Gehirnerschütterung: Symptome, Diagnose und Behandlung

Eine Gehirnerschütterung, auch Commotio cerebri genannt, ist die leichteste Form eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT). Sie entsteht meist durch einen Unfall, beispielsweise beim Sport, bei der Arbeit oder im Haushalt, bei dem der Kopf einen Schlag abbekommt oder ruckartig bewegt wird. Dabei prallt das Gehirn gegen die Schädelwand und wird funktionell beeinträchtigt. Obwohl sichtbare Verletzungen im CT oder MRT meist nicht erkennbar sind, kann die Gehirnfunktion vorübergehend eingeschränkt sein.

Was ist eine Gehirnerschütterung?

Das Gehirn ist die „Schaltzentrale“ des Körpers und ein besonders empfindliches Organ, das gut geschützt im Schädel liegt, umgeben von einer Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis). Diese Flüssigkeit, umgangssprachlich Gehirnwasser genannt, dient als Puffer, sodass das Gehirn bei Erschütterungen nicht direkt gegen die Schädelwand prallt. Zu einer Erschütterung des Gehirns kommt es jedoch durch einen stumpfen Schlag auf den Kopf oder einen Aufprall, bei dem das Gehirn von innen an die Schädelwand stößt. Manchmal sind außen auf der Haut Verletzungen zu sehen, dies muss aber nicht sein.

Heutzutage wird die Gehirnerschütterung als leichte Form des Schädel-Hirn-Traumas angesehen. Es handelt sich um eine Verletzung des Schädels mit Gehirnbeteiligung. Zeichen dafür sind Bewusstseinsstörungen, auch Erinnerungslücken können auftreten. Bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma dauert die Bewusstlosigkeit definitionsgemäß nicht länger als eine halbe Stunde. Außerdem hält ein Gedächtnisverlust (Amnesie) nicht länger als 24 Stunden an. Betroffene erholen sich von einer Gehirnerschütterung meist vollständig. Sie sollten sich aber bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ärztlich untersuchen lassen.

Ursachen und Risikofaktoren

Kopfverletzungen sind meist die Folge eines Unfalls. Die häufigsten Ursachen einer Gehirnerschütterung sind:

  • Stürze auf den Kopf, etwa beim Sport oder im Haushalt
  • Verkehrsunfälle, zum Beispiel als Auto-, Radfahrer oder Fußgänger
  • Sportunfälle, vor allem in Kontaktsportarten wie Fußball, Boxen, Eishockey oder Reiten
  • Schläge oder Tritte gegen den Kopf
  • Unfälle bei Kindern, etwa beim Spielen oder Klettern

Bei manchen Sportarten tragen Spielerinnen und Spieler besonders häufig Schädel-Hirn-Verletzungen davon - dazu zählt etwa Eishockey. Auch das Fahren ohne Helm (Fahrrad, Motorrad, Ski) erhöht das Risiko. Im Alter können Glatteis oder rutschige Böden nach Regenfall Risikofaktoren sein. Eine große Gefahr stellt der sogenannte „Second Impact“ dar, also eine erneute Kopfverletzung, bevor die erste vollständig ausgeheilt ist.

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Symptome einer Gehirnerschütterung

Die Symptome einer Gehirnerschütterung können vielfältig sein und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Sie können sofort nach dem Unfall oder auch erst nach 1 oder 2 Tagen auftreten. Typische Anzeichen sind:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Benommenheit
  • Gedächtnislücken (Amnesien), d.h. Unfähigkeit, sich an den Unfall oder die Geschehnisse kurz davor oder danach zu erinnern
  • Kurze Bewusstlosigkeit oder Bewusstseinstrübung (Orientierungslosigkeit, Schläfrigkeit, Verwirrtheit)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Sehstörungen (verschwommenes Sehen)
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit
  • Reizbarkeit
  • Ängstlichkeit

Bei Kindern sind die Symptome oft unspezifischer. Sie können sich durch ungewöhnliches Weinen, Teilnahmslosigkeit oder Gleichgewichtsstörungen äußern.

Warnzeichen, bei denen sofort ein Notarzt gerufen werden sollte:

  • Anhaltende oder zunehmende Kopfschmerzen
  • Schläfrigkeit, aus der die Person nicht geweckt werden kann
  • Wiederholtes, heftiges Erbrechen
  • Krampfanfälle
  • Schwäche oder Taubheitsgefühle in den Extremitäten
  • Unruhe
  • Verschwommenes Sehen oder ungleiche Pupillengröße
  • Austritt von Blut oder klarer Flüssigkeit aus Nase und/oder Ohr
  • Verwaschene Sprache
  • Unfähigkeit, sich an bekannte Personen oder Umgebungen zu erinnern
  • Untypisches Verhalten (vermehrte Verwirrtheit, Reizbarkeit usw.)

Diagnose

Ob es sich um eine Gehirnerschütterung handelt, stellen Ärztinnen und Ärzte in einem ausführlichen Gespräch (Anamnese) und durch eine körperliche Untersuchung fest. Dabei kontrollieren sie unter anderem, ob es neurologische Auffälligkeiten wie Gedächtnislücken oder Sehstörungen gibt.

Bei Verdacht auf Knochenbrüche kann eine Röntgenuntersuchung durchgeführt werden. Bei vermuteten schwereren Verletzungen des Gehirns erfolgt eine Untersuchung mittels Computertomografie (CT). Das detaillierte CT-Bild des Schädels gibt Aufschluss über Blutungen und Schwellungen im Gehirn - Hinweise, die lebensrettend sein können. Manchmal wird auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) zur weiteren Klärung angeordnet. Unter Umständen sind ergänzende Untersuchungen sinnvoll, zum Beispiel eine Hirnstrommessung (EEG) oder eine MR-Angiografie, eine kernspintomografische Untersuchung von Gefäßen.

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Behandlung

In der Regel muss eine leichte Gehirnerschütterung ohne größere Funktionsstörungen nicht behandelt werden. Wesentlich ist es, sich für 1 bis 2 Tage auszuruhen, auch geistig: Manchmal können Lesen oder anregende Gespräche die Symptome verschlimmern. Auch Bettruhe kann sinnvoll sein. Nach der Ruhezeit sollte man schrittweise wieder mit leichten Aktivitäten beginnen, die keine weiteren Symptome auslösen.

Unmittelbar nach einer Gehirnerschütterung sollte jede Person ärztlich behandelt werden. Dies kann im Krankenhaus oder beim niedergelassenen Arzt bzw. bei der Ärztin erfolgen. In den meisten Fällen wird in Deutschland die 24-stündige Überwachung in einem Krankenhaus empfohlen, damit mögliche gefährliche Verletzungen rechtzeitig erkannt und behandelt werden können. Wenn es Ihnen am nächsten Tag schon besser geht, werden Sie typischerweise nach Hause entlassen. Häufig erhalten Sie schriftliche Verhaltensempfehlungen und Sie sollten jemanden bei sich haben, der Sie die nächsten 24 Stunden mitbetreut und überwacht.

Medikamentöse Behandlung

Bei Übelkeit oder starken Kopfschmerzen können Medikamente helfen. Bei Schmerzen kann zum Beispiel Paracetamol eingenommen werden. Medikamente mit Acetylsalicylsäure (ASS) sowie andere NSAR wie etwa Ibuprofen sollten vermieden werden, da sie das Blutungsrisiko erhöhen. Nehmen Sie nur Medikamente ein, die Ihr Arzt Ihnen verordnet hat und fragen Sie Ihren Arzt im Einzelfall, ob Sie Schmerzmittel überhaupt nehmen sollen. Gerade Schmerzmittel können z.B. Kopfschmerzen chronifizieren, also länger auftreten lassen.

Verhaltensempfehlungen

  • Ruhe: In der akuten Phase, typischerweise nach 24-stündiger Überwachung in einem Krankenhaus, ist es meist noch nötig, möglichst viel Ruhe einzuhalten und ausreichend Schlaf zu haben. Das Einhalten von Ruhe in dieser subakuten Phase soll nicht nur die körperlichen Aktivitäten umfassen (z.B. Erledigen von Hausarbeiten oder Fitnessübungen), sondern auch die geistigen Aktivitäten wie z.B. Lesen, Fernsehen oder Videospiele. Ein konsequentes Liegen über längere Zeit in einem abgedunkelten Raum ist nicht nötig. Leichte körperliche Belastung oder geistige Aktivität, ohne dass es zu verstärkter Symptomatik kommt, kann den Heilungsprozess sogar verbessern.
  • Alkohol und Drogen: Während der Erholungsphase nach einer Gehirnerschütterung sollten Sie auf Alkohol verzichten, denn Alkohol und Drogen können den Heilungsverlauf deutlich verzögern und Sie einem weiteren Verletzungsrisiko aussetzen.
  • Autofahren und Maschinenbedienung: Ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren und schnell zu reagieren, könnte durch die Gehirnerschütterung eingeschränkt sein. Fragen Sie Ihren behandelnden Arzt, ab wann Sie sicher Auto fahren oder wieder an komplizierten Maschinen arbeiten können, insbesondere wenn Sie das Gefühl haben, dass Sehstörungen vorliegen, Sie langsamer denken, Ihre Reaktionszeit vermindert ist, Ihre Aufmerksamkeit eingeschränkt ist oder Sie meinen, dass Ihr Urteilsvermögen beeinträchtigt ist. Sie sollten erst dann wieder Auto fahren, wenn Sie sich sicher fühlen und das Führen eines Fahrzeugs oder Fahrradfahren gefahrlos möglich ist. Es kann hilfreich sein, zunächst vertraute, kurze Strecken mit möglichst wenig Verkehr zu fahren, um sich an diese Situation wieder zu gewöhnen.
  • Schrittweise Wiederaufnahme der Aktivitäten: Versuchen Sie nicht, sofort alle Ihre üblichen Aktivitäten einschließlich der Arbeit im Beruf oder in der Schule in dem Umfang wieder aufzunehmen, wie Sie es vor der Gehirnerschütterung getan haben. Es wird dringend empfohlen, dass Sie Schritt für Schritt Ihre Routine und ihr Tempo wieder aufnehmen. Vermehrte Pausen können dabei hilfreich sein. Oft ist es sinnvoll, in Schule und Beruf zunächst in Teilzeit zu arbeiten, zu Beginn mit nur ein paar Stunden pro Tag. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie vollzeitbeschäftigt oder Schüler sind. Diese gestufte Wiedereingliederung sollte aber mit Ihrem behandelnden Arzt und der Schule bzw. Arbeitgeber abgesprochen werden.
  • Kopfschmerzen: Sie sollten aber auf keinen Fall Ihre Kopfschmerzen „aussitzen“, denn es ist manchmal notwendig, dass Sie unter ärztlicher Kontrolle aktiv gegen Ihre Kopfschmerzen vorgehen. Deshalb sollten Sie sich bei Ihrem behandelnden Arzt vorstellen, wenn Kopfschmerzen länger als vier bis sechs Tage vorliegen. Die Behandlung von Kopfschmerzen ist multimodal, d.h. verschiedene Therapieansätze können helfen Sie von diesen lästigen Beschwerden zu befreien. Die Behandlungen umfassen u.a. isoliert oder kombiniert die Gabe von Medikamenten, Veränderungen des Lebensstils und Formen der Rehabilitation.
  • Schwindel: Achten Sie darauf, welche Bewegungen zu Schwindel führen oder diesen verstärken und vermeiden Sie diese Bewegungen oder bewegen Sie sich vorsichtiger als sonst. Nutzen Sie das Geländer beim Treppensteigen und klettern Sie nicht auf Leitern oder auf Dächer und vermeiden Sie Situation, bei denen Sie stürzen könnten. Informieren Sie Ihren Arzt über Ihren Schwindel. Der kann bei Bedarf veranlassen, dass Sie fachärztlich vorgestellt werden, um eine genauere Abklärung und Behandlung des Schwindels zu ermöglichen.

Tipps zur Verbesserung der Denkschwierigkeiten

  • Versuchen Sie, sich nicht von irgendetwas in Ihrer Umgebung ablenken zu lassen (z.B. den Fernseher ausschalten, wenn Sie telefonieren usw.).
  • Vermeiden Sie das Durchführen mehrerer Dinge gleichzeitig („Multi-Tasking“).
  • Arbeiten Sie, wann immer möglich, in einer ruhigen Umgebung.
  • Halten Sie Stift und Papier bereit, um ggf. Informationen zu notieren.
  • Erstellen sie Listen/Ablaufpläne für sich selbst und verwenden Sie einen Kalender oder Ähnliches für wichtige Termine und Informationen.
  • Planen Sie Ihre Aktivitäten in aller Ruhe im Voraus, damit Sie den Tag besser vorbereiten können.
  • Gönnen Sie sich mehr Zeit als üblich v.a. für für die Erledigung Ihrer Aufgaben.

Tipps zur Verbesserung der Stimmungsschwankungen und zur Verringerung des täglichen Stresses

  • Stellen Sie sicher, dass Sie ausreichend schlafen.
  • Achten Sie auf eine ausgewogene und nahrhafte Ernährung.
  • Begrenzen Sie die Aufnahme von Koffein in Getränken, wie Kaffee, Tee, Cola u.ä..
  • Führen Sie regelmäßig leichte körperliche Übungen innerhalb der Grenzen Ihrer Fähigkeit durch; wenn Sie unsicher sind, was sind Sie tun können, sprechen Sie sich mit Ihrem Arzt ab.
  • Legen Sie Prioritäten für Ihre täglichen Aufgaben so fest, dass Sie sie realistisch erfüllen können.
  • Konzentrieren Sie sich immer nur auf eine Sache und legen Sie dazwischen regelmäßige Pausen ein.
  • Achten Sie auf regelmäßig Aktivitäten, die für Sie entspannend und angenehm sind.
  • Versuchen Sie Ihre sozialen Kontakte mit Freunden oder Familienmitgliedern aufrecht zu erhalten.
  • Vermeiden Sie in dieser Phase wichtige Entscheidungen zu treffen, wie z.B. Wechsel des Arbeitsplatzes, bis sich Ihre Symptome deutlich verbessert haben.

Verlauf und Prognose

Die typischen Symptome können sofort nach dem Unfall oder auch erst nach 1 oder 2 Tagen auftreten. Häufig sind sie nach einigen Tagen wieder weg. In der Regel sind keine langfristigen Folgen zu erwarten.

Manche Menschen mit einer Gehirnerschütterung haben allerdings noch viele Wochen nach dem Unfall Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Ängstlichkeit oder Gedächtnislücken. Dies betrifft besonders Sportlerinnen und Sportler, deren Kopf besonders häufig Schlägen ausgesetzt ist. Um solchen Langzeitfolgen vorzubeugen, ist es wichtig, auch leichtere Gehirnerschütterungen in Ruhe auszukurieren. Grundsätzlich sollten die Beschwerden nach 14 bis 21 Tagen abklingen.

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10 bis 20 Prozent der Betroffenen leiden nach der Gehirnerschütterung noch einige Wochen lang unter Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen oder Gedächtnislücken. Man spricht von einem postkommotionellen Syndrom (PCS). Es gibt dafür keine spezielle Therapie. Bei manchen Menschen kann eine Gehirnerschütterung Langzeitfolgen haben. Noch Monate oder sogar Jahre danach ist ihr Gedächtnis oder ihre Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt.

Prävention

Verletzungen am Kopf lassen sich oft durch bewusstes Verhalten und geeignete Schutzmaßnahmen vermeiden. Folgende Maßnahmen können helfen, das Risiko einer Gehirnerschütterung zu reduzieren:

  • Helm tragen: Tragen Sie beim Fahrradfahren, Skifahren, Reiten oder auf dem E-Roller einen Helm. Das Risiko einer Kopfverletzung wird dadurch deutlich um 60 bis 70 Prozent reduziert.
  • Stürze vermeiden: Beseitigen Sie Stolperfallen im Haushalt und verwenden Sie rutschfeste Matten in Bad und Küche. Eine gute Beleuchtung hilft außerdem, Stolperstellen schneller zu erkennen.
  • Sicherer Sport: Achten Sie bei risikoreichen Sportarten auf Technik und Fairness und verwenden Sie eine passende Schutzausrüstung.
  • Kindersicherung: Treppengitter, Kantenschutz und eine sichere Spielumgebung schützen vor allem Kleinkinder.
  • Aufklärung: Das Bewusstsein für Gehirnerschütterungen sollte bereits in der Schule, im Verein und in der Familie gestärkt werden.

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