Alzheimer und Trauma: Ein komplexer Zusammenhang

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz, von der in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen betroffen sind. Bis zum Jahr 2050 wird diese Zahl auf schätzungsweise 2,8 Millionen ansteigen. Die Alzheimer-Krankheit ist durch das Absterben von Nervenzellen und die Zerstörung ihrer Verbindungen im Gehirn gekennzeichnet. Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die das Auftreten von Alzheimer begünstigen können. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Zusammenhang zwischen traumatischen Erfahrungen und dem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen, einschließlich Alzheimer, untersucht.

Kindheitstrauma und beschleunigte Hirnalterung

Kindheitstrauma und Stress können langfristige Auswirkungen auf die Hirnstruktur und -funktion haben. Rund 30 bis 40 % der Bevölkerung berichten von Erfahrungen wie Misshandlung oder Vernachlässigung, die zu einer beschleunigten Hirnalterung führen können. Eine Studie mit 179 Frauen zwischen 30 und 60 Jahren untersuchte die Auswirkungen dieser frühen Belastungen mithilfe von Biomarkern, Hirnscans und kognitiven Tests. Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen mit belastenden Kindheitserfahrungen im Blut vermehrt Biomarker für Entzündungen und Neurodegeneration aufwiesen, ein geringeres Hirnvolumen hatten und mehr kognitive Probleme zeigten.

Die Forschungsergebnisse der Charité - Universitätsmedizin Berlin zeigen, dass schwerwiegende Kindheitserfahrungen zu messbaren Anzeichen für eine beschleunigte Hirnalterung führen und neurodegenerative Prozesse im Alter verstärken können. Prof. Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie der Charité, betont, dass Stress und Trauma während der Kindheit molekulare und neurobiologische Spuren hinterlassen und das Hormon- und Immunsystem beeinflussen können, was zu einem lebenslang deutlich erhöhten Risiko für verschiedene Erkrankungen beitragen kann.

Schädel-Hirn-Trauma und Demenzrisiko

Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) kann das Risiko für die Entwicklung einer Demenz erhöhen. Eine retrospektive Studie mit 40.639 SHT-Patienten ergab, dass ein moderates bis schweres SHT in den Vierzigern mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden ist. Insbesondere bei Patienten im Alter zwischen 41 und 50 Jahren war das Risiko deutlich erhöht.

Offenbar sind bereits leichte Schädel-Hirn-Traumata (SHT), die mit nur kurzer Bewusstlosigkeit oder vorübergehendem Gedächtnisverlust einhergehen, mit pathologischen Veränderungen assoziiert, wie sie bei Morbus Alzheimer beobachtet werden.

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Chronisch Traumatische Enzephalopathie (CTE)

Wiederholte Kopfverletzungen, insbesondere bei Kontaktsportarten wie American Football, Rugby, Fußball, Boxen, Eishockey oder Martial Arts, können zu bleibenden kognitiven Einschränkungen oder einer Demenz führen. Eine mögliche Folge ist die Chronisch Traumatische Enzephalopathie (CTE).

Bei einer Kopfverletzung wird das Gehirn durch die schnelle Beschleunigung des Kopfes gegen die Schädelknochen gepresst. Dabei können die empfindlichen Fortsätze der Nervenzellen im Gehirn beschädigt werden. Werden diese Axone geschädigt, wird das so genannte Tau-Protein freigesetzt, das zu schädlichen Ablagerungen verklumpt. Diese Tau-Ablagerungen setzen einen Prozess in Gang, der zum allmählichen Absterben der Nervenzellen führen kann. Neben Kopfverletzungen könnten auch genetische Risikofaktoren eine Rolle bei der Entstehung der Chronisch Traumatischen Enzephalopathie spielen.

Die Symptome und der Verlauf der CTE können sehr unterschiedlich sein. Typisch für CTE sind Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme, bei manchen Menschen stehen auch kognitive Defizite im Vordergrund. Die CTE beginnt oft schleichend mit leichten Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen, Kopfschmerzen und leichten depressiven Verstimmungen. Mit der Zeit verschlechtert sich der Zustand und wird zunehmend zu einer psychischen Belastung. Es treten weitere Symptome auf, wie die Verschlechterung des Kurzzeitgedächtnisses, Probleme beim Planen, Organisieren und Handeln, Störungen der visuellen und räumlichen Wahrnehmung sowie Apathie. Im späteren Verlauf treten starke dementielle Symptome und Gedächtnisverlust auf. Auch die motorischen Defizite nehmen zu. Es treten Sprachstörungen und psychotische Symptome einschließlich Paranoia auf.

Die Diagnose einer CTE ist noch schwierig, da es keinen spezifischen Biomarker gibt. Neuropsychologische Tests und die Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit können jedoch Hinweise auf die Erkrankung geben. Die CTE ist nicht heilbar, aber die Symptome und Begleiterscheinungen können mit Medikamenten behandelt werden.

Forschungsprojekt zur Rolle von Hirnentzündungen nach SHT

Dr. Dr. Sergio Castro-Gómez von der Universitätsklinik Bonn forscht an der Rolle von Hirnentzündungen nach einem Schädel-Hirn-Trauma und deren Auswirkungen auf die Alzheimer-Krankheit. Seine Forschung hat gezeigt, dass das Protein NLRP3-Inflammasom eine entscheidende Rolle bei diesen Hirnentzündungen spielt. Fehlt dieses Protein, reduzieren sich auch die schädlichen Tau-Ablagerungen. Das Ziel des Forschungsprojekts ist es, die molekularen Mechanismen besser zu verstehen, die den entzündlichen Reaktionen nach einem Schädel-Hirn-Trauma zugrunde liegen, um neue therapeutische Strategien zu entwickeln.

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Trauma-Reaktivierung im Alter und bei Demenz

Traumatische Erlebnisse können auch im Alter und insbesondere bei Menschen mit Demenz reaktiviert werden. Äußere oder innere Reize können traumatische Erlebnisse bzw. die damit verbundenen Gefühle reaktivieren und - wenn auch oft in verzerrter oder unverständlicher Weise - wiedererlebt werden. Diese Phänomene werden diagnostisch als „Posttraumatische Belastungsstörungen“ (PTBS) bezeichnet.

Im Alter können altersspezifische Faktoren eine Trauma-Reaktivierung begünstigen:

  • Die Menschen haben mehr Zeit, Unbewältigtes wahrzunehmen und sich zu erinnern.
  • Altwerden bedeutet auch das Abnehmen von Fähigkeiten, von Attraktivität, von Bedeutung.
  • Der Lebensraum ist zunehmend eingeschränkt.
  • Kognitive Prozesse und Funktionen verändern sich, sodass es zu einer Modifikation und (besonders bei Menschen mit Demenz) auch Verzerrung der Trauma-bezogenen Erinnerungen kommen kann.

Menschen mit Demenz sind in zunehmendem Maße kognitiv eingeschränkt und nehmen Reize oft in verzerrter Weise wahr. Sie leben im „Hier und Jetzt“ und sind dadurch besonders gefährdet, frühere traumatische Erlebnisse bei unterschiedlichen Reizen so zu erleben, als wären sie aktuell und sehr bedrohlich. Da auch ihre verbale Verständigung zunehmend eingeschränkt ist, können sie sich mit fortschreitender Erkrankung überwiegend nur nonverbal mit Mimik, Gestik und Verhalten äußern, welches für die betreuenden Personen oft nicht nachvollziehbar ist.

Umgang mit Trauma-Reaktivierung

In der akuten Phase einer Trauma-Reaktivierung können folgende stützende Maßnahmen hilfreich sein:

  • Die betroffene Person anschauen, ihre Mimik, Gestik und ihr Verhalten aufmerksam beobachten und auf sich wirken lassen.
  • Die aktuelle Situation erfassen und die Angst, Panik und Verzweiflung des Betroffenen mit-fühlen.
  • Nicht sofort durch Reden und Handeln unterbrechen und reagieren, sondern sich eigener Angst, Panik und Ohnmacht bewusstwerden; Abstand gewinnen, Ruhe bewahren und nicht mit beruhigenden oberflächlichen Floskeln reagieren.
  • Eigene Gefühle fühlen und sich von dem Entsetzen abgrenzen und sich nicht anstecken lassen.
  • Auf die Schilderung eingehen und beschreiben lassen (Gefühle, damalige Situation u.a.) oder durch einen akut angstreduzierenden Einfall stoppen.
  • Geborgenheitsgefühle und Vertrauen vermitteln, soweit gestattet Hände streicheln, in den Arm nehmen, beruhigende Worte finden, Blickkontakt halten und dies durch Mimik, Gestik und Verhalten verstärken.
  • Verbal und nonverbal zeigen und empfinden lassen, dass die betroffene Person nicht allein ist, sondern Unterstützung hat und sie schützt.
  • Sich als Angehörige nicht scheuen, um Hilfe zu bitten.
  • Als Pflegekraft Unterstützung holen.

Nach der akuten Situation sollte man überlegen, wie man auslösende Faktoren verringern und welche Umgangsweisen man in Zukunft bei einer ähnlichen akuten Situation einsetzen könnte. Hilfreich ist, dies mit allen Mitarbeitenden oder Angehörigen zu besprechen und Fachleute einzubeziehen. Förderlich kann für Menschen mit Demenz sein, ihre Emotionen durch Malen oder Musik auszudrücken. Bewegung, körperliches Ausagieren, kann das Spüren eigener Kräfte verstärken und zur Verringerung von innerer Unruhe und Spannung führen. Auch humorvolle Angebote können durchaus sinnvoll sein. Möglicherweise können Medikamente in unterschiedlicher Dosierung zur Verringerung von Angst, Panik und Schlafstörungen hilfreich sein.

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Prävention und Lebensstil

Durch einen anderen Lebensstil kann man viele beeinflussbare Risikofaktoren für das Auftreten von Alzheimer minimieren. Dazu gehören:

  • Regelmäßige körperliche Aktivität
  • Gesunde Ernährung
  • Geistige Aktivität
  • Soziale Kontakte
  • Vermeidung von Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes

Gerade weil es für die Chronisch Traumatische Enzephalopathie noch keine Therapie gibt, ist es sehr wichtig, Risikofaktoren zu vermeiden und Kopfverletzungen vorzubeugen. Bei Sport- und Freizeitaktivitäten mit erhöhtem Sturzrisiko sollten Sie einen Helm tragen.

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