Der Geruchssinn ist einer unserer ältesten und wichtigsten Sinne. Er beeinflusst unser Verhalten, unsere Emotionen und unsere Erinnerungen. Er hilft uns, Gefahren zu erkennen, Essen zu genießen und Partner zu wählen. Doch wie funktioniert das Riechen eigentlich? Und welche Rolle spielt der Geruchssinn bei der Entwicklung von Kindern? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Nervenbahnen des Geruchssinns, seine Bedeutung für Kinder und die Auswirkungen von Riechstörungen.
Wie funktioniert das Riechen? Eine Reise durch die Nervenbahnen
Das Riechen beginnt, wenn Duftmoleküle, die in der Luft verteilt sind, in unsere Nase gelangen. Diese Moleküle können auf zwei Wegen in die Nase gelangen:
- Direktes Einatmen: Die flüchtigen Geruchsstoffe erreichen die Nase beim Einatmen durch die Nasenlöcher.
- Retro-nasaler Wahrnehmungsweg: Beim Kauen werden Geruchsstoffe freigesetzt und gelangen über die Mund-Nasen-Rachen-Verbindung in den Nasen-Rachen-Raum.
Einmal in der Nase, treffen die Duftstoffe auf die Riechschleimhaut, eine etwa fünf Quadratzentimeter große Fläche in jeder Nasenhöhle. Hier befinden sich Millionen von Riechsinneszellen, sogenannte Neuronen, die alle ein bis zwei Monate erneuert werden. Diese Zellen tragen an ihren feinen Riechhärchen Geruchsrezeptoren, die wie Anlegestellen für die Duftmoleküle fungieren.
Die Rolle der Rezeptoren: Ein Schlüssel-Schloss-Prinzip
Jeder Riechsinneszelle ist mit einer bestimmten Art von Rezeptor ausgestattet. Der Mensch besitzt etwa 350 bis 400 verschiedene funktionstüchtige Rezeptorentypen. Jeder Rezeptor ist auf eine bestimmte Gruppe von Duftmolekülen spezialisiert, ähnlich wie ein Schlüssel, der nur in ein bestimmtes Schloss passt. Wenn ein Duftmolekül an den passenden Rezeptor andockt, wird ein chemisches Signal in ein elektrisches Signal umgewandelt.
Vom Riechkolben zum Gehirn: Die Verarbeitung der Duftinformationen
Die elektrischen Signale werden über Nervenfasern (Axone) der Sinneszellen gebündelt durch das Siebbein (ein siebartig durchbrochener Knochen des Hirnschädels) zum Riechkolben (Bulbus olfactorius) geleitet. Der Riechkolben ist eine Art Rechen- und Relaiszentrum, in dem die eingehenden Informationen umgeschaltet und zu einem typischen Erregungsmuster, einem internen elektrischen "Signal-Kombinationscode", zusammengesetzt werden.
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Dieser "Dufterkennungscode" wird dann an höhere Gehirnregionen weitergeleitet, insbesondere an den piriformen Kortex und den orbitofrontalen Kortex (OFC). Der piriforme Kortex fungiert als "Duftmanager" und sendet die Duftreize an spezifische Gehirnareale weiter, während der OFC für die bewusste Wahrnehmung und Beurteilung von Gerüchen zuständig ist. Interessanterweise gelangt die Information auch an die Bereiche im Gehirn, die für das Gedächtnis und Emotionen zuständig sind, was erklärt, warum Gerüche oft starke Erinnerungen und Gefühle auslösen können.
Das Zusammenspiel von Emotionen und Geruch: Die Rolle der Amygdala
Die Amygdala, ein wichtiger Teil des Emotionszentrums im Gehirn, spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Gerüchen. Sie trifft eine Vorentscheidung, ob ein Duft gefühlsmäßig zusagt oder nicht, und tauscht sich mit dem piriformen Kortex über den Geruchseindruck aus. Diese emotionale Bewertung kann sogar den Riechkolben beeinflussen und bestimmen, was und wie etwas gerochen wird.
Wir riechen zweimal: Unbewusst und bewusst
Im Gehirn riechen wir das allermeiste offenbar zweimal: zunächst unbewusst mit dem Emotionszentrum und der Amygdala, die eine Vorentscheidung trifft, und dann bewusst in höheren Gehirnregionen wie dem OFC, wo eine kognitive Bewertung stattfindet. Es wird diskutiert, ob es möglich ist, an der Amygdala "vorbeizuriechen", aber zumindest physiologisch bestehen direkte neuronale Verbindungen zwischen dem piriformen Kortex und dem OFC, die vor allem beim "Duftneulernen" aktiviert werden.
Der Geruchssinn bei Kindern: Eine frühe Entwicklung mit weitreichenden Folgen
Die Entwicklung des Geruchssinns beginnt bereits früh im Mutterleib. Ab der 26. Schwangerschaftswoche werden die Nase und die dazugehörigen Hirnstrukturen angelegt, und Föten können bereits im Mutterleib riechen. Sie lernen Düfte in Verbindung mit den Emotionen der Mutter zu bewerten, was sich später auf ihre Vorlieben und Abneigungen auswirken kann.
Riechen lernen: Ein wichtiger Beitrag zur Genussfähigkeit
Ein guter Geruchssinn hilft Kindern, natürliche Lebensmittel von synthetischen Imitaten zu unterscheiden und ihre Genussfähigkeit zu erhöhen. Eltern können ihre Kinder anleiten, Gerüche blind zu erschnuppern und feine Duftnuancen zu unterscheiden, um so ihre Riechfähigkeit und ihr Gehirn zu trainieren.
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Geruchssinn und Geschmackssinn: Ein unzertrennliches Paar
Der Geruchssinn hängt eng mit dem Geschmackssinn zusammen. Erst mit dem Geruch entsteht das Aroma eines Lebensmittels, und Duftnoten prägen das Geschmacksempfinden. Wenn der Geruchssinn gestört ist, ist meistens auch die Geschmackswahrnehmung beeinträchtigt.
Riechspiele für Kinder: Spielerische Förderung des Geruchssinns
Es gibt viele Sinnes- und Riechspiele für die ganze Familie, die Spaß machen und den Geruchssinn des Kindes spielerisch fördern können. Beispiele sind:
- Schnüffeln statt kniffeln: Testobjekte (Gewürze, Kräuter, Tee, Seife, Gemüse, Käsesorten etc.) erraten.
- Ich schmecke was, was du nicht riechst: Lebensmittelstücke (Apfel, Birne, Kohlrabi, rohe Kartoffel) mit verbundenen Augen und zugehaltener Nase erraten.
- Geruchsdosen nach Montessori: Kleine Gläser mit gemahlenen Gewürzen oder ätherischen Ölen füllen und Geruchspaare finden.
- Gerüche im Alltag bewusst wahrnehmen: Kinder auf die Düfte und Gerüche in ihrer Umgebung aufmerksam machen (beim Kochen, Essen, Schälen einer Mandarine).
- An irgendwelchen Dingen riechen: Wonach riecht die Couch, der Ledersessel oder Papas Bücher?
- Blumen riechen: Einen bunten Blumenstrauß ins Haus holen und die verschiedenen Gerüche erkunden.
- Gerüche eines bestimmten Landes erforschen: Gewürzschalen mit Kardamom, Koriander, Kümmel etc. für orientalische Düfte.
- Ich riech, ich riech, was du nicht riechst: Mehrere riechende Dinge in ein uneinsichtiges Gefäß packen und erraten lassen.
- Geruchsschnitzeljagd: Durch die Stadt, im Wald oder am Bauernhof verschiedene Gerüche suchen.
Autismus und der Geruchssinn: Über- oder Unterempfindlichkeit
Autistische Kinder nehmen die Welt anders wahr, und ihre Sinneswahrnehmung kann entweder über- oder unterempfindlich sein. Dies kann auch den Geruchssinn betreffen. Manche autistische Kinder suchen gezielt nach olfaktorischen Reizen, während andere unter einem überempfindlichen Geruchssinn leiden und von den vielen Gerüchen in ihrer Umgebung überfordert sind.
Riechstörungen: Wenn der Geruchssinn verloren geht
Riechen ist für uns so normal, dass wir den Geruchssinn meist erst wahrnehmen, wenn er gestört ist oder ganz verloren geht. Riechstörungen können verschiedene Ursachen haben:
- Sinunasale Riechstörungen: Behinderung der Luftzufuhr zur Riechschleimhaut durch Entzündungen, Nasenpolypen oder Verkrümmungen der Nasenscheidewand.
- Nicht-sinunasale Riechstörungen: Schädigung des Riechapparates selbst durch Schädelverletzungen, toxische Substanzen, Strahlentherapie, Virusinfektionen (z.B. Corona), neuronale Erkrankungen (Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose), Diabetes, Schilddrüsenunterfunktionen oder Medikamente.
- Angeborene Riechstörungen: Unterentwicklung oder Fehlen des Riechkolbens (Bulbus olfactorius), z.B. beim Kallmann-Syndrom.
- Altersbedingter Verlust des Geruchssinns: Presbyosmie.
Auswirkungen von Riechstörungen
Der Verlust des Geruchssinns kann einen starken Einschnitt im Leben bedeuten. Betroffene können ihren eigenen Körpergeruch nicht mehr riechen, verdorbene Lebensmittel nicht erkennen und haben wenig Freude am Essen. Riechstörungen können auch ein Warnsignal für andere Erkrankungen sein, insbesondere für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson.
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Therapie von Riechstörungen
Die Therapie von Riechstörungen hängt von der Ursache ab. Bei sinunasalen Riechstörungen können Entzündungen behandelt oder anatomische Hindernisse operativ beseitigt werden. Bei nicht-sinunasalen Riechstörungen kann das sogenannte Riechtraining helfen, die Neubildung von Riechzellen anzuregen. Dabei schnuppern Patienten täglich an verschiedenen Gerüchen und versuchen, die wahrnehmbaren Unterschiede bewusst im Gehirn zu verankern. Darüber hinaus werden auch alternative Ansätze wie die Verwendung von Vitamin A und thrombozytenreichem Eigenblutplasma erforscht.
Riechen im Alter: Die Rolle oxidativen Stresses
Studien haben gezeigt, dass einzelne Nervenzellen im Gehirn schneller altern können als andere, und der Verlust des Geruchssinns kann eines der ersten Anzeichen für diesen Alterungsprozess sein. Oxidativer Stress scheint eine wichtige Rolle bei der altersbedingten olfaktorischen Neurodegeneration zu spielen. Wenn die Bildung reaktiver Sauerstoffverbindungen in bestimmten Nervenzellen verhindert wird, kann der Verlust des Geruchssinns aufgehalten werden.