Visuell Evozierte Potentiale (VEP) bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Myelinscheiden, die die Nervenfasern umhüllen, geschädigt werden. Diese Schädigung führt zu einer Verlangsamung oder Blockierung der Reizweiterleitung im Nervensystem, was sich in vielfältigen neurologischen Symptomen äußern kann. Um die Funktion der Nervenbahnen zu untersuchen und die Diagnose MS zu unterstützen, werden unter anderem visuell evozierte Potentiale (VEP) eingesetzt.

Grundlagen der Visuell Evozierten Potentiale (VEP)

Die Ableitung visuell evozierter Potentiale (VEP) dient der Diagnostik von pathologischen Veränderungen sowohl in der Augenheilkunde (Ophthalmologie) als auch in der Neurologie (Heilkunde des Nervensystems). Es handelt sich dabei um elektrische Spannungsänderungen, die durch ein Elektroenzephalogramm (EEG) über der primären Sehrinde abgeleitet werden, während der Patient visuellen Reizen ausgesetzt ist. Die primäre Sehrinde ist das Gebiet in der Hirnrinde, das für die Verarbeitung der Sehsinneseindrücke zuständig ist. Die Untersuchung erlaubt eine Beurteilung des Nervus opticus (Sehnerv), der Sehbahn sowie der Sehrinde.

Die Hauptzielsetzung der VEP besteht darin, die Funktionstüchtigkeit der visuellen Bahnen vom Auge bis zum Gehirn zu überprüfen. Dies umfasst die Evaluation des Sehnervs, der Sehbahn und der Sehrinde.

Wie funktionieren evozierte Potentiale?

Jeder Reiz, sei es ein visueller, akustischer oder somatosensibler Reiz, wird im Nervensystem über elektrische Impulse von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet. Bei den evozierten Potenzialen wird gemessen, wie lange ein von außen gesetzter Reiz benötigt, um ins Gehirn zu gelangen. Durch die Schädigung der Myelinscheiden werden die Impulse langsamer weitergeleitet. Selbst ohne sichtbare Symptome geben die Untersuchungen schon erste Hinweise auf eine Leitungsstörung. Das bedeutet, dass sich auch eine versteckte Krankheitsaktivität bereits zu Beginn der Erkrankung erkennen lässt.

Vorgehensweise bei der Ableitung Visuell Evozierter Potentiale

Vorbereitung des Patienten

Vor der Durchführung der VEP sollte der Patient über den Ablauf, den Zweck und mögliche Unannehmlichkeiten der Untersuchung aufgeklärt werden.

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  • Medikamentöse Vorbereitung: In der Regel ist keine spezielle medikamentöse Vorbereitung notwendig, es sei denn, es gibt spezifische medizinische Anweisungen oder bestehende Medikationen, die das Ergebnis beeinflussen könnten.
  • Sauberkeit der Kopfhaut: Die Kopfhaut, wo die Elektroden platziert werden, muss sauber und frei von Ölen oder Haarprodukten sein, um eine gute Leitfähigkeit zu gewährleisten.
  • Platzierung der Elektroden: Elektroden werden typischerweise am Hinterkopf angebracht, in der Nähe der Stelle, wo die primäre Sehrinde lokalisiert ist. Vor Beginn der Untersuchung werden Metallplättchen (oder ganz dünne sterilisierte Akupunkturnadeln) rechts und links am Kopf und an der Stirn angeklebt. Bei bestimmten Fragestellungen auch am Nacken und der Schulter.
  • Sitzkomfort und Entspannung: Es ist wichtig, dass der Patient während der Untersuchung entspannt und bequem sitzt, um Bewegungsartefakte zu minimieren. Die Untersuchung wird im Sitzen oder Liegen durchgeführt.

Der Untersuchungsablauf

Der Patient wird einem visuellen Reiz ausgesetzt, der entweder aus einem Schachbrettmuster mit schnell wechselnder Kontrastumkehr oder alternierenden Lichtblitzen besteht. Sie sitzen in einem verdunkelten Raum. Vor Ihnen befindet sich ein Bildschirm auf dem ein schwarz-weißes Muster wie ein Schachbrett erscheint. Außerdem sehen Sie einen helleren Lichtpunkt, der meist in der Mitte steht und nur bei besonderen Untersuchungen am Rand zu finden ist. Sie sollen während der ganzen Untersuchungsdauer den Lichtpunkt anschauen, obgleich der das Schachbrettmuster hin-und herspringt.

Währenddessen werden am Hinterhauptspol die VEPs über eine Elektrode wie bei der Elektroenzephalographie (EEG) aufgezeichnet. Da sich zu jeder Zeit spontane neuronale Aktivität als Rauschen im EEG darstellt, müssen die visuell evozierten Potenziale mehrmals hundertfach gemittelt werden, damit sie als Potenzialänderung erkennbar sind. Deswegen sind sowohl die Reizmuster als auch die definierte Reizstärke bzw. Reizgröße konstant.

Die EEG-Kurve zeigt im Normalfall eine charakteristische Potentialänderung, die eine diagnostische Beurteilung zulässt. Positive und negative Ausschläge treten nach einer definierten Latenzzeit auf, sodass Veränderungen Hinweise auf ein pathologisches Geschehen darstellen. Zum Beispiel beträgt die Latenz der ersten ausgeprägten positiven Potenzialänderung, die im EEG sichtbar wird, in der Regel ca. 90-120 ms und wird als P100-Komponente bezeichnet. Dabei handelt es sich um die Zeit von der Erregung der Photorezeptoren auf der Netzhaut bis zur Erregungsankunft in der Sehrinde.

Auswertung und Interpretation der Ergebnisse

Die Auswertung visuell evozierter Potentiale ermöglicht eine aufschlussreiche Diagnostik von diversen Störungen und Erkrankungen der kompletten Sehbahn und stellt somit einen wertvollen Bestandteil der neurologischen und ophthalmologischen Diagnostik dar.

  • Verlängerte Latenzzeiten: Eine Verlängerung der Latenzzeiten, insbesondere der P100-Komponente, kann auf eine Demyelinisierung im Bereich des Sehnervs hindeuten, wie sie typischerweise bei Multipler Sklerose vorkommt.
  • Verminderte Amplitude: Eine Reduktion der Amplitude der evozierten Potentiale kann ebenfalls auf eine Schädigung der Nervenbahnen hinweisen.
  • Seitendifferenz: Unterschiede in den VEP-Ergebnissen zwischen dem linken und rechten Auge können auf eine asymmetrische Schädigung der Sehbahn hindeuten.

Differentialdiagnostische Aspekte

Es ist wichtig zu beachten, dass pathologische VEP-Ergebnisse nicht ausschließlich auf Multiple Sklerose hinweisen. Andere Erkrankungen, die die Sehbahn betreffen können, müssen differentialdiagnostisch berücksichtigt werden. Dazu gehören unter anderem:

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  • Kompression bzw. Lebersche Optikusatrophie - erbliche Atrophie (Schwund) des Sehnervs, die nach dem Erstbeschreiber Dr. benannt ist.
  • Makulopathien - Erkrankungen der Makula (gelber Fleck - Ort des schärfsten Sehens).
  • Weitere Ursachen für Sehnerventzündungen oder -schädigungen.

Bedeutung der VEP bei Multipler Sklerose

Vor allem bei Verdacht auf Multiple Sklerose ist die Untersuchung auf dem Weg zur Diagnose wichtig. Visuell evozierte Potentiale (VEP) werden zur Diagnostik von Erkrankungen des Sehnervs eingesetzt, wie sie z.B. bei der Multiplen Sklerose häufig vorkommen. Durch die Schädigung der Myelinscheiden werden die Impulse langsamer weitergeleitet. Selbst ohne sichtbare Symptome geben die Untersuchungen schon erste Hinweise auf eine Leitungsstörung. Das bedeutet, dass sich auch eine versteckte Krankheitsaktivität bereits zu Beginn der Erkrankung erkennen lässt.

Weitere elektrophysiologische Untersuchungen bei MS

Neben den VEP können auch andere elektrophysiologische Untersuchungen bei der Diagnosestellung und Verlaufsbeurteilung der Multiplen Sklerose hilfreich sein:

  • Somatosensibel evozierte Potentiale (SEP): Mit somatosensibel evozierten Potentialen (SEP) läßt sich die Funktionsfähigkeit sensibler Nervenbahnen prüfen. Diese werden an Hand oder Fuß elektrisch stimuliert und die Impulse dann von der Kopfhaut abgeleitet. Die Methode wird zur Abklärung von Gefühlsstörungen eingesetzt, wie sie z.B. bei MS auftreten können. Die Gefühlsnerven werden durch sehr kurze und schwache elektrische Reize aktiviert. Die Reize sind gerade so stark, daß Sie sie fühlen und daß eine geringe Zuckung in den zugehörigen Muskeln auftritt. Die Reize werden hinter dem rechten und linken Knöchel sowie am rechten und linken Handgelenk gegeben, um die Bahnen für beide Beine und Arme untersuchen zu können. Mit den somatosensibel evozierten Potentialen (SEP) lassen sich die langen Nervenbahnen welche von den Beinen oder Armen über das Rückenmark durch den Hirnstamm bis hin zum Großhirn ziehen untersuchen und damit eine Aussage über die Lokalisation einer Schädigung treffen (z.B. bei Schädigungen der Nervengeflechte oder Nervenwurzeln, Erkrankungen des Rückenmarks incl. Enge des Spinalkanals oder Schädigungen im Hirnstamm- oder Großhirnbereich wie z.B. bei Multipler Sklerose).
  • Akustisch evozierte Potentiale (AEP): Akustisch evozierte Potentiale (AEP) dienen der Abklärung von Störungen der Hörbahn. Dabei werden über einen Kopfhörer Folgen von Klicklauten erzeugt. Die dadurch im Gehirn entstehenden elektrischen Impulse können dann mit Elektroden von der Kopfhaut abgeleitet werden. Sie sitzen bequem in einem Stuhl und bekommen einen Kopfhörer aufgesetzt, aus dem Sie erst rechts und dann links knackende Geräusche hören. Da immer Seite allein untersucht werden soll, wird die Hörfähigkeit des anderen gerade nicht untersuchten Ohres durch ein andauerndes Rauschen blockiert. Vor Beginn der Untersuchung werden Metallplättchen über den Knochen hinter jedem Ohr aufgeklebt und auf die Mitte des Kopfes.
  • Motorisch evozierte Potentiale (MEP): Durch magnetisch ausgelöste Reize werden die Nerven, die vom Gehirn zu verschiedenen Muskeln ziehen (motorische Bahnen) untersucht. Bei der Untersuchung liegen Sie auf eine Untersuchungsliege. Es werden Oberflächenelektroden über die Muskelbäuche der zu untersuchenden Muskeln an Händen und Unterschenkeln geklebt. Bei der Untersuchung zur Zunge oder Wange sind die Oberflächenelektroden in eine Vorrichtung eingebettet, die auf die Zunge bzw. in die Wangen gelegt wird. Die Nervenzellen der Hirnrinde werden mit Hilfe einer Stimulationsspule, die über den Kopf gehalten wird, gereizt. Dabei entsteht durch die Entladung des Kondensators ein kurzes Klopfgeräusch. Durch die Gehirnaktivierung werden Impulse über das Rückenmark und die peripheren Nerven zur Gesichts-, Arm- und Beinmuskulatur fortgeleitet, wo es zu einer kurzen Zuckung kommt. Im weiteren Verlauf werden die Nervenbahnen erneut nach ihrer Umschaltung zur peripheren Nervenbahn (über der Halswirbelsäule für die Arme und über der Lendenwirbelsäule für die Beine) magnetisch gereizt.

Zusammenfassung

Visuell evozierte Potentiale (VEP) sind eine wertvolle Methode zur Beurteilung der Funktionstüchtigkeit der Sehbahn und spielen eine wichtige Rolle bei der Diagnosestellung und Verlaufsbeurteilung der Multiplen Sklerose. Durch die Messung der elektrischen Aktivität der Sehrinde als Reaktion auf visuelle Reize können Demyelinisierungsprozesse und andere Schädigungen der Sehbahn frühzeitig erkannt werden. In Kombination mit anderen klinischen und apparativen Untersuchungen tragen VEP dazu bei, eine umfassende Diagnose zu stellen und die bestmögliche Behandlung für Patienten mit Multipler Sklerose zu gewährleisten.

Nach der Untersuchung sollten Patienten mit auffälligen VEP-Ergebnissen je nach den Ergebnissen und den klinischen Symptomen weiterführende Untersuchungen erhalten, um eine genaue Diagnose zu ermöglichen.

Zusammenfassend wird nach wiederholten sensorischen Reizen (sensibel=SEP, visuell=VEP, akustisch=AEP) die Reizantwort des Gehirns während sonst völliger Entspannung aufgezeichnet und gemittelt.

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