Genetische Epilepsie: Behandlungsmöglichkeiten und aktuelle Entwicklungen

Epileptische Erkrankungen sind vielfältig und können verschiedene Ursachen haben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf genetisch bedingten Epilepsien, die oft schon im Kindesalter beginnen und besondere Herausforderungen an die Behandlung stellen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten bei genetischer Epilepsie und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsansätze.

Was ist genetische Epilepsie?

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns, bei der Nervenzellen übermäßig aktiv sind und unkontrollierte Signale aussenden. Genetische Epilepsie, auch idiopathische Epilepsie genannt, ist eine Form, bei der die Ursache der Erkrankung in den Genen liegt.

Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens zwei epileptische Anfälle ohne erkennbaren Auslöser im Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind oder nach einem ersten Anfall ohne bekannten Auslöser eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre weitere Anfälle auftreten. Letzteres kann angenommen werden, wenn die Krankheit in der Familie bereits häufiger diagnostiziert wurde.

Formen epileptischer Anfälle

Es gibt verschiedene Formen epileptischer Anfälle, die sich in ihren Symptomen und ihrem Verlauf unterscheiden. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat ein Klassifikationssystem entwickelt, um die Anfallsformen nach ihren Merkmalen zu ordnen.

Im ersten Schritt unterscheidet man nach dem Beginn des Anfalls:

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  • Fokaler Beginn: Der Anfall findet in einer Hirnhälfte statt.
  • Generalisierter Beginn: Der Anfall geht von beiden Hirnhälften aus.
  • Unbekannter Beginn: Es ist nicht bekannt, wie der Anfall angefangen hat.

Anfälle mit fokalem Beginn werden danach unterschieden, ob der Betroffene sie bewusst oder nicht bewusst erlebt. Anschließend werden sie nach ihrem anfänglichen Erscheinungsbild klassifiziert, wobei man einen motorischen Beginn (Muskelaktivitäten wie Zuckungen oder Krämpfe) von einem nicht-motorischen Beginn (z. B. Innehalten, kognitive Einschränkungen, emotionales Verhalten, autonome Reaktionen oder sensible/sensorische Störungen) unterscheidet.

Anfälle mit generalisiertem Beginn werden von den Betroffenen niemals bewusst erlebt und nach ihren motorischen und nicht-motorischen Symptomen beschrieben. Nicht-motorische Symptome bei generalisiertem Beginn können auch als Absencen bezeichnet werden, die typischerweise eher bei Kindern auftreten.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen der Epilepsie sind noch nicht vollständig geklärt. In vielen Fällen ist eine Form der Epilepsie schon früher in der Familie aufgetreten, was für eine erbliche Veranlagung spricht. In einigen Fällen kann man Veränderungen im Erbmaterial (Genmutation) erkennen. Manche Anfälle können sich in Folge von Unfällen (posttraumatisch) oder als Reflexantwort ereignen. Bei anderen Anfällen können Veränderungen in der Gehirnstruktur (z. B. eine fokale kortikale Dysplasie) ursächlich sein.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung von genetischer Epilepsie zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren oder die Anfälle vollständig zu verhindern. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die je nach Art und Schwere der Epilepsie eingesetzt werden können.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie ist die häufigste Behandlungsform bei Epilepsie. Antiepileptika sind Medikamente, die die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduzieren und so das Auftreten von Anfällen verhindern sollen. Es gibt eine Vielzahl von Antiepileptika, die sich in ihrer Wirkweise und ihren Nebenwirkungen unterscheiden. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Patienten und anderen individuellen Faktoren ab.

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Bei etwa zwei Drittel der Betroffenen ist eine medikamentöse Therapie mit einem oder zwei Präparaten erfolgreich. Wenn zwei Antikonvulsiva nicht zur Anfallsfreiheit geführt haben, spricht man von einer therapieschweren oder therapieresistenten Epilepsie.

Ein internationales Forscherteam hat herausgefunden, dass Säuglinge, bei denen eine bestimmte Epilepsie in den ersten drei Lebensmonaten ausbricht, von anderen Medikamenten profitieren als Kinder, die später erkranken. Dieser Unterschied wurde für Epilepsien, die durch eine Mutation des Gens SCN2A verursacht werden, aufgedeckt. Kinder mit einem frühen Krankheitsbeginn profitierten der neuen Untersuchung zufolge deutlich von einer medikamentösen Therapie mit Natriumkanal-Blockern.

Tübinger Forschende setzten erstmals ein Medikament ein, das eigentlich gegen Multiple Sklerose zugelassen ist, bei einer genetisch bedingten Form der Epilepsie, bei der Betroffene bereits im ersten Lebensjahr an schweren epileptischen Anfällen leiden. Der Arzneistoff wirkt dem zugrundeliegenden Gendefekt direkt entgegen und linderte erfolgreich die Symptome der Erkrankten. Ursache dieser Form der frühkindlichen Epilepsie ist ein seltener Gendefekt. Mutationen im KCNA2-Gen führen zu geschädigten Kaliumkanälen im Gehirn. Das Forschungsteam behandelte elf Patientinnen und Patienten in individuellen Heilversuchen mit der Arznei. Bei neun von ihnen verbesserten sich die Symptome. Die Anzahl der täglichen epileptischen Anfälle reduzierte sich oder verschwand komplett. Die Patientinnen und Patienten waren im Alltag allgemein deutlich wacher und geistig fitter. Auch ihre Sprache verbesserte sich nach Beginn der Medikamentenbehandlung.

Ketogene Diät und andere Ernährungsformen

Ergänzend zur medikamentösen Therapie können spezielle Ernährungsformen wie die ketogene Diät, die modifizierte Atkins Diät oder die Low-Glycemic-Index-Diät eingeleitet werden. Diese Diäten zielen auf eine Umstellung des Energiestoffwechsels und keineswegs auf eine Gewichtsreduktion.

Epilepsiechirurgie

Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Die Epilepsiechirurgie ist eine Option für Patienten mit einer pharmakoresistenten Epilepsie, bei denen eine Stelle im Gehirn (Fokus) identifiziert werden kann, von der die Anfälle ausgehen.

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Voraussetzung für eine Operationsindikation ist neben der Pharmakoresistenz der Epilepsie die Identifizierung der Anfallsursprungszone (Fokus), die nur dann operativ entfernt wird, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit eine postoperative Anfallsfreiheit ohne zusätzliche neurologische und psychische Defizite vorausgesagt werden kann.

Die Operationen werden meist mit computergestützter Neuronavigation durchgeführt, um den operativen Zugang und das Resektionsausmaß genau planen zu können. Während der Operation wird die Resektion des erkrankten Gewebes mit Hilfe der Navigation kontrolliert. Nachdem das erkrankte Hirngewebe entfernt worden ist, werden von den Rändern der angrenzenden Hirnrinde die Potentiale (Elektrocortikographie) abgeleitet, um eventuell verbliebenes epileptogenes Gewebe zu erkennen und dann zu resezieren.

Bei den operativ behandelbaren Epilepsien können einfach fokale Anfälle und komplex fokale Anfälle auftreten. Bei einem einfach fokalen Anfall bleibt das Bewusstsein stets erhalten, während ein komplex fokaler Anfall immer mit einer Bewusstseinsstörung einhergeht.

In Abhängigkeit von der Ursache der Epilepsie lässt sich durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff in etwa 60 bis 80 % der Fälle eine Anfallsfreiheit oder eine 90 %ige Anfallsreduktion erreichen.

Vagusnervstimulation

Bei Patienten, bei denen die Anfälle an verschiedenen Orten beginnen, so dass die Anfallsursprungszone nicht entfernt werden kann, kann die Implantation eines Vagusstimulators vorgenommen werden. Dabei wird eine Elektrode um den linken Nervus vagus gewickelt und dieser dann über einen Impulsgeber stimuliert. Durch diese Technik lässt sich bei ca. 40 % der Patienten die Anfallshäufigkeit dauerhaft um 50 % senken.

Gentherapie

Ein vielversprechender neuer Ansatz zur Behandlung von Epilepsie ist die Gentherapie. Hierbei wird ein Genvektor verwendet, um genetische Informationen in die Nervenzellen im Gehirn einzuschleusen. Ziel ist es, die Funktion der Nervenzellen so zu verändern, dass sie weniger anfällig für epileptische Anfälle sind.

EpiBlok Therapeutics GmbH entwickelt eine Gentherapie, bei der ein Adeno-assoziiertes Virus (AAV) das Gen für das Neuropeptid Dynorphin gezielt in Neurone der betroffenen Hirnregion bringt. Ziel ist eine langfristige Unterdrückung von Anfällen, indem die Nervenzellen Dynorphin auf Vorrat produzieren und bei Bedarf ausschütten. Die schonende Einmaltherapie wird nur zum Zeitpunkt der Anfallsentstehung aktiviert. Es handelt sich um einen AAV-basierten Genvektor, der schützende Neuropeptide fokal produziert und speichert. Diese werden nur bei starker Erregung freigesetzt, wie zu Beginn eines Anfalls.

Umgang mit einem epileptischen Anfall

Wenn man Zeuge eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt.

Bei leichten epileptischen Anfällen mit wenigen Symptomen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen. Bei Anfällen mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen ist es wichtig, die Person vor Gefahren zu schützen und ihr Halt und Nähe zu vermitteln.

Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollte man den Notruf 112 wählen, für Sicherheit sorgen, den Kopf des Betroffenen abpolstern, seine/ihre Brille abnehmen und enge Kleidung am Hals lockern, um die Atmung zu erleichtern. Man sollte die betroffene Person nicht festhalten oder zu Boden drücken und ihr nichts in den Mund schieben. Nach dem Anfall sollte man bei der Person bleiben und ihr Unterstützung anbieten. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, sollte man sie in die stabile Seitenlage bringen.

Leben mit Epilepsie

Epilepsie kann das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinflussen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die Unterstützung und Informationen anbieten.

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