Epilepsie ist ein komplexes neurologisches Leiden, das durch wiederholte Krampfanfälle gekennzeichnet ist und auf Funktionsstörungen im Gehirn beruht. Diese Anfälle entstehen durch eine plötzliche und exzessive Entladung von Nervenzellen im Gehirn, insbesondere in der Gehirnrinde. Obwohl der Begriff Epilepsie (altgriechisch: epilepsis = Überfall, Angriff) seit der Antike bekannt ist, sind die genauen Ursachen der Erkrankung noch nicht vollständig geklärt.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie beschreibt verschiedene Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems, die sich in Form von epileptischen Anfällen äußern. Es handelt sich bei einem Anfall um vorübergehende Funktionsstörungen von Nervenzellverbänden, die den Körper krampfen lassen können. An Epilepsie erkrankte Menschen erleiden wiederholt und unprovoziert Anfälle.
Epilepsien entstehen an den Nervenzellen im Gehirn. Ausgehend von der Gehirnrinde entladen sich die Zellen plötzlich und exzessiv und lösen so einen Krampfanfall aus. Während eines Epilepsieanfalls sollten gefährliche Gegenstände aus dem Umfeld des Krampfenden geräumt werden.
Formen epileptischer Anfälle
Epileptische Anfälle haben sehr unterschiedliche Erscheinungsweisen. Die bekannteste Form ist der tonisch-klonisch generalisierte Anfall, der auch Grand Mal genannt wird. Hier stürzt der Betroffene zu Boden, wobei der ganze Körper verkrampft - das ist die tonische Phase. Zusätzlich kann das Gesicht blau anlaufen. Daran schließt sich eine klonische Phase, die von groben Zuckungen gekennzeichnet ist.
Ganz anders dagegen ist die als Absence bekannte Anfallsform, die von Außenstehenden manchmal gar nicht erkannt wird. Absencen sind durch Bewusstseinspausen mit abruptem Anfang und Ende gekennzeichnet, in der der Betroffene nicht ansprechbar ist, sich ansonsten aber ruhig und unauffällig verhält. Fokale Anfälle können aus einem Zucken einzelner Gliedmaßen oder einer Körperseite bestehen, während der Betroffene bei Bewusstsein ist.
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Schließlich gibt es auch Anfälle, die nur vom Kranken selbst bemerkt werden. Bei der sogenannten Aura kann der Betroffene Geruchs- oder Geschmacksempfindungen von Dingen spüren, die nicht vorhanden sind. Es gibt Epilepsien, die lediglich der Betroffene selbst merkt. Die häufigste Epilepsien sind tonisch-klonische Anfälle.
Ursachen und Risikofaktoren
Das Spektrum der Epilepsien ist groß, Experten unterscheiden zwischen dreißig verschiedenen Formen. So breit gefächert wie die Formen sind auch die Ursachen der Erkrankung.
Lassen sich für ein Anfallsleiden keine hirnorganischen oder metabolischen Ursachen feststellen, so sprechen die Ärzte von genuiner Epilepsie. Kann ein Auslöser identifiziert werden, handelt es sich um eine symptomatische Epilepsie. Für beide Erkrankungsgruppen und auch für Gelegenheitsanfälle gibt es eine genetische Disposition.
Die Ursachen symptomatischer Epilepsie können Verletzungen des Gehirns, wie zum Beispiel Hirntumore oder Schädelhirntraumata sein, aber auch Infektionen mit Meningokokken, Masern, Hepatitis C und dem FSME-Virus. Alles, was das Gehirn schädigt, begünstigt die Entstehung einer Epilepsie. Jede Verletzung des Gehirns stellt einen Risikofaktor für eine Epilepsie dar. Schlaganfälle, Gehirntumore und Schädel-Hirn-Traumata sind Beispiele für Gehirnverletzungen, die die Entstehung einer Epilepsie begünstigen.
Grundsätzlich gilt: Was schlecht für das Gehirn ist, kann bei Epilepsie die Neigung zu Anfällen erhöhen. Zum Beispiel kann ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus die Gehirnzellfunktion unbeständiger machen. Fieber, Schlafentzug und Drogen wie Ecstasy und Kokain können auch bei Menschen, die nicht an Epilepsie leiden, gelegentlich Krampfanfälle auslösen.
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Diagnose
Wichtigstes Kriterium für die Diagnose Epilepsie ist das Auftreten von Anfällen. Deshalb ist eine Anfallsbeschreibung sehr wichtig. Ärzte nehmen in der Regel eine genaue Befragung der Kranken, der Angehörigen sowie von den Personen vor, die die Anfälle beobachtet haben.
Das EEG (Elektroenzephalogramm) ist eine wichtige zusätzliche Untersuchungsmethode zur Bestimmung des Epilepsiesyndroms und sollte bei jedem Betroffenen ein- oder mehrere Male durchgeführt werden. Die Wahrscheinlichkeit, epilepsietypische Veränderungen nachzuweisen, ist am größten, wenn ein normales Ruhe-EEG während oder unmittelbar nach einem (nicht mit Medikamenten unterdrückten) Anfall aufgezeichnet wird. Zwischen den Anfällen ist das EEG oft normal oder zeigt nur wenig richtungweisende Allgemeinveränderungen. Bei normalem EEG, aber weiter bestehendem Verdacht auf Epilepsie kann ein Provokations-EEG zwischen zwei Anfällen Veränderungen (und selten einen Anfall) provozieren. Am einfachsten ist die Provokation durch sehr schnelles und gleichzeitig sehr tiefes Atmen (Hyperventilation) oder Flackerlicht (Fotostimulation), schwieriger ist die Provokation im Schlaf nach vorherigem Schlafentzug. Bei einem Langzeit-EEG, das durch tragbare Geräte mittlerweile auch ambulant möglich ist, erhöht die verlängerte Aufzeichnungsdauer von bis zu 48 Stunden die Chance, seltener auftretende Veränderungen festzustellen. Beim Video-EEG erfolgt gleichzeitig zum (Langzeit-)EEG eine Videoaufnahme des Patienten, um den Anfall genau zu analysieren und ihn mit EEG-Veränderungen in Verbindung zu bringen.
Dies gilt auch für das MRT (Kernspintomogramm, Magnetresonanztomogramm). Nach internationaler Übereinkunft gehört die Durchführung eines MRT zwingend zur Diagnostik der Epilepsie dazu. Es dient dazu, um strukturelle Veränderungen im Gehirn und möglicherweise der Epilepsie zugrunde liegende und behandelbare Gehirnerkrankungen, wie etwa Tumore, auffinden zu können.
Therapie
Die meisten epileptischen Anfälle enden nach wenigen Minuten von selbst. Durch unkontrollierte Zuckungen kann sich der Betroffene jedoch an Gegenständen in der Umgebung verletzen. Während des Anfalls ist also dafür zu sorgen, dass sich der Krampfende keine zusätzlichen Schäden zuzieht, indem gefährliche Gegenstände entfernt werden.
Insgesamt erreichen etwa 50 bis 80 Prozent aller Epilepsie-Patienten eine anhaltende Anfallsfreiheit bei geeigneter Dauerbehandlung. Bei einer schweren Form der Epilepsie verordnet der Arzt in der Regel zusätzlich ein Notfallmedikament, das bei Bedarf verabreicht werden kann. Es handelt sich hierbei um Tropfen, die je nach Darreichungsform entweder in die Wangentasche gegeben oder in Form eines Mikroklistiers in den Enddarm eingeführt werden.
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Dauerbehandlung
Zur Vorbeugung und Dauerbehandlung epileptischer Anfälle eignen sich mehrere Behandlungsarten. Grundlage sollte die genaue Diagnose der Anfallsart sein.
Medikamentöse Behandlung
Zur Vorbeugung und Dauerbehandlung epileptischer Anfälle haben sich Valproinsäure, Lamotrigin und Levetiracetam etabliert. Darüber hinaus gibt es klassische Antiepileptika wie Phenobarbital und Primidon, die jedoch starke Nebenwirkungen haben können. Ihre Effekte erzielen diese Arzneistoffe über Hemmung der Aktivität bestimmter Transmitter des Nervensystems, wodurch sie Krampfanfälle verhindern.
Epilepsiechirurgie
Wenn trotz optimaler Wahl der Antiepileptika in höchster ertragbarer Dosierung keine befriedigende Anfallskontrolle erreicht wird, kommt auch eine chirurgische Therapie des Anfallsleidens in Frage. Nur bei fokalen Epilepsien kann das anfallserzeugende Hirngebiet entfernt werden. Durch Elektrokortikographie ist es möglich, das auslösende Nervengewebe mit einer Genauigkeit von wenigen Millimetern einzugrenzen.
Vagusnerv-Stimulation
Hier reizt ein elektrischer Stimulator entweder in festen Intervallen oder auf Aktivierung durch den Patienten den Vagusnerv mit elektrischen Strömen. Bekommt der Patient das Vorgefühl eines Anfalls, kann er den Auslöser betätigen und dadurch die Anfallsfrequenz senken.
Neurofeedback-Training
Über ein Biofeedback-Modell und Verhaltenstherapie konnten einige Epilepsie-Patienten die Anzahl der Anfälle reduzieren. Beim Neurofeedback werden Gehirnstromkurven auf einem Computerbildschirm dargestellt. Betroffenen ist es dabei möglich, durch Erkennung des eigenen Hirnstrommusters eine bessere Selbstregulation zu erreichen.
Epilepsie und Genetik
Epilepsie ist keine Erbkrankheit. Dennoch spielt die Genetik eine Rolle. Die Epilepsie an sich kann nicht vererbt werden. Was allerdings vererbt werden kann, ist die Neigung eine Epilepsie zu entwickeln. Obwohl Epilepsie nicht vererbt werden kann, gibt es einige Erkrankungen, die stets oder meist mit einer Epilepsie gemeinsam auftreten. Hierzu zählen zum Beispiel das Landau-Kleffner-Syndrom, bei dem es typischerweise zu Sprachstörungen und Anfällen kommt.
Umgang mit einem epileptischen Anfall
Bei einem epileptischen Anfall werden die Nervenzellen nicht koordiniert erregt, sondern es kommt infolge einer überschießenden Entladung zur massiven, gleichzeitigen Erregung großer Nervenzellverbände oder gar des gesamten Gehirns.
Wenn man Zeugin eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab. Bei großen generalisierten epileptischen Anfällen verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie für Sicherheit sorgen, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen, den Kopf desr Betroffenen abpolstern, seine/ihre Brille abnehmen und enge Kleidung am Hals lockern, um die Atmung zu erleichtern.
Leben mit Epilepsie
Aufgrund der Notwendigkeit einer dauerhaften Behandlung ist selbst bei Anfallsfreiheit die Epilepsie als eine chronische Erkrankung zu verstehen. Menschen, die an einer Epilepsie erkrankt sind, können daher auch motorisch-funktionelle oder psychomentale Defizite unterschiedlicher Ausprägung aufweisen, die mit entsprechenden Einschränkungen hinsichtlich Aktivität und Teilhabe verbunden sein können. Besonderes Augenmerk ist auf Epilepsiepatient:innen im Erwerbsleben zu richten. Aufgrund individueller Risiken und Gefährdungslagen können sowohl hinsichtlich einer Eigen-, als auch Fremdgefährdung nachhaltige Einschränkungen im Erwerbsleben auftreten oder bestehen. Vor diesem Hintergrund besteht im Vergleich zu anderen chronischen Erkrankungen ein deutlich höheres Risiko für frühzeitige Erwerbsminderung oder Arbeitslosigkeit.
Die Lebensqualität von epilepsieerkrankten Menschen ist aufgrund negativer Stigmatisierung und noch weitverbreitetem Unverständnis in der Bevölkerung bei dem Thema Epilepsie häufig vermindert. Das Krankheitsverständnis, die Akzeptanz und der Umgang mit der Erkrankung ist bei den Betroffenen und dem persönlichen Umfeld in vielen Fällen unzureichend. Ziel rehabilitativer Maßnahmen müssen daher, neben der Behandlung motorisch-funktioneller oder neurokognitiver Einschränkungen, in besonderem Maße auch die Erarbeitung vom Umgang mit der Erkrankung bzw.
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