Russland ist ein wahres Eldorado für Archäologen und Paläontologen. Die riesigen, oft schwer zugänglichen Gebiete bergen unzählige Schätze aus der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit. Insbesondere Sibirien mit seinem Permafrostboden ermöglicht die Konservierung von organischem Material in einem außergewöhnlichen Zustand. Dies führt immer wieder zu spektakulären Funden, die unser Wissen über die Evolution des Menschen und die Lebensbedingungen in der Eiszeit revolutionieren.
Die Denisova-Höhle: Ein Schmelztiegel verschiedener Menschenarten
Ein besonders wichtiger Fundort ist die Denisova-Höhle im Altaigebirge im Süden Sibiriens. Hier trafen sich vor Zehntausenden von Jahren verschiedene Menschenarten: Neandertaler, Denisova-Menschen und der moderne Mensch (Homo sapiens). Die Entdeckung des Denisova-Menschen selbst, basierend auf einem winzigen Fingerknochen, war eine wissenschaftliche Sensation.
Die Entdeckung des Denisova-Menschen
Im Jahr 2008 stieß der Archäologe Anatoli Derewianko in der Denisova-Höhle auf ein unscheinbares Knochenfragment, ein kleines Stück eines Fingerknochens. Er schickte eine Hälfte davon an Svante Pääbo, einem schwedischen Genetiker am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der als führender Experte für sehr alte DNA gilt. Pääbos Team extrahierte Mitochondrien-DNA (mtDNA) aus dem Knochen und verglich sie mit der von Neandertalern und modernen Menschen. Das Ergebnis war überraschend: Das Knöchelchen gehörte weder zu einem modernen Menschen noch zu einem Neandertaler.
Diese Entdeckung führte zur Identifizierung einer neuen Menschenart, dem Denisova-Menschen. Weitere Funde in der Denisova-Höhle, darunter zwei Backenzähne, bestätigten die Existenz dieser zuvor unbekannten Menschengruppe. Die Zähne waren größer als die von modernen Menschen oder Neandertalern und erinnerten an die Backenzähne viel älterer Arten der Gattung Homo, die vor Jahrmillionen in Afrika gelebt hatten.
Das Denisova-Mädchen: Ein Hybrid aus Neandertaler und Denisova-Mensch
Ein besonders aufregender Fund in der Denisova-Höhle war das Fragment eines langen Knochens, das von einem etwa 13-jährigen Mädchen stammte. Genanalysen ergaben, dass dieses Individuum ein direkter Nachkomme einer Neandertalerin und eines Denisova-Mannes war.
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»Aus früheren Studien wussten wir bereits, dass Neandertaler und Denisovaner gelegentlich Nachwuchs miteinander gezeugt haben«, sagt Viviane Slon, Forscherin am MPI-EVA. »Doch ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Glück haben könnten, auf einen direkten Nachkommen der beiden Gruppen zu stoßen.«
Die Mutter des Mädchens war genetisch näher mit Neandertalern verwandt, die in Westeuropa lebten, als mit einem Neandertaler, der zu einem früheren Zeitpunkt in der Denisova-Höhle gelebt hatte. Dies deutet darauf hin, dass die Neandertaler Zehntausende von Jahren vor ihrem Verschwinden zwischen West- und Ost-Eurasien migrierten.
Analysen des Genoms ergaben auch, dass der Vater der Frau wenigstens einen Neandertaler-Vorfahren in seinem Stammbaum hatte. »Anhand dieses einzigen Genoms können wir gleich mehrere Interaktionen zwischen Neandertalern und Denisovanern dokumentieren«, sagt Benjamin Vernot vom MPI-EVA.
DNA-Spuren im Sediment: Ein neuer Weg zur Erforschung der Menschheitsgeschichte
Die Forschung in der Denisova-Höhle hat auch gezeigt, dass DNA nicht nur in Knochen, sondern auch im Sediment erhalten bleiben kann. Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben eine Methode entwickelt, um winzige DNA-Fragmente aus Sedimentproben zu extrahieren und zu analysieren.
In Höhlensedimenten aus vier Fundstätten fanden die Forscher Neandertaler-DNA, sogar in Schichten und Fundstätten, in denen keine Knochenfunde gemacht wurden. Zusätzlich fanden sie in Ablagerungen aus der Denisova-Höhle Erbgut vom Denisova-Menschen.
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»Anhand von DNA-Spuren im Sediment können wir nun an Fundorten und in Gebieten die Anwesenheit von Urmenschen nachweisen, wo dies mit anderen Methoden nicht möglich ist«, sagt Svante Pääbo.
Diese Methode eröffnet neue Möglichkeiten, die Geschichte der Menschheit zu erforschen, insbesondere an Orten, an denen nur wenige oder keine Fossilien gefunden wurden.
Die genetische Signatur der Vermischung: Neandertaler- und Denisova-DNA in modernen Menschen
Die genetische Forschung hat gezeigt, dass sich moderne Menschen mit Neandertalern und Denisova-Menschen vermischt haben. Heute außerhalb Afrikas lebende Menschen teilen etwa zwei Prozent ihrer DNA mit Neandertalern. Bei den Bewohnern Neuguineas, Melanesiens und den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, finden sich sogar etwa fünf Prozent der DNA des Denisova-Menschen.
Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sich die verschiedenen Menschenarten nicht nur begegneten, sondern auch fruchtbare Beziehungen eingingen. Die genetischen Spuren dieser Vermischung sind bis heute in uns erhalten geblieben.
Konservierte Gehirne: Einblicke in das Innenleben unserer Vorfahren
Neben DNA-Analysen ermöglichen auch konservierte menschliche Gehirne einzigartige Einblicke in das Leben unserer Vorfahren. Bei archäologischen Ausgrabungen werden immer wieder erstaunlich gut erhaltene Gehirne entdeckt.
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Die Forschenden haben mehr als 4.000 Fälle von natürlicher Hirnkonservierung weltweit gefunden. Mehr als ein Drittel der Gehirne wurden durch Dehydrierung konserviert, meist in heißen Gegenden wie Wüsten. Ein anderes Drittel wurde durch sogenannte Verseifung erhalten, wobei Fette im Körper in eine wachsartige Masse verwandelt werden.
Die Untersuchung dieser Gehirne kann Aufschluss über die Gehirnstruktur, Krankheiten und sogar das Verhalten unserer Vorfahren geben.
Mammut-Knochenstrukturen: Leben in der Eiszeit
Archäologische Fundstätten in Russland, wie Kostenki 11, liefern wertvolle Informationen über das Leben während der letzten Eiszeit. An diesen Orten wurden komplexe Strukturen aus Mammutknochen entdeckt, die vermutlich als Behausungen dienten.
Die Analyse der Mammutknochen von Kostenki 11 hat ergeben, dass die Mehrheit der Tiere weiblich war. Dies deutet darauf hin, dass die Menschen der Eiszeit in erster Linie Mammutherden ins Visier nahmen, anstatt einzelne männliche Tiere zu fangen.
Zudem zeigten Radiokarbondaten, dass einige der Knochen mehrere hundert Jahre älter waren als andere. Dies deutet darauf hin, dass die Menschen die Knochen in anderen Lagern gefunden und zum Fundort transportiert haben.
Diese Funde verdeutlichen die Anpassungsfähigkeit und den Einfallsreichtum der Menschen des Jungpaläolithikums, die in der Lage waren, in einer extremen Umgebung zu überleben.
Weitere spektakuläre Funde in Sibirien
Der Permafrostboden Sibiriens hat in den letzten Jahren immer wieder sensationelle Funde freigegeben. Dazu gehören:
- Ein gut erhaltener Kadaver eines jahrtausendealten Höhlenbären, vollständig erhalten mit allen inneren Organen.
- Tiefgefrorene Überreste von Mammuts, mitunter mit Gehirn, Muskelgewebe und flüssigem Blut.
- Ein etwa 40 000 Jahre altes Fossil eines Fohlens, in dem Blut und Urinreste gefunden wurden.
Diese Funde sind von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft, da sie uns ein detailliertes Bild vom Leben in der Eiszeit vermitteln.