Gehirne im Tank: Eine wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung

Die Frage, ob die Realität, die wir wahrnehmen, tatsächlich real ist oder lediglich eine Illusion, beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Das Gedankenexperiment des "Gehirns im Tank", in dem ein Gehirn aus dem Körper entfernt, in eine Nährlösung gelegt und an einen Computer angeschlossen wird, der ihm eine Realität vorspiegelt, die es nicht von der Realität unterscheiden kann, ist ein beliebtes Werkzeug, um diese Frage zu untersuchen.

Sensorische Deprivation als künstlerische Inspiration

Till Bödeker erläutert die Wissenschaftsbezüge seiner künstlerischen Arbeit THINK OUTSIDE THE BOX, die aus einem Isolationstank besteht, in dem sich sensorische Deprivation erfahren lässt. Das Konzept von THINK OUTSIDE THE BOX beruht auf einem selbstgebauten Isolationstank und dem Erlebnis der sensorischen Deprivation, d.h. dem Entzug jeglicher sensorischen Reize. Dafür legt man sich in den Tank und treibt für eine gewisse Zeit in warmem Salzwasser.

Die Erfahrung im Tank

Steigt man ins Innere des Tanks, wird alles schwarz und stumm. Dann legt man sich ins Wasser, wird getragen und wartet. Da das Salzwasser auf Körpertemperatur beheizt ist, verschwimmt die gefühlte Außengrenze des Körpers zur Umgebung. Es ist ein wirklich geborgener und in sich gekehrter Zustand. Das Stresslevel sinkt drastisch. Es gibt keine Aufgaben mehr, die man erfüllen muss, keine Gespräche, für die man sich bereit halten muss und keine Erwartungen oder Zwänge. Trotz der zunehmenden Entspannung wird man aufmerksamer, konzentrierter und ruhiger.

Nach einer Stunde ertönt der Gong, und man macht sich langsam zum Aufstehen bereit. Beim Aussteigen aus dem Tank reagiert man etwas empfindlich auf das Licht und die allgemeine Lautstärke. Dennoch hält die tiefe Gelassenheit, die man im Tank erfahren hat, an und bleibt für den Rest des Tages noch deutlich spürbar.

Wissenschaftliche Grundlagen des Isolationstanks

Erfinder des Isolationstanks war der Neurophysiologe und Bewusstseinsforscher John C. Lilly, der diesen 1954 am National Institute of Mental Health (NIMH) entwickelt hat. Lilly wollte das menschliche Gehirn von äußeren Reizen isolieren, um Rückschlüsse auf die Funktionsweise des menschlichen Bewusstseins zu ziehen. Hintergrund seiner Forschung ist u.a. die auf früheren Isolationsexperimenten beruhende Annahme des Psychologen Donald Hebb, dass das Gehirn auf ständige Stimulation durch die Umwelt angewiesen sei. Blieben diese aus, würden die sensorischen Regionen des Gehirns anfangen, sich „mit sich selbst“ zu beschäftigen und z.B. Halluzinationen erzeugen. Lilly hingegen verortete diese Effekte im „Bereich ‚normaler Geistesprozesse‘, allerdings mit erweiterter Sicht.“ Ihm diente der Tank als Versuchslabor für Selbstbeobachtung (Introspektion), teilweise unter Zuhilfenahme bewusstseinserweiternder Substanzen.

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Epistemische Asymmetrie in der Bewusstseinsforschung

Ein grundsätzliches Problem der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände oder des phänomenalen Bewusstseins ist die sogenannte epistemische Asymmetrie. Dieses Problem besteht darin, dass Wissen über das Bewusstsein von innen und von außen erlangt werden kann: Von innen meint die Selbsterfahrung z.B. von Qualia (subjektiver Erlebnisgehalt), also die Perspektive der ersten Person. Im Gegensatz dazu steht die objektivierende Außenperspektive durch empirischen Zugriff auf den Gegenstand. Aufgrund dieser zwei verschiedenen Zugangsweisen ist unklar, welche im Falle eines Widerspruches den besseren Erkenntnisanspruch hat. Die Gegenüberstellung und das Zusammenwirken dieser zwei grundverschiedenen Methoden ist von wesentlichem Interesse für die Bewusstseinsforschung.

THINK OUTSIDE THE BOX: Eine Synthese von Innen- und Außenperspektive

Die Struktur von THINK OUTSIDE THE BOX ist dem sehr ähnlich: Während sich die Erfahrung der Isolation als Kernkomponente der Arbeit nur von innen erleben lässt, ist der Tank selbst nur von außen sinnlich wahrnehmbar. Beide Zugangsweisen verweisen aufeinander; es ist nicht möglich, das Kunstwerk auf beide Weisen gleichzeitig zu erfassen. Gleichwohl soll man sie zusammen denken, wozu einen die titelgebende Aussage THINK OUTSIDE THE BOX, die an der äußeren Tankseite zu lesen ist, auffordert.

Isolation und Klangschalen: Ein Kooperationsprojekt

In einem Kooperationsprojekt mit Konstantinos Angelos Gavrias wurden Therapieschalen (Klangschalen aus dem Bereich der Musiktherapie) benutzt, um die Auswirkung von Klang und Schall auf die Isolationserfahrung zu testen. Dies hatte zur Folge, dass der Fokus nicht auf den eigenen Gedanken lag, sondern auf dem Klangerlebnis als einem auditiven und körperlichen Erlebnis. Da der Schall der Schalen auch durch das Wasser übertragen wurde, wurde er sozusagen fühlbar, was anschließend handschriftlich und zeichnerisch dokumentiert wurde.

Das Gehirn im Tank als philosophisches Gedankenexperiment

Das Gedankenexperiment des "Gehirns im Tank" ist eine moderne Version der kartesischen Hypothese vom "trügerischen Gott" (dieu trompeur). Es stellt die Frage, ob wir uns sicher sein können, dass die Welt, die wir wahrnehmen, tatsächlich real ist.

Hilary Putnam und der semantische Externalismus

Der amerikanische Philosoph Hilary Putnam (1926 - 2016) hat sich intensiv mit diesem Gedankenexperiment auseinandergesetzt. Seine antiskeptische Argumentation stützt sich auf die Position des sogenannten „semantischen Externalismus“. Ihr zufolge können wir nur auf sprachlich Bezug nehmen, mit denen wir auch Kontakt hatten.

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Angenommen, die Person, deren Gehirn in Nährlösung schwimmt, glaubt, einen Baum vor sich zu sehen. Gemäß skeptischer Annahme wurde dieser Wahrnehmungseindruck nicht von einem Baum ausgelöst, sondern von dem Supercomputer, mit dem das Gehirn in seiner Nährlösung über Drähte verbunden ist. Ist das Gehirn von Beginn an an diesen Computer angeschlossen, hatte es also nie Wahrnehmungskontakt mit richtigen Bäumen. Denn all seine Baumwahrnehmungen wurden nicht von Bäumen, sondern dem Computer ausgelöst. Sofern sich das Wort „Baum“ also auf die Ursache von Baumwahrnehmungen bezieht, bezieht sich das Gehirn im Tank damit auf fein gesteuerte Computerimpulse - nicht aber auf wirkliche Bäume, da es noch nie Kontakt hatte mit richtigen Bäumen.

Ein Gehirn im Tank kann deshalb, so Putnams Schlussfolgerung, weder über Bäume, Rosen, Fahrräder oder eben Gehirne oder Tanks nachdenken. Es kann damit insbesondere nicht denken, es sei vielleicht bloß ein Gehirn in einem Tank. Sofern der Gedanke, dass ich ein Gehirn im Tank sein könnte, also überhaupt sinnvoll gefasst und gedacht werden kann, muss er falsch sein: Denn entweder bin ich tatsächlich ein Gehirn im Tank (dann kann ich unmöglich denken, ich sei ein Gehirn im Tank), oder ich bin kein Gehirn im Tank. Dann kann ich es zwar denken, liege aber falsch.

Kritik am metaphysischen Realismus

Putnam war ein Kritiker des metaphysischen Realismus, der davon ausgeht, dass es eine objektive, von uns unabhängige Realität gibt, die wir erkennen können. Putnam argumentierte, dass dem Menschen eine solche "God's-Eye"-Perspektive grundsätzlich nicht zur Verfügung steht. Das, was Welt ist, eröffnet sich dem Menschen, mit anderen Worten, als immer schon sprachlich imprägniert. Was wir erfahren und erkennen, ist von Theorien oder Sichtweisen geprägt, die Perspektive bleibt notwendig eine interne.

Halluzinationen und sensorische Deprivation

Die Erfahrung der sensorischen Deprivation kann zu Halluzinationen führen. Der kanadische Psychologe Donald Hebb begann Anfang der 1950er Jahre, die Effekte der "sensorischen Deprivation" systematisch zu untersuchen. Er schlussfolgerte, dass die Nervenzellen in den sensorischen Regionen des Gehirns ständige Stimulation brauchen - sonst würden sie offenbar anfangen, sich "mit sich selbst" zu beschäftigen und irreale Sinneseindrücke zu produzieren.

Die irreale Welt in unserem Kopf

Offenbar ist das Gehirn auf permanente Stimulation angewiesen. Denn Nervenzellen, die nicht benutzt werden, drohen zu verkümmern. Um funktionsfähig zu bleiben, müssen sie sich daher hin und wieder spontan selbst entladen. Diese zufälligen, schwachen Impulse gehen normalerweise im allgemeinen Rauschen der neuronalen Kommunikation unter.

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Für jedes Objekt, das wir kennen, besitzen wir ein neuronales "Assembly" - eine Gruppe von Nervenzellen, die immer dann gemeinsam feuern, wenn wir das Objekt sehen. Der Neuronenverband für "Tisch" oder Teile davon werden zum Beispiel immer aktiv, wenn wir ein solches Möbelstück wahrnehmen. Diese im Gedächtnis gespeicherten Muster können wir aber auch ohne Anregung durch äußere Seheindrücke abrufen.

Wie die Isolationsexperimente zeigen, können sich die Spontanerregungen dann offenbar ihren Weg ins Bewusstsein bahnen. Das erklärt auch, warum sich bei solchen Bildern - im Gegensatz zu bewusst erzeugten Fantasien und Vorstellungen - niemals vorhersagen lässt, was als Nächstes auftauchen wird.

Schlussfolgerung

Das Gedankenexperiment des "Gehirns im Tank" und die wissenschaftliche Erforschung der sensorischen Deprivation werfen grundlegende Fragen nach der Natur der Realität und der Funktionsweise unseres Bewusstseins auf. Die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Themen, wie sie in Till Bödekers THINK OUTSIDE THE BOX zum Ausdruck kommt, kann uns helfen, diese Fragen auf einer tieferen Ebene zu verstehen.

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