Angststörungen und Schlafstörungen sind zwei weit verbreitete psychische Gesundheitsprobleme, die oft miteinander einhergehen. Tatsächlich leiden etwa die Hälfte aller Menschen mit Schlafstörungen auch an einer Angststörung und umgekehrt. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen angstbedingter neurologischer Schlafstörungen und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor.
Einführung in Angst und Angststörungen
Angst ist ein natürliches Gefühl, das uns vor Gefahren warnt. Sie kann sich in Form von Herzklopfen, feuchten Händen oder Zittern äußern. Angst wird jedoch dann zu einem Problem, wenn sie unangemessen stark, lang anhaltend und ohne ausreichenden Grund auftritt. In solchen Fällen spricht man von einer Angststörung. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. In Deutschland leiden rund 15 Prozent der 18- bis 79-Jährigen darunter, wobei Frauen mehr als doppelt so häufig betroffen sind wie Männer.
Symptome einer Angststörung
Angststörungen können sich durch eine Vielzahl von emotionalen, kognitiven, körperlichen und Verhaltenssymptomen äußern.
Emotionale Symptome:
- Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Überforderung
- Mangel an Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit
- Nervosität und innere Unruhe
- Reizempfindlichkeit
- Erwartungsängste (Angst vor der Angst)
- Stimmungsschwankungen, Resignation, Bedrückung bis hin zu Depressionen
- Unfähigkeit, sich zu entspannen
- Ermüdung, Erschöpfung und Schlafstörungen
- Gefühle der Unwirklichkeit, des Neben-sich-Stehens, der Beengung und Unfreiheit
Kognitive Symptome:
- Wahrnehmung von Dingen und Geschehnissen als Gefahr und Bedrohung
- Innere Monologe wie "Ich schaffe das nicht und werde es nie schaffen"
- Erhöhte Sorgenbereitschaft und pessimistisches Denken
- Befürchtung, sich zu blamieren, die Kontrolle über sich zu verlieren, hilflos ausgeliefert zu sein, verrückt zu werden oder zu sterben
- Konzentrationsstörungen, Ablenkbarkeit und Vergesslichkeit
Körperliche Symptome:
- Dumpfer Kopfdruck und Benommenheitsgefühle
- Schwindel, Schwank- bzw. Unsicherheitsgefühl
- Hautblässe oder Neigung zum Erröten
- Ohrenrauschen oder sonstige Ohrgeräusche
- Sehstörungen
- Zittern bzw. allgemeines Schwächegefühl
- Muskelanspannung bis hin zu Muskelschmerzen, Muskelzuckungen und Tics
- Diffuse Missempfindungen der Haut
- Schweißneigung oder Schweißausbrüche, Gänsehaut, Kälteschauer
- Druck-, Enge- und Beklemmungsgefühle in der Brust, Herzklopfen, Herzjagen, Herzstolpern bzw. Extraschläge, erhöhter oder auch niedriger Blutdruck
- Gefühl der Atemnot, beschleunigte Atmung bzw. Hyperventilation
- Übelkeit, Sodbrennen, Völlegefühl, diffuser Magendruck
- Enge- bzw. Würgegefühl im Hals, manchmal mit Schluckbeschwerden
- Appetitlosigkeit oder auch Anfälle von Heißhunger
- Blähungen, Magen- und Darmkrämpfe, Neigung zu Durchfall und Verstopfung
- Harndrang mit vermehrtem und häufigem Wasserlassen
- Nachlassen von sexuellem Verlangen, sexuelle Funktionsstörungen
Verhaltenssymptome:
- Vermeidungsverhalten
- Rückzug von sozialen Kontakten
- Hilfesuchendes Verhalten
- Nervöses, unruhiges und reizbares bis aggressives Verhalten
- Ausgeprägte Rast- und Ruhelosigkeit sowie unablässiger Aktivitätsdrang bis hin zu kontraphobischem Verhalten
Formen der Angst
Es gibt verschiedene Formen von Angststörungen, darunter:
- Panikstörung und Panikattacke: Plötzliche, schwere Angstanfälle, die scheinbar ohne äußeren Anlass auftreten.
- Generalisierte Angststörung: Lang anhaltende und ausgeprägte Sorgen und Befürchtungen, die verschiedene Lebensbereiche betreffen.
- Phobische Ängste / Phobien: Ängste in bestimmten Situationen oder vor bestimmten Personen, Objekten oder Tieren, auch wenn diese eigentlich ungefährlich sind.
- Agoraphobie: Angst vor Situationen, in denen es vermeintlich keine Fluchtmöglichkeit gibt oder in denen man durch einen Angstanfall peinliches Aufsehen erregen könnte.
Schlafstörungen und ihre Verbindung zu Angst
Schlafstörungen sind nicht nur eine lästige Nebenerscheinung, sondern können den Alltag und die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Sie treten häufig in Verbindung mit Depressionen und Angststörungen auf. Schlafstörungen können sich in unterschiedlicher Form äußern:
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- Schlaflosigkeit (Insomnie): Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen.
- Übermäßiger Schlaf (Hypersomnie): Trotz ausreichend Schlaf das Gefühl, nicht erholt zu sein.
- Gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus: Unregelmäßige Schlafzeiten.
Symptome von Schlafstörungen
- Einschlafprobleme
- Häufiges nächtliches Erwachen
- Aufschrecken kurz vor dem Einschlafen
- Frühes Erwachen ohne Wiedereinschlafen
- Gefühl, "nie richtig geschlafen" zu haben
- Tagesmüdigkeit und Erschöpfung
- Konzentrationsstörungen
- Leistungseinbrüche im Alltag oder Beruf
- Erhöhte Reizbarkeit, emotionale Labilität
- Antriebslosigkeit, Interessenverlust
- Kopfschmerzen
- Gefühl von "benebelt sein"
- Grübelzwang, kreisende Gedanken vor dem Einschlafen
- Angst vor der Nacht / vor dem Zubettgehen
- Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmung
- Innere Unruhe und körperliche Anspannung
- Herzrasen
Schlafphasen und ihre Bedeutung
Ein gesunder Schlaf besteht aus verschiedenen Schlafzyklen, die sich während der Nacht mehrmals wiederholen. Jeder Zyklus dauert etwa 90 Minuten und besteht aus verschiedenen Schlafphasen:
- Non-REM-Schlaf:
- Phase 1 (Einschlafphase): Übergangsphase zwischen Wachsein und Schlaf.
- Phase 2 (leichter Schlaf): Körpertemperatur sinkt, Herzschlag und Atmung werden gleichmäßiger.
- Phase 3 (Tiefschlaf): Erholsamste Phase, wichtig für die körperliche Regeneration.
- REM-Schlaf (Rapid Eye Movement): Gehirn ist äußerst aktiv, Träume treten auf, wichtig für die mentale Regeneration.
Bei Depressionen und Angststörungen können Veränderungen in diesen Schlafphasen auftreten, wie z.B. eine Verkürzung des Tiefschlafs und eine Veränderung des REM-Schlafs.
Schlafstörungen als Ursache und Folge von Angst
Schlafstörungen und Angst verstärken sich häufig gegenseitig. Angstzustände am Abend oder in der Nacht können zu erheblichen Schwierigkeiten beim Einschlafen führen. Viele Betroffene erleben Symptome wie Herzrasen, innere Unruhe oder Panikattacken, wenn sie versuchen zur Ruhe zu kommen. Umgekehrt kann Schlafmangel die Stressverarbeitung beeinträchtigen und die Anfälligkeit für Angst erhöhen.
Studien haben gezeigt, dass Schlafstörungen oft ein frühes Warnsignal für eine sich anbahnende Depression sein können. Veränderungen im Schlaf können das emotionale Gleichgewicht empfindlicher machen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine depressive Episode zu entwickeln.
Ursachen angstbedingter neurologischer Schlafstörungen
Angstbedingte neurologische Schlafstörungen können verschiedene Ursachen haben, die oft miteinander verknüpft sind:
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- Psychische Belastung und Stress: Sorgen, Grübeleien und Ängste aktivieren das Stresssystem und erschweren das Einschlafen.
- Veränderte Stresshormonregulation: Bei Angststörungen befindet sich der Körper permanent in einem Kampf-Flucht-Mechanismus, was zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol führt. Dies kann den Schlaf beeinträchtigen.
- Neurobiologische Veränderungen: Schlafstörungen können durch Veränderungen in den natürlichen Schlafphasen erklärt werden. So verkürzt sich oft die Dauer des Tiefschlafs, während die REM-Schlafphasen früher und intensiver auftreten.
- Genetische Faktoren: Eine genetische Veranlagung kann das Risiko für die Entwicklung von Angststörungen und damit verbundenen Schlafstörungen erhöhen.
- Umweltfaktoren: Traumatische Ereignisse, chronischer Stress oder belastende Lebensereignisse können ebenfalls zu Angststörungen und Schlafstörungen führen.
- Psychologische Faktoren: Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus oder unrealistische Erwartungen an sich selbst können die Anfälligkeit für Angststörungen erhöhen.
Behandlung von angstbedingten neurologischen Schlafstörungen
Die Behandlung von angstbedingten neurologischen Schlafstörungen zielt darauf ab, sowohl die Angst als auch die Schlafstörung zu behandeln. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die je nach Schweregrad und individuellen Bedürfnissen eingesetzt werden können:
Psychotherapie
- Verhaltenstherapie: Hilft, angstauslösende Gedanken und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern.
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Eine Kombination aus Verhaltenstherapie und kognitiver Therapie, die darauf abzielt, negative Denkmuster zu identifizieren und zu verändern.
- Tiefenpsychologische Therapie: Untersucht die unbewussten Hintergründe der Angststörung.
- EMDR-Therapie: Eine spezielle Therapieform zur Behandlung von Traumafolgestörungen.
Medikamentöse Behandlung
- Antidepressiva: Können sowohl bei Angststörungen als auch bei Schlafstörungen helfen. Serotoninaufnahmehemmer (SSRI) werden häufig eingesetzt.
- Anxiolytika (Angstlöser): Können kurzfristig zur Linderung von Angstsymptomen eingesetzt werden, sollten aber nicht langfristig eingenommen werden, da sie abhängig machen können.
- Schlafmittel: Können kurzfristig bei Schlafstörungen helfen, sollten aber ebenfalls nicht langfristig eingenommen werden, da sie zu Gewöhnungseffekten führen können.
Entspannungstechniken
- Meditation: Hilft, den Geist zu beruhigen und Stress abzubauen.
- Yoga: Fördert die Entspannung von Körper und Geist.
- Progressive Muskelentspannung: Hilft, Muskelverspannungen zu lösen.
- Achtsamkeitsübungen: Fördern die Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments und helfen, Stress abzubauen.
Schlafhygiene
- Regelmäßige Schlafenszeiten: Legen Sie feste Zeiten für das Zubettgehen und Aufstehen fest, auch an Wochenenden.
- Angenehme Schlafumgebung: Sorgen Sie für ein ruhiges, dunkles und kühles Schlafzimmer.
- Vermeiden Sie Koffein und Alkohol vor dem Schlafengehen: Diese Substanzen können den Schlaf stören.
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Sport kann den Schlaf verbessern, sollte aber nicht kurz vor dem Schlafengehen ausgeübt werden.
- Entspannungsrituale vor dem Schlafengehen: Lesen Sie ein Buch, hören Sie Musik oder nehmen Sie ein warmes Bad.
Weitere hilfreiche Maßnahmen
- Lichttherapie: Kann bei Schlafstörungen helfen, die durch eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus verursacht werden.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit gesunden Fetten, hochwertigen Proteinen und komplexen Kohlenhydraten kann stresslindernd wirken. Vermeiden Sie übermäßigen Zuckerkonsum.
- Soziale Unterstützung: Sprechen Sie mit Freunden oder Familie über Ihre Probleme oder suchen Sie eine Selbsthilfegruppe auf.
Psychische Verspannungen als zusätzliche Belastung
Psychische Verspannungen können die Symptome von Angststörungen und Schlafstörungen verstärken. Sie entstehen durch Stress, Probleme oder Krisen und äußern sich in Form von Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Problemen oder Schlafstörungen.
Ursachen von psychischen Verspannungen
- Beruflicher Stress
- Eigene gesundheitliche Probleme
- Gesundheitliche Probleme von Verwandten
- Stress rund um den Haushalt
- Finanzielle Sorgen
- Ehe- und Partnerschaftsprobleme
- Persönliche Krisen
- Ängste und Depressionen
- Existenzgefährdung durch Kündigung
- Schwangerschaft
- Hoher Freizeitstress
- Umzug
Behandlung von psychischen Verspannungen
- Stressmanagement: Lernen Sie, Stressoren zu erkennen und zu reduzieren.
- Entspannungstechniken: Wenden Sie Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung an.
- Bewegung und Sport: Regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, Verspannungen zu lösen.
- Psychotherapie: Kann helfen, die Ursachen von psychischen Verspannungen zu erkennen und zu bewältigen.
- Massagen: Können Muskelverspannungen lösen und die Entspannung fördern.
Fallbeispiel
Herr M., 43 Jahre alt, stellte sich aufgrund persistierender Schlafstörungen in einer Praxis vor. Die Beschwerden bestehen seit mehreren Monaten und haben sich im Verlauf deutlich verschärft. Zu Beginn trat die Schlaflosigkeit vor allem in stressreichen Phasen unter der Woche auf, doch mittlerweile hält sie auch am Wochenende an. Der Patient schildert, dass es ihm kaum noch gelingt, einzuschlafen - selbst wenn er müde ins Bett geht. Oft liegt er stundenlang wach, wälzt sich hin und her, ohne zur Ruhe zu kommen. Einschlafzeiten von zwei bis vier Stunden sind keine Seltenheit. Auch das nächtliche Erwachen mit Grübelgedanken hat zugenommen.
Inzwischen hat Herr M. eine regelrechte Angst vor dem Zubettgehen entwickelt. Bereits am späten Nachmittag beginnt die Anspannung zu steigen - im Wissen, dass ihm wieder eine schlaflose Nacht bevorstehen könnte. Der daraus resultierende Frust und die ständige Erschöpfung belasten ihn psychisch zunehmend und beeinträchtigen auch seine Leistungsfähigkeit im Alltag. Er fühlt sich tagsüber wie benommen, „wie mit einem Kater, nur ohne Alkohol“, wie er es selbst beschreibt. Die dauerhafte Müdigkeit macht ihn reizbar - er berichtet, dass er im beruflichen Umfeld zunehmend schnell gereizt und teilweise pampig reagiere, was sowohl ihm selbst als auch seinen Kolleg:innen zu schaffen mache.
Zudem quälen ihn tagsüber negative Gedankenspiralen, die er als besonders zermürbend empfindet. Immer wieder dreht sich sein Denken um den Job, über den er sich innerlich ständig ärgert. Er führt gedankliche Diskussionen mit Vorgesetzten oder Kolleg:innen, ohne dass es dafür konkrete Auslöser gäbe. Auch dies trägt dazu bei, dass er abends nicht abschalten kann und innerlich aufgewühlt bleibt.
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Im Anamnesegespräch zeigte sich, dass Herr M. unter einer generalisierten Angststörung leidet. Er erhielt eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Entspannungstechniken, um seine Angst zu bewältigen und seine Schlafhygiene zu verbessern. Nach einigen Wochen berichtete Herr M. von einer deutlichen Verbesserung seines Schlafs und einer Reduktion seiner Angstsymptome.
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