Gleichgewichtsstörung durch Nervenentzündung: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind weit verbreitete Beschwerden, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Ein Drehschwindel, oft als Karussellgefühl beschrieben, deutet meist auf eine Störung des vestibulären Systems hin, das sich im Innenohr befindet und für das Gleichgewicht zuständig ist. Eine häufige Ursache für solche Störungen ist die Nervenentzündung, insbesondere die Neuritis vestibularis. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung von Gleichgewichtsstörungen im Zusammenhang mit Nervenentzündungen, insbesondere im Kontext der Polyneuropathie und der Neuritis vestibularis.

Das vestibuläre System und seine Bedeutung

Das vestibuläre System, auch als Gleichgewichtsorgan bekannt, befindet sich im Innenohr und besteht aus den drei Bogengängen, den Makulaorganen und dem Gleichgewichtsnerv. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und der räumlichen Orientierung. Drehschwindel ist oft die Folge einer Störung in diesem System oder den damit verbundenen Nervenbahnen. Häufige Ursachen sind der gutartige paroxysmale Lagerungsschwindel, die Neuritis vestibularis und der Morbus Menière. Auch eine vestibuläre Migräne kann Schwindel verursachen.

Polyneuropathie: Eine Erkrankung der peripheren Nerven

Der Begriff „Polyneuropathie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Erkrankung mehrerer Nerven“. Dabei handelt es sich um eine Schädigung der peripheren Nerven, die nicht das Gehirn oder das Rückenmark betrifft. Die Nerven arbeiten wie elektrische Leitungen, und Störungen können entweder durch eine Unterbrechung des inneren Strangs des Nervs oder seiner Umhüllung entstehen. Je länger ein Nerv ist, desto eher erkrankt er an Polyneuropathie, weshalb die Erkrankung häufig an den Zehen und Füßen beginnt.

Ursachen der Polyneuropathie

Es gibt über 300 bekannte Ursachen für Polyneuropathie. In Deutschland sind etwa 35 % der Fälle auf Diabetes mellitus (Zuckererkrankung) und etwa 20 % auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Bei etwa einem Viertel aller Polyneuropathien bleibt die Ursache auch nach ausführlicher Abklärung ungeklärt.

Häufige Ursachen von Polyneuropathie sind:

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  • Diabetes mellitus: Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel kann die Nerven schädigen.
  • Alkoholmissbrauch: Alkohol hat eine nervenschädigende Wirkung bei langjährigem, hohem Konsum.
  • Vitaminmangel: Mangel an Vitamin B1, B2, B6, B12 oder E kann zu Nervenschäden führen.
  • Schwermetallvergiftung: Blei, Arsen, Thallium, Quecksilber oder Gold können Polyneuropathie verursachen.
  • Medikamente: Bestimmte Chemotherapeutika, Interferone oder Virustherapeutika können als Nebenwirkung Polyneuropathie auslösen.
  • Entzündliche Erkrankungen: Borreliose (Zeckenbisserkrankung), Gefäßentzündungen (Vaskulitis) oder HIV/AIDS können Nervenentzündungen verursachen.
  • Genetische Faktoren: Es gibt mehrere genetisch bedingte Polyneuropathien.

Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome der Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Sensible Störungen: Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, stechende oder elektrisierende Missempfindungen in Armen und Beinen. Oftmals sind zuerst die Zehen und Füße betroffen.
  • Motorische Störungen: Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelzuckungen oder Lähmungen.
  • Vegetative Störungen: Störung der Organsteuerung, z.B. Blasenlähmung, Darmträgheit oder mangelnde Regulation des Herzschlags bei Anstrengung.
  • Gleichgewichtsstörungen: Gestörtes Lageempfinden, was zu Schwanken, Schwindel und Gangstörungen führen kann.
  • Schmerzen: Brennende, schneidende oder stechende Schmerzen.

Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnose und Therapie der Polyneuropathie fallen in das Fachgebiet des Neurologen. Am Anfang stehen eine genaue Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) und eine fachärztliche, klinisch-neurologische Untersuchung.

Wichtige diagnostische Maßnahmen sind:

  • Elektroneurographie: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um die Funktion der peripheren Nerven zu überprüfen.
  • Elektromyographie (EMG): Analyse der Muskelaktivität, um Schädigungen der Muskeln oder Nerven zu erkennen.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen zur Abklärung möglicher Ursachen wie Diabetes mellitus, Vitaminmangel oder Entzündungen.
  • Untersuchung des Nervenwassers (Liquor): Bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomografie (MRT) oder Ultraschall, um andere Erkrankungen auszuschließen.
  • Nervenbiopsie: In bestimmten Fällen kann eine Entnahme von Gewebeproben der Haut, von Muskeln oder Nerven wichtig sein.

Behandlung der Polyneuropathie

Das primäre Ziel der Behandlung ist die Ausschaltung der Ursache der Polyneuropathie. Dies bedeutet z.B. einen Diabetes mellitus optimal mit Medikamenten einzustellen. Medikamente, die eine Polyneuropathie verursachen, müssen abgesetzt oder ausgetauscht werden, insofern sie nicht aus anderem Grund unabdingbar notwendig sind. Eine toxische Exposition, beispielsweise durch Schwermetalle oder Umweltgifte, muss beendet werden. Ist Alkohol die Ursache der Polyneuropathie, so muss vollständige, lebenslange Abstinenz eingehalten werden.

Weitere Behandlungsansätze sind:

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  • Schmerztherapie: Medikamente zur Linderung von Schmerzen und Missempfindungen, wie Antidepressiva oder Antikonvulsiva.
  • Physiotherapie: Zur Behandlung von Lähmungen, Muskelschwund, Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen.
  • Neural-Akupunktur: Zur Behandlung von Missempfindungen und Schmerzen.
  • Infusionstherapie: Bei entzündlichen Ursachen der Polyneuropathie können Cortison-Infusionen, Plasmapherese oder die Gabe von Immunglobulinen zu einer Linderung oder gar Ausheilung führen.

Neuritis Vestibularis: Entzündung des Gleichgewichtsnervs

Die Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Nervs, der vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gehirn verläuft. Bei einer Entzündung des Nervs werden die Impulse (Signale) gestört, die durch den Nerv geleitet werden. Diese gestörten Signale kann das Gehirn nicht wie üblich verarbeiten. Dadurch hat die betroffene Person das Gefühl eines Drehschwindels, der Gang wird unsicher.

Ursachen der Neuritis Vestibularis

Die genaue Ursache ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-simplex-Virus), was zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. Dies wiederum verursacht eine vorübergehende Störung der Nervensignale zwischen dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Gleichgewichtszentrum im Gehirn.

Symptome der Neuritis Vestibularis

Klassischerweise kommt es zu einem Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung zu drehen scheint, zu einer Fallneigung in Richtung der betroffenen Seite und Übelkeit, fast immer begleitet von Erbrechen. Unfreiwillige Bewegungen der Augen können sichtbar sein (Nystagmus). Die Augen gleiten dabei zur gesunden Seite hin und springen dann wieder zurück. Das Gehör ist bei der Entzündung des Gleichgewichtsnervs nicht beeinträchtigt. Die akute Symptomatik dauert selten länger als ein paar Tage, manchmal bis zu ein paar Wochen.

Diagnose der Neuritis Vestibularis

Die Schilderung der typischen Symptome akuter Schwindel, Übelkeit und Fallneigung zu der betroffenen Seite sind wegweisend für die Diagnose. Es können unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) beobachtet werden. Eine körperliche Untersuchung inklusive neurologischer Befunderhebung wird durchgeführt, ebenso eine Untersuchung der Gehörgänge und des Trommelfells. Das Hörvermögen muss bei HNO-Ärzt*innen durch einen Hörtest abgeklärt werden, dort erfolgen auch ggf. weitere Tests. Bei einer Neuritis vestibularis ist das Hörvermögen normal. Andere Ursachen für einen Schwindel müssen ausgeschlossen werden, insbesondere ein Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig.

Behandlung der Neuritis Vestibularis

Behandlungsziele sind Symptomlinderung, Verkürzung des Krankheitsverlaufs und Verhindern von bleibenden Folgen. In den ersten Tagen kann die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) und Antiverginosa (Medikamente gegen Schwindel) in Kombination mit Kortison sinnvoll sein. Anschließend ist es wichtig, frühzeitig ein Rehabilitationsprogramm zu beginnen: Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion im Stehen und Gehen auf ebenen und unebenen Flächen, Training der Fähigkeiten zur Blickfixierung. Diese Aktivitäten verursachen zu Beginn erhöhtes Unwohlsein und Müdigkeit, werden aber auf längere Sicht die Symptome reduzieren, die Funktionsfähigkeit verbessern und zu einer schnelleren Heilung beitragen.

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Schwindel und Gleichgewichtsstörungen: Ein Überblick

Schwindel hat fast jeder schon einmal erlebt. Tritt er häufiger auf, sollte eine medizinische Abklärung erfolgen. Der Boden schwankt, im Kopf dreht’s sich - Schwindel kann viele Gründe haben. Aber oft kann eine Behandlung ihn deutlich abschwächen oder sogar heilen. Wenn der Schwindel häufig auftritt, lange anhält oder die Lebensqualität einschränkt, sollte man ärztlichen Rat suchen.

Ursachen von Schwindel

Schwindel kann viele Ursachen haben. Plötzlicher, also anfallsartiger, Schwindel, der in 1 bis 2 Minuten abklingt, deutet vor allem auf Gutartigen Lagerungsschwindel hin. Wenn der Schwindel länger als 24 Stunden anhält, liegt am ehesten eine Entzündung und der Ausfall eines Gleichgewichtsnerven vor (Neuritis vestibularis, auch Akute unilaterale Vestibulopathie genannt).

Weitere mögliche Ursachen sind:

  • Funktionsstörung oder Schädigung im Gleichgewichtszentrum des Gehirns („zentraler“ Schwindel).
  • Funktionsstörung oder Schädigung am Gleichgewichtsnerven oder im Gleichgewichtsorgan im Innenohr („peripherer“ Schwindel).
  • Tumor an Hör- und Gleichgewichtsnerven (Akustikusneurinom).
  • Multiple Sklerose.
  • Parkinson.
  • Polyneuropathie.
  • Probleme mit Herz und Kreislauf.
  • Zu niedrige oder zu hohe Zuckerwerte bei Menschen mit Diabetes.
  • Funktionsstörungen der Schilddrüse.
  • Kurz- oder Weitsichtigkeit ohne passende Brille.
  • Nebenwirkungen von Medikamenten.
  • Infektionen.
  • Schwindel während der Periode oder Schwangerschaft.
  • Schwindel während der Wechseljahre.
  • Alkohol.

Diagnose von Schwindel

Die Behandlung von Schwindel richtet sich immer nach der Ursache. Deshalb ist es wichtig, die ausführliche Krankengeschichte zu erfragen. Eine sorgfältige körperliche Untersuchung hilft, eine exakte Diagnose zu stellen. Oft lässt sich bereits in der Hausarztpraxis eine Verdachtsdiagnose stellen und entscheiden, ob eine fachärztliche Untersuchung notwendig ist. Tritt der Schwindel anfallsweise auf oder hält er an? Bei länger anhaltenden Beschwerden kann ein sorgfältig geführter Schwindelkalender eine große Hilfe bei der Diagnose sein.

Behandlung von Schwindel

Die Behandlung von Schwindel richtet sich immer nach der Ursache. Man behandelt medikamentös, physiotherapeutisch oder psychotherapeutisch. Die meisten Formen von Schwindel sprechen gut auf die jeweilige Therapie an. Sie haben eine gute Aussicht auf Heilung oder zumindest auf deutliche Besserung (Prognose).

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