Visueller Test: Rechte oder linke Gehirnhälfte – Eine umfassende Betrachtung

Die Frage, ob visuelle Tests Aufschluss über die Dominanz der rechten oder linken Gehirnhälfte geben können, ist ein komplexes Thema, das in den letzten Jahren immer wieder diskutiert wurde. Während populäre Tests wie die sich drehende Tänzerin weit verbreitet sind, ist es wichtig, die wissenschaftlichen Grundlagen und potenziellen Missverständnisse zu verstehen. In diesem Artikel werden wir uns eingehend mit den Funktionen der beiden Gehirnhälften, der Rolle des visuellen Lernens und der Interpretation von visuellen Tests befassen.

Die Funktionen der linken und rechten Gehirnhälfte

Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Hälften, die durch den Corpus callosum, eine Art Datenautobahn, verbunden sind. Jede Gehirnhälfte ist für bestimmte Funktionen und Fähigkeiten verantwortlich.

Die linke Gehirnhälfte wird oft mit logischem, analytischem und sequenziellem Denken in Verbindung gebracht. Sie ist zuständig für:

  • Sprache und Sprechen
  • Lesen und Schreiben
  • Rechnen
  • Logisches Denken
  • Analyse von Details
  • Lineares Denken (Schritt für Schritt über die Zeit)

Die rechte Gehirnhälfte hingegen wird mit kreativem, intuitivem und ganzheitlichem Denken assoziiert. Sie ist zuständig für:

  • Körpersprache, Bildersprache und Intuition
  • Kreativität und Spontaneität
  • Überblick und ganzheitliche Informationsverarbeitung
  • Kontrolle der Körpersprache, Mimik und Gestik
  • Bewegungen und physische Aktivität
  • Künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen
  • Räumliches Denken (ein ganzheitliches System, in dem das ganze Wissen miteinander räumlich verbunden ist)

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Aufteilung nicht absolut ist. Die beiden Gehirnhälften arbeiten eng zusammen, um eine optimale Gehirnleistung zu erzielen. Die linke Gehirnhälfte analysiert Details, während die rechte Gehirnhälfte das große Ganze erfasst. Erfolgreiche und kreative Menschen können besonders gut zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte kommunizieren.

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Visuell-räumliches Lernen: Eine besondere Form des Denkens

Visuell-räumliches Denken ist eine besondere Form des Denkens, die die Fähigkeit beinhaltet, Informationen in Bildern und räumlichen Beziehungen zu verarbeiten. Visuell-räumliche Lerner denken in erster Linie in bildlichen Vorstellungen oder Bildern - entweder Standbilder wie Fotografien oder bewegte Bilder wie Videos. Sie visualisieren Informationen und verstehen Konzepte besser, wenn sie in einem Kontext präsentiert werden und mit anderen Konzepten in Beziehung stehen.

Dr. Linda Silverman, eine Pionierin auf dem Gebiet des visuell-räumlichen Lernens, hat zwei Typen hochbegabter visuell-räumlicher Lerner identifiziert:

  1. Kinder, die große Fähigkeiten im visuell-räumlichen Denken und deutliche Schwächen in der auditiv-sequenziellen Verarbeitung haben.
  2. Der zweite sind Kinder, die gescheiter sind als ihre IQ-Ergebnisse, die große Fähigkeiten im visuell-räumlichen Denken und deutliche Schwächen in der auditiv-sequenziellen Verarbeitung haben.

Visuell-räumliche Lerner haben oft Schwierigkeiten mit traditionellen Lehrmethoden, die auf auditiv-sequenziellem Lernen basieren. Diese Methoden präsentieren Konzepte Schritt für Schritt, üben und wiederholen sie unter Zeitbegrenzung und testen dann das Gelernte. Visuell-räumliche Lerner benötigen jedoch einen Kontext, um Informationen zu verstehen und zu verarbeiten.

Erkennungsmerkmale visuell-räumlicher Lerner

Die folgenden Merkmale können bei der Erkennung hochbegabter visuell-räumlicher Lerntypen helfen:

  • Deutlich überdurchschnittliche Intelligenz
  • Kreatives und divergentes Denken
  • Körperliche und emotionale Sensibilität
  • Schwierigkeiten in der auditiv-sequenziellen Verarbeitung
  • Hohe Punktzahlen bei visuell-räumlichen Aufgaben (z. B. Mosaiktest, Erkennen von Ähnlichkeiten)
  • Niedrige Punktzahlen bei auditiv-sequenziellen Aufgaben (z. B. Rechnen, Wiederholung von Zahlen aus dem Gedächtnis)
  • Schwierigkeiten, Fakten auswendig zu lernen
  • Schlecht in Fächern, die es erfordern, etwas auswendig zu lernen, z.B.

Es gibt zur Zeit kein formales Instrument, um hochbegabte visuell-räumliche Lerntypen zu erkennen. Wenn der IQ visuell-räumlicher Lerntypen beurteilt wird, variieren die Ergebnisse bei den einzelnen Untertests typischerweise stark und ihre Punktzahlen bei nonverbalen Aufgaben sind häufig höher als ihre Punktzahlen bei sprachlichen Aufgaben. Ein anderes nützliches Anzeichen eines visuell-räumlichen Lernstils sind niedrige Punktzahlen bei auditiv-sequenziellen Aufgaben wie Rechnen und der Wiederholung von Zahlen aus dem Gedächtnis und hohe Punktzahlen bei visuell-räumlichen Aufgaben wie dem Mosaiktest und dem Erkennen von Ähnlichkeiten.

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Herausforderungen und Unterstützung für visuell-räumliche Lerner

Visuell-räumliche Lerner können in der Schule mit Schwierigkeiten kämpfen, da ihre Stärken und ihr Lernstil oft nicht erkannt werden. Sie kompensieren ihre Schwächen möglicherweise gut genug, um den schulischen Erwartungen gerecht zu werden, aber ihre Lernschwierigkeiten bleiben dennoch unentdeckt. Dies kann zu einer "Catch-22"-Situation führen, in der ihre Begabung und ihre Lernschwierigkeiten einander aufheben und sie als durchschnittlich wahrgenommen werden.

Es ist wichtig, die Begabung visuell-räumlicher Lerner zu erkennen und ihren pädagogischen Bedürfnissen entgegenzukommen. Sie benötigen Verständnis für ihren Lernstil, Hilfen bei ihren Schwächen und Änderungen in der Art, wie ihnen Informationen präsentiert werden.

Die folgenden Strategien können visuell-räumlichen Lernern helfen:

  • Verwendung von visuellen Hilfsmitteln wie Bildern, Diagrammen und Mind Maps
  • Präsentation von Konzepten in einem Kontext und in Beziehung zu anderen Konzepten
  • Ermöglichung von praktischen Erfahrungen und Experimenten
  • Förderung von Kreativität und divergentem Denken
  • Bereitstellung von Struktur und Vorhersagbarkeit
  • Hilfe bei der Planung von Projekten und der Einhaltung von Zeitrahmen

Visuelle Tests zur Bestimmung der Gehirnhälften-Dominanz: Mythos oder Realität?

Visuelle Tests wie der Test mit der sich drehenden Tänzerin sind populär geworden, um herauszufinden, welche Gehirnhälfte dominant ist. Bei diesem Test wird eine animierte Grafik einer Tänzerin gezeigt, die sich entweder im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn dreht. Die Richtung, in der die Tänzerin wahrgenommen wird, soll angeblich Aufschluss darüber geben, welche Gehirnhälfte stärker genutzt wird.

Wenn sie sich im Uhrzeigersinn dreht, wird der rechten Gehirnhälfte der Vorzug gegeben. Diese Personen sind eher kreativ, intuitiv und emotional. Wenn sich die Tänzerin gegen den Uhrzeigersinn dreht, dominiert die linke Gehirnhälfte, was zu einem strukturierten, logisch-analytischen Denken führt.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Tests wissenschaftlich umstritten sind. Neurowissenschaftler betonen, dass die Funktionen des Gehirns nicht so einfach einer Gehirnhälfte zugeordnet werden können. Die beiden Gehirnhälften arbeiten zusammen und tauschen sich ständig aus.

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Die Wahrnehmung der Drehrichtung der Tänzerin kann von verschiedenen Faktoren abhängen, wie z. B. der Perspektive des Betrachters, der Fokussierung der Augen und der individuellen Interpretation des Gehirns. Es ist daher nicht möglich, anhand dieses Tests eine eindeutige Aussage über die Dominanz einer Gehirnhälfte zu treffen.

Die Rolle der visuellen Verarbeitung im Gehirn

Was wir bei visuellen Tests sehen können, ist vielmehr, wie visuelle Informationen im Gehirn verarbeitet werden. Wir sehen, weil das Gehirn diese Informationen interpretiert, und das kann bei Personen unterschiedlich sein. Die Hirnhälften arbeiten zusammen. Die Annahme, dass die linke Gehirnhälfte nur für analytische Aufgaben und die rechte nur für kreative Aufgaben zuständig ist, ist von der Wissenschaft längst überholt.

Es ist wichtig zu verstehen, dass das Gehirn nicht isoliert arbeitet, sondern großflächig. Es gibt zwei Hirnhälften, in denen unterschiedliche Prozesse vorwiegend stattfinden, um die Prozesse schnell ablaufen lassen zu können. Wenn jemand "Entschuldigung!" sagt, erkennen wir das Wort mit der linken Gehirnhälfte. Ob die Betonung aber eher nach Reue klingt oder dazu dient, sich zu beschweren, das erkennen wir mit der rechten Gehirnhälfte.

Aufgaben sind komplex, das heißt in den meisten Fällen sind unterschiedliche Gehirnareale aus beiden Hirnhälften aktiv. Sprache eignet sich besonders gut als Beispiel: Wir erkennen Wörter zwar mit der linken Gehirnhälfte, ihre Betonung interpretieren wir aber mit der rechten Gehirnhälfte. Gerade für kreative oder analytische Aufgaben benötigen wir den Austausch.

Weitere Faktoren, die die Gehirnfunktion beeinflussen

Neben der Dominanz einer Gehirnhälfte gibt es weitere Faktoren, die die Gehirnfunktion beeinflussen können. Dazu gehören:

  • Händigkeit: Bei Rechtshändern ist die linke Hirnhälfte fürs Schreiben verantwortlich, bei Linkshändern die rechte Hirnhälfte. Die Umschulung der Händigkeit führt zum Teil auch zur Umschulung der Gehirns: Die Bewegungssteuerung wird von der rechten in die linke Hirnhälfte verlagert. Die Planung und Koordination hingegen erfolgt bei den umgeschulten Linkshändern nach wie vor in der rechten Hirnhälfte - so wie bei normalen Linkshändern.
  • Geschlecht: Es gibt Hinweise darauf, dass Hormone kognitive Unterschiede zwischen Frauen und Männern beeinflussen, indem sie geschlechtsspezifische Hirnmechanismen nach sich ziehen.
  • Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Einige Theorien besagen, dass Autismus mit einer Beeinträchtigung der linken Hemisphäre einhergeht, was dazu führen kann, dass die rechte Hemisphäre wesentliche (analytische) Funktionen der linken übernimmt.
  • Frühe Kindheitserfahrungen: Visuell-räumlich Lernende haben oft eine Vorgeschichte von Kinderkrankheiten wie Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Koliken, Mandelentzündung, Nebenhöhlenentzündung oder Ohrinfektionen, die zu Ohrblockaden führten, so dass sie in den ersten Jahren ihrer Entwicklung Hörprobleme erlebten. Weil diese Kinder schwachen und verzerrten klanglichen Input hatten, verwenden sie ihre Augen als Mittel der Kompensation und entwickeln hohe visuell-räumliche Fähigkeiten.
  • Umschulung der Händigkeit: Bei der Umschulung zur Rechtshändigkeit werden also nur Teile der Hirnaktivitäten in die linke Hirnhälfte verlagert, andere bleiben in der rechten.

Wie man beide Gehirnhälften fördert

Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
  • Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
  • Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition: Um das Gedächtnis zu verbessern, müssen Synapsen verstärkt werden. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition.
  • Kreatives, phantasievolles und bewegtes Spiel: Im kreativen, phantasievollen und bewegten Spiel werden die Ganzheitlichkeit und die rechte Hemisphäre angesprochen. Mit positiven Gefühlen unterlegtes Lernen im Kindergarten führt nicht zu einer Spaß- und Fungesellschaft mit Null Bock auf die Schule, sondern unterstützt Kinder, selbst aktiv Herausforderungen zu suchen und zu bewältigen.
  • Spiegelerfahrungen: Kinder mit umfangreichen "Spiegelerfahrungen" entwickeln ein besseres Körperschema, sie kennen ihren Körper genau und erleben ihn bewusst. Neben der kognitiven Förderung stärken sie ihr Selbstbewusstsein.
  • Lesen und Schreiben mit verschiedenen Farben: Kinder suchen aus vorgegebenen Wörtern alle heraus, welche denselben Buchstaben wie z.B. "a" oder "e" enthalten (Linkshirnaktivität). Anschließend schreiben sie die Wörter ab und wählen für das "A" eine rote und für das "E" eine grüne Schreibfarbe, während die anderen Buchstaben einheitlich blau oder schwarz geschrieben werden. Eine gute räumliche Übung ist es, die Wörter danach zu sortieren, ob die besonderen Buchstaben eher in der vorderen bzw. hinteren Hälfte des Wortes zu finden sind.
  • Ergänzen von gleichseitigen Bildern: Diese Angebote beziehen sich nicht nur auf das Malen oder auf Arbeitsblätter, sie lassen sich auch mit anderen, auch großräumigen Materialien durchführen, z.B. Sonnenstrahlen mit Meterstäben um einen Kreis legen, Dachziegel mit Seilen und Klammern an eine Wäscheleine hängen oder auf kleinerem Raum mit Magneten und Büroklammern u.ä. Großen Spaß haben die Kinder, wenn sie Spiegel zur Lösung der Aufgaben verwenden dürfen. Und noch mehr Freude haben sie, wenn ihnen zum freien Ausprobieren Spiegel (-folien) zur Verfügung stehen. Zerrspiegel, Wölb- und Hohlspiegel (konvex und konkav), aber auch einfache Löffel, bei denen das Bild auf der Innenseite Kopf steht, regen zu umfangreicheren Wahrnehmungen und verknüpftem Denken an.
  • Musizieren und Sport treiben: Musizieren, Sport machen und allen Aufgaben, die uns zum Denken und Lernen anregen, fördern die Hirnaktivität ganzheitlich.

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