Die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns an die Umwelt ist ein faszinierendes und komplexes Thema, das in der heutigen Zeit, in der sich unsere Lebenswelt rasant verändert, immer wichtiger wird. Die Forschung von Gerald Hüther, einem renommierten deutschen Neurobiologen, bietet wertvolle Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns und seine Fähigkeit, sich an unterschiedliche Umweltbedingungen anzupassen.
Mensch und Maschine im Kontext der Adaptivität
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Maschine liegt in ihrer Anpassungsfähigkeit. Maschinen sind oft unflexibel und werden bei veränderten Umweltbedingungen schnell obsolet. Im Gegensatz dazu können sich Menschen sozial synergetisch meist sehr gut anpassen. Sie erwerben Bildung, wechseln den Beruf, ziehen um und erlernen neue Sprachen und Kulturen. Diese menschlich-adaptive Eigenschaft ermöglicht es uns, in einer dynamischen Welt zu bestehen.
Organismen unterscheiden sich grundlegend von Maschinen. Menschliche Bewegungen sind fließend und passen sich blitzschnell an situative Kontexte an. Das Gehirn schaltet nicht einfach ein Motorprogramm wie eine Maschine, sondern organisiert sich selbst in Echtzeit.
Das Gehirn: Ein komplexes Netzwerk
Das menschliche Gehirn ist das komplexeste System auf der Erde. Es verfügt über mehr neuronale Verbindungen als es Sterne in der Galaxis gibt. Im Gegensatz zu Computern, die Informationen additiv verarbeiten, arbeiten Gehirne dynamisch und nicht-linear. Neuronale Codes werden nicht in Adressen gespeichert, sondern durch die Verschaltung und Vernetzung in Richtung neuronaler Nervennetze definiert.
Der Mensch erweitert sein Wissen selbstständig und kontinuierlich. Er benötigt weder ein Programm noch einen Programmierer, ohne die eine Maschine nicht existieren kann. Intelligente Systeme zeichnen sich durch eine hohe Varianz der Verhaltensmuster in Situationen aus. Um Komplexität reduzieren zu können, müssen Systeme über eine eigene hohe Komplexität verfügen.
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Das Gehirn als Analogie für Organisationssysteme der Zukunft
Die Forschung von Gerhard Roth, Gerald Hüther, Eric Kandel, Manfred Spitzer und Wolf Singer deutet darauf hin, dass die Bildung neuronaler Ensembles durch zeitliche Codierung der Signale ein spezifisches Merkmal kortikaler Strukturen ist, die in der Evolution erst relativ spät auftreten und die Grundlage höherer Hirnleistung liefern. Diese Strukturen konnten sich möglicherweise erst herausbilden, nachdem die ursprünglichen hierarchisch und konvergent organisierten Verarbeitungsstrukturen parallelisiert und über Ensemblebildung miteinander vernetzt waren. Diese Erkenntnisse können als Analogie zur Entwicklung von Organisationsverbänden und sogar Gesellschaften dienen.
In Organisationen geht es darum, dass Menschen ihre Kompetenz und Organisationsmuster erhöhen. Es braucht nicht nur einen Führungsstil wie Hierarchie, sondern einige Führungsstile, um mit verschiedenen Charakteren und Persönlichkeiten und ihren Bedürfnissen auch verschieden polykontextual umgehen zu können. Konventionelle Prozesse und die klassische Maschinenwelt sind einem exponentiellen und hyperbolischen Anwachsen von Dynamik und Komplexität einfach nicht mehr gewachsen.
Die Bedeutung von Beziehungen und Begegnungen
Maschinen und Computer sind zwar wichtige Werkzeuge für Wissen, aber wir sollten aufhören, dies zu übertreiben. Um von A nach B zu kommen, benötigen wir eine neue Architektur, die auf passenden Anordnungen und Abfolgen, Begegnungen und Beziehungen basiert. Und zwar nicht von Maschinen, sondern von Menschen. Das menschliche Gehirn demonstriert uns täglich, dass wir mit seiner Komplexitätsverarbeitung und Netzwerkbildung aus der Biologie stammen und nicht aus der Informatik.
Langfristig lebensfähige Netzwerke, die aus dissipativen, also sich selbst erneuernden Strukturen bestehen, sind biologisch determiniert, nicht technisch. Ein Baum, der in einer skandinavisch unwirtlich, rauen und eiskalten Umgebung über 9500 Jahre überleben kann, demonstriert die Wirksamkeit biologischer Algorithmen und metabolischer-dissipativer Strukturverbände. Das Konzept hierzu heißt Ordnung durch Fluktuation von Nobelpreisträger Ilya Prigogine und nicht Gleichgewichtskonzept. Das Leben entwickelt sich und schreitet voran. Eine Welt im Ungleichgewicht entwickelt sich zu immer neuen Entwicklungs- und Komplexitätsstufen in der Biologie, Informatik, Kommunikation hin zu Staaten und Regierungen.
Die Verbindung zur Natur und Evolution
Wir haben wohl verlernt, mit der Natur verbunden zu sein und dorthin zu sehen, wo die lebensfähigen Systeme noch wirksam funktionieren. Stattdessen schauen wir jeden Tag auf Maschinen und legen auch noch den Fokus auf sie in Richtung Zukunft. Die Realität ist ein vernetztes System, indem es oft weniger auf jene Einzelbereiche ankommt, als auf die Beziehungen zwischen ihnen. Was Tod oder Transzendenz bei den Organisationen von morgen unterscheiden wird, ist nicht die Materie, wie Geschäftsmodelle, Produkte oder gar Technologie, sondern es sind einerseits Musterbeziehungen von Menschen und andererseits die Struktur der Vernetzung, die die Summe der Verarbeitungsleistung definiert.
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Es geht also nicht um die Information oder Materie alleine, sondern um die Ordnungsbildung der Information als einmalige Beziehungsstruktur, die sowohl Intelligenzentwicklung in Systemen fördert als auch das Leben und deren Potenziale mit Ordnungsbildung gänzlich aufrechterhält. Wir benötigen hierzu eine neue Theorie und neue re-kombinierte Praxis mit höherem Auflösungsvermögen und Quantisierung in Richtung Super-Theorie, Super-Systeme, Super-Intelligenz und verbindender Super-Organisation für die Lösung hochkomplexer Aufgaben.
Nachhaltigkeit und die Rolle der Digitalisierung
In der heutigen Situation eines gesellschaftlich global-vernetzen Umbruchs sind beziehungsmäßige, soziale und gesellschaftliche Innovationen gefordert, um langfristige Lösungen wirksam und funktionstüchtig zu machen. Es geht nicht so sehr um technische Innovationen, die meist nur für kurzfristige Atempausen sorgen, um dann alte Spannungen in verstärkter Form, Intensität und Geschwindigkeit wiederkehren zu lassen. Für langfristige Problemlösungen sollten wir daher auf adäquate Art und Weise auf natürliche Intelligenz setzen. Mit natürlicher Intelligenz in Netzwerken, den einzelnen Gehirnen und Gruppen, hin zu Geschäftsmodellen in die Gesellschaft hinein, können wir dies erreichen. Die künstliche Intelligenz darf gerne dort ergänzend wirken, wo sie angebracht erscheint.
In einer Welt hoher Komplexität und stärker werdenden Netzsystemen wird es zukünftig immer stärker um die Themen Komplexitätsverarbeitung, Musterbeobachtung, Mustererkennung mit topologischer Wahrnehmung und Netzkbildung gehen. Die Digitalisierung, die inzwischen alle Bereiche unseres Lebens erfasst, treibt die Veränderungen an.
Nachhaltigkeit bedeutet, dass es bei allem, was wir tun oder was ein Unternehmen macht, darauf ankommt, möglichst lange und möglichst effektiv so weitermachen zu können, wie es bisher gelaufen ist. Wenn es nicht anders geht, fortan natürlich auch gerne etwas umweltschonender, klimaneutraler, natürlicher und ressourcenbewusster als bisher. In dieser Beziehung unterscheiden sich Unternehmen und Organisationen kaum von dem Grundprinzip, das auch die Arbeitsweise unseres Gehirns bestimmt. Es gilt für alle lebenden Systeme: Für Einzeller, ganze Organismen, Gemeinschaften, Familien, aber eben auch für Unternehmen und Organisationen. Je besser die Abläufe und Beziehungen innerhalb eines solchen Systems harmonieren, desto geringer ist der Energieaufwand, sie aufrechtzuerhalten. Allen lebenden Systemen geht es in erster Linie darum, diesen Aufwand zu minimieren. Das gilt auch für unser Gehirn.
Die Bedeutung von Zugehörigkeit und Verbundenheit
Gerald Hüther entwickelt eine neue Sicht auf die häufigste psychiatrische Erkrankung von Kindern, ADS. Seine These: Diesen Kindern fehlt die Erfahrung des Gefühls der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen durch „shared attention“. Deshalb fällt es ihnen schwer, sich in Gemeinschaften zurechtzufinden. Sie werden deshalb ausgegrenzt und zurückgewiesen. Ihre ADS-Symptomatik ist Ausdruck der von ihnen gefundenen Bewältigungsstrategien für diesen Ausschluss. Das beeinträchtigt letztlich auch die Hirnentwicklung.
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Hüther beobachtete Besonderheiten im Sozialverhalten von ADS-Kindern und entwickelte daraus eine grundlegend neue Theorie über die Entstehung von ADS. Eine mangelnde Aufmerksamkeit war nicht das Problem, das diese Kinder hatten. Sie waren nur nicht in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf etwas Gemeinsames, auf einen gemeinsamen Fokus zu lenken. Ihnen fehlte die Erfahrung, sich mit anderen in einem gemeinsamen Gegenstand des Interesses finden zu können und sich auf diese Weise mit einem Anderen verbunden zu fühlen. Diese Fähigkeit zu „shared attention“ ist nicht angeboren, die muss ein Kind als wichtige Sozialisationserfahrung erst in seinem Frontalhirn verankern. Offenbar sind diese Kinder in der ursprünglichen Beziehungsform steckengeblieben, die unter allen Säugetieren verbreitet ist, nämlich der direkten Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind.
Normalerweise verliert diese anfängliche „Klammeraffenbeziehung“ später zunehmend an Bedeutung, wenn sich die Beteiligten anderen Dingen zuwenden, die außerhalb dieser direkten Beziehung liegen. Mutter und Kind beobachten zum Beispiel eine Katze, die durch den Schnee läuft oder schauen sich gemeinsam ein Buch an, oder sie richten die Aufmerksamkeit auf andere Personen oder gemeinsamen Aufgaben. Man trifft sich quasi in einem Dritten, einem anderen Menschen, einem Objekt, einer Idee oder Aufgabe. Diese Fähigkeit zu geteilter Aufmerksamkeit entwickeln übrigens nur Primaten. Sie ist die Voraussetzung für die Herausbildung individualisierter Gemeinschaften.
Wenn Kinder es nicht fertig bringen, über einen solchen Akt der gemeinsamen Aufmerksamkeit in Kontakt zu anderen zu treten, bekommen sie später Probleme. Das geht schon im Kindergarten los, denn fast alles in unserer Gesellschaft funktioniert nach dem Prinzip der geteilten Aufmerksamkeit Schule, Arbeit, Hobbys, jedes gemeinsame Engagement für eine Sache setzt voraus, dass man dazu fähig ist, sich über etwas Gemeinsames zu verbinden. Und die ADS-Kinder kennen als gemeinsame, sicherheitsbietende Bindungserfahrung nur die direkte Zweierbeziehung. Deshalb versuchen, sie dann im Kindergarten und Schulen, im direkten Kontakt mit anderen auf sich aufmerksam zu machen, um diese direkte Beziehung herzustellen. Aber das führt natürlich zu Problemen, denn gerade in Bildungsinstitutionen geht es ja um gemeinsame Fokussierung. Die primitive ursprüngliche Bindungsform als Zweierbeziehung dort nicht mehr vorgesehen. Und diese Kinder stoßen dann auch auf andere Kinder, die kein Problem damit haben, sich zusammen mit anderen auf eine Sache zu konzentrieren. Denen gehen ihre dauerende Versuche, in direktem Kontakt zu treten und auf sich aufmerksam zu machen auf die Nerven. Weil sie stören, und deshalb werden sie aus diesen Gemeinschaften ausgeschlossen. Und als Antwort auf diese Ausgrenzung wenden die Kinder dann Bewältigungsstrategien an, die wir als ADS oder ADHS-Symptome kennen.
Die Lebenswelt moderner Familien hat sich grundlegend verändert. Es ist nicht mehr nötig, sich gemeinsam um die Sicherung des familiären Zusammenlebens zu kümmern, also z. B. Brennholz für den Winter zu sammeln oder Nahrungsvorräte anzulegen. So ist in diesen Familien sehr viel von dem verschwunden, was sie noch vor einigen Generationen zusammengehalten hätte: das Schwein im Stall, die Kaninchen und Hühner im Hof, der Gemüsegarten hinter dem Haus, auch der gemeinsame Kirchgang oder das gemeinsame sich kümmern um die Alten. In vielen Familien wird heute zu wenig Wert auf gemeinsame Aktivitäten, Interessen, auf gemeinsame Ziele und Inhalte des Zusammenlebens gelegt. Man klammert sich aneinander und versichert sich ständig gegenseitig, ohne den Fokus auf etwas außerhalb dieser direkten Beziehungen zu legen.
Würde und die Entwicklung des Menschen
Gerald Hüther betont die Bedeutung der Würde für die Entwicklung des Menschen. Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar. Die Plastizität des Gehirns als Potenzial, lebenslang zu lernen und sich vielen veränderten Bedingungen anzupassen, ist eine besondere Fähigkeit der Spezies Mensch. Außerdem ist er ein soziales Wesen und lernt durch die Begegnungen mit anderen Menschen.
Die einzige, alle Menschen in all ihrer Verschiedenheit verbindende Vorstellung kann nur die von ihnen selbst gemachte Erfahrungen ihrer eigenen Würde als Mensch zum Ausdruck bringen. Das zutiefst Menschliche in uns selbst zu entdecken, wird somit zur wichtigsten Aufgabe im 21. Jahrhundert. Unsere Vorstellung von der Würde des Menschen ist also der in einem Begriff fassbare und bewusst erkennbare Ausdruck einer uns Menschen eigenen, in der inneren Organisation und Arbeitsweise unseres Gehirns verankerten Anlage.
Das menschliche Gehirn ist eigentlich darauf angelegt, möglichst wenig Energie einzusetzen, um das eigene Überleben zu sichern. Das führt auf der einen Seite zu Komplexitätsreduktionen (und Mechanismen wie Verdrängung, Leugnen etc.) und auf der anderen Seite zur Herausbildung von Automatismen, die wir verrichten, ohne erneut darüber nachzudenken (z.B. Laufen). Das gilt auch für Haltungen und Einstellungen, denn jeder strebt eine größtmögliche Form von Kohärenz an. Das kann nur gelingen, wenn jeder ein stabiles Selbst entwickelt und eine sinnstiftende Identität besitzt. Dazu gehören auch andere Personen, an denen wir uns orientieren und lernen, unser Zusammenleben zu gestalten.
Im Gegensatz zu Tieren hat der Mensch kein vorprogrammiertes Hirn. Der Säugling besitzt pränatale Vorerfahrungen (z.B. Annahme oder Ablehnung durch die Mutter), muss er ansonsten alles von den Menschen lernen. Zwei Grunderfahrungen sind pränatal prägend auf der ganzen Welt: die Erfahrung engster Verbundenheit mit anderen Menschen und die Erfahrung des eigenen Wachstums. Selbst Säuglinge wissen schon (und fordern ein), was sie neben der Befriedigung von Hunger, Durst und Schlaf benötigen: Anerkennung, Zuwendung. Die dabei gemachten Erfahrungen werden als Prägung im Gehirn verankert.
Werden eher Erfahrungen gemacht, die darin bestehen, eigene Vorteile zu sichern, so ist es eine Prägung für das Leben auf Kosten anderer. Wer selber als Objekt betrachtet wurde, erlebt seine Kindheit als Schmerz und dem wird vorenthalten, was das Mensch-Sein ausmacht: das zutiefst menschliche Grundbedürfnis: Zugehörigkeit und Verbundenheit als auch nach Autonomie und Freiheit. Das Bewusstsein über die eigene Würde ist prinzipiell im Gehirn angelegt und wird durch positive Erfahrungen in das Bewusstsein gehoben oder kann durch negative Erlebnisse verborgen bleiben.
Bildung und die Entfaltung der Würde
Unser ganzes Bildungssystem ist einerseits auf Anpassung und andererseits auf Leistung angelegt, also nicht dazu beiträgt, dass sich ein Mensch in seiner Individualität und dem Bewusstsein seiner Würde entwickelt. Angesichts des Zustands der Welt und der technologischen Entwicklungen kann der Mensch es sich nicht mehr leisten, die Welt nach seinen Bedingungen zu ändern/anzupassen, sondern wir müssen uns selbst verändern, um die Welt zu erhalten und lebenswerter zu machen.
Menschen sind in der Lage Vorstellungen zu entwickeln, worauf es in ihrem Leben und ihrem Zusammenleben ankommt, dazu gehört auch Raum für Insekten und Pflanzen, die durch agrotechnische Bewirtschaftung vielfach verschwunden sind.