Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) suchen nach Möglichkeiten, ihre Therapie durch Anpassung ihrer Lebensweise zu unterstützen. Neben der medikamentösen Behandlung spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verschiedenen Ernährungsansätzen bei MS und gibt praktische Empfehlungen.
Allgemeine Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten
Unabhängig von der MS ist eine gesunde, ausgewogene Ernährung ratsam. Eine "mediterrane" Ernährung mit wenig Fett, viel Gemüse und wenig Kohlenhydraten ist generell empfehlenswert. Speziell für MS-Patienten wird eine salzarme Ernährung empfohlen, da zahlreiche Studien einen negativen Einfluss einer salzreichen Ernährung belegen. Margarine ist Butter vorzuziehen, da tierische Produkte Arachidonsäure enthalten, die entzündungsfördernde Botenstoffe bildet.
Intervallfasten und ketogene Diät
In der Praxis wird häufig nach dem Intervallfasten bei MS gefragt. Tiermodelle zeigen, dass Fasten entzündungshemmend wirkt und entzündungsfördernde Botenstoffe beim Menschen hemmen kann. Kleinere Studien haben gezeigt, dass Patientinnen und Patienten, die ein klassisches Intervallfasten (16/8 = 16 Stunden Fasten/8 Stunden Nahrungsaufnahme, bestehend aus zwei Mahlzeiten, ggf. mit dem Verzicht auf Kohlenhydrate am Abend) durchgeführt haben, nach sechs Monaten eine deutlich verbesserte Lebensqualität mit weniger Müdigkeit und depressiven Symptomen hatten. Darum kann empfohlen werden, dem Intervallfasten besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Auch die ketogene Diät, die einen extremen Verzicht auf Kohlenhydrate beinhaltet, wird oft thematisiert. Ob eine solche Diät sinnvoll ist, hängt immer von den Begleiterkrankungen ab. Adipositas ist beispielsweise ein Risikofaktor sowohl für die Entstehung als auch für einen schweren Verlauf der MS. Insofern ist es sinnvoll, adipösen Personen das Intervallfasten zu empfehlen, da hierdurch sogar mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden können: einen positiven Verlauf der MS bewirken und zusätzlich Komorbiditäten der MS günstig beeinflussen.
Die Bedeutung von Vitaminen und Spurenelementen
Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Vitamine wie Vitamin A, B6, B12, Zink und Selen in Fisch, Fleisch und Gemüse anti-inflammatorisch wirken. Bestimmte Botenstoffe, Zytokine, die Entzündungsprozesse fördern, können durch diese Vitamine messbar reduziert werden. Es kommt sogar häufig vor, dass meist Patientinnen es mit der Ernährung sehr ernst nehmen und fast gar nichts mehr essen. Hier muss man aufpassen, dass die Ernährungsumstellung nicht in die falsche Richtung läuft und sogar gesundheitsschädigend wirkt. Außerdem sollte Essen schließlich auch noch Spaß machen. Auch auf Kaffee muss nicht verzichtet werden, denn dieser könnte eher eine Schutzwirkung auf die Entstehung und den Verlauf der MS haben. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Betroffene auch „übermotiviert“ sein können, ist Vitamin D. Vitamin D ist zwar extrem wichtig, aber es gibt Betroffene, die mit 20.000 Einheiten am Tag viel zu viel des nützlichen Vitamins zu sich nehmen.
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Kurzkettige Fettsäuren und Omega-3-Fettsäuren
In prospektiven Studien gibt es Hinweise auf die positive Wirkung von kurzkettigen Fettsäuren (z. B. die Propionate). Diese kurzkettigen Fettsäuren wurden früher in Brot verbacken. Dadurch wurden mit dem täglichen Brotkonsum ca. 1 bis 2 Gramm kurzkettige Fettsäuren aufgenommen. Mittlerweile werden kurzkettige Fettsäuren nicht mehr im Brot verbacken. Grob gesagt werden durch kurzkettige Fettsäuren die „schlechten“ Immunzellen im Darm gebunden, gelangen somit in geringerer Menge ins Blut und letztlich auch ins Gehirn. Das Verhältnis von pro- und antiinflammatorischen Zellen wird somit verschoben, Entzündungsprozesse reduziert.
Es gibt zudem Studien, die zeigen, dass mehrfach ungesättigte Fettsäuren, wie die Omega3-Fettsäure in Fischöl, antientzündlich wirken. Nach der Gabe von Fischöl wurden hier Interleukin2 und TNF-alpha runterreguliert und regulative T-Leukozyten hochreguliert. Zellschützend wirken auch sekundäre Pflanzenstoffe, die in saisonalem Gemüse und Obst vorkommen.
Weitere Nahrungsmittel und Substanzen
Auch für Weihrauch sind antiinflammatorische Effekte nachgewiesen worden. Manche Patientinnen und Patienten nehmen Weihrauch und fühlen sich besser. Weihrauch ist aber nicht als alleinige Therapie zu verwenden. Zur antiinflammatorischen Wirkung von grünem Tee gibt es viele kleinere Studien, die belegen, dass die darin enthaltene Komponente Epigallocatechin eine antioxidative, antientzündliche Wirkung besitzt. Auf den Verlauf der MS konnte man allerdings in einer großangelegten Studie keinen Einfluss auf die Krankheitsprogression oder auf Symptome nachweisen. Zuckeraustauschstoffe sind gar nicht geeignet und sind eher gesundheitsschädigend. Sie sollten daher vermieden werden.
Zeitpunkt der Ernährungsumstellung
Wichtig ist, die aktuelle Situation der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen. Bei Erstdiagnose einer MS müssen Betroffene die Situation zunächst verarbeiten, sich informieren, Therapien planen, was für Viele verständlicherweise eine große Belastung darstellt. In dieser Phase sollten MS-Erkrankte zwar bereits über die Bedeutung von Ernährung und den Einfluss anderer negativer Umweltfaktoren (z.B. Rauchen) informiert werden, jedoch darf anfangs nicht zu viel zusätzlicher Druck hinsichtlich der Lebensweise ausgeübt werden, damit nicht das Gefühl der Überforderung entsteht. Insbesondere, wenn sich Betroffene ungesund ernähren und zusätzlich rauchen, würde ich den Schwerpunkt zunächst in der Rauchentwöhnung sehen.
Medikamentöse Therapie bei MS
Neben der Ernährung spielt die medikamentöse Therapie eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von MS. Es gibt verschiedene Medikamente, die auf unterschiedliche Weise wirken und unterschiedliche Risikoprofile aufweisen.
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Orale Therapien:
- Orales Cladribin: Ein chloriertes Analogon des DNA-Bausteins Desoxyadenosin, das sowohl ruhende als auch sich teilende Lymphozyten reduziert. Mögliche Nebenwirkungen sind Leukopenie/Lymphopenie, Anämie und ein leicht erhöhtes Infektionsrisiko. Regelmäßige Blutbildkontrollen sind erforderlich.
- Dimethylfumarat: Moduliert die Zytokinexpression, hemmt die Immunzellproliferation und aktiviert Nrf2. Mögliche Nebenwirkungen sind Leukopenie/Lymphopenie, Flush-Symptomatik und gastrointestinale Beschwerden. Regelmäßige Blutbildkontrollen sind erforderlich.
- Fingolimod: Ein funktioneller S1P-Modulator, der Lymphozyten in lymphatischen Organen festhält. Mögliche Nebenwirkungen sind Lymphopenie, Herpesvirusinfektionen, kardiale Reizleitungsstörungen und Leberwerterhöhungen. Regelmäßige Blutbild- und Leberwertkontrollen sind erforderlich.
- Ozanimod: Ebenfalls ein funktioneller S1P-Modulator mit ähnlichem Wirkmechanismus und Risikoprofil wie Fingolimod.
- Ponesimod: Ein funktioneller S1P-Antagonist mit ähnlichem Wirkmechanismus und Risikoprofil wie Fingolimod.
- Siponimod: Ein funktioneller S1P-Modulator, der bei SPMS mit Schubaktivität eingesetzt wird. Das Risikoprofil ähnelt dem von Fingolimod.
- Teriflunomid: Ein DHODH-Inhibitor, der die Proliferation aktivierter Lymphozyten hemmt. Mögliche Nebenwirkungen sind Lymphopenie, Haarausdünnung und Leberwerterhöhungen. Regelmäßige Blutbild- und Leberwertkontrollen sind erforderlich.
- (Azathioprin): Ein Purinanalogon, das die DNA-/RNA-Synthese hemmt und als Reservepräparat bei milder/moderater RMS eingesetzt wird. Mögliche Nebenwirkungen sind Leukopenie/Lymphopenie und ein erhöhtes Malignomrisiko. Regelmäßige Blutbild- und Leberwertkontrollen sind erforderlich.
Injektionstherapien:
- Glatirameracetat: Verschiebt das Th1/Th2-Gleichgewicht, moduliert APZ und produziert BDNF. Mögliche Nebenwirkungen sind Sofortige Postinjektionsreaktion (SPIR) bzw. Flush und Leberwerterhöhungen. Regelmäßige Blutbild- und Leberwertkontrollen sind erforderlich.
- β-Interferon: Hemmt die T-Zell-Aktivierung, induziert Treg und inhibiert die Immunzellmigration an der BHS. Mögliche Nebenwirkungen sind Leberwerterhöhungen, lokale Reaktionen an der Einstichstelle und Depressionen. Regelmäßige Blutbild- und Leberwertkontrollen sind erforderlich.
- Ofatumumab: Ein monoklonaler Antikörper gegen CD20, der die B-Zell-Reihe depletiert. Mögliche Nebenwirkungen sind B-Zell-Lymphopenie und ein erhöhtes Infektionsrisiko. Regelmäßige Blutbild- und Immunstatuskontrollen sind erforderlich.
Infusionstherapien:
- Alemtuzumab: Ein monoklonaler Antikörper gegen CD52, der CD52-Immunzellen eliminiert und eine Immunregulation durch "geordnete" Repopulation bewirkt. Mögliche Nebenwirkungen sind Leukopenie/Lymphopenie, Neutropenie und Autoimmunerkrankungen. Regelmäßige Blutbild-, Leberwert- und Nierenwertkontrollen sind erforderlich.
- Natalizumab: Ein monoklonaler Antikörper gegen a4b1-Integrin, der die Bindung von Immunzellen an Endothelzellen hemmt. Mögliche Nebenwirkungen sind Leukopenie/Lymphopenie, Infektanfälligkeit und ein hohes Risiko für PML. Regelmäßige Blutbild- und Leberwertkontrollen sowie JCV-Antikörper-Status sind erforderlich.
- Ocrelizumab: Ein monoklonaler Antikörper gegen CD20, der unreife und reife B-Zellen depletiert. Mögliche Nebenwirkungen sind B-Zell-Lymphopenie und Infektionen der oberen Atemwege. Regelmäßige Blutbild- und Immunstatuskontrollen sind erforderlich.
- (Mitoxantron): Ein Topoisomerase-II-Inhibitor, der die DNA-Synthese hemmt und als Reservepräparat bei SPMS mit Schubaktivität eingesetzt wird. Mögliche Nebenwirkungen sind Übelkeit, Haarausfall und Kardiotoxizität. Regelmäßige Blutbild-, Leberwert- und Nierenwertkontrollen sowie EKG und TTE sind erforderlich.
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