Gerontoneurologische Abklärung: Definition, Bedeutung und Verfahren

Das demenzielle Syndrom, kurz Demenz, ist eine der schwerwiegendsten Volkskrankheiten unserer Zeit. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland aktuell etwa 1,8 Millionen Menschen an Demenz. Die Prävalenz steigt mit dem Alter: Während bei den 65- bis 69-Jährigen etwa 1,8 % betroffen sind, steigt der Anteil bei den über 85-Jährigen auf etwa 23 %. Der Begriff Demenz ist ein Sammelbegriff für verschiedene Demenzformen, wobei die Alzheimer-Krankheit die häufigste ist. An zweiter Stelle steht die vaskuläre Demenz, die durch den Verschluss größerer und kleinerer Blutgefäße verursacht wird, was zu Defekten im Gehirn und zum Absterben von Nervenzellen führt.

Angesichts der alternden Bevölkerung gewinnt die gerontoneurologische Abklärung zunehmend an Bedeutung. Sie dient der frühzeitigen Diagnose und Behandlung neurologischer Erkrankungen im Alter, insbesondere von Demenzen. Im Folgenden werden die Definition, die Bedeutung und die Verfahren der gerontoneurologischen Abklärung näher erläutert.

Definition der gerontoneurologischen Abklärung

Die gerontoneurologische Abklärung ist ein umfassender diagnostischer Prozess, der darauf abzielt, neurologische Erkrankungen bei älteren Menschen zu erkennen, zu differenzieren und zu behandeln. Sie umfasst die Erhebung der Krankengeschichte, eine körperliche und neurologische Untersuchung, neuropsychologische Tests, bildgebende Verfahren und gegebenenfalls weitere spezielle Untersuchungen. Ziel ist es, die Ursache der Beschwerden zu identifizieren, den Schweregrad der Erkrankung zu bestimmen und einen individuellen Behandlungsplan zu erstellen.

Bedeutung der gerontoneurologischen Abklärung

Die Bedeutung der gerontoneurologischen Abklärung liegt in mehreren Aspekten:

  • Frühzeitige Diagnose: Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es, rechtzeitig mit der Behandlung zu beginnen und den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen. Für einige Demenzformen existieren spezielle Therapieformen, die den Abbauprozess verlangsamen können.

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  • Differenzialdiagnose: Die gerontoneurologische Abklärung hilft, verschiedene neurologische Erkrankungen voneinander zu unterscheiden. Gedächtnisschwierigkeiten und andere Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit können vielfältige Ursachen haben, darunter demenzielle Erkrankungen wie die Alzheimer-Demenz und vaskuläre Demenzen, aber auch Stoffwechselerkrankungen oder psychische Störungen wie Depressionen.

  • Ganzheitlicher Ansatz: Die gerontoneurologische Abklärung berücksichtigt den Gesamtzustand des Patienten, einschließlich körperlicher, kognitiver und psychischer Aspekte. Dies ist besonders wichtig, da ältere Menschen häufig an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden (Multimorbidität).

  • Individuelle Therapieplanung: Auf der Grundlage der Ergebnisse der Abklärung kann ein individueller Therapieplan erstellt werden, der auf die spezifischen Bedürfnisse und Möglichkeiten des Patienten zugeschnitten ist.

  • Verbesserung der Lebensqualität: Durch eine gezielte Behandlung können die Symptome der neurologischen Erkrankung gelindert und die Lebensqualität des Patienten verbessert werden. Viele ältere Menschen können durch den Erhalt ihrer Alltagskompetenzen in ihr gewohntes Umfeld entlassen werden.

Verfahren der gerontoneurologischen Abklärung

Die gerontoneurologische Abklärung umfasst verschiedene diagnostische Verfahren:

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  1. Anamnese: Die Anamnese ist ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten und gegebenenfalls seinen Angehörigen, in dem die Krankengeschichte erhoben wird. Dabei werden die aktuellen Beschwerden,Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme, familiäre Vorbelastung und soziale Umstände erfragt.

  2. Körperliche und neurologische Untersuchung: Bei der körperlichen Untersuchung werden allgemeine Gesundheitszustand undOrganfunktionen beurteilt. Die neurologische Untersuchung umfasst die Prüfung vonMotorik, Sensorik, Koordination, Reflexen, Hirnnervenfunktionen und kognitiven Fähigkeiten.

  3. Neuropsychologische Testung: Die neuropsychologische Testung dient der objektiven Erfassung kognitiverDefizite. Dabei werden verschiedene Bereiche wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit,Sprache,Exekutivfunktionen und räumliches Vorstellungsvermögen untersucht.Es werden neuropsychologische Screeningtests (MMST, CDT, DemTect)Vorgehalten. Für die Erkennung früher und seltener Verlaufsformen sind sie jedoch ungeeignet.

  4. Bildgebende Verfahren: Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) oder die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns ermöglichen die Darstellung von strukturellen Veränderungen im Gehirn, wie z. B. Durchblutungsstörungen,Tumoren oderEntzündungen.

  5. Liquoruntersuchung: Die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) kann Hinweise auf Entzündungen,Infektionen oder andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems liefern.

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  6. Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen dienen dem Ausschluss von Stoffwechselstörungen,Vitaminmangelzuständen oder anderen internistischen Erkrankungen, die neurologische Symptome verursachen können.

  7. Weitere spezielle Untersuchungen: In einigen Fällen können weitere spezielle Untersuchungen erforderlich sein, wie z. B. die Elektroenzephalographie (EEG) zur Messung der Hirnströme, die Elektromyographie (EMG) zur Untersuchung der Muskelaktivität oder die Doppler-Sonographie zur Beurteilung der Blutgefäße.

Die Rolle der Geriatrie in der gerontoneurologischen Abklärung

Die Geriatrie, auch bekannt als Altersmedizin, spielt eine wichtige Rolle in der gerontoneurologischen Abklärung. Geriater sind Spezialisten für die Behandlung älterer Menschen und verfügen über umfassende Kenntnisse der altersbedingten Veränderungen des Körpers und derMultimorbidität. Sie arbeiten eng mit Neurologen und anderen Fachärzten zusammen, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

Die Geriaterin bzw. der Geriater ist Spezialistin bzw. Spezialist für die Behandlung sehr alter Menschen. Denn der Organismus einer 90-Jährigen bzw. eines 90-Jährigen funktioniert anders als der eines 30-jährigen Menschen. Vor allem: Die typische Geriaterin bzw. der typische Geriater wird immer mehr zum Netzwerker zwischen den Disziplinen. Denn je nach Leiden oder Symptom, wird die alte Patientin bzw. der alte Patient in unterschiedlichen medizinischen Bereichen behandelt, von vielen Ärztinnen und Therapeuten, die im Zweifelsfalle nichts voneinander wissen und sich nicht austauschen. Eigentlich ist in jedem Fall aber das Wissen der Altersmediziner vonnöten, um hochbetagten Patienten eine ausgezeichnete Versorgung zu gewährleisten. Gerade deshalb werden Geriaterinnen in der Medizin der Zukunft eine strategisch wichtige Rolle spielen. Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen.

Wegen der komplexen Situation älterer Patientinnen und Patienten nutzt die Geriaterin bzw. der Geriater zusätzlich zu den klassischen ärztlichen Untersuchungsmethoden das geriatrische Assessment, um alterstypische Mehrfacherkrankungen, körperlich-funktionelle Defizite, aber auch mentale und psychische Probleme sowie das soziale Umfeld der Patientin bzw. des Patienten abzubilden. Auf Grundlage dieser Ergebnisse kann die Ärztin bzw. der Arzt die multiprofessionelle Therapie planen und überprüfen. Das Ziel der Geriaterin bzw.

Die Geriaterin bzw. der Geriater muss vielseitig agieren können: So muss sie bzw. er neben dem geriatrischen Assessment und der Kenntnis geriatrischer Syndrome auch die Planung und Leitung eines multiprofessionellen Teams beherrschen. Zudem sind gute differentialdiagnostische und pharmakologische Kenntnisse notwendig. Zu den weiteren Anforderungen gehören umfassende Kenntnisse in der Inneren Medizin und anderen Fachgebieten. Untersuchungsmethoden wie EKG, Endoskopie, Echokardiographie, Doppler-Druck-Messung und Schluckdiagnostik müssen ihr bzw.

Neurogeriatrie

Im hohen Alter funktioniert der Körper nicht mehr so wie bei 30-Jährigen - manche Erkrankungen (z.B. dementielle Erkrankungen, Parkinson-Syndrom) treten hauptsächlich bei älteren Menschen auf, andere sind schwerer zu diagnostizieren, weil sich andere Symptome zeigen. Außerdem dauert es länger, bis eine Therapie Erfolge zeigt. Die Patientinnen und Patienten sind häufig sehr gebrechlich und multimorbide. Bei der Behandlung können Ärztinnen und Ärzte daher nicht nur auf die einzelnen Organe und Erkrankungen schauen, sondern verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Daher gibt es auch große Überschneidungen mit anderen medizinischen Fachrichtungen, beispielsweise mit der Allgemeinmedizin, der Inneren Medizin, der Neurologie, der Orthopädie und der Psychiatrie. Für die Arbeit in der Geriatrie bedeutet das: Die Fachärzte und Fachärztinnen arbeiten stark interdisziplinär im Austausch mit anderen Fachrichtungen. Ihnen kommt eine Funktion als Schnittstelle zu: Denn multimorbide Patientinnen und Patienten werden häufig von vielen verschiedenen medizinischen und therapeutischen Fachleuten behandelt. So haben viele Hochbetagte beispielsweise zugleich Herz-Kreislauf-Beschwerden und rheumatische Erkrankungen, dazu vielleicht Diabetes oder sogar Krebs. Außerdem kann auch die geistige Fitness nachlassen. Eine Methode, mit der der Gesamtzustand beurteilt werden kann, ist das geriatrische Assessment. Hier werden die Probleme und Ressourcen von Patientinnen und Patienten systematisch erfasst. Auf dieser Grundlage kann dann ein ganzheitlicher Behandlungsplan entwickelt werden.

Ältere Patientinnen mit neurologischen Erkrankungen werden auf 35 Betten in der Neurogeriatrie behandelt. Spezielle (neuro-)geriatrische Komplexbehandlungen über ein bis drei Wochen beinhalten neben spezialisierten geriatrischen Pflegeleistungen und ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm. Das neurogeriatrische Team kann auf sechs Fachärzten und Fachärztinnen für Neurologie mit der Zusatzbezeichnung Geriatrie, zwei Neuropsychologinnen sowie ein kompetentes Team von spezialisierten Kotherapeut*innen zurückgreifen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Geriatrie (Direktor Professor Dr. Lakomek) aber auch allen anderen Kliniken und Instituten des JWK ermöglicht dabei die fachübergreifende Betreuung unserer Patientinnen und Patienten.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Behandlung von neurologischen Erkrankungen im Alter erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Neben Neurologen und Geriatern sind auchPsychiater, Internisten, Orthopäden,Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden undSozialarbeiter an der Versorgung der Patienten beteiligt. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit kann eine umfassende und individuelle Behandlung gewährleistet werden.

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