Glück ist was für starke Nerven: Eine umfassende Betrachtung des Glücksbegriffs

Die meisten Menschen streben danach, im Leben glücklich zu sein. Wir wollen uns zufrieden fühlen und möglichst viele positive Emotionen erleben. Doch was bedeutet Glück wirklich, und wie können wir es erreichen? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten des Glücks, von kurzfristigen Freuden bis hin zu nachhaltiger Zufriedenheit, und gibt Einblicke, wie wir unser Wohlbefinden steigern können.

Zwei Formen des Glücks: Hedonistisch vs. Eudaimonisch

Dr. Emma Seppälä, Professorin an der Yale- und Stanford-Universität, unterscheidet in ihrem Buch "Sovereign" zwischen zwei Hauptformen des Glücks: hedonistisches und eudaimonisches Glück.

  • Hedonistisches Glück: Diese Form bezieht sich auf kurzfristige Glücksgefühle, die durch angenehme Erfahrungen wie ein Glas Wein, eine Pizza oder den Kauf einer neuen Handtasche ausgelöst werden können. Diese Freuden sind oft intensiv, aber von kurzer Dauer.
  • Eudaimonisches Glück: Diese Art von Glück entsteht durch das Gefühl von Sinnhaftigkeit und Erfüllung, beispielsweise wenn wir anderen helfen oder im Einklang mit unseren Werten leben. Eudaimonisches Glück ist nachhaltiger und trägt zu einem langfristigen Gefühl der Zufriedenheit bei.

Viele Menschen konzentrieren sich hauptsächlich auf das hedonistische Glück, da es schnelle und intensive Glücksgefühle verspricht. Doch diese Jagd nach kurzfristigen Freuden kann zu einem Teufelskreis führen, der als "hedonistische Tretmühle" bekannt ist. Das eudaimonische Glück bietet hier eine Alternative, indem es uns hilft, Freude in etwas Größerem zu finden und ein nachhaltiges Gefühl der Zufriedenheit zu entwickeln.

Die Bedeutung der Balance

Es ist wichtig zu betonen, dass es nicht darum geht, Genuss vollständig aus unserem Leben zu streichen. Es ist in Ordnung, unser Lieblingsessen zu genießen, uns auf den Urlaub zu freuen und uns an neuen Dingen zu erfreuen. Der Schlüssel liegt in der Balance. Es wird ungesund, wenn wir uns ausschließlich auf schnelle Hochmomente verlassen, um langfristig glücklich zu sein. Um wirklich zufrieden zu sein, brauchen wir eudaimonisches Glück.

Glück und die Pandemie

Der World Happiness Report betont, dass die Pandemie globale Umweltbedrohungen verdeutlicht und dazu anregt, eher nach Wohlbefinden als nach purem Wohlstand zu streben. Studien aus Deutschland zeigen, dass der psychische Druck, insbesondere bei jungen Menschen, während des Lockdowns zugenommen hat. Das Glückslevel ist gesunken, was auf Sorgen um die Gesundheit, Arbeitslosigkeit und Existenzängste zurückzuführen ist.

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Neurobiologische Aspekte des Glücks

Aus neurobiologischer Sicht fühlen wir uns glücklich, wenn ein Cocktail aus körpereigenen Chemikalien durch unser Gehirn strömt. Oxytocin, beispielsweise, wird bei Umarmungen und beim Sex ausgeschüttet. Die Corona-bedingten Abstandsregeln haben dazu geführt, dass viele Menschen weniger von diesem "Kuschelhormon" produzieren.

Es ist wichtig, sich auf Positives zu konzentrieren und sich an Dingen hochzuziehen, die Hoffnung geben. Achtsamkeitspraktiken, Yoga und Outdoor-Sport können ebenfalls die Stimmung aufhellen. Auch Haustiere können beglückend sein.

Strategien zur Steigerung des Glücks

Michael Kunze, Professor für Sozialmedizin an der Universität Wien, hat Studien zum Thema Glück analysiert und Strategien entwickelt, um glückliche Momente festzuhalten. Dazu gehören:

  • Wege einschlagen, die mit positiven Erinnerungen besetzt sind.
  • Tagträumen und sich auf zukünftige positive Ereignisse freuen.
  • Viel Bewegung und Licht.
  • Sich anderen Menschen zuwenden und ihnen etwas schenken oder an etwas teilhaben lassen.

Maike van den Boom, eine in Stockholm lebende Deutsche, die Unternehmen berät, wie sie ihre Mitarbeiter glücklicher machen können, betont die Bedeutung des Zugangs zu den eigenen Energieressourcen. Sie schlägt vor, sich morgens fünf Dinge zu überlegen, die gut laufen, für die wir dankbar sind und die wir heute erreichen wollen. Auch eine Minute zu lächeln oder die Arme in Siegerpose zu recken, kann helfen, positive Areale im Gehirn zu trainieren.

Toxic Positivity: Die Schattenseite des Optimismus

In den letzten Jahren hat sich ein Verständnis für "Toxische Positivität" entwickelt. Dieser Begriff beschreibt die Überzeugung, dass man, egal wie schlimm eine Situation ist, eine positive Einstellung beibehalten sollte. Diese Haltung kann jedoch schädlich sein, da sie negative Gefühle unterdrückt und verhindert, dass man um Hilfe bittet.

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Toxische Positivität kann sich in Floskeln wie "Denk doch mal positiv" äußern, die Menschen in schwierigen Situationen nicht weiterhelfen. Stattdessen ist es wichtig, Empathie zu zeigen und die Gefühle anderer anzuerkennen.

Emotionen als Werkzeuge nutzen

Anstatt Emotionen zu unterdrücken, sollten wir sie als Werkzeuge betrachten. Alle Emotionen haben einen Zweck und beinhalten eine wichtige Botschaft, die wahrgenommen werden will. Es ist wichtig, einen ausgeglichenen Umgang mit Emotionen zu finden und sie nicht zu verdrängen.

Praktische Tipps für einen ausgeglichenen Umgang mit Gefühlen

  • Übe dich in emotionaler Akzeptanz: Akzeptiere Gefühle, ohne sie zu bekämpfen oder zu beurteilen.
  • Schau hinter die Kulissen: Woher kommt das schlechte Gefühl? Was steckt wirklich dahinter?
  • Ändere deine Sprache: Vermeide Floskeln und signalisiere stattdessen, dass die Gefühle deines Gegenübers berechtigt sind und du helfen möchtest.
  • Gib eigene Fehler zu: Wenn du die negativen Gefühle eines nahestehenden Menschen übergangen hast, gestehe den Fehler ein.
  • Mach Sätze wie "Mach dir nichts draus" niemals zur Maxime: Geh mit Gefühlen ehrlich um.
  • Sortiere auf Social Media-Kanälen alles aus, was durch toxische Positivität Druck erzeugt.
  • Mute dich zu, auch wenn du dich schlecht fühlst: Es wird Menschen geben, die nicht vor deinen Gefühlen zurückschrecken und die sie mit dir zusammen aushalten können.
  • Rede nicht immer alles schön: Einem Freund, der um Rat bittet, hilft deine ehrliche Meinung mehr, als die toxische Antwort: „Ist doch alles super.“

Dopamin: Das Glückshormon und seine Balance

Dinge und Tätigkeiten, die mit Lust und Freude verbunden sind, führen zu einer Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. Dopamin beeinflusst die Psyche, motiviert und lässt zur Tat schreiten. Es hat Auswirkungen auf die Stimmung, das Wohlbefinden, die Konzentration und die körperliche Aktivität.

Es ist wichtig, eine balancierte Konzentration an Dopamin im Organismus zu haben. Um das eigene Dopamin zu erhöhen, gibt es viele Möglichkeiten, wie Sport, Umarmungen, Musik hören oder Sonnenbaden.

Ein Dopamin-Überschuss kann jedoch zu Schlafproblemen, Wahnvorstellungen und manischem Verhalten führen. Hohe Dopaminwerte werden mit seelischen Erkrankungen in Verbindung gebracht.

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Dopamin-Detox: Die Balance wiederherstellen

Durch viele stimulierende Reize können Menschen eine Dopamintoleranz entwickeln und das Gefühl haben, keine Freude mehr zu empfinden. In solchen Fällen kann ein Dopamin-Detox helfen, die Balance wiederherzustellen. Dabei werden für einen bestimmten Zeitraum (z.B. einmal pro Woche) alle Aktivitäten vermieden, die eine hohe Dopaminausschüttung verursachen, wie z.B. PC, Smartphone, Spielkonsole, Fast Food. Stattdessen werden Aktivitäten wie Spazierengehen, Meditieren, Schreiben oder Lesen unternommen.

Die Rolle der Glücksmomente im Alltag

Glücklich ist, wer den Blick für die kleinen und großen Glücksmomente hat. Gina Schöler, Leiterin der Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“, betont, dass Glück sehr individuell ist und dass jeder Mensch eine eigene Definition von Glück hat. Der Schlüssel zum guten Leben liegt darin, zu erkennen, dass wir selbst aktiv etwas dafür tun können.

Es ist wichtig, sich bewusst Zeit für Dinge zu nehmen, die uns guttun, und kleine Pausen über den Tag zu verteilen. Auch die Besinnung auf das Hier und Jetzt und die Wertschätzung dessen, wofür wir dankbar sind, können helfen, das Glück zu finden.

Endorphine: Natürliche Schmerzhemmer und Glücklichmacher

Endorphine sind körpereigene Substanzen, die schmerzlindernd wirken und Zufriedenheit und Euphorie bewirken können. Sie werden bei körperlicher Anstrengung, beim Essen bestimmter Nahrungsmittel, beim Orgasmus und durch Akupunktur ausgeschüttet.

Ein hoher Endorphinspiegel kann ein Gefühl von Glück und Freude erzeugen. Umgekehrt könnte ein niedriger Endorphinspiegel die Schmerzempfindlichkeit erhöhen oder die Stimmung beeinträchtigen.

Sport ist ein idealer Endorphin-Trigger. Aber auch Lachen, Verliebtsein und ein schmackhaftes Essen können die Freisetzung von Endorphinen erhöhen.

Starke Nerven: Resilienz in stressigen Zeiten

In stressigen Zeiten ist es wichtig, starke Nerven zu bewahren. Regelmäßige Bewegung, Meditation, ausreichend Schlaf und Atemübungen können helfen, das Nervensystem zu stärken.

Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Haferflocken, Nüsse, Tee, dunkle Schokolade und Paprika sind gute Nervennahrungsmittel.

Die biochemische und genetische Basis des Glücks

Die moderne Wissenschaft versucht, das Glück auf biochemischer und genetischer Ebene zu verstehen. Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Glücksgefühlen. Auch Endorphine und Oxytozin tragen zum Wohlbefinden bei.

Die Fähigkeit, Glück zu empfinden, ist jedoch auch von den Erbanlagen abhängig. Die Suche nach dem "Glücks-Gen" ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

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