Somatosensorische Störungen umfassen eine Vielzahl von Beschwerden, die das Körpergefühl und die Wahrnehmung betreffen. Diese Störungen können sich durch Schmerzen, Taubheit, Kribbeln oder andere ungewöhnliche Empfindungen äußern. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von neurologischen Erkrankungen bis hin zu psychischen Belastungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von generellen somatosensorischen Störungen.
Einführung in somatoforme Störungen
Somatoforme Störungen sind durch anhaltende körperliche Beschwerden gekennzeichnet, die sich in Art und Ausmaß nicht (alleine) auf eine vorhandene körperliche Erkrankung zurückführen lassen. Charakteristisch ist die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen, trotz wiederholter negativer Ergebnisse und der Versicherung der Ärzte, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind. Die Entstehung und Aufrechterhaltung ist wie bei den meisten psychischen Störungen multifaktoriell zu verstehen. Somatoforme Störungen finden sich bei ca. 80 % der Bevölkerung, die zeitweise auftreten können, sich jedoch in der Regel im Verlauf selbst limitieren, jedoch können bei manchen Personen die Symptome persistieren und bei emotional belastenden Situationen rezidivieren oder chronisch werden. Die Erkrankung zählt zu den häufigsten Ursachen für Konsultationen beim Hausarzt.
Ursachen somatosensorischer Störungen
Die Ursachen für somatosensorische Störungen sind vielfältig und können sowohl physischer als auch psychischer Natur sein. Es ist wichtig, die verschiedenen möglichen Auslöser zu kennen, um eine angemessene Diagnose und Behandlung zu ermöglichen.
Neuropathische Schmerzen
Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Schädigung des somatosensorischen (die Körperwahrnehmung betreffend) Nervensystems. Sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem (im Gehirn und Rückenmark) können betroffen sein. Ursachen sind unter anderem Polyneuropathien (Erkrankung des Nervensystems außerhalb des Gehirns und Rückenmarks), Bandscheibenvorfälle und zentrale Schmerzen nach Rückenmarksverletzungen oder Schlaganfall. Diese Schmerzen treten vorwiegend in Ruhe und nachts auf und haben einen brennenden, elektrisierenden oder einschießenden Charakter. Die Lebensqualität kann durch die Schmerzen erheblich beeinträchtigt sein.
Psychische Faktoren
Psychische Faktoren spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung somatoformer Störungen.
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Mögliche Auslöser somatoformer Störungen:
- Lebenskrisen, wie Scheidung, Trennung vom Partner oder Tod eines Familienangehörigen oder enger Bezugspersonen
- Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen
- Arbeitsplatzverlust oder chronische Überforderung im Job
- Dauerhafter Stress
- Körperliche Erkrankungen, schwere Operationen oder Unfälle
- Einsamkeit
- Frühere Traumatisierungen durch Umweltkatastrophen, Gewaltverbrechen, Missbrauch oder Kriege.
Die betroffene Person reagiert auf diese schwierigen Lebensereignisse mit körperlichen Beschwerden und Schmerzen. Anders formuliert, die Psyche bedient sich des Körpers, um ihr Leiden auszudrücken. Man geht davon aus, dass ca. 30% der Patienten einer Allgemeinarztpraxis unter somatoformen Störungen leiden.
Gesundheitsängste und der Teufelskreis der somatosensorischen Verstärkung:
Der Teufelskreis bei somatoformen Störungen ist ein zyklischer Prozess, der die körperlichen und psychischen Symptome in Form von Beschwerden und Schmerzen verstärkt und auch aufrecht erhalten kann.
- Auslösender Faktor: Ein stressiges Ereignis, eine Konfliktsituation oder eine traumatische Erfahrung.
- Emotionale Belastung: Diese Ereignisse können zu einer starken emotionalen Belastung führen.
- Somatoforme Symptome: Unter dem Einfluss dieser emotionalen Belastung können verschiedene körperliche Beschwerden auftreten.
- Verstärkte Aufmerksamkeit: Die betroffenen Menschen richten ihre Aufmerksamkeit und ihren Fokus verstärkt auf die körperlichen Symptome.
- Erhöhte Sensibilität: Es entsteht eine erhöhte Sensibilität gegenüber körperlichen Empfindungen und die Symptome werden verstärkt wahrgenommen.
- Sorgen und Ängste: Die verstärkte Wahrnehmung der Symptome führt zu Sorgen und Ängsten über mögliche ernsthafte Erkrankungen.
- Wiederholte medizinische Hilfe: Aufgrund der Sorgen und Ängste suchen die betroffenen Personen wiederholt medizinische Hilfe auf und unterziehen sich zahlreichen Untersuchungen.
- Fehlende organische Ursache: Trotz wiederholter medizinischer Untersuchungen zeigen sich oft keine eindeutigen organischen Ursachen für die Symptome.
- Verstärkte Überzeugung: Das Fehlen eines organischen Befundes kann die Überzeugung verstärken, dass die Symptome auf eine nicht erkannte oder nicht ernst genommene körperliche Krankheit zurückzuführen sind.
- Vermeidungsverhalten: Wegen der anhaltenden Symptome und der Sorge vor möglichen körperlichen Ursachen entwickeln die Betroffenen oft Vermeidungsverhalten.
- Soziale Isolation: Das Vermeidungsverhalten und die anhaltenden körperlichen Beschwerden können zu sozialer Isolation, Schwierigkeiten im Berufsleben und einer erhöhten psychischen Belastung führen.
- Verstärkung der Symptome: Die anhaltenden Sorgen, Ängste, körperlichen Beschwerden und Einschränkungen führen zu einer weiteren Verstärkung der Symptome.
Fallbeispiel: Frau C.
Eine 47-jährige adipöse Frau berichtete zunächst von beruflichen Belastungen, die sie als „Mobbing“ bezeichnete; erst später wurde von vorangegangenen traumatischen Erfahrungen berichtet. Gesichtsausdruck, Mimik und Gestik der Patientin wirkten übermäßig misstrauisch und aggressionsbereit; ihre Äußerungen anderen Personen gegenüber waren oft „bissig“, zum Teil verletzend. Mobbing durch die Kollegen war aufgrund des Aussehens und auch der Verhaltensweisen von Frau C. äußerst wahrscheinlich. Die Patientin berichtete von einem Sammelsurium an körperlichen Störungen, darunter phasenhaften Seh- und Leseschwierigkeiten, einem steifen Hals, Bewegungseinschränkungen, Wortfindungsprobleme, Konzentrationsdefizite, Gefühlstaubheit im Gesichtsbereich, häufige und kaum ertragbare Übelkeit und Erbrechen, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Herzrasen, Schlafstörungen, Unterleibsbeschwerden, Schlappheit, Erschöpfungszustände und einem Tremor der rechten Hand. Aus der Jugend wurde von sexuellem Missbrauch berichtet; im Alter von 6 Jahren sei sie von einem etwa 20-jährigen Mann sexuell missbraucht worden, was jahrelange Angsträume zur Folge hatte. Seit der Kindheit besteht ein allergisches Asthma gegen Tierhaare und Hausstaubmilbe. Frau C. erklärte, in ihrem Leben schon immer Probleme mit anderen Menschen gehabt zu haben. Sie sei aufgrund ihres Aussehens („Du sieht ja aus wie eine Bulldogge!“) schon als Schülerin zur Außenseiterin abgestempelt worden, hätte keine Freunde gehabt und sei von anderen gehänselt worden. Dies habe sich später in allen Ausbildungen und Berufen fortgesetzt. Auch zu ihren Schwiegereltern und zu fast allen Verwandten bestehe ein gespanntes Verhältnis. Aus der Anamnese waren rezidivierende Pneumonien, Gastritis und Migräne bekannt. Die Patientin wurde in einem medizinischen Zentrum überaus gründlich untersucht, dort konnte aber lediglich leichter Hypertonus und das bekannte allergische Asthma bronchiale festgestellt werden. Wegen chronischer Unterbauchbeschwerden erfolgte später eine Laparoskopie ohne auffälligen Befund. Der Entlassungsbericht einer mehrwöchigen stationären Reha-Klinik berichtete von Grübeleien über die Situation am Arbeitsplatz, Ängste und Depressionen mit schneller Erschöpfbarkeit, chronischen Schmerzen und Magen-Darm-Beschwerden ohne organischen Befund; auch neurologisch ohne krankhaftes Ergebnis. Die Patientin begab sich unter anderem in psychiatrische Behandlung und erhielt zwei unterschiedliche Antidepressiva, jedoch ohne gravierende Besserung weder von der Stimmung noch des körperlichen Zustandes. Im Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI-R) fanden sich hohe Gehemmtheit, Gefühle der Überforderung, erhebliche psychosomatische Störungen sowie stark erhöhte emotionale Labilität.
Diagnose somatosensorischer Störungen
Die Diagnose von somatosensorischen Störungen erfordert eine umfassende medizinische und psychologische Untersuchung. Es ist wichtig, organische Ursachen auszuschließen und die psychischen Faktoren zu berücksichtigen.
Neurologische Untersuchung
Ziel der Diagnostik ist, die Störung im Nervensystem nachzuweisen und deren Ursache zu ergründen. Dazu steht die gesamte Bandbreite neurologischer Untersuchungsverfahren zur Verfügung. Gemäß der neuen S2K-Leitline zur „Diagnostik und nicht-interventionellen Therapie neuropathischer Schmerzen“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sollten außerdem auch alle Möglichkeiten der kurativen und kausalen Therapie ausgeschöpft werden.
Psychosomatische Anamnese
Im Rahmen der psychosomatischen Anamnese ist es wichtig, die Lebensgeschichte des Patienten, aktuelle Belastungen und frühere Traumatisierungen zu erfragen. Der Patient sollte seine Hilflosigkeit hinsichtlich des subjektiv erlebten Visusverlusts beginnend verbalisieren können. Es sollte nach einer seit ca. 20 Jahren bestehenden rezidivierenden depressiven Störung und häufigen und wechselnden Arztkonsultationen aufgrund langjährig bestehender Magen-Darm-Beschwerden und intermittierenden Herzrhythmusstörungen ohne detektierbaren somatischen Befund trotz zahlreicher Diagnostikmaßnahmen gefragt werden.
Differenzialdiagnostik
Es ist wichtig, andere psychische Störungen wie Angststörungen oder Depressionen auszuschließen oder zu berücksichtigen, da diese oft mit somatoformen Störungen einhergehen.
Diagnostische Kriterien nach ICD-10
Nach ICD-10 lassen sich mehrere Unterformen der somatoformen Störung unterscheiden:
- Somatisierungsstörung: Hierbei treten immer wieder unterschiedliche, häufig wechselnde körperliche Symptome auf, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Sie bestehen über mindestens zwei Jahre und können sich auf jeden Teil des Körpers beziehen.
- Undifferenzierte Somatisierungsstörung: Dieses Erkrankungsbild ähnelt der Somatisierungsstörung, ist aber weniger schwer ausgeprägt. Es treten ebenfalls zahlreiche, unterschiedliche körperliche Beschwerden auf, die über mindestens sechs Monate anhalten.
- Hypochondrische Störung: Von einer hypochondrischen Störung spricht man, wenn jemand sich seit mindestens sechs Monaten ständig mit dem Gedanken beschäftigt, an einer oder mehreren schweren oder fortschreitenden körperlichen Erkrankungen zu leiden.
- Somatoforme autonome Funktionsstörung: Hierbei berichten die Betroffenen über Symptome, die scheinbar auf eine körperliche Erkrankung eines bestimmten Organsystems bzw. des vegetativen Nervensystems hindeuten.
- Anhaltende Schmerzstörung: Hierbei treten mindestens sechs Monate lang schwere und anhaltende Schmerzen auf, die vermutlich ganz oder teilweise psychische Ursachen haben.
Behandlung somatosensorischer Störungen
Die Behandlung von somatosensorischen Störungen ist multimodal und umfasst psychotherapeutische, medikamentöse und physiotherapeutische Ansätze.
Psychotherapie
Der hilfreichste Behandlungsansatz für somatoforme Störungen ist eine Psychotherapie. Wichtig ist aber zunächst, dass der behandelnde Arzt die psychischen Hintergründe der körperlichen Beschwerden erkennt und ernst nimmt - statt dem Betroffenen zu versichern, dass er „nichts hat“. Im nächsten Schritt sollte er versuchen, den Patienten zu einer Psychotherapie zu motivieren und ihm den Sinn dieser Therapie deutlich zu machen. Bei leichterer Symptomatik ist meist eine ambulante Psychotherapie ausreichend, bei schwerer ausgeprägter Symptomatik kann die Behandlung auch stationär in einer psychosomatischen Klinik stattfinden.
Psychotherapeutische Ansätze:
- Kognitive Verhaltenstherapie: Hier wird erfasst, welche Vorstellungen der Patient von der Entstehung seiner Beschwerden hat und ob er einen Zusammenhang mit anderen Faktoren sieht.
- Paar- und Familientherapie: Da die körperlichen Symptome oft in Zusammenhang mit schwierigen Beziehungen und zwischenmenschlichen Konflikten stehen, ist es sinnvoll, den Partner, die Familie oder andere Bezugspersonen in die Therapie einzubeziehen.
- Psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapie: Hier geht es vor allem darum, seelische Konflikte, mögliche Traumatisierungen oder familiäre Belastungen aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, die hinter der Störung stecken können.
Medikamentöse Therapie
Psychopharmaka werden bei somatoformen Störungen meist nur als sinnvoll angesehen, wenn gleichzeitig Symptome einer anderen psychischen Erkrankung auftreten - zum Beispiel einer Depression oder Angststörung. Dabei können sich vor allem Antidepressiva positiv auf die Symptome der somatoformen Störung auswirken. Psychopharmaka sollten immer nur in Kombination mit einer Psychotherapie verwendet werden, weil sie allein kaum einen dauerhaften Effekt haben. Bei einer anhaltenden Schmerzstörung ist es in manchen Fällen sinnvoll, neben einer Psychotherapie auch Schmerzmittel einzusetzen.
Physiotherapie
Physiotherapie kann helfen, Verspannungen zu lösen und die Körperwahrnehmung zu verbessern. Entspannungsverfahren wie progressive Muskelrelaxation (PMR) oder Autogenes Training können ebenfalls hilfreich sein.
Der Fall des 53-jährigen Patienten mit Visusminderung
Ein 53-jähriger Patient stellte sich mit unklarer Visusminderung am linken Auge vor. Trotz umfangreicher ophthalmologischer und neurologischer Untersuchungen konnte keine organische Ursache gefunden werden. Der Patient berichtete von der Angst, sein Augenlicht zu verlieren und seinem Beruf als Fahrlehrer nicht mehr nachgehen zu können. Im Verlauf der psychosomatischen Konsile konnte der Patient seine Hilflosigkeit hinsichtlich des subjektiv erlebten fortschreitenden Visusverlusts beginnend verbalisieren. Es wurde die Diagnose einer Anpassungsstörung (F43.2) vor dem Hintergrund einer vorbekannten Somatisierungsstörung vergeben. Bei der letzten ambulanten Kontrolle 8 Wochen nach Einleitung der Therapie betrug der Visus 0,6 s.c.
Kommunikation und Arzt-Patienten-Beziehung
Eine nicht verurteilende, akzeptierende und vertrauensvolle Kommunikation zwischen behandelndem Arzt und Patient ist hierbei therapeutisch essenziell, um schrittweise eine tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung und Behandlungsmotivation beim Patienten zu etablieren und das häufig bestehende „Ärzte-Hopping“ zu reduzieren. Die Vermittlung eines psychosomatischen Krankheitsverständnisses im Sinne z. B. eines bestehenden ständigen Wechselspiels von körperlichen und seelischen Prozessen spielt eine tragende Rolle. Idealerweise soll eine „Sowohl-als-auch-Haltung“ etabliert werden, die neben den somatischen auch psychosoziale Einflussfaktoren integriert, und somit schrittweise die Motivation beim Patienten entstehen kann, sich in fachpsychosomatische bzw. -psychotherapeutische Behandlung zu begeben.
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