Die moderne Lebensweise hat uns zu einer sitzenden Gesellschaft gemacht. Ob im Büro, im Auto oder zu Hause vor dem Fernseher, wir verbringen einen Großteil unserer Zeit im Sitzen. Doch was viele nicht wissen: Langes Sitzen ist nicht nur schlecht für unseren Körper, sondern auch für unser Gehirn.
Die Evolution vom Homo Sapiens zum Homo Sedens
Die Wissenschaftlerin PD Dr. med. Carmen Jochem vom Lehrstuhl für Planetary & Public Health der Universität Bayreuth beschreibt die Entwicklung des Menschen vom "Homo sapiens" zum "Homo sedens". Laut einer Studie der Sporthochschule Köln und der DKV Deutschen Krankenversicherung aus dem Jahr 2023 sitzt jeder Deutsche an einem Werktag im Durchschnitt 9,2 Stunden.
Auswirkungen auf den Körper
Der Experte für Prävention und Rehabilitation im Sport der Sporthochschule Köln erklärt: "Das Sitzen führt dazu, dass wir inaktiv werden. Der Körper fällt sozusagen in eine Art Koma. Der Kreislauf und die Durchblutung verlangsamen sich, so dass sämtliche Funktionen des Herzkreislaufsystems schwächeln. Dadurch sammeln sich Flüssigkeiten in den Beinen. Die Belastung fehlt, um Knochenwachstum zu erzielen. Verkrampftes und langes Sitzen kann außerdem eine zu flache Atmung hervorrufen. Das hat eine verminderte Sauerstoffaufnahme zur Folge und verursacht Müdigkeit und Konzentrationsschwäche."
Das Risiko für ernsthafte Erkrankungen steigt durch das Viel-Sitzen. Die Liste reicht von Herzkreislauferkrankungen (wie Schlaganfall und Herzinfarkt), Krebserkrankungen (zum Beispiel Darm-, Brust-, Eierstockkrebs), Diabetes mellitus Typ 2, Adipositas bis hin zu mentalen Erkrankungen. So treten beispielsweise Depressionen bei Menschen, die viel sitzen, häufiger auf.
Auswirkungen auf das Gehirn
Auch das Gehirn leidet unter dem Bewegungsmangel. Dr. Karsten Holland, Orthopäde im Orthopaedicum Spandau in Berlin, warnt: "Zu wenig Bewegung ist auch schlecht für das Denkvermögen. Der Hippocampus, eine Gehirnregion, die fürs Lernen und Erinnern zuständig ist, kann bis ins hohe Alter neue Nervenzellen bilden - allerdings arbeitet er nur bei Aktivität optimal. Schon kleine körperliche Bewegungen, sogenannte Mikroaktivitäten, haben einen positiven Effekt. Bei langem Sitzen vernetzt sich der Hippocampus schlechter." "Durch zu viel Sitzen sehen wir bei Jugendlichen beschleunigte Alterungsprozesse und irreparable Veränderungen am Bewegungsapparat."
Lesen Sie auch: Gehirnzellen und Anästhesie: Ein detaillierter Blick
Ist Sitzen gefährlicher als Rauchen?
Seit mehr als 20 Jahren gibt es Forschungen zu den Folgen des Sitzens. Laut einer 2008 in Australien veröffentlichten Studie mit rund 220.000 Menschen haben diejenigen, die mehr als elf Stunden am Tag sitzen, ein um 40 Prozent höheres Risiko, innerhalb von drei Jahren zu sterben, verglichen mit jenen, die weniger als vier Stunden täglich gesessen hatten. Ähnliche Ergebnisse liefert eine Forschungsreihe aus den USA aus dem Jahr 2014. Der Studienleiter James Levine von der Mayo Clinic in Scottsdale, Arizona kam zu dem Ergebnis, dass jede Stunde, die wir sitzen, zwei Stunden unserer Lebenszeit kostet. Er bezeichnet Sitzen als das neue Rauchen. In einem Interview mit der US-Zeitung „LA Times“ sagte Levine: „Sitzen ist gefährlicher als Rauchen, tötet mehr Menschen als HIV und ist tückischer als Fallschirmspringen. Wir sitzen uns tot.“
Sportwissenschaftler Froböse, der sich seit Langem intensiv mit dem Thema beschäftigt, gibt seine Einschätzung dazu: „Das Sitzen schadet massiv unserem Organismus. Es ist vielleicht nicht gefährlicher als das Rauchen, aber es verkürzt auf jeden Fall die Lebenserwartungen.“ Einen Grund dafür sieht der Sportwissenschaftler in der Schwächung der Muskulatur. „Durch das Sitzen wird Muskelmasse abgebaut, so dass sich die Muskelkraft verringert. Da die Muskulatur unser größtes Stoffwechselorgan ist und die Gesundheit vieler anderer Organe beeinflusst, verlieren wir durch das Sitzen letztendlich deutlich an Lebensjahren“, so Froböse.
Die Rolle der technischen Errungenschaften
Die technischen Errungenschaften im Computerzeitalter behindern die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und sozialer Kontakte. Das belegt auch eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes aus dem Jahr 2023. Demnach haben 42 Prozent der deutschen Bevölkerung bereits die Erfahrung gemacht, dass langes Sitzen oftmals Folgen für die eigene Gesundheit hat, sie führen eigene gesundheitliche Beschwerden auf Bewegungsmangel und langes Sitzen zurück. Zudem äußerten 59 Prozent der Befragten die Angst, im Laufe ihres Lebens aufgrund körperlicher Inaktivität zu erkranken. Laut der Umfrage arbeitet ein Großteil der Erwerbstätigen (61 Prozent) an einem Arbeitstag mehr als vier Stunden im Sitzen. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) aller Erwerbstätigen sitzt sechs bis acht Stunden, etwa jeder Zehnte (12 Prozent) sogar acht Stunden und mehr. Neben dem Extremsitzen im Job wird auch die Freizeit nicht ausreichend zum Ausgleich genutzt: An einem normalen Wochentag sitzt fast die Hälfte der Erwerbstätigen (43 Prozent) auch vor oder nach der Arbeit noch einmal mindestens vier Stunden.
Warum sitzen wir eigentlich so viel?
Expertin Jochem: „Das liegt daran, dass unsere Umgebungen häufig so eingerichtet sind, dass Sitzen die einzig wirkliche Option ist. Zum Beispiel ist ein Büroarbeitsplatz in aller Regel mit einem Schreibtisch und einem Stuhl zum Sitzen eingerichtet. Ein Besprechungsraum ebenso wie ein Klassenzimmer mit Tischen und Stühlen und ein Hörsaal und ein Theater sind ebenfalls meist komplett bestuhlt. Wartebereiche ebenso. Kindern wird bereits mit Eintritt in die Schule das lange und ruhige Sitzen gelehrt, das dann im Laufe des Kindes- und Jugendalters auch deutlich zunimmt.“
Wirtschaftliche Folgen des Viel-Sitzens
Die Folgen des Viel-Sitzens sind auf mehreren Ebenen zu spüren. Nicht nur die Gesundheit der Menschen leidet, sondern auch die deutsche Wirtschaft. Laut des Fehlzeiten-Reports 2024 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wurden 2023 unter AOK-Mitgliedern die meisten Arbeitsunfähigkeitstage durch Muskel- und Skelett-Erkrankungen verursacht, die häufig mit langen Ausfallzeiten verbunden sind. Allein auf diese Krankheitsart war 2023 fast ein Fünftel aller Arbeitsunfähigkeitstage zurückzuführen, obwohl sie nur für 13,4 Prozent der Arbeitsunfähigkeitsfälle verantwortlich war. Im Jahr 2020 entfielen gemäß Krankheitskostenstatistik 11,6 Milliarden Euro und damit 2,8 Prozent aller Krankheitskosten auf diese Erkrankung. In der Studie heißt es: „Rückenleiden haben damit aus Kostenperspektive eine größere Bedeutung als Diabetes mellitus, Schlaganfälle oder Depressionen. Die hohen Krankheitskosten aufgrund von Rückenschmerzen kommen durch die Therapiekosten sowie durch Krankengeldzahlungen der Krankenkassen zustande.“
Lesen Sie auch: Gehirnzellen und Alkohol: Eine wissenschaftliche Analyse
Auf die knapp 34,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten des Jahres 2022 umgerechnet waren das insgesamt 96,8 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. Die daraus resultierenden Produktions-Ausfallkosten, die im Gesundheitsatlas Rückenschmerzen über die Lohnkosten ermittelt wurden, erreichten eine Höhe von 12,4 Milliarden Euro.
Volkskrankheit Rückenschmerzen
Rückenschmerzen sind längst eine Volkskrankheit, die sich durch jedes Alter zieht. Ärztlich dokumentierte Fälle sind bereits bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorhanden: In der Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren sind mehr als zehn Prozent betroffen. Mit zunehmendem Alter zeigt sich nochmals ein deutlicher Anstieg der Rückenschmerzhäufigkeit. So liegen schließlich bei mehr als der Hälfte der älteren Erwachsenen ab 75 Jahren Rückenschmerzen vor. In fast allen Altersgruppen sind Frauen häufiger betroffen.
Orthopäde Holland erklärt: "Die häufigste Ursache für Krankschreibungen aufgrund von Muskel- oder Skelett-Problemen sind Bewegungsmangel und einseitige Fehlhaltungen. Auffällig ist jedoch, dass immer mehr junge Patientinnen und Patienten mit Rückenproblemen in unsere Praxis kommen. Mittlerweile bewegen sich viele Kinder zu wenig, sie daddeln stattdessen mit Konsolen oder dem Handy. Durch zu viel Sitzen sehen wir schon bei Jugendlichen beschleunigte Alterungsprozesse und irreparable Veränderungen am Bewegungsapparat - und die Probleme werden natürlich im Laufe des Lebens nicht weniger."
Präventionsmaßnahmen gegen Rückenschmerzen
Rückenschule, Sportkurs für Viel-Sitzer, Pilates, Yoga und Co. - es gibt zahlreiche Präventionsmaßnahmen, die dem Bewegungsmangel entgegenwirken sollen. Laut Präventionsbericht 2024 des GKV-Spitzenverbands werden Bewegungsangebote mit 60 Prozent am häufigsten genutzt. Dahinter folgen Stressmanagement (35 Prozent), Ernährung (5 Prozent) und Vorbeugung gegen Suchmittelkonsum (ein Prozent). Bei den Teilnehmern von Bewegungsangeboten sind überdurchschnittlich viele junge Versicherte unter 20 Jahren (mit 76 Prozent) und ab 70 Jahren (mit 76 Prozent) dabei.
Empfehlungen der WHO
Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren sollten mindestens zwischen 150 und 300 Minuten in der Woche aktiv sein. Gemeint ist Bewegung in mittlerer bis hoher Intensität. Wenn man diese 150 Minuten durch sieben Tage teilt, kommt man durchschnittlich auf etwa 21 Minuten am Tag, die schon gesundheitsförderlich wirken und das Wohlbefinden steigern. Bewegt man sich weniger, spricht die WHO bereits von körperlicher Inaktivität. Ältere Menschen ab dem 65. Lebensjahr sollten dreimal in der Woche ein Bewegungsprogramm absolvieren. Für Heranwachsende zwischen fünf und 17 Jahren gilt: mindestens eine Stunde Bewegung am Tag.
Lesen Sie auch: Gehirnzellen und Cannabis
Jochem stimmt dem zu, sie empfiehlt: „Grundsätzlich sollte das Ziel sein, die Gesamtsitzzeit möglichst gering zu halten. Wenn man acht Stunden am Tag mit Sitzen verbringt, müsste man jeden Tag mindestens eine Stunde moderat körperlich aktiv sein, also etwa joggen, um das Risiko durch das Sitzen wieder auszugleichen. Wer aber das Sitzen regelmäßig unterbricht, kommt mit der Hälfte aus, ohne das Risiko für ernsthafte Erkrankungen zu erhöhen.“
Besondere Gefahr im Homeoffice
Gerade Menschen, die im Home-office arbeiten, vergessen oft die kurzen Bewegungspausen zwischendurch und machen nicht einmal eine Mittagspause. Sie verbringen laut einer Untersuchung der DKV etwa 145 Minuten länger pro Tag im Sitzen als Kollegen, die im Büro arbeiten. Für sie wäre mehr Bewegung also besonders wichtig. Jochems Tipp: „Wer von zu Hause arbeitet, könnte leicht zwischendurch Übungen wie ein paar Kniebeugen oder Liegestütze durchführen, die der Gesundheit förderlich wären.“
Die perfekte Sitzposition gibt es nicht
Die perfekte Sitzposition gibt es übrigens nicht. „Es ist viel wichtiger, auf variable Bewegungsmuster zu achten. Wenn man seine Sitzposition möglichst häufig wechselt, entlastet das die Wirbelsäule. Außerdem werden dadurch Muskulatur und Bandscheiben besser durchblutet. Am besten sitzt man mal aufrecht, mal zurückgelehnt oder auch mal vorgebeugt und wenn möglich, sollte man zwischendurch im Stehen arbeiten. Die Abwechslung ist wichtig. Jede Bewegung ist gut für den Körper“, sagt Holland.
Einfache Alltags-Tipps gegen „Sitzfallen“
Es gibt zahlreiche und vor allem relativ einfache Möglichkeiten, um den Sitzfallen zu entkommen. Wichtig ist zunächst einmal, sich dem Problem bewusst zu werden und all die vielen Situationen wahrzunehmen, in denen wir jeden Tag sitzen.
- Statt im Auto sitzen lieber aktiv (zu Fuß oder Fahrrad) Wege zurücklegen. Oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und zum Beispiel zur Bus- oder U-Bahnhaltestelle laufen und falls möglich auch mal eine Haltestelle früher aussteigen.
- Den Arbeitsplatz so einrichten, dass nicht alles im unmittelbaren Greifraum vorhanden ist. Beispielsweise das Telefon, die Schere, den Tacker oder den Papierkorb so platzieren, dass man ein paar Schritte hingehen muss.
- Jede Stunde eine Sitzunterbrechung von mindestens drei bis fünf Minuten einplanen.
- Telefonate im Gehen führen.
- Meetings im Stehen abhalten.
- Regelmäßig ein Glas Wasser oder eine Tasse Tee in der Küche holen statt eine ganze Kanne am Schreibtisch zu platzieren.
Die Evolutionäre Perspektive
Wir haben noch immer die Gene aus Urzeiten - und die brauchen regelmäßige Bewegung. Der menschliche Körper braucht Bewegung, um fehlerfrei zu funktionieren. Wer zu viel sitzt, muss mit gesundheitlichen Folgen rechnen.
Eine Studie, die im renommierten Wissenschaftsmagazin "JAMA Oncology" veröffentlicht wurde, zeigt, dass das Risiko an bestimmten Krebsarten zu erkranken mit der Zeit, die wir sitzend verbringen, steigt. Die Forscher fanden heraus, dass für alle 30 Minuten, die man sich bewegt statt zu sitzen, das Risiko an Krebs zu sterben um rund 30 Prozent sank. Sogar Testpersonen, die sich nicht sportlich betätigten, sondern spazieren gingen, Hausarbeit erledigten, im Garten arbeiteten, profitierten. Bei ihnen sank das Risiko im gleichen Zeitraum um jeweils acht Prozent.
Schlafmangel und seine irreversiblen Schäden im Gehirn
Schlafmangel macht müde, unkonzentriert und gereizt - diesen Effekt kennt fast jeder. Jetzt haben US-Forscher aber Hinweise darauf entdeckt, dass ein anhaltender Schlafmangel - wie beispielsweise bei Schichtarbeitern häufig - irreversible Schäden im Gehirn hinterlassen kann.
Versuche zeigten, dass bei einigen Menschen selbst nach drei Tagen ausreichend Schlaf Defizite in der Aufmerksamkeitsspanne und der Konzentration zurückblieben. Das weckte den Verdacht, dass möglicherweise sogar dauerhafte Schäden an den Hirnzellen zurück bleiben könnten. Um diese Frage zu klären, führten Veasey und ihre Kollegen ein Experiment mit Mäusen durch. Sie hielten dafür Gruppen der Nager entweder bei normalem Schlaf-Wachrhythmus oder sorgten dafür, dass die Tiere zu wenig schliefen - einige nur für kurze Zeit, andere über mehrere Wochen.
Das Ergebnis: Bei den nur kurzzeitig unter Schlafmangel leidenden Mäusen schafften es die Gehirnzellen noch, die mangelnde Ruhe auszugleichen, wie die Forscher berichten: Die Neuronen schütteten dafür vermehrt sogenannte Sirtuin-Proteine aus. Diese wirken auf den Energiestoffwechsel der Zelle und sorgen dafür, dass er trotz Überbeanspruchung im Gleichgewicht bleibt. Dadurch sind die Zellen vor Schäden geschützt. Anders aber bei den Mäusen, die unter langanhaltendem Schlafmangel litten: Bei ihnen gingen bis zu 25 Prozent der Neuronen im Locus coeruleus zugrunde, wie die Analysen ergaben. Die Zellen schafften es nach einigen Tagen nicht mehr, ausreichend Sirtuine auszuschütten, um den Energiestoffwechsel in der Balance zu halten. „Das ist der erste Beleg dafür, dass Schlafmangel tatsächlich einen Verlust von Gehirnzellen auslösen kann“, so Veasey. Offensichtlich können sich die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, zwar kurzzeitig an erhöhte Anforderungen durch den Schlafmangel anpassen. Bei längeren Zeiträumen funktioniert dies aber nicht mehr.
Bewegung als Schlüssel zur Gesundheit
Achteinhalb Stunden sitzt ein erwachsener Mensch in Deutschland im Durchschnitt - jeden Tag. Das ist das Ergebnis des DKV-Reports 2021. Damit sitzen wir heute eine Stunde länger als noch 2018. Das mag auch der Corona-Pandemie geschuldet sein: Maßnahmen wie Homeoffice oder die Beschränkung von Kontakt- und Freizeitmöglichkeiten führen tendenziell zu eher weniger als mehr Bewegung. Doch auch schon vor der Pandemie war unser Sitz-Pensum viel zu hoch, bestätigt Ingo Froböse. Wir wissen, dass der Bewegungsmangel und die körperliche Inaktivität in Europa schon 1,5 Millionen Tote jedes Jahr nach sich ziehen. Die Liste, welche negativen Folgen zu viel Sitzen haben kann, ist lang: Der Bewegungsapparat leidet, die Haltung wird schlechter. Das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs steigt. "Der Stoffwechsel verändert sich durch das Dauersitzen", erklärt Froböse. Und nicht nur rein physiologisch komme es zu Schäden: "Letztendlich können auch psychische Probleme daraus resultieren, weil Körperlichkeit und geistige Beanspruchung nicht mehr zueinander passen. Wir sind kognitiv hoch beansprucht, aber der Körper kann hier keine Gegenfunktion mehr bieten."
Kulturelle Aspekte des Sitzens
Beim Dauersitzen und seinen Folgen haben wir es also gewissermaßen mit einem kulturellen Phänomen zu tun, sagt Carmen Jochem. Die Medizinerin beschäftigt sich an der Universität Regensburg mit Lebensstilfaktoren und Prävention im Hinblick auf chronische Erkrankungen - und hat ein ganzes Buch über das Sitzen und seine Auswirkungen mitverfasst. Spätestens in der Schule lernt jedes Kind das Sitzen. Dass die Frage, wie viel wir sitzen, eine kulturelle ist, zeigt sich beim Blick auf andere Länder und Regionen. Schon innerhalb Europas gebe es Unterschiede, sagt Carmen Jochem: "In Nord- und Mitteleuropa sitzen die Menschen deutlich länger als zum Beispiel in südeuropäischen Ländern." Jochem hat zudem eine weitere Beobachtung gemacht: Die Kultur des Dauersitzens breite sich um den Globus herum immer weiter aus. "In Kenia und Äthiopien haben Menschen, die besser situiert sind, ein Sofa als Prestige-Objekt."
Die Dosis macht das Gift
Carmen Jochem macht klar: "Es geht nicht darum, gar nicht mehr zu sitzen - sondern eben nur noch in einem gesunden Maße. Denn in kleinen Dosen kann Sitzen natürlich eine Erholung sein für Körper und Geist." Vielmehr gehe es darum, das stundenlange Dauersitzen aufzubrechen. Dazu brauche es aber auch veränderte Strukturen in unserer Alltagswelt, beispielsweise höhenverstellbare Schreibtische, die ein Arbeiten im Stehen ermöglichen.
Veränderte Umgebungen für mehr Bewegung
Ingo Froböse plädiert für veränderte Umgebungen: "Der chromblitzende Fahrstuhl zum Beispiel ist immer wunderbar mitten im Haus, das Treppenhaus hingegen muffig, stinkig, vielleicht sogar verschlossen hinter einer Notfalltür." Das komme unserem inneren Energiesparmodus entgegen, den wir Menschen evolutionär bedingt in uns tragen: Wir seien von Natur aus nicht gewillt, uns mehr als nötig zu bewegen. "Deshalb muss es etwas anders stattfinden. Die Bewegung muss wieder zurück zu den Menschen."
Tipps zur Integration von Bewegung in den Alltag
Ingo Froböse bietet konkrete Tipps, wie wir unseren Dauersitz-Zustand aufbrechen können: "Idealerweise würde ich mir wünschen, dass wir stündliche Unterbrechungen der Inaktivitätszeit haben. Also jede Stunde eine kleine körperliche Aktivität, drei bis fünf Minuten. Zum Beispiel Aufstehen und Herumgehen beim Telefonieren. Mal im Treppenhaus drei oder vier Etagen hochgehen mit relativ hoher Intensität - das pusht den Stoffwechsel hoch, die Durchblutung, die Atem- und Herzfrequenz. Ein paar Kniebeugen oder den Rumpf nach rechts und links drehen, recken und strecken."
Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für erwachsene Menschen 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche oder wahlweise 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung mit höherer Belastung, um chronischen Erkrankungen und Verschleiß vorzubeugen.
Die Auswirkungen von langem Sitzen auf die Sterberate
Eine im "American Journal of Epidemiology" publizierte Studie, bei der die Forschenden 120.000 erwachsene US-Amerikaner über mehrere Jahre beobachtet hatten, belegt, dass Männer, die täglich sechs oder mehr Stunden sitzen, eine um 20 Prozent höhere Sterberate haben als jene, die maximal drei Stunden pro Tag sitzen; bei Frauen ist die Sterblichkeitsrate sogar um 40 Prozent erhöht.
Die Belohnung für mehr Bewegung
Als Ausweg aus der "Sitzfalle" bleibt also nur das Einstreuen regelmäßiger kleiner Bewegungseinheiten über den Tag hinweg. Wir müssen uns und unser Gehirn überlisten. Die Belohnung dafür sei nicht nur ein gesünderes und längeres Leben, sondern erste positive Effekte ließen sich schon währenddessen feststellen: "Wenn wir nur eine kleine Bewegungseinheit machen, erhöht sich die Durchblutung im Gehirn um 20 bis 30 Prozent. Das führt wiederum zu mehr Sauerstoff und mehr Vitalstoffen im Gehirn."
Proteinaggregate und neurodegenerative Krankheiten
Um ihre Arbeit aufnehmen zu können, müssen die Proteine eine vorgegebene dreidimensionale Struktur annehmen. In gesunden Zellen gibt es eine Vielzahl von Faltungshelfern und eine umfangreiche Qualitätskontrolle. Falsch gefaltete Proteine werden entweder repariert oder schnell abgebaut. Geschieht dies nicht oder nicht ausreichend, können Proteine mit sich selbst oder anderen Proteinen zu Aggregaten verklumpen und die Zellen schädigen. Bei neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, ALS und Huntington scheinen solche Proteinaggregate für das Absterben von Nervenzellen mit verantwortlich zu sein.
Die Rolle von Proteinverklumpungen
Proteinverklumpungen im Zellplasma verhinderten den Transport von RNA und richtig gefalteten Proteinen zwischen Zellkern und Zellplasma. Weil die Aggregate klebrige Eigenschaften haben, werden aus der Zelle lebensnotwendige Proteine weggefangen. Wenn die Bauanleitung der Proteine, die RNA, aus dem Zellkern nicht in das Zellplasma gelangen kann, können dort auch keine Proteine mehr hergestellt werden und die Zelle geht zugrunde.
"Sitzen ist das neue Rauchen" - Eine treffende Metapher?
"Sitzen ist das neue Rauchen" - diese Aussage des US-Mediziners James Levine ist mittlerweile so etwas wie ein geflügeltes Wort geworden. Aber stimmt sie auch? Ist Sitzen also grundsätzlich schlecht für die Gesundheit?
Cristina Polidori, Professorin am Exzellenzcluster für Alternsforschung der Universität zu Köln (CECAD) und Leiterin der Abteilung Klinische Altersforschung der dortigen Uniklinik, sagt: „Durch zu viel Sitzen sehen wir sogar bei jüngeren Menschen beschleunigte Alterungsprozesse.“
Unterschiede zwischen Sitzen und Rauchen
Levines Aussage ist ohne Frage plakativ und trotz der Risiken gibt es sehr wohl große Unterschiede zum Inhalieren eines Cocktails giftiger Substanzen. "Ein Lebensstil mit viel Sitzen ist einerseits wie Rauchen ein vermeidbarer Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen", sagt Carmen Jochem, Wissenschaftlerin am Institut für Präventivmedizin der Universität Regensburg und Autorin des Buchs „Sitzstreik - Tipps und Tricks gegen die Risiken und Nebenwirkungen des Sitzens“. „Andererseits ist Rauchen viel schädlicher für die Gesundheit. Es gibt keine Dosis Zigaretten, die vollkommen unschädlich ist, im Gegensatz dazu ist es natürlich kein Risikofaktor für Krankheiten, wenn man sich einmal kurz hinsetzt.“
Die Auswirkungen von Bewegungspausen auf Blutdruck und Blutzucker
Unabhängig davon, ob man sich sonst viel bewegt oder nicht, erhöht stundenlanges Sitzen das Risiko für einen vorzeitigen Tod.
Die Studie der Columbia University
Wissenschaftler des Columbia University Medical Center widmeten sich der Frage, welche Gegenmaßnahmen das Sterberisiko wieder senken können. Das Ziel der Forschenden: Den Zeitaufwand dieser möglichst gering zu halten. Im Rahmen ihrer Untersuchungen simulierten die Wissenschaftler einen typischen Büroalltag. Sie ließen Probanden für acht Stunden sitzen und maßen dabei kontinuierlich ihren Blutzuckerspiegel und Blutdruck.
Die Ergebnisse der Studie
Die Probanden, die alle 30 Minuten für jeweils fünf Minuten gemächlich gingen, wiesen einen niedrigeren Blutdruck auf als die Vergleichsgruppen mit weniger Bewegung. Den Effekt sehen die Forschenden darin, sitzende Perioden alle 30 Minuten zu unterbrechen, sodass entzündliche Prozesse im Körper verhindert und der Stoffwechsel auf Trab gehalten werden. Wie die Studienautoren erläutern, könne die Intensität einzelner Bewegungseinheiten zudem mit wenigen Maßnahmen gesteigert werden - und sich so noch förderlicher auf die Blutdruck- und Blutzuckerwerte sowie die allgemeine Gesundheit auswirken.
Die Bedeutung von Blutdruck und Blutzucker
Hohe Blutdruckwerte zählen zu den größten Risikofaktoren für Schlaganfall, Herzinfarkt sowie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterschiedlichster Art. Auch hohe Blutzuckerwerte führen langfristig zu verschiedenen Erkrankungen, die den Stoffwechsel betreffen - darunter Diabetes Typ 2. Bereits geringfügig erhöhte Blutzuckerwerte können die kleinen und großen Blutgefäße des Körpers verändern und zu Nervenschäden führen.
Bewegung als Therapie
Bewegungsmangel ist eine der wesentlichen Ursachen für die Entstehung von Diabetes Typ 2. Moderate Bewegung und Sport zählen entsprechend zu den wichtigsten Maßnahmen bei der Behandlung der Krankheit. Da sportliche Belastung die Zellen sensibler für Insulin macht, steigt in der Folge die Glukoseaufnahme - der Blutzuckerspiegel sinkt.