige Fenster. Ein Haus hat ein spitzes Dach und viereckige Fenster. Versucht man, diese Dinge zu zeichnen, entstehen Abbildungen, die diese Klischees wiedergeben.
Dieser Umstand bereitet sogar beim Abzeichnen Probleme. Das Gehirn möchte Wichtiges von (vermeintlich) Unwichtigem trennen. Beim Zeichnen muss man lernen, die Dinge unvoreingenommen zu betrachten, so als würde man sie zum ersten Mal sehen. Das ist es, was man beim Zeichnen lernen als „Sehen lernen“ bezeichnet.
Ein Motiv aus dem Kopf zu zeichnen gelingt in der Regel nur, wenn man das Objekt bereits unzählige Male abgezeichnet hat.
Techniken, um das Gehirn auszutricksen
Das Zeichnen ist weniger eine Frage des Talents, sondern des richtigen Sehens. Dies lässt sich trainieren, indem verstärkt mit der rechten Gehirnhälfte gearbeitet und die linke Gehirnhälfte gleichzeitig ausgetrickst wird.
Abpausen und Kopieren
Zu Übungszwecken ist es hilfreich, wie ein Fotokopierer vorzugehen. Besonders zu bekannten Motiven wie Bäumen, Häusern oder Gesichtern sind viele Informationen abgespeichert, die unbewusst in die Zeichnung einfließen. Ein bewährter Trick, um einen Baum oder ein Haus zu zeichnen, besteht darin, ein Blatt Papier auf die Fensterscheibe zu legen und die Konturen nachzufahren. Durch dieses Abpausen entsteht eine Skizze, die anschließend weiter ausgearbeitet werden kann. Genauso lassen sich Motive mithilfe von Fotos üben.
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Auch wenn das Abpausen nicht unbedingt mit richtigem Zeichnen gleichzusetzen ist, geht es dabei in erster Linie darum, zu trainieren, das und wirklich nur das zu zeichnen, was tatsächlich zu sehen ist.
Vorlage auf den Kopf stellen
Eine andere Möglichkeit, um die linke Gehirnhälfte beim Zeichnen auszutricksen, besteht darin, die Vorlage auf den Kopf zu stellen. Dadurch erkennt die linke Gehirnhälfte keine typischen Symbole und weil sie deshalb auch keine dazugehörigen Informationen beisteuern kann, überlässt sie die Arbeit der rechten Gehirnhälfte. Diese wiederum kann sich ohne Einmischungen auf das konzentrieren, was die Augen sehen.
Spiegel verwenden
Ein probates Mittel aus der Trickkiste ist aber auch ein Spiegel. Dreht sich der Zeichner um und sieht er sich seine Zeichnung in einem Spiegel an, werden ihm Stellen auffallen, die noch nicht stimmig sind und überarbeitet werden sollten.
Posen nachzeichnen: Übung für das Gehirn
Das Zeichnen von Menschen in unterschiedlichen Posen bringt die notwendige Übung, um langfristig Frauen oder Männer Freihand zeichnen zu können. Mit der Zeit und genügend Übung prägen sich die einzelnen Posen ein und können frei aus dem Kopf heraus kreiert werden.
Menschen verhalten sich in unterschiedlichen Situationen immer anders. Unsere Körper sind sehr beweglich und dynamisch, wodurch wir die unterschiedlichsten Posen einnehmen können. Das macht den menschlichen Körper für jeden Künstler zu einer Herausforderung. Ihn in einer bestimmten Pose zu zeichnen und dabei natürlich aussehen zu lassen, bedarf einiger Übung.
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Das Nachzeichnen von Posen an einem lebenden Objekt schult nicht nur das Auge, sondern gibt dem Künstler auch ein Gefühl für den menschlichen Körper und die unterschiedlichen Posen, die dieser einnehmen kann. Somit kann er im späteren Verlauf besser einschätzen, wie er einen Menschen in einer bestimmten Situation durch eine Pose natürlich wirken lassen kann.
Das Ziel sollte es also sein, so viele unterschiedliche Posen wie möglich nachzuzeichnen, um eine genaue Vorstellung von den Proportionen des menschlichen Körpers zu bekommen.
Das Nachzeichnen von Posen ist also eine reine Übung für unser Gehirn und schafft auch ein intuitives Verständnis für den menschlichen Körper.
Portale und Quellen für Posen
Es gibt zahlreiche Portale, die Posen zum Nachzeichnen anbieten. Viele davon arbeiten mit Fotos von realen Modellen, bei denen man sogar Einstellungen vornehmen kann, wie lange man an einer Pose zeichnen möchte.
Achtung: Bei vielen der hier vorgestellten Portale oder Channels werden die Modelle mitunter nackt dargestellt. Das gehört zum Zeichnen lernen von Körpern dazu, denn auch in einem Kunstkurs zum Thema Anatomie muss man nackte Modelle zeichnen. Wenn du noch nicht 18 Jahre alt bist oder es dir unangenehm ist, solltest du die entsprechenden Portale nicht besuchen.
Portale mit Fotos
Line of action: Bietet Posen für komplette Körper, Gesichter, Hände usw. Man kann auswählen, was man zeichnen möchte und wie lange man an einer Zeichnung arbeiten will. Dann werden automatisch passende Bilder ausgesucht. Es gibt auch einen Bereich für Gesichtsausdrücke.
Character Design: Eine umfangreiche Sammlung an unterschiedlichen Posen und Charakteren, darunter viele Vorlagen für exotische Charaktere.
Sketch Daily References: Hier stellt man ein, was man zeichnen möchte und klickt auf Start. Schon kommen die ersten Posen mit den unterschiedlichsten Charakteren.
AdorkaStock: Eine weitere Sammlung an Posen, besonders interessant ist der Sketch-Bereich. Hier stellt man eine Zeit für eine Zeichnung ein und dann werden z.B. immer nach einer Minute neue zufällige Posen eingeblendet.
SenshiStock: Eine Community stellt verschiedene Action Posen zusammen, besonders geeignet für Comic-Künstler. Unter Sketch startet man eine kleine Web-App, die zufällige Posen für eine bestimmte Zeit anzeigt.
Pose-Emporium auf Deviant Art: Jede Menge Posen für alle möglichen Zwecke mit unterschiedlichen Models und Verkleidungen.
Art Model Tips: Eine Sammlung an vielen Akt-Models und verschiedenen Posen zum Nachzeichnen.
Photo reference for comic artists: Hier kann man direkt nach einer Pose suchen. Allerdings kosten die hochauflösenden Bilder etwas, wenn man sie herunterladen möchte.
Video-Portale
Hier ist eine Sammlung von Portalen und Channels, in denen Videos von verschiedenen Modellen gesammelt werden. Dabei nehmen diese für eine bestimmte Zeit eine Pose ein und man sollte dann auch versuchen, diese in der vorgeschlagenen Zeit zu zeichnen. Das schult nicht nur im Zeichnen des menschlichen Körpers, sondern zwingt auch dazu, mal unordentlich zu zeichnen.
Draw This: Ein YouTube Channel mit einer umfangreichen Sammlung an Videos, in denen unterschiedliche Menschen verschiedene Posen einnehmen.
Daily Life Drawing Session auf YouTube: Viele Posen Videos mit Timer vom New Masters Academy Channel.
Posen von digitalen Modellen
Für die Darstellung von Posen braucht man nicht unbedingt Menschen, es reicht auch ein digitales Modell.
- Figurosity: Ein Portal mit Posen von digitalen Figuren jeder Art. Man kann bereits mit dem kostenlosen Account sehr viele Posen einsehen und sogar die Perspektive verändern. Nutze die Quick Pose Seite, um zufällige Posen zu erzeugen.
Regelmäßiges Üben für den Zeichenerfolg
Die hier vorgestellten Portale sind nur ein Hilfsmittel, das dich beim Zeichnen von Menschen unterstützen soll. Wichtig ist, jeden Tag zu zeichnen, um wirklich besser zu werden.