Eine Gesichtslähmung, medizinisch als Fazialisparese bezeichnet, kann eine beängstigende und belastende Erfahrung sein. Sie tritt oft plötzlich auf und beeinträchtigt die Fähigkeit, die Gesichtsmuskulatur zu kontrollieren. Besonders nach einem Schlaganfall kann eine Gesichtslähmung die Lebensqualität erheblich mindern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Gesichtslähmung nach einem Schlaganfall, einschließlich der Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist eine Fazialisparese?
Die Fazialisparese ist eine teilweise oder vollständige Lähmung der Gesichtsmuskulatur, die durch eine Schädigung des Gesichtsnervs (Nervus facialis) oder seines Ursprungsgebietes im Gehirn verursacht wird. Der Nervus facialis ist der siebte von zwölf Hirnnerven und steuert die Bewegung der meisten Gesichtsmuskeln, die für Mimik, Lachen, Zwinkern und andere Gesichtsausdrücke verantwortlich sind. Zudem reguliert er die Funktion der Nasenschleimhaut-, Speichel- sowie Tränendrüsen und ermöglicht das Schmecken im vorderen Zungenbereich.
Ursachen der Gesichtslähmung
Die Ursachen einer Fazialisparese sind vielfältig und nicht immer eindeutig zu bestimmen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Hauptformen:
- Periphere Fazialisparese: Hier ist der Nerv selbst in seinem Verlauf vom Hirnstamm zum Gesicht geschädigt. Die Ursache kann ein Unfall, eine Schwellung aufgrund einer Infektion mit Bakterien oder Viren, ein Tumor oder eine Mittelohrentzündung sein. In vielen Fällen bleibt die Ursache jedoch unbekannt (idiopathische Fazialisparese).
- Zentrale Fazialisparese: Diese Form entsteht durch eine Schädigung im Gehirn, die die Steuerung des Nervus facialis beeinträchtigt. Häufige Ursachen sind Schlaganfälle, Hirntumore oder Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis).
Gesichtslähmung nach Schlaganfall
Ein Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen für eine zentrale Fazialisparese. Dabei wird die Blutversorgung des Gehirns plötzlich unterbrochen, was zu Ausfällen des zentralen Nervensystems führen kann. Jeder Teil des Gehirns ist für bestimmte Funktionen oder Körperteile zuständig. Da die Gehirnhälften überkreuz arbeiten, kann eine Schädigung in einer Gehirnhälfte zu Ausfallerscheinungen in der gegenüberliegenden Körperhälfte führen. Ist beispielsweise der rechte Teil des Gehirns betroffen, kann es zu einer Lähmung der linken Körperhälfte kommen - und umgekehrt.
Nach einem Schlaganfall können Betroffene oft unmittelbar nach dem Ereignis eine Körperhälfte nicht mehr richtig spüren und/oder kontrollieren. Im Gesicht äußert sich dies durch eine herabhängende Mundwinkel (Fazialisparese), wodurch das Lächeln beeinträchtigt ist.
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Symptome einer Fazialisparese
Die Symptome einer Fazialisparese treten in der Regel plötzlich auf und können je nach Schweregrad der Schädigung variieren. Typische Anzeichen sind:
- Herabhängender Mundwinkel: Eines der auffälligsten Symptome ist ein herabhängender Mundwinkel auf der betroffenen Seite des Gesichts. Dies führt dazu, dass das Lächeln asymmetrisch wirkt.
- Schwierigkeiten beim Schließen des Auges: Viele Betroffene können das Augenlid auf der betroffenen Seite nicht mehr vollständig schließen. Dies kann zu trockenen Augen und einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen führen.
- Verwaschene Sprache: Die Lähmung der Gesichtsmuskulatur kann die Artikulation beeinträchtigen, was zu einer verwaschenen oder schwer verständlichen Sprache führt.
- Verlust des Geschmackssinns: In einigen Fällen kann der Geschmackssinn im vorderen Zungenbereich beeinträchtigt sein.
- Erhöhte Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis): Einige Betroffene reagieren empfindlicher auf Geräusche.
- Missempfindungen im Gesicht: Kribbeln oder ein "pelziges Gefühl" in den betroffenen Gesichtspartien.
- Trockene Augen und Mund: Aufgrund der beeinträchtigten Funktion der Tränen- und Speicheldrüsen kann es zu trockenen Augen und einem trockenen Mund kommen.
- Schmerzen im oder um das Ohr: In manchen Fällen treten Schmerzen im und um das Ohr herum auf.
Unterschiede zwischen peripherer und zentraler Fazialisparese
Die Symptome können je nach Art der Fazialisparese variieren:
- Periphere Fazialisparese: Betrifft die gesamte Gesichtshälfte, einschließlich der Stirnmuskulatur. Betroffene können die Stirn nicht mehr runzeln und das Auge nicht vollständig schließen.
- Zentrale Fazialisparese: Betrifft hauptsächlich den unteren Teil des Gesichts (vom Auge bis zum Kinn). Die Stirnmuskulatur bleibt in der Regel erhalten, da sie von beiden Gehirnhälften versorgt wird. Betroffene können also noch die Stirn runzeln.
Diagnose einer Fazialisparese
Die Diagnose einer Fazialisparese beginnt in der Regel mit einer gründlichen körperlichen und neurologischen Untersuchung. Der Arzt wird die Funktion der Gesichtsmuskulatur überprüfen, indem er den Patienten auffordert, verschiedene Gesichtsausdrücke zu machen, wie z.B. die Stirn zu runzeln, die Augen fest zu schließen oder breit zu grinsen. Auch das Ohr wird untersucht, um mögliche Infektionen oder andere Ursachen auszuschließen.
Wichtige Fragen, die der Arzt stellen wird, sind:
- Wann traten die ersten Anzeichen der Lähmung auf?
- Wie äußern sich diese genau?
- Haben Sie noch andere Beschwerden (z.B. Kopfschmerzen)?
- Leiden Sie unter Bluthochdruck?
Weitere diagnostische Maßnahmen
Um die Ursache der Fazialisparese zu ermitteln, können weitere Untersuchungen erforderlich sein:
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- Blutuntersuchungen: Um Infektionen (z.B. Borreliose, Herpes Zoster) oder andere Erkrankungen auszuschließen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen (Fazialisneurografie): Um die Funktion des Gesichtsnervs zu überprüfen und den Ort der Schädigung zu lokalisieren.
- Lumbalpunktion (Nervenwasseruntersuchung): Bei Verdacht auf eine Entzündung des Nervensystems.
- Bildgebende Verfahren (CT, MRT): Um Gehirnblutungen, Tumore oder andere strukturelle Veränderungen auszuschließen, insbesondere bei Verdacht auf eine zentrale Fazialisparese.
Behandlung der Fazialisparese
Die Behandlung der Fazialisparese zielt darauf ab, die Rückbildung der Symptome zu beschleunigen und Komplikationen zu vermeiden. Die Art der Therapie hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Lähmung ab.
Medikamentöse Therapie
- Kortikosteroide (Glukokortikoide): Bei idiopathischer Fazialisparese werden häufig Kortison-Präparate eingesetzt, um Entzündungen zu reduzieren und die Heilung zu beschleunigen.
- Antivirale Medikamente (Virustatika): Bei einer Fazialisparese, die durch eine Virusinfektion (z.B. Herpes Zoster) verursacht wurde, werden antivirale Medikamente eingesetzt, um die Virusvermehrung zu hemmen.
- Antibiotika: Bei einer bakteriellen Infektion (z.B. Borreliose) werden Antibiotika eingesetzt, um die Bakterien zu bekämpfen.
Supportive Maßnahmen
- Augenpflege: Bei unvollständigem Lidschluss ist der Schutz der Hornhaut von großer Bedeutung. Hierzu werden Tränenersatzmittel, Augensalben und gegebenenfalls ein Uhrglasverband eingesetzt, um das Auge vor Austrocknung zu schützen.
- Physiotherapie: Krankengymnastische Übungen der Gesichtsmuskulatur können helfen, die Muskeln zu stärken und die Koordination zu verbessern. Die Übungen sollten unter Anleitung eines Therapeuten durchgeführt und regelmäßig zu Hause fortgesetzt werden.
- Logopädie: Bei Sprach- und Schluckbeschwerden kann eine logopädische Behandlung helfen, die Artikulation und die Schluckfunktion zu verbessern.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Transkutane Nervenstimulation: In schweren Fällen, in denen die Gesichtslähmung nicht abklingt, kann eine transkutane Nervenstimulation eingesetzt werden, um die betroffenen Nerven und Muskeln anzuregen.
- Botulinumtoxin: Bei Synkinesien (unwillkürlichen Mitbewegungen der Gesichtsmuskulatur) kann Botulinumtoxin eingesetzt werden, um die überaktiven Muskeln zu entspannen.
- Chirurgische Maßnahmen: In seltenen Fällen, insbesondere bei chronischen Gesichtslähmungen mit dauerhaften Schädigungen des Nervus facialis, können rekonstruktive chirurgische Eingriffe in Betracht gezogen werden, um die Funktion des Gesichtsnervs wiederherzustellen oder zu verbessern.
Mundmotorik-Training (MMT)
Patienten mit einer fazialen Parese nach einem Schlaganfall können Funktionseinschränkungen beim Trinken, Bewegen der Nahrung im Mund aber auch in der Artikulation aufweisen. Auch in der Kommunikation kann es zu Missverständnissen führen, weil einerseits die Mundmotorik eingeschränkt ist und andererseits der mimische Ausdruck durch die Gesprächspartner fehlgedeutet werden kann, beispielsweise, wenn das Lächeln misslingt. Es wird üblicher Weise ein sogenanntes Mundmotorik-Training (MMT) durchgeführt, hierbei werden repetitive mundmotorische Übungen vor dem Spiegel durchgeführt.
Verlauf und Prognose
Die Prognose einer Fazialisparese ist im Allgemeinen gut. In den meisten Fällen kommt es innerhalb von Wochen oder Monaten zu einer deutlichen Besserung oder vollständigen Rückbildung der Symptome. Eine vollständige Rückbildung erfolgt selbst ohne Behandlung in 65 % bzw. 85 % der Fälle nach 3 bzw. 9 Monaten.
Faktoren, die die Prognose negativ beeinflussen können, sind:
- Vollständige Lähmung des Nervus facialis
- Keine Besserung nach 3 Wochen
- Alter > 60 Jahre
- Starke Schmerzen
- Begleiterkrankungen (Bluthochdruck, Diabetes)
- Gürtelrose im Gesicht als Ursache
- Verletzung als Ursache
- Schwangerschaft
- Hyperakusis (Geräuschüberempfindlichkeit)
- Ausgeprägte Schädigung des Nervus facialis in elektrophysiologischen Untersuchungen
Mögliche Komplikationen
Zu den möglichen Komplikationen einer Fazialisparese zählen:
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- Hornhautgeschwüre: Durch den unvollständigen Lidschluss.
- Bleibende funktionelle Beeinträchtigungen: Der betroffenen Gesichtsmuskulatur.
- Synkinesien: Unwillkürliche Kontraktionen der durch den Gesichtsnerv gesteuerten Muskeln.
- Krokodilstränen: Tränenfluss beim Essen.
- Weitere Störungen des autonomen Nervensystems: Z. B. Geschmacksschwitzen (fehlgeleitetes Schwitzen im Gesichts- und Halsbereich bei Nahrungsaufnahmen).
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