Die Frage, ob und inwieweit eine Corona-Impfung das Risiko für Migräneattacken erhöht oder bestehende Migräneerkrankungen verschlimmern kann, ist ein komplexes Thema. Es ist wichtig, die potenziellen Risiken und Vorteile einer Impfung sorgfältig abzuwägen, insbesondere bei Personen, die bereits an Migräne leiden.
Kopfschmerzen nach Corona-Impfung: Eine Übersicht
Kopfschmerzen sind eine bekannte, reversible Allgemeinreaktion auf Corona-Schutzimpfungen, insbesondere mit dem Impfstoff Comirnaty. Diese treten typischerweise innerhalb von 12 bis 48 Stunden nach der Impfung auf. Isolierte, anhaltende Kopfschmerzen werden in den Fachinformationen jedoch nicht als typische Nebenwirkung beschrieben. Es ist wichtig zu beachten, dass Kopfschmerzen ein Symptom vieler verschiedener Erkrankungen sein können und nicht zwangsläufig mit einer Impfung in Zusammenhang stehen müssen.
Ärztliche Beurteilung bei Kopfschmerzen nach Impfung
Sollten nach einer Corona-Impfung Kopfschmerzen auftreten, ist eine ärztliche Beurteilung erforderlich, um festzustellen, ob es sich um eine übliche Impfreaktion oder eine darüberhinausgehende Impfkomplikation handelt. Eine solche Beurteilung setzt eine ärztliche Konsultation und eine detaillierte Schilderung der Beschwerden voraus.
Der Fall einer Klägerin: Migräne nach Comirnaty-Impfung
Ein konkretes Beispiel für die Komplexität dieser Thematik ist der Fall einer Klägerin, geboren 1990, die nach einer Corona-Schutzimpfung mit dem Impfstoff Comirnaty (Biontech) die Gewährung von Beschädigtenversorgung nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) i.V.m. mit dem Bundesversorgungsgesetz (BVG) begehrte. Sie litt nach der Impfung unter einem Status migraenosus.
Anamnese und Befunde
Die Klägerin hatte bereits vor der Impfung eine Vorgeschichte von Migräne, allerdings mit lediglich zwei Attacken pro Jahr. Nach der Impfung traten jedoch Dauerkopfschmerzen auf, die nur teilweise auf Schmerzmittel ansprachen und mit Übelkeit verbunden waren. Eine Kernspintomographie (MRT) konnte keine Ursache für die Kopfschmerz-Symptomatik finden, und laborchemische Untersuchungen zeigten keine Auffälligkeiten.
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Widersprüchliche Angaben zum Zeitpunkt des Beginns der Kopfschmerzen
Die Angaben zum Zeitpunkt des Beginns der Kopfschmerzen waren widersprüchlich. In einem Bericht war von einer Zunahme der Kopfschmerzfrequenz Wochen nach der Impfung die Rede, während in einem anderen Bericht ein Dauerschmerz über fünf Wochen beschrieben wurde, der etwa zwei Wochen nach der Impfung begann. Eine weitere Angabe nannte eine Zeitspanne von lediglich acht Tagen nach der zweiten Impfung, wobei letztere nicht dokumentiert war.
Versorgungsärztliche Einschätzung
Ein hinzugezogener Facharzt führte versorgungsärztlich aus, dass die Klägerin bereits vor der Impfung an Migräne ohne Aura gelitten habe. Er wies darauf hin, dass für den Fall eines impfbedingten postvakzinösen Kopfschmerzes bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssten, die von der WHO vorgegeben seien. Dazu zählten der zeitliche Zusammenhang, das Fehlen anderer Auslöser, die für den jeweiligen Impfstoff typischen Symptome und die für den jeweiligen Impfstoff pathophysiologisch erklärbaren Symptome. Aufgrund der inkonsistenten Angaben zum Beginn der Kopfschmerzen und der bereits bestehenden Migräne wurde eine Exazerbation der Migräne durch psychische oder somatische Auslöser als wahrscheinlicher angesehen. Auch eine arzneimittelinduzierte Nebenwirkung des Methyphenidats (Ritalin) wurde in Erwägung gezogen.
Entscheidung des Landratsamtes
Das Landratsamt lehnte die Gewährung von Beschädigtenversorgung ab, da die Kausalitätsvoraussetzungen zwischen der Impfung und dem geltend gemachten "Impfschaden" nicht erfüllt seien.
Widerspruch der Klägerin
Die Klägerin erhob Widerspruch und argumentierte, dass die Migräne vor der Impfung maximal zweimal im Jahr aufgetreten sei und der Dauerkopfschmerz mit allen damit verbundenen Folgen unmittelbar nach der Impfung begonnen habe.
Weitere versorgungsärztliche Stellungnahme
Eine weitere versorgungsärztliche Stellungnahme wies darauf hin, dass ein Kopfschmerztagebuch aus dem Jahr 2014 bereits nahezu tägliche Kopfschmerzen dokumentiere. Auch starke Schmerzen sowie gelegentliche Migräneattacken seien monatlich mehrmals aufgetreten. Aufgrund der widersprüchlichen Aussagen zum Beginn der Kopfschmerzen sei die Einordnung des zeitlichen Zusammenhangs schwierig. Zudem sei fachärztlich eine Arzneimittelnebenwirkung des Medikaments Methylphenidat in Erwägung gezogen worden.
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Sinusvenenthrombose (SVT) als seltene, aber schwerwiegende Komplikation
In seltenen Fällen können Kopfschmerzen nach einer Corona-Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca auf einer schwerwiegenden Impfkomplikation in Form einer potenziell letal verlaufenden Sinusvenenthrombose (SVT) beruhen. SVT sind eine seltene Ursache für sekundäre Kopfschmerzen. Am häufigsten erkranken Frauen im jungen bis mittleren Alter.
Symptome und Diagnose
Kopfschmerzen sind das häufigste und in der Regel erste klinische Symptom einer SVT. Der Schmerz nimmt allmählich und undulierend über wenige Tage oder sogar Wochen an Intensität zu. Er kann sogar auch in Form eines Donnerschlagkopfschmerzes ganz abrupt einsetzen. In aller Regel ist der Schmerz anhaltend und spricht nicht suffizient auf einfache Schmerzmittel und nicht-steroidale Antirheumatika an. Weitere häufige Symptome einer SVT sind Übelkeit sowie, in Abhängigkeit von der Lokalisation, der Schwere und dem Verlauf der Thrombose, flüchtige oder anhaltende neurologische Ausfallsymptome wie Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen.
Bei Verdacht auf eine SVT muss umgehend Schnittbildgebung mit Darstellung der Venen und Sinus mittels venöser CT-Angiografie (CTA) oder MR-Angiografie (MRA) erfolgen.
Empfehlungen bei Kopfschmerzen nach AstraZeneca-Impfung
Grippeartige Symptome, wie Gliederschmerzen, Muskelschmerzen oder Kopfschmerzen, die nach der Impfung ein bis zwei Tage anhalten, sind nicht besorgniserregend. Warnsymptome sind nach mehr als drei Tagen nach der Impfung auftretende oder über mehr als drei Tage anhaltende Kopfschmerzen, Sehstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Kurzatmigkeit oder akute Brustschmerzen. Dann sollte die Indikation für weitere laborchemische Diagnostik und gegebenenfalls auch bildgebende Diagnostik zur Frage nach Vorliegen einer Thrombose angefordert werden. Jedes Auftreten von epileptischen Anfällen, neurologischen Herdzeichen oder klinischer Zeichen einer Thrombozytopenie erfordert umgehend die entsprechende Diagnostik und stationäre Einweisung.
Long COVID und Kopfschmerzen
Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden im Rahmen einer akuten COVID-19-Erkrankung wie auch von Long COVID. Bei Migränebetroffenen kann es zum Beispiel zu einer Verschlimmerung ihrer bereits bestehenden Erkrankung kommen: Die Attacken treten nach ihrer Corona-Infektion häufiger auf oder dauern länger als vorher. Bei Menschen, die bis zu ihrer COVID-19-Erkrankung nicht unter Kopfschmerzen litten, kann sich nach Abklingen der eigentlichen Infektion erstmals Kopfschmerz entwickeln.
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Serotoninmangel als mögliche Ursache für Long COVID-Kopfschmerzen
Eine jüngst veröffentlichte Arbeit aus den USA deutet darauf hin, dass es während der akuten Erkrankungsphase von COVID-19 bei den Patient:innen zu einem Abfall des im Blut zirkulierenden Botenstoffs Serotonin kommt. Entwickelten die Betroffenen allerdings Long COVID, so blieb das Serotonin weiter auf dem niedrigen Niveau. Ein niedriger Serotoninspiegel beeinflusst die Gerinnungsaktivität bestimmter Blutzellen, der Thrombozyten. Der Mangel an dem neuroaktiven Botenstoff Serotonin wirkt sich auch auf die Funktion des Gehirns aus.
Prävention von Long COVID durch Impfung
Die Impfung gegen COVID-19 schützt nicht nur gegen schwere Verläufe der eigentlichen Erkrankung, sondern senkt auch das Risiko für Long COVID erheblich. Eine Booster-Impfung wirkt dabei besonders gut.
Posturales orthostatisches Tachykardie-Syndrom (POTS)
Neue Daten legen nahe, dass es nach einer COVID-19-Impfung in seltenen Fällen zu einem sog. posturalen orthostatischen Tachykardie-Syndrom, kurz POTS, kommen kann. Das Risiko, eine solche Kreislaufstörung zu entwickeln, ist jedoch um ein Vielfaches geringer als nach einer Corona-Infektion.
Empfehlungen der WHO zu Auffrischungsimpfungen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält für Erwachsene mit „mittlerem“ Risiko eine Grundimmunisierung und eine Auffrischungsdosis gegen SARS-CoV-2 für ausreichend. Demnach werden zusätzliche Auffrischungsimpfungen für Menschen mit „hohem Risiko“ empfohlen - etwa Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Menschen mit Immunschwächeerkrankungen wie HIV, Schwangere sowie medizinisches Personal. Gesunde Erwachsene unter 60 Jahren sowie Kinder und Jugendliche mit einem „mittleren Risiko“ benötigen laut WHO hingegen keine Auffrischungsimpfung.
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