Geist und Gehirn: Eine Auseinandersetzung mit Thomas Nagels Thesen

Die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn ist ein zentrales Thema der Philosophie und der kognitiven Wissenschaften. Immer wieder werden die Empfindungsqualitäten des subjektiven Erlebens, die sogenannten Qualia, als Einwand gegen eine vollständige Naturalisierung psychischer Phänomene angeführt. Nicht selten haften ihnen geradezu mystische Qualitäten an. Thomas Nagel hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und Thesen formuliert, die bis heute diskutiert werden.

Die Qualia-Problematik und das Leib-Seele-Problem

Im Kern der Debatte steht das Leib-Seele-Problem, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie mentale Zustände mit physischen Zuständen des Gehirns zusammenhängen. Eine zentrale Herausforderung ist dabei die Erklärung der Qualia, also der subjektiven, qualitativen Eigenschaften unserer Erfahrung. Nagel argumentiert, dass wir keine Möglichkeit haben, jemals nachzufühlen und wirklich zu verstehen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Dem Umstand, dass es “irgendwie ist” bzw. dass es “sich irgendwie anfühlt”, eine Farbe zu sehen oder mich als mich selbst zu erleben, usw. verdankt sich auch der Begriff der Qualia (qua, lat. wie).

Leibniz' Mühlenbeispiel und moderne Qualia-Argumente

G. W. Leibniz hat in seiner Monadologie (1714) mit seinem berühmten Mühlenbeispiel das Grundproblem der kognitiven Neurowissenschaften auf den Punkt gebracht: “Denkt man sich etwa eine Maschine, deren Einrichtung so beschaffen wäre, daß sie zu denken, zu empfinden und zu perzipieren vermöchte. So kann man sie sich unter Beibehaltung derselben Verhältnisse vergrößert denken, sodaß man in sie wie in eine Mühle eintreten könnte. Untersucht man alsdann ihr Inneres, so wird man nichts als Stücke finden, die einander stoßen, niemals aber Etwas, woraus man eine Perzeption erklären könnte.”

Die modernen Qualia-Argumente von Frank Jackson (Mary, die Farbforscherin, die nie Farbe gesehen hat) und anderen Autoren variieren und vertiefen den Leibnizschen Gedanken. Sie markieren damit aber die Erklärungslücke (explanatory gap) bzw. das hard problem (David Chalmers) des Leib-Seele-Problems, für das ihrer Meinung nach noch niemand eine Lösung hat (nicht einmal Daniel Dennett in seinem epochalen Werk Consciousness explained).

Nagels Position zum Leib-Seele-Problem

Nagel selbst teilt die naturalistische These, dass das Psychische sich vollständig hirnphysiologischen Vorgängen verdankt, und vertritt die Auffassung, dass das Leib-Seele-Problem heute ausschließlich ein naturwissenschaftliches und kein philosophisches Problem mehr ist. Er geht also davon aus, dass irgendwann einmal eine naturwissenschaftliche Theorie die psychischen Phänomene erklären können wird - und gerade nicht eine philosophisch-konzeptuelle Argumentation oder Begriffsanalyse.

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Die Sonderstellung des Gehirns

Nagel betont die absolute Sonderstellung des Gehirns im Organismus, und zwar die Sonderstellung dieses Organs in Bezug zu mir als Person. Er führt ein Gedankenexperiment an: Während meine sämtlichen Organe transplantiert und mit Dritten noch zu Lebzeiten ausgetauscht werden könnten - Niere, Leber, Herz und sogar meine Augen, meine Hände und mein Gesicht! - ist das beim Gehirn prinzipiell unmöglich. Würde ich mit einem Dritten mein Gehirn gegen seines tauschen, wäre das Ergebnis nicht, dass ich ein neues Gehirn in meinem alten Körper hätte, sondern dass ich (samt meines transferierten alten Gehirns) in einem anderen Körper steckte. (Ganz-)Hirntransplantation ist aus prinzipiellen Gründen absolut unmöglich; denn sie wäre immer “nur” eine Ganzkörpertransplantation, und zwar ohne Gehirn.

Das Gehirn als "Ich"

Nagel argumentiert, dass das Gehirn nicht ein Anderes meiner Selbst ist. Mein Gehirn steht mir nicht gegenüber (wie mein Herz), und von meinem Gehirn kann ich mich prinzipiell nicht trennen - es stellt sich die Frage, ob hier überhaupt ein Verhältnis (zwischen zwei Verschiedenen) besteht?! Eher hat mein Gehirn zeitweise ein Ich (bzw. mich), als dass mein Ich (bzw. ich) ein Gehirn “hätte”. Dieses Ich ist natürlich nicht dasselbe wie ein Gehirn, es ist ja die Gesamtheit und Integrität des eigenen Verhaltens und Erlebens über die ganze Lebensspanne. Aber wir müssen dieses Ich und dessen Gehirn so eng wie möglich zusammen und letztlich in eins denken - und zwar wesentlich stärker als wir das gemeinhin tun.

Die Einheit von Person und Gehirn

Alle Versuche einer Erklärung des Psychischen müssen die Einheit der erlebenden Person und ihres Gehirns denken, vielleicht sogar von dieser Einheit ausgehen. Latente Dualismen, die eine Art “Verhältnis” zwischen zwei Verschiedenen (einerseits Ich, andererseits Gehirn) annehmen und aufklären wollen oder die eine Art Gegenüberstellung von Ich und Gehirn suggerieren, müssen notwendig scheitern; sie verstellen auch mögliche Lösungen, weil die Frage sozusagen von Anfang an schon falsch gestellt wird. Wir haben es hier mit komplexen funktionellen Zusammenhängen innerhalb eines materiellen Systems und im Austausch dieses Systems mit seiner materiellen Umgebung zu tun - nicht mit zwei getrennten Substanzen.

Nagels Doppelaspekttheorie

Thomas Nagels Doppelaspekttheorie bietet einen innovativen Ansatz zum Verständnis des menschlichen Bewusstseins. Nagel argumentiert, dass der Mensch aus einem Körper bzw. einem Gehirn besteht, wobei das Gehirn als Ort des Bewusstseins fungiert. Die Theorie betont, dass unsere Erlebnisvorgänge zu einer subjektiven Wahrnehmung der Realität führen, die über rein physikalische Prozesse hinausgeht. Nagels Theorie überwindet somit den klassischen Leib-Seele-Dualismus und bietet eine ganzheitliche Perspektive auf das menschliche Bewusstsein. Diese Erkenntnis hat weitreichende Implikationen für unser Verständnis von Geist und Materie und bietet neue Ansätze für die Erforschung des Bewusstseins in Philosophie und Neurowissenschaften.

Kritik an Nagel und alternative Perspektiven

Nagels Thesen sind nicht unumstritten. Daniel Dennett beispielsweise argumentiert, dass das Bewusstsein keine Ausnahme von der Regel sei, dass sich alles durch seine Beziehungen zu anderen Dingen erklären lässt. Er kritisiert Nagels Qualia-Begriff und plädiert für eine rein funktionale Erklärung des Bewusstseins.

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Andere Philosophen betonen die Bedeutung der Subjektivität und der ersten Person-Perspektive für das Verständnis des Bewusstseins. Sie argumentieren, dass eine rein objektive, naturwissenschaftliche Erklärung des Bewusstseins unvollständig bleiben muss.

Geist und Kosmos: Nagels Kritik am Materialismus

In seinem Buch "Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist" (2012) kritisiert Nagel die reduktionistische Sichtweise des Materialismus. Er argumentiert, dass der Geist nicht einfach aus der Materie entstanden sein kann, sondern dass Geist von Anfang an im Spiel war. Nagel bemüht sich um eine Minimaldefinition: Geist und Materie hängen miteinander zusammen. Geist meint zunächst einmal nicht mehr als Intelligibilität der Welt, also dass sie für uns verständlich ist. Dass der Kosmos eine Ordnung hat, für die die Naturgesetze gelten. Die Innenperspektive auf die Welt, die Subjektivität ließe sich anders nicht verstehen, oder besser: Geist ist diese Innenperspektive, Bewusstsein.

Teleologie und die Rolle der Vernunft

Nagel plädiert für eine teleologische Sichtweise der Natur, die eine gerichtete Entwicklung hin zu mehr Komplexität und Bewusstsein annimmt. Er betont die Rolle der Vernunft als Wahrheitskriterium und argumentiert, dass die Vernunft mit der Materie immer schon verwoben sein muss.

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