Die Golgi-Färbung: Ein Meilenstein in der Neurobiologie

Die Golgi-Färbung, auch bekannt als „Schwarze Reaktion“, ist eine histologische Methode, die im Jahr 1873 von dem italienischen Pathologen und Histologen Camillo Golgi entwickelt wurde. Diese Methode, die auf der Verwendung von Silbernitrat basiert, ermöglicht die selektive Anfärbung einzelner Nervenzellen und anderer Gewebestrukturen, wodurch diese unter dem Mikroskop sichtbar werden. Die Entdeckung und Anwendung dieser Färbetechnik revolutionierte die Neurologie und Zellbiologie und trug maßgeblich zur Entwicklung der modernen Neurowissenschaften bei.

Camillo Golgi: Pionier der Neurohistologie

Camillo Golgi wurde am 7. Juli 1843 in Corteno (heute Corteno-Golgi) in Norditalien geboren und verstarb am 21. Januar 1926 in Pavia. Als Sohn eines Arztes begann er im Alter von 16 Jahren sein Medizinstudium an der Universität Pavia, die damals als führend in der Medizin galt. Zu seinen Lehrern gehörten der Psychiater und Anthropologe Cesare Lombroso und der Pathologe Giulio Bizzozero.

Nach seiner Promotion im Jahr 1865 forschte Golgi auf dem Gebiet der Neuroanatomie und Neurohistologie. Da die Wissenschaft jedoch kaum seinen Lebensunterhalt sicherte, nahm er 1872 eine Stelle als Oberarzt in einem Krankenhaus für chronisch Kranke in Abbiategrasso an. Trotz der primitiven Umstände richtete er in der Spitalsküche ein Labor ein und setzte seine Forschungen am Nervensystem fort. Hier entwickelte er die berühmte Färbemethode mit Silbernitrat.

Seine zahlreichen Veröffentlichungen führten 1875 zu seiner Berufung als außerordentlicher Professor für Histologie an die Universität Pavia. Nach einer kurzen Zeit in Siena und Turin kehrte er 1877 nach Pavia zurück, wo er 1881 als Nachfolger seines Lehrers Bizzozero zum Professor für Histologie und allgemeine Pathologie ernannt wurde.

Golgi gründete während des Ersten Weltkriegs ein Militärhospital in Pavia, wo er ein neuropathologisches und mechanotherapeutisches Institut zur Behandlung von Verletzungen des peripheren Nervensystems einrichtete. Er bildete zahlreiche europäische Histologen aus, die später bekannte Wissenschaftler wurden. Besonders freundschaftlich war sein Kontakt zu Albert von Kölliker, dem Begründer der modernen Histologie in Deutschland.

Lesen Sie auch: Golgi-Apparat und neurologische Erkrankungen

Die "Schwarze Reaktion": Ein Zufallserfolg mit weitreichenden Folgen

Die Entdeckung der Golgi-Färbung im Jahr 1873 war ein Meilenstein für die Zellbiologie und Neurologie. Golgi arbeitete als Chefarzt in einem Krankenhaus für chronisch Kranke in Abbiategrasso und richtete sich in der Spitalküche ein primitives Labor ein. Dort experimentierte er mit verschiedenen chemischen Substanzen, um Nervengewebe besser sichtbar zu machen.

Eines Tages legte er ein Stück Hirngewebe, das zuvor in Kaliumbichromat gehärtet wurde, in ein Bad mit Silbernitrat. Nach der Behandlung schnitt er das Gewebe in feine Streifen, entwässerte und klärte sie und betrachtete sie unter dem Mikroskop. Was er sah, war eine Sensation: Einzelne Nervenzellen waren durch eine chemische Reaktion mit Silber überzogen und dadurch als Ganzes sichtbar gemacht worden.

Die Behandlung von Gewebe mit Silbernitrat-Lösungen (AgNO3) und Vorbehandlung mit Chromsalzen verursacht die Ausfällung reduzierter, metallischer Silbergranula (Versilberung) an Oligosaccharidüberzügen auf den Oberflächen extrazellulärer Fasern und Fibrillen, sowie einiger intrazellulärer Membranen des Cytoskeletts und anderer Teile der Zellstruktur. Dies erzeugt eine dunkel-schwarze Färbung, deshalb wird sie auch „Schwarze Reaktion“ genannt. Der Chemismus dieser Darstellungsmethoden ist bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt.

Diese Methode ermöglichte es erstmals, die gesamte Struktur einzelner Neuronen, einschließlich ihrer Zellkörper, Axone und Dendriten, innerhalb des Gewebes zu visualisieren. Die Klarheit und Detailgenauigkeit, die durch die Golgi-Färbung erreicht wurde, revolutionierte die Erforschung des Nervensystems.

Die Neuronentheorie vs. die Retikulumtheorie: Ein wissenschaftlicher Disput

Die Golgi-Färbung lieferte wichtige Erkenntnisse über die Struktur des Nervensystems, führte aber auch zu einem wissenschaftlichen Disput zwischen Camillo Golgi und Santiago Ramón y Cajal.

Lesen Sie auch: Neuronen einfach erklärt

Golgi selbst war ein Anhänger der Retikulumtheorie, die besagte, dass das Nervensystem ein zusammenhängendes Netzwerk von Nervenzellen ist, die über eine Art Retikulum miteinander verbunden sind. Er glaubte, dass die Nervenfasern wie die Fäden eines Spinnennetzes durchgängig miteinander verbunden sind.

Im Gegensatz dazu vertrat Ramón y Cajal die Neuronentheorie, die besagt, dass das Nervengewebe aus einzelnen, getrennten Zellen aufgebaut ist, den Neuronen. Er beschrieb die Neuronen als Zellen mit Enden unterschiedlicher Funktion und argumentierte, dass das Gehirn aus autonomen Zellen besteht, die nur über Kontaktstellen miteinander kommunizieren.

Obwohl beide Forscher die Golgi-Färbung nutzten und ständig neue Beweise für die Struktur der Nervenzelle lieferten, konnte Golgi selbst noch in seiner Rede bei der Vergabe des Nobelpreises im Jahr 1906 nicht von seiner Retikulumtheorie abkommen. Dieser Disput gehört zu den vielen historischen Auseinandersetzungen in der Wissenschaft.

Erst in den 1950er Jahren, mit der Entwicklung der Elektronenmikroskopie, konnte der synaptische Spalt zwischen den Nervenzellen und damit die Neuronentheorie endgültig bestätigt werden.

Beiträge zur Neurowissenschaft und Zellbiologie

Die Golgi-Färbung trug maßgeblich zur Entwicklung der Neurowissenschaften bei und ermöglichte zahlreiche wichtige Entdeckungen:

Lesen Sie auch: Nervenzellen: Eine einfache Erklärung

  • Darstellung kompletter Neuronen: Golgi belegte mit der Darstellung kompletter Neuronen die Behauptung Wilhelm von Waldeyers, dass Nervenzelle und Nervenfasern eine Einheit bilden.
  • Unterscheidung von Neuronen: Die Färbemethode zeigte die vielfältigen Formen von Zellkörpern und Dendritenbäumen mit teils kurzen, teils langen Axonen. Dies führte Golgi zu einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Interneuronen (Zellen mit kurzen Axonen und stark verzweigten Dendriten) und Neuronen, die in weiter entfernt liegende Regionen projizieren (Zellen mit langen Axonen und wenigen Dendriten).
  • Struktur der Gliazellen: Golgi beschrieb auch die Struktur der Gliazellen, die GOLGI-Zellen im Gehirn.
  • Entdeckung des Golgi-Apparats: Golgi entdeckte ein Zellorganell, bestehend aus einem Stapel flacher membranumgebener Zisternen (Dictyosomen), die an ihrem äußeren Rand GOLGI -Vesikel abschnüren - den GOLGI-Apparat.

Heute weiß man, dass der GOLGI -Apparat sozusagen die zentrale Verarbeitungs-, Versand- und Lagerabteilung der Zelle ist, wo vor allem die im endoplasmatischen Retikulum (ER) hergestellten Makromoleküle (z. B. Lipide, Proteine) weiterverarbeitet werden.

Weitere Entdeckungen und Forschungen

Neben der Golgi-Färbung und ihren Beiträgen zur Neurowissenschaft leistete Camillo Golgi auch wichtige Beiträge zur Malariaforschung:

  • Entwicklung des fiebersenkenden Medikaments Quinin: Golgi hatte Anteil an der Entwicklung des fiebersenkenden Medikaments Quinin für Malariakranke.
  • Darstellung der Entwicklung des Malariaerregers: Er konnte die charakteristischen Phasen der gesamten Entwicklung des Parasiten unter dem Mikroskop darstellen und sogar fotografieren.

Die Golgi-Färbung heute

Obwohl die Golgi-Färbung im Laufe der Zeit durch modernere Techniken ergänzt wurde, ist sie bis heute eine wertvolle Methode in der neurowissenschaftlichen Forschung. Sie wird verwendet, um die Morphologie von Neuronen zu untersuchen, die Konnektivität von Nervenzellen zu analysieren und die Auswirkungen von Krankheiten auf die Struktur des Nervensystems zu untersuchen.

Die Golgi-Färbung ermöglicht es, den Aufbau einer weniger Neurone zu beschreiben, die sie anfärbt. Mit der Nissl-​Färbung hingegen kann man zwar eine ganze Neuronenpopulation in Farbenpracht erstrahlen lassen. Sie geizt aber mit Infos über den Aufbau der Nervenzellen. Wie in anderen Bereichen der Neurowissenschaften wird das Methodenarsenal auch in der Neurohistologie ständig aufgestockt.

tags: #golgi #angefarbte #neuronen