Gott berührt Gehirn: Eine Erkundung der Neurowissenschaftlichen Grundlagen von Spiritualität und Religion

Einführung

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gott und dem Gehirn ist so alt wie die Menschheit selbst. Während traditionell theologische und philosophische Ansätze dominierten, hat die moderne Neurowissenschaft in den letzten Jahrzehnten begonnen, dieses komplexe Thema aus einer neuen Perspektive zu beleuchten. Dieser Artikel untersucht, wie die Neurowissenschaften den Glauben und die spirituelle Erfahrung beeinflussen.

Was sind Neurowissenschaften?

Neurowissenschaften sind ein interdisziplinäres Feld, das die Struktur und Funktion des Nervensystems untersucht. Sie umfassen Disziplinen wie Biologie, Psychologie und Medizin, aber auch verwandte Bereiche wie Informatik und Künstliche-Intelligenz-Forschung. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff "Neurowissenschaften" oft synonym mit "Hirnforschung" oder "Gehirnforschung" verwendet. Die Hirnforschung konzentriert sich jedoch speziell auf das Gehirn als Teil des zentralen Nervensystems, während die Neurowissenschaften alle Teile des Nervensystems umfassen, einschließlich des peripheren Nervensystems.

Innerhalb der Neurowissenschaften lassen sich verschiedene Spezialgebiete unterscheiden:

  • Neuroanatomie: Untersucht die Struktur des Nervensystems.
  • Neurophysiologie: Untersucht die Funktionsweise des Nervensystems, einschließlich der neuronalen Aktivität.
  • Kognitive Neurowissenschaften: Untersuchen die neuronalen Grundlagen psychischer Funktionen wie Wahrnehmung, Emotion und Denken.

Die kognitiven Neurowissenschaften haben in der öffentlichen Wahrnehmung oft eine besondere Bedeutung, da ihre Erkenntnisse weitreichende weltanschauliche Konsequenzen haben können. Sie werden oft im Kontext der Kognitionswissenschaft (cognitive science) betrachtet, einer interdisziplinären Wissenschaft, die bewusste und unbewusste mentale Phänomene unter dem Aspekt der Informationsverarbeitung untersucht.

Die Arbeitsweise der kognitiven Neurowissenschaften

Die kognitiven Neurowissenschaften verwenden eine doppelte Betrachtungsweise, um das Verhältnis zwischen Gehirn und Verhalten zu untersuchen. Einerseits wird das Verhalten eines Individuums systematisch beobachtet, gegebenenfalls ergänzt durch introspektive Berichte über Erlebtes. Andererseits wird das Gehirn des beobachteten Individuums mithilfe von neurowissenschaftlichen Messverfahren untersucht, um die anatomische Struktur oder physiologische Funktion bestimmter Hirnareale darzustellen.

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Mögliche Messverfahren sind:

  • Elektroenzephalographie (EEG): Misst die elektrischen Ströme im Gehirn.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Ein bildgebendes Verfahren, das die anatomische Struktur und Funktion des Gehirns darstellt.

Diese beiden Betrachtungsweisen beziehen sich auf unterschiedliche Ebenen: den Gesamtorganismus des Individuums und das Gehirn als ein Organ dieses Organismus. Entsprechend gibt es zwei experimentelle Strategien, um den Zusammenhang zwischen den beiden Ebenen zu erforschen:

  1. Psycho-Physiologie: Experimentelle Variationen auf der Ebene des Verhaltens und Erlebens werden vorgenommen und entsprechende Variationen auf der Ebene des Gehirns untersucht.
  2. Neuro-Psychologie: Experimentelle Variationen auf der Ebene des Gehirns werden vorgenommen und entsprechende Variationen auf der Ebene des Verhaltens und Erlebens untersucht.

Aus neuropsychologischen Studien lässt sich der Nachweis erbringen, dass bestimmte neuronale Strukturen bzw. die in ihnen stattfindenden Prozesse notwendige Bedingungen für das Auftreten bestimmter psychischer Phänomene sind. Bei psychophysiologischen Studien hingegen muss die kausale Relevanz der beteiligten neuronalen Prozesse zumindest bislang unklar bleiben.

Die Leitidee der kognitiven Neurowissenschaften

Aus der Fülle der Befunde der kognitiven Neurowissenschaften lässt sich die Vermutung aufstellen, dass psychische Phänomene nur zusammen mit neuronalen Prozessen auftreten. Logisch äquivalent lässt sich auch formulieren: Es gibt keine hirnunabhängig existierenden psychischen Phänomene. Diese These kann man als Leitidee der kognitiven Neurowissenschaften bezeichnen. Sie stellt keine sichere Erkenntnis dar, wohl aber kann sie aufgrund der ausnahmslosen und überwältigenden empirischen Evidenz als enorm gut bewährt gelten.

Die Leitidee macht keine Aussage über das spezifische Verhältnis zwischen neuronalen und psychischen Phänomenen. Weder lässt sich aus der Dualität der Beobachtungsweisen und experimentellen Strategien ein ontologischer Dualismus ableiten, noch impliziert die Leitidee ihre reduktionistische Interpretation, wonach psychische Phänomene vollständig auf physische (genauer: neuronale) Phänomene zurückgeführt werden können.

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Philosophische Konsequenzen und das Leib-Seele-Problem

Die Leitidee der kognitiven Neurowissenschaften führt direkt in den Bereich der philosophischen Diskussion, insbesondere des Leib-Seele-Problems (oder genauer: des Gehirn-Geist-Problems). Obwohl die Leitidee historisch gesehen keine grundsätzlich neue Position formuliert, so irritiert sie doch das dualistische Alltagsverständnis. Die eigentliche Provokation liegt jedoch in ihrer reduktionistischen Interpretation, wonach mentale Phänomene "nichts als" neuronale Phänomene sind und ihnen daher auch keine kausale Relevanz zukommt, sie vielleicht sogar als illusionär zu gelten haben.

In der Diskussion wird deutlich, dass naturalistisch-reduktionistische Positionen oft selbst einen latenten Dualismus von Geist und Gehirn implizieren und in der Konsequenz evident unannehmbare Vorstellungen ablehnen, dabei aber ebenso problematisch die Ebene des Mentalen vernachlässigen. Zur Überwindung der gleichermaßen schwierigen Einstellungen des Dualismus und des Reduktionismus kann eine hylemorphistische Position in der aristotelisch-thomanischen Tradition weiterhelfen, nach der die Seele (inklusive des Bereichs des Mentalen) als Ordnungsstruktur des Körpers zu verstehen ist.

Neurowissenschaften und der freie Wille

Eine der zentralen Debatten im Kontext der Neurowissenschaften dreht sich um die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens. Neurowissenschaftliche und psychologische Befunde haben die bereits sehr alte Fragestellung neu entfacht: Z.B. lässt sich die unbewusste Initiierung von Handlungen demonstrieren oder der Einfluss unbewusster Reize auf Entscheidungen bzw. Handlungen nachweisen.

Öffentlichkeitswirksam bestreiten Neurowissenschaftler die Existenz eines freien Willens und ziehen Konsequenzen für die sozialen und juristischen Vorstellungen von Schuld und Strafe. Auch hinter den die Willensfreiheit bestreitenden Positionen stehen allerdings oft ein problematischer latenter Dualismus und ein Freiheit als absolute Unbedingtheit verstehendes Konzept.

Die zentrale Frage besteht nun darin, ob Willensfreiheit und Determinismus miteinander vereinbar sein können oder nicht. Nach der in der aktuellen Debatte am häufigsten vertretenen Position des Kompatibilismus schließen sich Freiheit und Determination nicht gegenseitig aus. In einem Perspektivendualismus ist dieser Position zufolge zu unterscheiden zwischen der neuronalen Ebene, auf der eine durchgängige Determination durch Ursachen besteht, und der personalen Ebene, auf der Gründe, Argumente und Zwecke relevant werden. Frei handele ich dann, wenn ich keinen äußeren oder inneren Zwängen unterliege, sondern in Übereinstimmung mit meinen personalen Merkmalen (meinen Überzeugungen, meinen Charaktereigenschaften und meinen Intentionen) handele.

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Neuroethik

Neuroethik ist ein sehr junges interdisziplinäres Arbeitsgebiet an der Schnittstelle zwischen Neurowissenschaften und Philosophie, hier speziell der Ethik, das sich mit den ethischen Implikationen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Neurowissenschaften befasst.

Die Neurowissenschaftliche Perspektive auf Religiöse Erfahrung

Da wir psychische Vermögen und Phänomene ausschließlich in Verbindung mit Hirnprozessen beobachten, erscheint heute jeder Glaube an immaterielle geistige Wesen obsolet. Die moderne Hirnforschung stellt somit eine Herausforderung für die Theologie und für den christlichen Glauben dar.

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene, soweit wir diese kennen und überhaupt als solche identifizieren können, von Hirnfunktionen (bzw. den Funktionen eines Nervensystems) und letztlich vom intakten Organismus abhängen. Anders formuliert: Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion. Und schon gar nicht gibt es dann rein geistige, immaterielle, übernatürliche Wesenheiten, die irgendetwas sehen, hören, fühlen, beabsichtigen oder physisch bewirken könnten.

Diese Leitidee wird durch eine Vielzahl von Beobachtungen gestützt:

  • Psychophysiologie: Funktionell-bildgebende Studien zeigen, dass bestimmte religiös-meditative Bewusstseinszustände mit charakteristischen Veränderungen der Hirnfunktion einhergehen. Letztlich lassen sich für sämtliche irgendwie definierbaren geistig-seelischen Zustände Korrelate auf der Ebene der Hirnfunktion finden, ohne die die entsprechenden Zustände nicht auftreten könnten. Umgekehrt gelingt es immer besser, auf Basis der gemessenen Hirnaktivierungsmuster den aktuellen „geistigen Zustand“ eines Probanden vorherzusagen.
  • Schlaf: Jeden Abend schlafen wir infolge einer drastischen Veränderung der neurochemischen und elektrophysiologischen Hirnfunktionen ein. Unmittelbar nach dem Einschlafen sind wir weg, jegliches Erleben hat geendet.
  • Narkose: Bei jeder Narkose dauert es 10-15 Sekunden bis sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene zum Erliegen kommen.
  • Drogen: Mit Hilfe von Drogen können wir unsere Persönlichkeit verändern und tiefspirituelle Erlebnisse auslösen, deren Inhalt von den sogenannten Nahtoderlebnissen praktisch nicht unterscheidbar ist.
  • Epilepsie: Epileptische Anfälle können eine immense Palette an veränderten Wahrnehmungs- und Bewusstseinszuständen hervorrufen. Anfälle aus dem Schläfenlappen können in extrem seltenen Fällen von einer mystischen oder ekstatischen Aura angekündigt werden. Anfälle aus dem Scheitellappen können außerkörperliche Erlebnisse auslösen.
  • Neurologie und Neuropsychiatrie: Durch Schlaganfälle, Hirnentzündungen, Schädel-Hirn-Traumata und andere Hirnerkrankungen kann praktisch jede unserer psychischen Fähigkeiten zerstört oder aber verstärkt werden. Das Schicksal des Gehirns bestimmt demnach ganz maßgeblich das Schicksal einer Person.

Der Tod aus neurowissenschaftlicher Sicht

Wenn der Teilverlust von Hirnfunktionen durch Verletzungen oder Erkrankungen zu einem Teilverlust psychischer Vermögen und Phänomene führt, dann liegt es auf der Hand davon auszugehen, dass der unwiderrufliche Gesamtverlust aller Hirnfunktionen im Tod zu einem Gesamtverlust sämtlicher psychischer Fähigkeiten und Vermögen führt. Aus der Leitidee folgt: Der Tod ist der Tod der ganzen Person, das Ende auch ihres geistig-seelischen Lebens. Ein Weiterleben nach dem Tod als dieselbe Person, jedoch ohne den Körper, ein Fortleben als immaterielle, erlebnisfähige Seele ohne Gehirn in einer Jenseits-Welt oder eine Abtrennung der Seele vom Körper im Moment des Todes scheint auf der Basis all dessen, was wir heute über den engen Zusammenhang von Gehirn und Geist wissen, in höchstem Maße unplausibel, im Grunde undenkbar.

Nahtoderlebnisse

Die viel diskutierten Nahtoderfahrungen widerlegen die Leitidee der modernen Hirnforschung nicht. Bei diesen Erlebnissen handelt es sich nicht um Erlebnisse in Todesnähe; denn Todesnähe ist weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für diese Bewusstseinszustände. Schon gar nicht handelt es sich um Erlebnisse im Tod; denn niemand, der uns etwas berichtet, war jemals tot - auch nicht „klinisch tot“. Das unstrittige Minimalkriterium des Todes ist der unwiderrufliche Verlust aller Hirnfunktionen - der bei einer Person, die mir lebendig gegenüber steht, offensichtlich nicht eingetreten ist.

Das Gehirn als Konstrukteur der Wirklichkeit

Wie alle Wirklichkeitsvorstellungen wird auch die Idee, dass es eine "höhere" Wirklichkeit und eine Sphäre des Göttlichen geben könnte, im Gehirn des Menschen konstruiert. Der "Drang zur Spiritualität" ist in der Biologie selbst begründet.

Um handlungsrelevante Entscheidungen treffen zu können, braucht das Gehirn nicht die volle und bewusste Wahrnehmung der äußeren Welt. Aus einzelnen Wahrnehmungselementen konstruiert das Gehirn die "Lage", auf die das Lebewesen intuitiv und schnell reagieren muss. Wenn Realitätsbilder ins Bewusstsein treten, sind diese aus Wahrnehmungselementen konstruiert und zu einer kompletten Geschichte "konfabuliert". Dieser Mechanismus des Gehirns ist die Grundlage mythischen Erlebens.

Im Zusammenhang der Entwicklung der Sprache und sprachbasierter Kultur hatte das menschliche Gehirn komplizierte Mechanismen entwickelt, um die sensorischen Informationen, die es aufnimmt, zu verarbeiten. Das Gehirn erschafft so den Geist - als Verarbeitungstechnik für die sensorischen Daten. Gedanken, Gefühle und Erinnerungen sind Hilfs-Konstruktionen, um die sensorischen Daten zu ordnen, der Geist versucht gerade zwanghaft, einen Sinn aus der Masse der Datenflüsse zu konstruieren und herauszufiltern, was sich in die Sinn-Konstruktionen nicht einfügt.

Die sinnstiftende Arbeit unseres Gehirns ist überlebenswichtig, weil sie handlungsrelevante Informationen produziert und für Handlungen irrelevante Daten ausscheidet.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse über religiöse Gefühle und Erfahrungen

Die Wissenschaft ist heute davon überzeugt, dass unterschiedliche Hirnareale an religiösen Gefühlen beteiligt sind. Das periaquäduktale Grau - ein ziemlich alter Teil des menschlichen Gehirns - ist an ganz grundlegenden Gefühlen beteiligt, wie Schmerz, Angst und Fluchtreflexen, aber offenbar auch mit Religion und Spiritualität verbunden.

Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass bei Menschen, bei denen das periaquäduktale Grau betroffen war, sich die Haltung zu Religion und Spiritualität verändern kann. Bei manchen verstärkten sich die religiösen Gefühle nach der Operation, bei anderen wurden sie schwächer.

Die Hirnforschung versucht schon seit einigen Jahrzehnten, der Religion auf die Spur zu kommen. Sie verbindet Naturwissenschaften mit Geisteswissenschaften.

Studien zu Meditation und Gebet

Radiologen haben buddhistische Mönche beim Meditieren und Franziskanerinnen beim Beten untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass während dieser spirituellen Praktiken bestimmte Hirnareale, insbesondere der Scheitellappen, weniger aktiv sind. Der Scheitellappen ist für die Verarbeitung von Informationen über den Körper zuständig. Wenn seine Aktivität gedämpft wird, kann dies zu einem Gefühl der Entkörperlichung und des Verschmelzens mit dem Universum führen.

Der Schläfenlappen und religiöse Visionen

Einige Neurologen vermuten, dass der Schläfenlappen eine wichtige Rolle bei religiösen Visionen und mystischen Erfahrungen spielt. Schläfenlappenepileptiker scheinen besonders anfällig für religiöse Gedanken zu sein. Bei diesen Patienten steht nur ein kleines Areal im Gehirn in Flammen, und wenn der Patient sehr viel und eifernd von Gott und religiösen Ideen redet, dann liegt dieser Herd zumeist im Schläfenlappen.

Der Schläfenlappen ist eng mit der Gefühlswelt verwoben. In den tieferen Regionen dieses Hirnlappens verbirgt sich das limbische System, das für die Verarbeitung von Emotionen und die Speicherung von Erinnerungen zuständig ist.

Der Hippokampus als Zensor der Wirklichkeit

Der Hippokampus, ein Teil des limbischen Systems, dient als Pforte zur Vergangenheit und urteilt darüber, was erinnernswert oder -unwert ist. Er vergleicht das Wahrgenommene mit dem Erwarteten und verwirft, was allzu ungewöhnlich scheint. Diese Fähigkeit ist im Alltag von höchster Wichtigkeit, schränkt aber auch die Weltsicht ein. Wenn der Hippokampus zu streng filtert, dann erfährt man nur, was man ohnehin schon weiß.

Drogen, rituelle Tänze oder das Fasten könnten die Selbstzensur des Hippokampus überlisten und so neue Bedeutungszusammenhänge ermöglichen.

Die Bedeutung von Ritualen und Gemeinschaft

Religiöse Kommunikation kennt vielfältige Rituale. Rituale bedienen sich rhythmischer Musik, die die Fähigkeit des Gehirns beeinträchtigt, die Grenze des eigenen Selbst zu empfinden. Die emotionale Wirkung des Rituals in menschlichen Kulturen hängt von seiner Einbindung in eine kollektiv empfundene "Erzählung" ab.

Die Rituale der menschlichen Kulturen sind immer eine Synthese von Rhythmus und Bedeutung. Die Erzählungen der Religionen benutzen höchst irdische Bilder zur Ausschmückung der Details der göttlichen Welten, sie schaffen eine existentielle Versicherung angesichts der bedrohlichen Schatten im Selbst-Verständnis des Menschen.

Lernen und Religion

Gewichtige Gründe für die scheinbare Alterung von Religionen liegen in der Fähigkeit des Menschen, überhaupt lernen zu können und lernen zu wollen, oder genauer: in den Blockaden, die Lern-Unfähigkeit verursachen. Über das, was das Lernen des Homo sapiens begünstigt und was es hemmt, hat die Hirnforschung inzwischen viel herausgefunden.

Das menschliche Gehirn ist ein ewiges Experimentierfeld. Es muss zum Teil sehr radikal Verschaltungen verändern - besonders heftig, wenn der Neuigkeitswert besonders groß ist.

Das Gehirn lernt, indem sich die Zellen besser vernetzen. Konfrontiert mit Herausforderungen, vor die uns Neues stellt, müssen alte, einfachere Verschaltungen aufgelöst und neue, vielfältigere geknüpft werden.

Unser Gehirn entwickelt sich so, wie wir es benutzen. Intelligenz ist nur zu einem Teil eine Folge der genetischen Anlagen. Viel mehr noch rührt Intelligenz daher, inwieweit das Gehirn im Leben trainiert wurde. Wo Religiöses nicht von klein auf trainiert, eingeübt und auf der Grundlage von Bekanntem zu Unbekanntem hin weiterentwickelt wird, verkümmert der Glaube zwangsläufig.

Alles, was von außen auf uns einströmt, wird automatisch mit Gefühl und Bedeutung versehen, noch bevor es unser Bewusstsein erreicht. Gefühle steuern wesentlich das Lernen, Erkennen, Wissen. Der Mensch merkt sich mehr über die mit den Informationen verbundenen Gefühle als über seine Großhirnrinde.

Religion kann niemals durch Indoktrination, pures Anbieten, Einfordern und Vermitteln von Wissen und Botschaften „funktionieren“. Vielmehr braucht es hier ebenfalls die gefühlsmäßige Konstruktion von innen, vom Gehirn her. Religion will Emotion. Ohne Sinnlichkeit verliert Religion ihren Sinn, stirbt sie ab, wird sie bedeutungslos.

Das Gehirn will Probleme lösen, auch religiöse Probleme. Dazu braucht man Lehrer. Beim Glaubenlernen spielt das Atmosphärische eine gewichtige, ja herausragende Rolle. Was emotional nicht als sympathisch „ankommt“, kann auch rational keinen Niederschlag finden.

Nur wenn jemand sich geliebt, geachtet, sicher und sich vor allem als einzigartiges Individuum akzeptiert fühlt, ist er aufnahmefähig und bereit, sich auf Neues einzulassen.

Wo es religiös angeblich nichts Neues mehr gibt unter der Sonne, wo sich das Gottesverständnis nicht weiterentwickelt gemäß den vielen Herausforderungen unserer sonstigen Kultur und wissenschaftlichen Erkenntnis, kann der Glaube kaum lernend wachsen.

Lernen ohne Sinn ist sinnlos. Was bringt mir das, was nützt es mir? Was nützt mir Gott? Wozu ist Christsein gut? Solche Prüfungen der Religion sind alles andere als belanglos.

Die Lust am Lernen wächst, wo entsprechende Herausforderungen bestehen, die für den Lernenden Sinn ergeben.

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