Myasthenia gravis (MG), in Deutschland auch als Myasthenie bekannt, ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Zellen und Gewebe angreift. Dies führt zu einer Störung der Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln, was sich in belastungsabhängiger Muskelschwäche äußert. DESITIN hat es sich als Experte für seltene Erkrankungen des zentralen Nervensystems zur Aufgabe gemacht, über die Symptome aufzuklären und zur Behandlung beizutragen.
Was ist Myasthenia Gravis?
Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der fehlgesteuerte Antikörper die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln stören. Die Erkrankung ist nicht heilbar, aber es gibt medikamentöse Therapien, die die Symptome lindern und den Verlauf günstig beeinflussen können. Am Deutschen Zentrum Immuntherapie kann die Erkrankung in interdisziplinärer Zusammenarbeit auch mittels Immuntherapie behandelt werden.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der Myasthenia gravis sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Thymusdrüse eine entscheidende Rolle spielt. Bei vielen Patientinnen und Patienten mit Myasthenie ist die Thymusdrüse vergrößert und überaktiv. Die Entfernung der Thymusdrüse führt in einigen Fällen zur Besserung der Symptome. Allerdings kann eine vergrößerte Thymusdrüse auch ein Anzeichen für einen Thymus-Tumor (Thymom) sein.
Hormonelle Faktoren, insbesondere Östrogene und Progesteron, könnten das Risiko einer Myasthenia gravis erhöhen oder die Erkrankung beeinflussen. Frauen mit frühem Krankheitsbeginn sind häufiger betroffen als Männer. Auch Stressfaktoren wie Infekte, bestimmte Medikamente, grelles Licht oder Hitze können die Symptome verschlimmern. Genetische Faktoren scheinen eine geringere Rolle zu spielen, da nur wenige Erkrankungsfälle mit einer familiären Häufung assoziiert sind.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Die Myasthenia gravis wird zu den seltenen Erkrankungen gezählt. In Europa berichten Studiendaten von einer Prävalenz zwischen 11 und 36 pro 100.000 Einwohner. Die geschätzte Prävalenz in Deutschland liegt bei rund 39 betroffenen Personen pro 100.000 Einwohnern. Weltweit sind über 700.000 Menschen an Myasthenia gravis erkrankt.
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Grundsätzlich kann eine Myasthenia gravis in jeder Altersklasse auftreten, wobei die Wahrscheinlichkeit zu erkranken mit Zunahme des Alters ansteigt. Besonders häufig tritt die Erkrankung bei Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren und bei Männern zwischen 60 und 89 Jahren auf.
Signalübertragung an der motorischen Endplatte
Die Signalübertragung zwischen Nerven- und Muskelzellen findet an den Übergängen der beiden Zellen, der sogenannten motorischen Endplatte, statt. Eine angeregte Nervenzelle schüttet verschiedene Botenstoffe sogenannte Neurotransmitter, wie z. B. Acetylcholin an dieser motorischen Endplatte aus. Der Botenstoff wandert von dort durch den synaptischen Spalt in Richtung des Muskels, bindet dort an Rezeptoren auf der Muskelzelloberfläche und überträgt auf diesem Weg das Signal der Nervenzelle. In Folge der Signalübertragung kommt es zur Kontraktion des Muskels.
Bei gesunden Menschen stellt das Immunsystem Antikörper her, die Krankheitserreger erkennen und bekämpfen können, um den Köper vor Infektionen zu schützen. Bei einer Myasthenia gravis werden sogenannte Autoantikörper gebildet, die sich gegen körpereigenes Gewebe richten. Sie docken an den Rezeptoren der Muskelzelle an und blockieren oder verändern diese. An den besetzten Rezeptoren können dann keine Botenstoffe aus der Nervenzelle mehr andocken und die Signalübertragung auf den Muskel wird verhindert.
Symptome der Myasthenie
Die Symptome der Myasthenia gravis sind sehr vielseitig und von Person zu Person unterschiedlich. Sie können sich im Laufe der Zeit verändern und sind oft unspezifisch, was die Diagnose erschwert. Das Kardinalssymptom ist der Zeitpunkt des Auftretens bzw. der Intensivierung der Symptome und wann sie nachlassen.
Typische Symptome sind:
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- Augensymptome: Hängende Augenlider (Ptose), Doppelbilder (Diplopie), Sehstörungen
- Sprech- und Schluckstörungen: Abgehacktes, stakkatoartiges, gehauchtes, unregelmäßiges, unpräzises und monotones Sprechen, Schluckbeschwerden
- Muskelschwäche: Belastungsabhängige Muskelschwäche, die sich bei Anstrengung und zum Abend hin verstärkt. Betroffen sein können die Muskeln in Armen und Beinen, sowie die Muskeln, die für Sprechen und Schlucken verantwortlich sind.
- Atembeschwerden: In schweren Fällen kann die Atemmuskulatur betroffen sein, was zu Ateminsuffizienz führen kann.
- Fatigue: Starke, anhaltende Erschöpfung, die sowohl kognitiv als auch motorisch auftreten kann.
Die Symptome nehmen in der Regel bei Anstrengung und zum Abend hin zu. Erholungsphasen können helfen, die Beschwerden wieder zu lindern. Seelische Belastungen, Schlafmangel, Alkoholkonsum, Fieber sowie grippale Infekte können die Störungen ebenfalls verstärken.
Typischer Krankheitsverlauf
Typisch für den Krankheitsverlauf bei einer Myasthenia gravis ist, dass sich die Erkrankung häufig zunächst nur auf die Augenmuskeln, die sogenannte okuläre Muskulatur, auswirkt. Bei etwa 85 % der Betroffenen äußern sich die ersten Symptome in diesem Bereich beispielsweise durch das Hängen der Augenlider oder das Sehen von Doppelbildern. Bei etwa 50 % der Patient:innen weitet sich die Erkrankung innerhalb von 2 Jahren zu einer generalisierten, also weitere Bereiche des Körpers betreffenden, Muskelschwäche aus. Etwa 60 % der Patient:innen erleiden Einschränkungen im Bereich der Rachenmuskulatur, wodurch die Bewegung des Kiefers und somit auch das Kauen und Sprechen erschwert wird. Die Erkrankung kann sich außerdem auf die Skelettmuskulatur in den Armen und Beinen auswirken. In seltenen Fällen erleiden die Betroffenen innerhalb der ersten 2 Jahre nach Krankheitsausbruch Symptome bezüglich ihrer Atemmuskulatur.
Myasthene Krise
Ein Schub (myasthene Krise) wird von ca. 10-15 % aller Patientinnen und Patienten mit Myasthenie mindestens einmal im Leben erleiden. Auslöser eines solchen Schubs sind oft Infektionskrankheiten. Bei besonders schweren Fällen weitet sich die Erkrankung neben der Rachen- auch auf die Atemmuskulatur aus: Patient:innen erleiden Probleme beim Atmen und das Risiko für eine Atemlähmung steigt. Man spricht dann von einer myasthenen Krise: Dabei handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand, der durch eine rapide Verschlechterung der Symptomatik verursacht wird. Die Betroffenen benötigen meist eine mechanische Beatmung und/oder künstliche Ernährung.
Auswirkungen auf den Körper
Die Myasthenia gravis kann verschiedene Auswirkungen auf den Körper haben:
- Augen: Schwäche der Augenmuskeln, hängende Augenlider, verschwommenes oder doppeltes Sehen
- Nacken, Rücken und Schultern: Müdigkeit, Schmerzen, Schwäche, Krämpfe
- Kernbereich: Schwäche
- Arme und Finger: Krämpfe, Schwierigkeiten beim Greifen und Heben, Kraftverlust, Schmerzen, Müdigkeit
- Gesicht: Schwierigkeiten beim Kauen, Ermüdung des Kiefers, Verschlucken oder Erbrechen, Erschlaffung der Gesichtsmuskeln
- Stimme: Müdigkeit, Schwierigkeiten beim Sprechen, Veränderungen der Stimme
- Atmung: Müdigkeit, flache Atmung, Kurzatmigkeit
- Füße, Beine und Hüfte: Krämpfe, Müdigkeit und Schwäche, Zuckungen, Schmerzen
Diagnose der Myasthenie
Ein großes Problem bei der Diagnose der Erkrankung ist, dass die Symptome dem Krankheitsbild häufig nicht richtig bzw. frühzeitig zugeordnet werden. Deshalb ist es wichtig, dass sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Angehörige und Betroffene besser darüber informiert werden, welche Anzeichen auf eine Myasthenie hinweisen können.
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Die Diagnose der Myasthenia gravis erfolgt durch verschiedene Verfahren:
- Klinische Anamnese: Erhebung der medizinischen Vorgeschichte und Untersuchung spezifischer Symptome
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Muskelkraft, Reflexe und Koordination
- Pharmakologische Tests: Injektion von Edrophoniumchlorid oder Verabreichung von Pyridostigmin zur kurzzeitigen Verbesserung der Muskelspannung
- Blutuntersuchungen: Nachweis von Antikörpern gegen Acetylcholinrezeptoren, MuSK, LRP4 oder Titin
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Repetitive Nervenstimulation und Einzelfaser-Elektromyographie (EMG) zur Messung der elektrischen Aktivität zwischen Gehirn und Muskeln
- Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zur Untersuchung der Thymusdrüse
- Lungenfunktionstests: Überprüfung der Auswirkungen auf die Atmung
Differenzialdiagnose
Die Diagnose einer Myasthenia gravis muss von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abgegrenzt werden, wie z.B. dem Lambert-Eaton-Syndrom, der Multiplen Sklerose, dem Muskelschwund und Muskelschmerzen, einem Schlaganfall oder einem Hirntumor. Auch Medikamente können Symptome einer Myasthenia gravis auslösen.
Formen der Myasthenia Gravis
Die Myasthenia gravis kann anhand verschiedener Kriterien in unterschiedliche Formen unterteilt werden:
- Form mit frühem Krankheitsbeginn: Beginn vor dem 50. Lebensjahr, häufig mit Vergrößerung der Thymusdrüse, meist bei Frauen
- Form mit spätem Krankheitsbeginn: Beginn nach dem 50. Lebensjahr, Thymusdrüse selten vergrößert, meist bei Männern
- Thymom-assoziierte Form: Vorliegen eines Tumors der Thymusdrüse (Thymom), betrifft 10-15 % der Fälle
- MuSK-assoziierte Form: Nachweisbare Autoantikörper gegen skelettmuskelspezifische Rezeptortyrosinkinase (MuSK), Muskelschwäche vor allem im Bereich von Kopf und Nacken
- Form ohne nachweisbare Antikörper gegen Acetylcholin oder MuSK: Verschiedene Unterformen möglich, beispielsweise andere nachweisbare Autoantikörper wie z. B. Antikörper gegen das Rezeptorprotein LRP4
Schweregrade
Zur Einteilung des Schweregrades von Myasthenia gravis werden verschiedene Klassen verwendet, die sich nach der auftretenden Symptomatik richten:
- Klasse I: rein okulär, betriff nur den Bereich der Augenmuskulatur, andere Muskeln sind unauffällig
- Klasse II: leichte bis mäßige generalisierter Schweregrad, bei dem neben der Augenmuskulatur auch andere Muskeln betroffen sind
- Klasse III: mäßiger generalisierter Schweregrad, bei dem neben der Augenmuskulatur auch andere Muskeln betroffen sind
- Klasse IV: schwerer generalisierter Schweregrad, bei dem neben der Augenmuskulatur auch andere Muskeln betroffen sind
Behandlung der Myasthenie
Ziel der Therapie bei Myasthenia gravis ist es, eine weitgehende Beschwerdefreiheit bei guter Verträglichkeit der Therapie zu erreichen. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:
- Medikamentöse Therapie:
- Acetylcholinesterasehemmer: Bremsen den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin und verbessern die Reizübertragung von den Nerven zu den Muskeln.
- Kortison: Dämpft die Überaktivität des Immunsystems.
- Immunsuppressiva: Bremsen die Neubildung von Antikörpern.
- Biologika: Neuartige monoklonale Antikörper, die spezifisch in den Krankheitsprozess eingreifen.
- Thymektomie: Entfernung der Thymusdrüse, insbesondere bei Vorliegen eines Thymoms oder einer Vergrößerung der Thymusdrüse.
- Immuntherapie: Bei dieser kommen spezielle Immuntherapeutika zum Einsatz, die die Bildung schädigender Antikörper unterdrücken.
Medikamente
Kortison zählt zu den Standardtherapeutika. Mit dem körpereigenen Hormon wird die Überaktivität des Immunsystems gedämpft. Immunsuppressiva werden eingesetzt, um die Neubildung von Antikörpern zu bremsen. Sie haben in der Regel während einer Langzeitbehandlung weniger starke Nebenwirkungen als Kortison. Der Behandlungserfolg tritt mit diesen Medikamenten jedoch erst mit einer gewissen Verzögerung ein. Biologika sind neuartige monoklonale Antikörper wie Rituximab und Eculizumab, greifen spezifisch in den Krankheitsprozess ein und können das Krankheitsgeschehen in bestimmten Konstellationen nachhaltig positiv zu beeinflussen.
Umgang mit Müdigkeit (Fatigue)
Viele Betroffene von Myasthenia gravis leiden zusätzlich zu ihren körperlichen Beschwerden unter einer sogenannten Fatigue. Die Fatigue bei Myasthenia gravis ist mehr als eine bloße Müdigkeit. Betroffene fühlen sich energielos, apathisch, haben ein erhöhtes Schlafbedürfnis und leiden unter Konzentrationsproblemen.
Die genauen Ursachen der Fatigue bei Myasthenie-Patient:innen sind bislang nicht geklärt. Studien weisen darauf hin, dass eine Überaktivierung des Immunsystems eine Rolle spielen könnte, aber auch psychische Belastungen, insbesondere Depressionen und Ängste.
Strategien zur Linderung von Fatigue
Obwohl es bislang keine einheitliche Behandlung gibt, gibt es verschiedene Ansätze, um die Symptome zu lindern und die Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen zu verringern:
- Optimale medikamentöse Einstellung: Eine gut eingestellte Medikation kann die Fatigue reduzieren.
- Psychotherapeutische Begleitung: Kann helfen, Stress zu reduzieren und Bewältigungsstrategien für den Umgang mit der Erkrankung zu erlernen.
- Neuropsychologische Therapieansätze: Können unterstützend wirken.
- Ruhephasen: Regelmäßige Ruhephasen während des Tages können helfen, die Erschöpfung zu reduzieren.
- Anpassung des Lebensstils: Vermeidung von Stressfaktoren, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung können sich positiv auswirken.
Auswirkungen auf den Alltag
Die Diagnose Myasthenia gravis wirkt sich auf alle Lebensbereiche der Betroffenen aus. Die kognitive Fatigue äußert sich in geistiger Erschöpfung, was zu Konzentrations- und Gedächtnisproblemen sowie Schwierigkeiten bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben führen kann. Die motorische Fatigue hingegen sorgt dafür, dass selbst geringe körperliche Anstrengungen starke Erschöpfung hervorrufen können - auch bei weniger stark ausgeprägter Muskelschwäche. Dazu kommt, dass die notwendigen Erholungsphasen deutlich länger sind als bei gesunden Menschen oder es nie zu einer vollständigen Erholung kommt, weshalb Betroffene oft dauerhaft mit der Fatigue leben müssen.
Mit der Zeit merken Patient:innen, dass ihre Leistungsfähigkeit spürbar nachlässt. Sie benötigen Ruhephasen während des Tages oder sind aufgrund von Konzentrationsschwierigkeiten nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben.
Leben mit Myasthenie
Dank der heutigen Behandlungsmöglichkeiten ist der Verlauf der Erkrankung in der Regel günstig und führt nicht mehr zu einer Verkürzung der Lebenserwartung. Die meisten Patientinnen und Patienten können trotz Einschränkungen ihrer körperlichen Belastbarkeit ein weitgehend normales Leben führen und ihren Beruf ausüben. Es gibt jedoch keine Möglichkeit, die Muskelkraft vollständig wiederherzustellen. Alle Patientinnen und Patienten müssen ihre individuellen Belastungsgrenzen herausfinden.
Es besteht die Hoffnung, dass zukünftige Forschung noch bessere Behandlungsmöglichkeiten hervorbringt.
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