Wie das Gehirn lernt: Eine Zusammenfassung der Erkenntnisse von Gerald Hüther

Einführung

Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther hat sich intensiv mit den neurobiologischen Prozessen des Lernens auseinandergesetzt, insbesondere im Kindesalter. Seine Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen bieten wertvolle Einblicke in die Gestaltung einer effektiveren und kindgerechteren Bildung. Dieser Artikel fasst Hüthers zentrale Aussagen und Forderungen zusammen.

Die Plastizität des kindlichen Gehirns

Hüther betont die enorme Plastizität und Formbarkeit des kindlichen Gehirns. Im Gegensatz zu früheren Annahmen, dass die Gehirnentwicklung primär durch genetische Programme gesteuert wird, zeigt die Forschung, dass im Gehirn eines Kindes ein "wunderbares Überangebot" an Verschaltungsmöglichkeiten existiert. Diese Möglichkeiten müssen jedoch genutzt werden, da sonst ein Teil davon wieder abgebaut wird. Eine vielseitige Nutzung des Gehirns in der Kindheit ist entscheidend für die optimale Entwicklung dieser Potenziale.

Der Lernprozess im Gehirn

Kinder lernen kontinuierlich und beginnen ihre Entdeckungsreise vom ersten Tag an. Sie kommen bereits mit vorgeburtlichen Erfahrungen und stabilisierten Netzwerken auf die Welt. Neue Sinneseindrücke werden an dieses vorhandene Wissen angeknüpft. Jede neue Erfahrung erzeugt eine Erregung im Gehirn, die durch die Integration des neuen Wissens in den vorhandenen Erfahrungsschatz in einen Zustand der Synchronisation und Kohärenz übergeht. Dieser Zustand aktiviert das Belohnungssystem, wodurch Dopamin und endogene Opiate ausgeschüttet werden. Dieser "kleine Schuss Kokain und Heroin" erklärt die anfängliche Begeisterung der Kinder für das Lernen und die Weltentdeckung.

Ursachen für Lernunlust

Wenn Kinder in der Schule "null Bock" haben, sind bereits negative Erfahrungen und Verschaltungen im Gehirn entstanden. Diese Haltung ist nicht angeboren, sondern wird durch ungünstige Umstände erzeugt. Dazu gehören mangelndes Interesse an den Leistungen des Kindes, Kritik an den Leistungen, überhöhte Erwartungen und der Kontakt mit "Klugscheißern" und "Besserwissern", die die Lust am Lernen rauben.

Individuelle Begabungen

Individuelle Begabungen entstehen oft durch frühe Fertigkeiten und Fähigkeiten oder besondere Netzwerke, die sich entwickeln, weil etwas anderes nicht richtig funktioniert. Hüther plädiert dafür, jedes Kind als hochbegabt anzusehen und die individuellen Potenziale zu fördern.

Lesen Sie auch: Demenzfalle: Hüthers Perspektive

Die Rolle von Gefühlen beim Lernen

Lernen findet niemals ohne Gefühle statt. Wenn unter Druck, Angst oder ohne Begeisterung gelernt wird, verbinden sich negative Gefühle mit dem Lerninhalt. Dies kann dazu führen, dass Kinder Bauchschmerzen bekommen, wenn das entsprechende Fach wieder ansteht.

Kritik am bestehenden Schulsystem

Hüther kritisiert das bestehende Schulsystem, das historisch gewachsen ist und aus einer Zeit stammt, in der es vor allem darauf ankam, gehorsame und funktionierende Arbeitskräfte heranzuziehen. Diese Zeit ist jedoch vorbei. Die Wirtschaft sucht heute Menschen, die mitdenken, kreativ sind, im Team arbeiten können und ein Interesse an ihrer Arbeit haben.

Forderungen an eine neue Schule

Um die Potenziale der Kinder zu entwickeln, müssen sie eingeladen statt unter Druck gesetzt werden. Hüther spricht sich nicht für eine antiautoritäre Erziehung aus, sondern für "Supportive Leadership". Dies bedeutet, dass Lehrer, Erzieher und Eltern mit all ihren Kräften dafür sorgen, dass das Kind seine Potenziale entwickeln kann. Dazu gehört auch, dem Kind die Gelegenheit zu geben, den Nutzen von Disziplin zu erfahren.

Neurobiologische Erkenntnisse als Basis für Reformen

Hüther betont, dass die neurobiologischen Erkenntnisse die Reformschulansätze bestätigen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, ein gewachsenes Schulsystem mit riesigen Verwaltungsstrukturen umzugestalten. Schulen sollten zu Orten der Weltentdeckung und Weltgestaltung werden, an denen Schüler weinen, wenn die Ferien anbrechen, weil sie nicht mehr in die Schule gehen dürfen.

Die Bedeutung von Begeisterung und positiven Lernerfahrungen

Wo mehr Druck gemacht und Angst geschürt wird, wird zwar vorübergehend Leistung erzielt, aber gleichzeitig werden an die Lernerfahrung negative Gefühle geknüpft. Diese Gefühle werden mit der Vorstellung von Schule verbunden und können dazu führen, dass Menschen auch später noch Bauchschmerzen bekommen, wenn sie zu Bildungsveranstaltungen eingeladen werden.

Lesen Sie auch: Gehirn optimal nutzen: Einblicke von Gerald Hüther

Konkrete Aspekte und Beispiele

Um die oben genannten Punkte zu veranschaulichen, können konkrete Beispiele aus dem Schulalltag herangezogen werden.

Fallbeispiel: Mathematikunterricht

Ein Kind, das Schwierigkeiten in Mathematik hat, wird oft als "stinkfaul" abgestempelt. Stattdessen sollte man sich fragen, warum das Kind keine Lust auf Mathe hat. Möglicherweise sind negative Erfahrungen mit dem Fach verbunden, wie z.B. Demütigungen durch Lehrer oder Mitschüler, unverständliche Erklärungen oder ein zu hoher Leistungsdruck.

Um die Begeisterung für Mathematik zu wecken, könnte man den Unterricht spielerischer gestalten, lebensnahe Beispiele verwenden, individuelle Lernwege anbieten und die Stärken des Kindes hervorheben. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Schülern und die Möglichkeit, eigene Projekte zu entwickeln, können die Motivation steigern.

Fallbeispiel: Förderung von Kreativität

In vielen Schulen liegt der Fokus auf dem Auswendiglernen von Fakten und dem Bestehen von Prüfungen. Kreativität und freies Denken werden oft vernachlässigt. Um die Kreativität der Kinder zu fördern, sollten Schulen mehr Raum für künstlerische Aktivitäten, handwerkliche Projekte und fächerübergreifende Aufgaben schaffen.

Auch die Förderung von Eigeninitiative und Selbstständigkeit ist wichtig. Kinder sollten die Möglichkeit haben, eigene Ideen zu entwickeln, Projekte selbstständig zu planen und durchzuführen und ihre Ergebnisse zu präsentieren.

Lesen Sie auch: Artikel über Gerald Hüther

Fallbeispiel: Umgang mit Fehlern

In einer angstbesetzten Lernumgebung werden Fehler oft als Versagen angesehen und bestraft. Dies kann dazu führen, dass Kinder Angst haben, Fehler zu machen, und sich nicht trauen, neue Dinge auszuprobieren. Um eine positive Lernkultur zu schaffen, sollten Fehler als Chance zum Lernen betrachtet werden.

Lehrer sollten Fehler konstruktiv ansprechen, den Kindern helfen, die Ursachen zu erkennen, und sie ermutigen, aus ihren Fehlern zu lernen. Auch die Anerkennung von Anstrengung und Fortschritt ist wichtig, um das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken.

Die Rolle der Eltern

Die Eltern spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Lernfreude und der Entwicklung der Potenziale ihrer Kinder. Sie sollten ihren Kindern ein anregendes Umfeld bieten, in dem sie ihre Interessen und Neigungen entdecken und entfalten können.

Auch die Unterstützung bei den Hausaufgaben und die Teilnahme am Schulleben sind wichtig. Eltern sollten jedoch darauf achten, ihre Kinder nicht zu überfordern oder unter Druck zu setzen. Stattdessen sollten sie ihnen Mut machen, ihre eigenen Wege zu gehen, und ihnen bei Schwierigkeiten zur Seite stehen.

Die Bedeutung der Lehrer

Die Lehrer sind die wichtigsten Akteure im Bildungsprozess. Sie sollten nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern auch die individuellen Bedürfnisse und Potenziale ihrer Schüler erkennen und fördern.

Um dies zu erreichen, benötigen Lehrer eine gute Ausbildung, regelmäßige Fortbildungen und ausreichend Zeit für die individuelle Betreuung ihrer Schüler. Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Fachkräften ist wichtig, um eine ganzheitliche Förderung der Kinder zu gewährleisten.

Die Rolle der Politik

Die Politik trägt die Verantwortung für die Rahmenbedingungen des Bildungssystems. Sie sollte die notwendigen Ressourcen bereitstellen, um eine qualitativ hochwertige Bildung für alle Kinder zu gewährleisten.

Auch die Förderung von Innovationen und die Unterstützung von Reformprojekten sind wichtig, um das Bildungssystem an die veränderten Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen.

Zukünftige Herausforderungen

Das Bildungssystem steht vor großen Herausforderungen. Die Digitalisierung, die Globalisierung und der demografische Wandel erfordern neue Kompetenzen und Fähigkeiten.

Um diese Herausforderungen zu meistern, müssen wir das Bildungssystem kontinuierlich weiterentwickeln und an die veränderten Bedürfnisse der Gesellschaft anpassen. Dabei sollten wir uns von den Erkenntnissen der Hirnforschung leiten lassen und eine Bildung ermöglichen, die die Potenziale aller Kinder entfaltet und sie zu selbstständigen, kreativen und verantwortungsbewussten Menschen macht.

tags: #gerald #huther #wie #lernt #das #gehirn