Gehirnzellenwachstum und Antidepressiva: Neue Erkenntnisse und Therapieansätze

Die Behandlung von Depressionen ist ein komplexes Feld, in dem die Forschung ständig neue Erkenntnisse liefert. Traditionell wurde ein Mangel an Neurotransmittern wie Serotonin als Hauptursache für Depressionen angesehen. Neuere Studien deuten jedoch darauf hin, dass die Neuronen im Gehirn selbst eine entscheidende Rolle spielen könnten. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungsergebnisse, die neue Wirkmechanismen von Antidepressiva aufdecken und potenziell revolutionäre Therapieansätze eröffnen.

Ceramide und neuronale Plastizität

Deutsche Forscher haben eine Hypothese aufgestellt, die besagt, dass nicht ein Mangel an Serotonin, sondern die Neuronen im Gehirn für depressive Symptome verantwortlich sind. Im Fokus stehen dabei Ceramide, Lipide, die die Entstehung und Vernetzung von Neuronen hemmen.

Die Rolle von Ceramiden

Ceramide werden enzymatisch mittels der sauren Sphingomyelinase (ASM) aus Sphingomyelin freigesetzt. Je höher die Ceramid-Spiegel, desto stärker ist die Neubildung von Neuronen im Gehirn beeinträchtigt. Im Tiermodell zeigten Mäuse mit hohen Ceramid-Spiegeln depressionsähnliche Symptome. Viele gängige Antidepressiva hemmten die ASM und reduzierten die Ceramid-Spiegel im Gehirn der Mäuse, woraufhin sich das Verhalten der Tiere normalisierte.

Auswirkungen auf die Therapie

Substanzen, die die ASM-Aktivität hemmen oder die Ceramid-Konzentration senken, könnten antidepressiv wirken. Dieser neue Wirkmechanismus könnte auch die Latenzzeit antidepressiver Arzneistoffe erklären, da die neuronale Plastizität sich erst nach und nach erholt. Sollten sich diese Annahmen bestätigen, würde dies die pharmakologische Therapie der Depression revolutionieren.

Schnelle Veränderungen im Gehirn durch Antidepressiva

Eine einzige Dosis eines Antidepressivums kann innerhalb weniger Stunden messbare Veränderungen im gesamten Gehirn bewirken. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben entdeckt, dass Escitalopram, ein Wirkstoff, der die Verfügbarkeit von Serotonin beeinflusst, Vernetzungen zwischen funktionellen Vernetzungen stark verändert.

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Die Wirkung von Escitalopram

Escitalopram beeinflusst, welche Netzwerke des Gehirns gleichzeitig aktivieren, wenn sich das Gehirn im Ruhezustand befindet. Dieser schnelle und weitreichende Effekt ist außergewöhnlich, da die antidepressive Wirkung dieser Medikamentenklasse meist zwei bis drei Wochen benötigt, um sich voll zu entfalten.

Veränderungen der Hirnaktivität

Die einmalige Einnahme von Escitalopram reduzierte die funktionellen Ruhenetzwerk-Verbindungen in den meisten Hirnregionen, erhöhte aber gleichzeitig die Aktivität von Ruhenetzwerken im Kleinhirn und im Thalamus. Die Forscher wollen nun die Variabilität dieser Ruhenetzwerkarchitektur zwischen verschiedenen Patientengruppen untersuchen.

Erythropoietin (EPO) und seine Rolle im Gehirn

Der Wachstumsfaktor Erythropoietin (EPO), bekannt aus der Blutbildung, hat auch wichtige Effekte im Gehirn, insbesondere auf Oligodendrozyten. Diese Zellen sind zuständig für die Bildung von Myelin, der "Isolierung" der Nervenfasern, die eine schnelle Signalübertragung ermöglicht.

EPO und Oligodendrozyten

EPO fördert die Entwicklung und Reifung der Oligodendrozyten. Auch körpereigenes EPO, das bei geistiger oder körperlicher Anstrengung im Gehirn gebildet wird, zeigt ähnliche Effekte. EPO regt die Entwicklung von Oligodendrozyten an und unterstützt somit die Bildung der schützenden Myelinschichten um Nervenzellen.

Auswirkungen auf Lern- und Denkprozesse

EPO spielt eine Schlüsselrolle für Lern- und Denkprozesse. Mäuse, denen ein bestimmter EPO-Rezeptor in reifen Oligodendrozyten fehlte, zeigten leichte Störungen in der Myelinstruktur des Hippocampus und schnitten schlechter in Gedächtnistests ab. EPO könnte künftig helfen, kognitive Störungen oder neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer zu behandeln.

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Neuronale Plastizität und der BDNF-Rezeptor

Eine Studie hat einen bislang unbekannten Wirkmechanismus von Antidepressiva aufgedeckt: Demnach docken die Arzneimittel an einen Rezeptor auf den Nervenzellen an, der die neuronale Plastizität fördert. Dadurch können die Patienten positive Informationen wieder besser verarbeiten. Die Wirkung ist allerdings davon abhängig, dass der Cholesterinspiegel weder zu hoch noch zu niedrig ist.

Die Rolle des BDNF-Rezeptors

Antidepressiva binden an den Rezeptor für einen Wachstumsfaktor im Gehirn, den sogenannten Brain-derived neurotrophic factor (BDNF). Dieser Botenstoff fördert das Wachstum neuer Nervenzellen und Synapsen und erhöht so die neuronale Plastizität. Antidepressiva docken an eine Seitentasche des Rezeptors an und stabilisieren ihn, sodass mehr BDNF daran binden kann.

Cholesterin und die Wirkung von Antidepressiva

Die Wirkung der Antidepressiva ist vom Cholesterinspiegel im Gehirn abhängig. Ein normaler Cholesterinspiegel ist erforderlich, damit die Bindungsstelle optimal aktiv werden kann. Cholesterin in der Zellmembran der Nervenzellen beeinflusst die Form des BDNF-Rezeptors.

Auswirkungen auf die Therapie

Die Erkenntnisse zum Wirkmechanismus können dazu beitragen, neue, effektivere Antidepressiva mit weniger Nebenwirkungen zu entwickeln. Das Gehirn kann durch die Stimulation des BDNF neue, positive Informationen aus der Umwelt oder bei Psychotherapien wieder besser aufnehmen und erholt sich aus seinem depressiven Zustand.

Die Rolle des Kontexts in der Behandlung von Depressionen

Die Heterogenität der Depression und ihrer Genese als multifaktorielle Erkrankung wird in der Literatur vermehrt betont. Pathologische Modifikationen finden auf Ebene der Zellen und Zellverbindungen, in der Balance der Neurotransmitter sowie auf der Ebene der Gehirnnetzwerke statt.

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Synaptische Dysfunktion und Neuroplastizität

Funktionsstörungen der Synapsen führen langfristig zu neuronaler Atrophie und Zelltod. Die Behandlung von Depressionen wird auch über die Verbesserung von Neuroplastizität, Synapto- und Neurogenese vermittelt. Eine generelle Verstärkung der Neuroplastizität durch verschiedene Antidepressiva und eine Vermehrung der Synapsendichte konnte gezeigt werden.

Neurotransmitter und Antidepressiva

Die antidepressive Wirkung ist mit einer mindestens 80 %igen Besetzung des Serotonintransporters (SERT) assoziiert. Bei noradrenergen Substanzen scheint eine 50 %ige Besetzung des Noradrenalintransporters (NAT) ausreichend zu sein.

Psychologische Flexibilität und Neuroplastizität

Ein erhöhtes bzw. schnelleres Zellwachstum wird häufig mit einer erhöhten kognitiven Flexibilität assoziiert. Eine erhöhte Neuroplastizität verbessert die emotionale und kognitive Verarbeitung, indem Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Erinnerung von negativen zu positiven affektiven Ereignissen verschoben werden.

Interaktion zwischen Leib, Raum und Intersubjektivität

Negative kognitive Verzerrungen können erst im Kontext neuer Lernerfahrungen im Alltag verändert werden. Verhaltensänderungen sind oftmals nur persistent, wenn sie von einem sozialen Netz nachhaltig gefördert werden. Auch die Erhöhung der Neuroplastizität kann positive sowie negative Konsequenzen haben.

Umweltfaktoren und die Wirksamkeit von Antidepressiva

Die therapeutische Bindung ist nicht nur nachweislich schulenübergreifend einer der wesentlichen Wirkfaktoren in der Psychotherapie, sondern konnte auch bei der pharmakotherapeutischen Gabe von Antidepressiva das Behandlungsergebnis prädizieren. Antidepressiva wirken nicht nur zentral, sondern haben auch direkte periphere Effekte, wie unter anderem neue Untersuchungen am Darmmikrobiom gezeigt haben.

Metaplastizität und die Anpassungsfähigkeit des Gehirns

Metaplastizität bezeichnet die Fähigkeit von Neuronen, die Anforderungen für die Induktion synaptischer Plastizität basierend auf ihrer vorherigen Aktivität anzupassen. Serotonerge Psychedelika und auch Ketamin scheinen im Tier Metaplastizität zu induzieren.

Implikationen für die klinische Praxis

Die Rückschlüsse, die sich bereits jetzt in den klinischen Alltag übertragen lassen, implizieren, dass eine Verschreibung eines Antidepressivums nie unabhängig vom Kontext des/der Betroffenen geschehen sollte. Zudem benötigt es eine engere Verzahnung von Psychotherapie und Pharmakotherapie sowohl stationär als auch ambulant.

Kritik an der "medizinisch-naturwissenschaftlichen" Sichtweise

Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Ronny Redlich hat die Auswirkungen von Psychotherapie auf das Gehirn untersucht. Die Studie ergab, dass Psychotherapie half und depressive Symptome abnahmen. Sowohl in beiden Mandelkernen als auch im rechten Hippocampus hatte das Volumen der grauen Substanz zugenommen.

Fehlende Kontrollen und Medikamenteneinnahme

Die Studie hatte jedoch prinzipielle Fehler im Studiendesign, wie fehlende Kontrollgruppen und die Einnahme von Antidepressiva durch einen Teil der Probanden. Dies beeinträchtigt die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich.

Die Bedeutung des Kontexts

Es ist wichtig zu betonen, dass Psychopathologie erst in der Interaktion zwischen Leib, Raum und Intersubjektivität entsteht. Anstatt Kontextfaktoren grob als Placeboeffekte einzuordnen, sollten sie in der präklinischen und klinischen Forschung sowie in der Versorgung stärker berücksichtigt und untersucht werden.

Die Förderung synaptischer Plastizität als gemeinsamer Mechanismus

Eine neue Studie argumentiert, dass es bei allen antidepressiven Substanzen einen gemeinsamen Mechanismus gibt, der für ihre antidepressive Wirkung wesentlich ist: die Förderung synaptischer Plastizität im Gehirn.

Die Rolle von BDNF und TRKB

Die Modellierung zeigte eine spezifische Stelle auf dem TRKB-Rezeptor, an der Antidepressiva binden. Diese Bindungsstelle befindet sich an der Kreuzung von zwei TRKB-Rezeptoren, die auf eine bestimmte Art und Weise zusammengekommen sind, wodurch eine Bindungsstelle für das Medikament entsteht.

"Smart Drugs" und die Bedeutung der neuronalen Aktivität

Antidepressiva bieten nur die Möglichkeit, dass BDNF bindet, was bedeutet, dass die Aktivierung des TRKB-Rezeptors immer noch von der neuronalen Aktivität abhängig ist. Das Ergebnis dieser medikamentösen Behandlung kann durch das eigene Verhalten beeinflusst werden.

Auswirkungen auf die Interpretation der antidepressiven Wirkung von SSRIs

Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter, aber die Daten legen nahe, dass Serotonin für die antidepressive Wirkung möglicherweise nicht benötigt wird. TRKB erscheint als ein kritischer Mediator für diese Verhaltenseffekte.

Die Rolle von Cholesterin im Gehirn

Cholesterin ist ein wichtiger Bestandteil der Fettmembranen, die alle Zellen umgeben. Es wurde bereits gezeigt, dass Cholesterin wichtig für die Konnektivität und die synaptische Funktion im Gehirn ist.

Zukünftige Forschungsrichtungen

Die Suche nach Medikamenten, die für diese spezielle Stelle entwickelt werden können, mit potenziell höherer Affinität als herkömmliche Antidepressiva, ist ein vielversprechender Ansatz. Auch die Untersuchung natürlicher Substanzen im Körper, andere als BDNF, die mit TRKB interagieren, ist von Bedeutung.

Perinatale Exposition mit Antidepressiva und ihre Auswirkungen

Die Exposition mit Antidepressiva in der Perinatalphase hat in einer tierexperimentellen Studie deutliche Spuren im Gehirn von Ratten hinterlassen. Die Befunde liefern eine mögliche Erklärung für jüngste Ergebnisse epidemiologischer Studien.

Verhaltensstörungen und Veränderungen im Gehirn

Die Exposition wirkte sich auf das Verhalten der jungen Ratten aus. Ihr juveniler Spieltrieb war vermindert und sie zeigten eine ausgesprochene Neophobie. In den Raphe-Kernen kam es zu einer dramatischen Reduktion in der Dichte der Nervenfasern. Auch der Corpus callosum war ausgedünnt und es gab eine verminderte Myelinisierung.

Die Notwendigkeit weiterer Forschung

Auch wenn man bei der Extrapolation von tierexperimentellen Befunden auf die klinische Anwendung vorsichtig sein müsse, dürften die Ergebnisse den Druck auf die Arzneibehörde FDA verstärken, den Einsatz von SSRI in der Schwangerschaft einzuschränken.

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