Ursachen von Geräuschen im Gehirn bei HWS-Syndrom

Einleitung

Tinnitus, das Wahrnehmen von Geräuschen ohne äußere Schallquelle, betrifft viele Menschen, insbesondere im Alter von über 55 Jahren. Oft wird übersehen, dass Nackenprobleme eine wesentliche Rolle bei der Entstehung oder Verstärkung von Tinnitus spielen können. Verspannungen und Fehlhaltungen im Nackenbereich können die komplexen Verbindungen zwischen der Halswirbelsäule (HWS), den Spinalganglien und dem Hörsystem beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet diese Zusammenhänge detailliert und geht auf die mechanischen und neurologischen Komponenten ein, um ein umfassendes Verständnis der Ursachen und potenziellen Behandlungen zu ermöglichen.

Was ist Tinnitus?

Tinnitus ist das Hören von Geräuschen ohne externe Schallquelle. Diese Geräusche können als Summen, Pfeifen oder Brummen wahrgenommen werden und variieren in ihrer Intensität. Tinnitus kann durch Stress, Lärm oder medizinische Probleme ausgelöst werden.

Wichtige Fakten:

  • Etwa 10-15 % der Bevölkerung sind von Tinnitus betroffen.
  • Chronischer Tinnitus kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Der Zusammenhang zwischen Nacken und Tinnitus

Mechanische Komponenten der Halswirbelsäule

Die Halswirbelsäule (HWS) ist für die Stabilität und Beweglichkeit des Kopfes verantwortlich und versorgt den Kopfbereich mit Nervenimpulsen und Blut. Mechanische Probleme in der HWS, wie Verspannungen, Fehlhaltungen oder Blockaden, können:

Druck auf Nerven ausüben: Fehlstellungen der Wirbel können Druck auf die Spinalnerven ausüben, was eine Vielzahl von Störungen in den Signalwegen zwischen dem Nacken und dem Hörsystem verursacht. Dieser Druck kann die Weiterleitung sensorischer und motorischer Signale beeinträchtigen, wodurch es zu einer fehlerhaften Verarbeitung im Gehirn kommt. Mechanischer Druck, der durch eine Fehlstellung der Halswirbelsäule ausgelöst wird, kann die Signalübertragung in den Spinalganglien erheblich beeinträchtigen. Diese Ganglien, die als zentrale Knotenpunkte für sensorische Informationen dienen, können durch den Druck überreizt werden. Dies führt zu einer Fehlleitung von Signalen, die das Gehirn als abnorme Geräusche oder Tinnitus wahrnehmen könnte. Langfristig können diese Störungen zu chronischen Reizungen der Nerven führen, was die Symptome verschärfen und weitere Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Schwindelgefühle begünstigen kann. Außerdem kann der Druck die Durchblutung der angrenzenden Strukturen, einschließlich des Innenohrs, negativ beeinflussen, was den Sauerstoff- und Nährstofftransport behindert und so die Funktion des Hörsystems zusätzlich beeinträchtigt.

Die Durchblutung beeinträchtigen: Die feinen Blutgefäße, die das Innenohr versorgen, können durch Verspannungen oder Fehlhaltungen eingeengt werden. Das Innenohr ist jedoch auf eine konstante und ungehinderte Durchblutung angewiesen, um seine empfindlichen Strukturen wie die Haarzellen und das Corti-Organ optimal zu versorgen. Werden diese Zellen nicht ausreichend mit Sauerstoff und Energie versorgt, können sie ihre Funktion nicht aufrechterhalten, was das Risiko von Tinnitus-Symptomen erheblich erhöht. Zudem können solche Durchblutungsstörungen zur Anreicherung von Stoffwechselabfallprodukten im Innenohr führen, was die Zellgesundheit weiter beeinträchtigt. Eine langanhaltende Minderdurchblutung kann sogar dauerhafte Schäden im Hörsystem verursachen und bestehende Tinnitus-Symptome verstärken. Stressbedingte Muskelverspannungen verschlimmern dieses Problem oft zusätzlich, da sie den Druck auf die Blutgefäße erhöhen.

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Beispiele für mechanische Einflüsse:

  • Schleudertrauma nach einem Unfall.
  • Chronisch schlechte Haltung bei der Arbeit am Schreibtisch.
  • Degenerative Erkrankungen wie Arthrose.

Symptome mechanischer Störungen:

  • Schmerzen oder Steifheit im Nacken.
  • Verstärkung des Tinnitus bei Bewegung des Kopfes.
  • Eingeschränkte Beweglichkeit der HWS.

Neurologische Komponenten und die Rolle der Spinalganglien

Die neurologischen Verbindungen zwischen der HWS und dem Hörsystem sind komplex und entscheidend für das Verständnis des Tinnitus. Spinalganglien, die entlang der Wirbelsäule liegen, fungieren als Schaltstellen für sensorische Informationen. Bei Fehlfunktionen der HWS können diese Ganglien beeinflusst werden und:

Falschsignale an das Gehirn senden: Verspannungen oder Verletzungen in der HWS können die Signalverarbeitung der Spinalganglien stören. Dies führt zu einer Überaktivierung des Hörsystems, was als Tinnitus wahrgenommen wird. Die Nervenbahnen im Bereich der Halswirbelsäule (vor allem den Nervus trigeminus und den Nervus vagus) bestehen direkte Verknüpfungen zum Innenohr und zu Hirnregionen, die Geräusche verarbeiten. Auch die Muskeln im Nacken- und Schulterbereich spielen eine Rolle. Vor allem der Musculus sternocleidomastoideus (Kopfwender) und die subokzipitalen Muskeln im Bereich des oberen Nackens stehen in enger Verbindung zu den Strukturen rund um Dein Ohr. Wenn diese Muskeln dauerhaft verspannt sind (z. B. durch stundenlanges Sitzen am Schreibtisch oder Stress) kann sich der Druck auf Nerven und Blutgefäße erhöhen.

Nervenreizung verstärken: Eine gereizte HWS kann chronische Nervenübereaktionen auslösen, die die auditive Wahrnehmung beeinflussen.

Wichtige neurologische Verbindungen:

  • Der Nervus trigeminus (ein Hirnnerv) hat enge Verbindungen sowohl zur Halswirbelsäule als auch zu den auditiven Bahnen. Dieser Nerv ist für sensorische und motorische Signale verantwortlich und kann durch Fehlhaltungen oder Verspannungen in der HWS gereizt werden. Eine Reizung oder Fehlfunktion des Nervus trigeminus kann zu einer Übertragung von Schmerzsignalen auf benachbarte Nervenbahnen führen, was das Hörsystem überreizt und Tinnitus verschlimmert. Besonders problematisch ist die sogenannte „trigeminokochleare Verbindung,“ ein komplexes Netzwerk, bei dem Signale zwischen dem Nervus trigeminus und dem Hörsystem ausgetauscht werden. Diese Verbindung kann durch mechanische und chemische Reize beeinflusst werden, die von der HWS ausgehen.
  • Der Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) spielt eine zentrale Rolle bei der Stressreaktion des Körpers und ist eng mit der Halswirbelsäule verknüpft. HWS-Dysfunktionen wie Blockaden oder Verspannungen können den Sympathikus aktivieren, was zu einer gesteigerten Stressreaktion führt. Chronisch erhöhte Sympathikus-Aktivität verstärkt nicht nur Muskelverspannungen, sondern beeinflusst auch die Durchblutung im Innenohr. Dadurch entstehen Versorgungsengpässe, die die empfindlichen Strukturen des Hörsystems beeinträchtigen und Tinnitus verstärken können. Gleichzeitig kann ein überaktiver Sympathikus die Signalverarbeitung im Gehirn stören, wodurch harmlose Signale als Tinnitus fehlinterpretiert werden.

Verstärkende Faktoren neurologischer Störungen:

  • Chronischer Stress erhöht die Muskelspannung und aktiviert den Sympathikus.
  • Entzündungen in der HWS können zu einer Überempfindlichkeit der Spinalganglien führen.

Beispiele für neurologische Symptome:

  • Schwindelgefühle.
  • Kopfschmerzen.
  • Verstärkung des Tinnitus bei Stress oder emotionaler Belastung.
  • Kribbeln im Kopf.

Was können Sie tun?

Haltung verbessern

Eine schlechte Haltung ist eine der Hauptursachen für Nackenprobleme. Ergonomische Anpassungen im Alltag können helfen:

  • Arbeitsplatzgestaltung: Monitor auf Augenhöhe und Unterarme parallel zum Schreibtisch.
  • Schlafhygiene: Ein ergonomisches Kopfkissen kann die HWS entlasten. Eine unergonomische Schlafposition kann Verspannungen in der Halswirbelsäule verursachen, die Tinnitus begünstigen oder verschlimmern können.
  • Aktive Pausen: Regelmäßiges Aufstehen und Dehnen verhindert Verspannungen. Besonders im Homeoffice sollte man darauf achten, nicht zu lange in der gleichen Position auf den Bildschirm zu starren. Denn das tut vor allem der Halswirbelsäule nicht gut.

Physiotherapie und gezielte Übungen

Ein Physiotherapeut kann nicht nur Verspannungen mittels manueller Therapie lösen, sondern auch gezielte Übungen anleiten, um die HWS zu stabilisieren und die Durchblutung zu verbessern.

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Beispiele:

  • Dehnübungen: Langsame Seitneigung des Kopfes, um die seitlichen Nackenmuskeln zu lockern.
  • Kräftigungsübungen: Leichte Widerstandsübungen zur Stärkung der Nackenmuskulatur.
  • Physiotherapie & Osteopathie bei HWS Syndrom: Eine manuelle Therapie als Teil einer physiotherapeutischen Behandlung besteht in erster Linie aus Massagen, die Blockaden mithilfe von Druck und Dehnung auflösen sollen. Verspannte Muskeln und Sehnen können so gedehnt und entspannt werden. Falls tiefergehende Zusammenhänge zwischen Organsystem und Bewegungsapparat behandelt werden sollen, kann dies auf Wunsch auch mithilfe der Osteopathie oder Akupunktur geschehen.
  • Übungen bei HWS Beschwerden: Gezielte Übungen, die am besten durch einen erfahrenen Physiotherapeuten erläutert werden, können helfen, HWS Beschwerden zu lindern. Einige einfache Übungen, die Sie auch Zuhause durchführen können, finden Sie hier:
  • Gezielte Bewegung löst zunächst die muskulären Verhärtungen und nimmt so den Druck vom Nerv. Ziel ist neben der Lockerung die Wiederherstellung einer gesunden Haltung und der muskulären Balance. Zunächst gilt es, die verkürzte Schulter- und Brustmuskulatur zu dehnen und zu lockern, wie in den Dehn-Videos gezeigt. Wenn die Muskulatur ausreichend gelockert ist, geht es um die Kräftigung und Ausbalancierung der Rumpfmuskulatur und insbesondere der Muskeln im Bereich des oberen Rückens. Vor allem der breite Rückenmuskel, der die Schultern nach hinten ziehen soll, muss gestärkt werden, damit sich die Haltung bessert.

Stressmanagement

Stress ist ein bekannter Verstärker von Tinnitus und Nackenverspannungen. Entspannungstechniken können helfen, die Muskelspannung zu senken und das Nervensystem zu beruhigen:

  • Atemübungen: Tiefes Ein- und Ausatmen zur Aktivierung des Parasympathikus.
  • Meditation: Reduziert Stress und verbessert die Konzentration.
  • Non-Deep Sleep Relaxation (NDSR): NDSR bezeichnet eine Entspannungsmethode, die in einem Zustand zwischen Wachsein und leichtem Schlaf stattfindet. Es ist eine Form der mentalen und körperlichen Erholung, die keinen tiefen Schlaf erfordert, sondern durch Techniken wie Atemübungen, Meditation oder progressive Muskelentspannung erreicht wird. NDSR wird oft genutzt, um Stress zu reduzieren, die Konzentration zu verbessern und den Körper in kurzer Zeit zu regenerieren.
  • Auch sanftes Yoga mit dem Schwerpunkt auf Schultern und Nacken kann nachhaltig zu einer Linderung der Beschwerden führen.

Zusammenarbeit mit Fachärzten

In manchen Fällen ist es sinnvoll, einen HNO-Arzt oder Neurologen aufzusuchen, um organische Ursachen des Tinnitus auszuschließen und eine umfassende Behandlung zu gewährleisten.

Weitere wichtige Aspekte

  • Massagen von Triggerpunkten am Nacken und Physiotherapie wirken generell spannungslösend auf die Muskulatur und helfen, den Druck auf bestimmte Nerven der Halswirbelsäule zu reduzieren sowie Stress und akkumulierte Verspannungen abzubauen. Am besten begibt man sich in diesen Fällen in fachkundige Hände und widersteht der Versuchung, in Eigenregie zu handeln, da falsche Übungen die Symptome noch verschlimmern könnten.
  • Injektionen bei HWS Syndrom: Bei besonders starken Schmerzen können Injektionen mit schmerzstillenden Mitteln angezeigt sein. Diese werden entweder direkt in die Wirbelgelenke oder an die aus dem Spinalkanal herausragenden Nerven gesetzt. Die Injektion erfolgt dabei aus Sicherheitsgründen unter Röntgen- oder CT-Kontrolle.
  • Stoßwellentherapie bei HWS Problemen: Die Behandlung mit Stoßwellen hat sich bei HWS Beschwerden als sehr erfolgversprechend erwiesen. Mit einer Stoßwellentherapie können Triggerpunkte für Schmerzempfindungen gezielt aufgelöst sowie Verspannungen und eventuelle Entzündungen reduziert werden. Dies führt zu einer raschen Linderung der Beschwerden.

Weiterführende Informationen und Studien

  • Trigeminale Innervation der Blutgefäße im Innenohr: Eine Studie von Z. Vass et al. hat eine direkte Verbindung zwischen dem Trigeminusnerv und den Blutgefäßen im Innenohr nachgewiesen. Dieser Mechanismus könnte erklären, wie das Innenohr auf intensive Aktivität und sensorische Reize mit schnellen Durchblutungsänderungen reagiert.
  • Die Rolle der achten Halsnerven bei Tinnitus: Eine Studie von Henk M. Koning und Bas C. Ter Meulen hat gezeigt, dass die achte Halsnervenwurzel eine bedeutende Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Tinnitus spielen könnte.
  • Manuelle Therapie als vielversprechender Ansatz bei zervikogenem Tinnitus: Eine Pilotstudie unter der Leitung von A. Fobbe et al. hat gezeigt, dass manuelle Therapie signifikante Verbesserungen bei zervikogenem somatosensorischen Tinnitus bewirken kann.
  • Spencer, S.; Sereda, M.; Bielińska, M.; Olszewski, J.; Adebusoye, B.; Sobkiewicz, A.; Bacri, T.; Bulla, J. & Mielczarek, M. (2023). EFFECTS OF COMPLEX NECK THERAPY - KINESIOTHERAPY AND INTERSPINAL MUSCLES MASSAGE - ON TINNITUS.
  • Biesinger, E.; Reißhauer, A. & Mazurek, B. (2008): Die Rolle der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks bei Tinnitus. Der sog. ↩︎
  • Wadhwa, S.; Jain, S.; Patil, N.; Jungade, S. (2024): Cervicogenic Somatic Tinnitus: A Narrative Review Exploring Non-otologic Causes. ↩︎

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