Gottfried Benn, eine prägende Figur der literarischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, insbesondere des Expressionismus, hinterließ ein umfangreiches Werk, das bis heute zur Auseinandersetzung anregt. Seine "Gehirne", ein Novellenband aus dem Jahr 1916, bieten einen tiefen Einblick in die Traumata des Arztdaseins und die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Erkenntnis.
Gottfried Benn und die literarische Strömung des Expressionismus
Gottfried Benn wird gemeinhin - zumindest was die Frühphase seines Schaffens anbelangt - der literarischen Strömung des "Expressionismus" zugerechnet. Allerdings müsste eine solche Zuordnung, die in einer beträchtlichen Zahl literaturwissenschaftlicher Publikationen als unreflektierter Automatismus wirksam ist, erst einmal kritisch geprüft werden. Zu fragen wäre:
- Was genau bezeichnet der "Expressionismus"-Begriff? Welche Merkmale liegen einer Klassifizierung von Texten als "expressionistisch" zu Grunde?
- Welche Übereinstimmungen lassen sich zwischen den Texten Benns und den vermeintlich "epochenspezifischen" Parametern feststellen?
- Welche Probleme ergeben sich gerade für die Betrachtung des Benn'schen Werks durch eine spezifisch literaturhistorische Zuordnung?
Die Explikation eines literaturhistorischen Sammelbegriffs vorzunehmen, ist schwierig. Will man Texten nicht nur einen Namen, der auf einer einfachen, "linearen" Lexemzuweisung basiert, sondern einem literaturhistorischen (Sammel-)Begriff zuordnen, müssen die als klassifikatorische Kriterien herangezogenen Textmerkmale bzw. die im weitesten Sinne kulturellen Spezifika eines als "Epoche" oder "Stilrichtung" ausgewiesenen Zeitraums eine eindeutige Zuordnung gestatten, was zunächst deren adäquate inhaltliche Bestimmung voraussetzt. Nun macht aber bereits die Auswahl trennscharfer Kriterien zwangsläufig eine Interpretation des zu Grunde liegenden Textkorpus notwendig, unter anderem also die Auswahl und Hierarchisierung der als epochentypisch befundenen Textmerkmale. Auch eine historisch gestützte Begriffsgebrauchsempfehlung basiert demnach auf einer Trias von Interpretation, Wertung und Selektion. Die Zirkularität, die hier entsteht, ist rückführbar auf die literaturhistorische Praxis, dass das heuristische Suchraster selbst aus der Interpretation erwachsen muss. Die hinreichende Erschließung von Bedeutungsdimensionen eines als epochenzugehörig klassifizierten Textes und deren Beurteilung hinsichtlich der Erstellung einer für die Epoche bzw. literarischen Unterströmung paradigmatischen Merkmalsmatrix sieht sich vor folgende Schwierigkeiten gestellt: Die Ausformulierung eines bestimmten Bewertungskanons basiert auf der Korrelation eigener lebensweltlicher Normen und Erfahrungen des Bewertenden zum Zeitpunkt der Interpretation mit der Kenntnis des zeitgenössischen "Wissens". Nicht selten äußert sich hier das Übergewicht eines auf die Gegenwart bezogenen Interpretationshorizonts. In zahlreichen Einführungswerken zur Jahrhundertwende wird dieser spezifischen Fremdheit in der Regel mit dem Hinweis auf die soziopolitische Lage um 1900, den Beginn der Industrialisierung, den Ersten Weltkrieg und die Entdeckung des Unbewussten durch Freud Rechnung getragen. Das "expressionistische Suchraster" geht - so die These - zumeist von einem gegenwärtigen Verstehenshorizont aus, der "sekundär dunkle" Bedeutungsdimensionen mit auf die Gegenwart Bezug nehmenden Verstehensmustern nivelliert. Der Text wird damit aber zum Exemplar einer schematisierten Literaturbetrachtung, die lediglich findet, was sie sucht bzw.
Um sich den unzureichenden, unspezifischen, bisweilen auch reduktionistischen, gegenwärtigen Umgang mit "expressionistischen Textmerkmalen" vor allem in Einführungstexten vor Augen zu führen, genügt ein Blick in die einschlägigen Lexika und Überblicksdarstellungen. Unter dem Schlagwort "Expressionismus" firmieren Typologisierungsschlagworte wie etwa "Ausdruck einer Stimmung eines notwendigen neuen Anfangs", der "die Suche nach neuen Denk- und Lebensformen" zu beschreiben sucht. Nicht nur die Ungenauigkeit dieser Begriffe ist zu bemängeln: "Stimmung eines Neuanfangs" und "Suche nach neuen Denk- und Lebensformen" dürften kaum distinkte, expressionismusspezifische Parameter sein. Worauf sollen sich solch relationalen, intuititv erspürten Begriffe beziehen? Einen politischen, sozialen, literarischen, geistesgeschichtlichen, philosophischen Neuanfang? Einen Neuanfang in welche Richtung? Neu in Bezug auf was genau? Wovon wird hier eine Abgrenzung vorgenommen? So richtig diese Feststellungen auch sein mögen, als Beschreibungskategorien taugen sie wenig, als in die "Epoche", in den Expressionismus einführende Interpretationshilfen gar nicht, versteht man unter einer Interpretation ein hermeneutisches Verfahren, das über bloße, weitgehend unspezifische Deskription hinausreichen soll. Schließlich bedeutet die Offenheit dieses allzu weitreichenden Begriffsinventars auf der anderen Seite lediglich einen spezifischen Mangel an Präzision bzw. gibt einen Hinweis darauf, dass die Begriffsexplikation des literaturhistorischen Sammelbegriffs gegenwärtig so allgemein gehalten ist, dass sie für eine Klassifizierung von Texten als "expressionistisch" nicht distinkt genug ist. Im Gegensatz zu einer Merkmalsauflistung, die, wenn auch unspezifisch und ohne Hierarchisierung, die Vielschichigkeit einer Epochenbeschreibung zu erhalten vermag, führt die Auswahl angeblich distinkter Merkmale, je abstrakter und begrenzter der Merkmalskatalog ist, zu einer Inadäquatheit der Explikation, da sie 1. nicht gestattet eine disjunkte Zuordnung vorzunehmen und 2. zu einer Nivellierung, Vereinseitigung und Unterdifferenzierung führt. Als gängige, wenn auch kleinste Schnittmenge, ist sie für ein Epochen- oder Stilverständnis allgemeinhin allerdings durchaus prägend. Wahrscheinlich ist auch, dass sie als Spiegel gängiger Expressionismusforschung einen Hinweis gibt auf aktuelle fachwissenschaftliche Desiderate: Waren sowohl Wolfgang Stammler in der ersten Ausgabe des Reallexikons (bzw. der "Realenzyklopädie") von 1925/26 als auch Fritz Martini 1958 immerhin noch in der Lage avantgardistische Weltanschauung, metaphysische Orientierung, das für diese Zeit nicht zu unterschätzende Verhältnis der Expressionisten zur Natur und andere geistesgeschichtliche Grundgedanken auf knappstem Raum in Hülle und Fülle aufzulisten, beschränkt sich die 1997 im Reallexikon abgedruckte Begriffsexplikation zumeist auf stilgeschichtliche und tagespolitische Dimensionen, die allzu allgemein sind.
Das Werk Gottfried Benns wurde von der Forschung bislang zumeist vor dem Hintergrund der Biografie und/oder ideologiekritisch interpretiert. Eine literaturhistorische Zuordnung des Werks zum "Expressionismus" müsste nach den gängigen Standards der Klassifizierung über die Merkmale "Ich-Dissoziation", den "Aufbruchsgedanken" oder den "Realitätszerfall" erfolgen, die typische "Begeisterung für den technischen Fortschritt" bei gleichzeitiger "Zivilisationskritik" und der "Entdeckung des Archaischen in der Kunst", das "politische Engagement", die "vitalistische Gewaltverherrlichung" sowie gleichzeitig die "pazifistische Friedenspredigt", "atheistische" oder "christliche Grundhaltung", das Mittel des "Hässlichen" als "Symbol für die Deformation der zeitgenössischen Wahrheit", den notorischen Bezug auf Nietzsche und Freud. Das alles ließe sich sicher auch bei Benn - in welcher Form auch immer - durchaus finden. Stellt man also die Frage: "Ist Benn ein Expressionist", so lässt sie sich unter Bezugnahme auf die in der Forschung usuellen Merkmalsmatrices beantworten. Die heuristische Prämisse, die dieser Frage zu Grunde liegt und die sich in ihrer Beantwortung festschreibt, alle Texte einer Epoche bzw. literarischen Unterströmung seien in einem gewissen Sinne homogen, selektiert und legitimiert - ähnlich wie der Werkbegriff auch - Interpretationskontexte. Über die kleinste Schnittmenge gängiger Klassifizierungsmerkmale kann so Einheit hergestellt werden, wo - im Sinne Michel Foucaults - die Diskontinuität, der Bruch, das Einzelne stärker fokussiert werden müsste. Diese weder vom Text, dem primären Gegenstand selbst, noch wie Karlheinz Stierle dies 1987 formuliert, von "verschiedenen diskursiven Formationen, die auseinander hervorgehen und aufeinander aufbauen" ausgehende Werkbetrachtung, die auch heute noch - wie zahlreiche Publikationen im Benn-Jahr belegen - praktiziert wird, arbeitet mit der Methode der Parallelisierung, die zwar den deskriptiv-klassifikatorischen, mitunter formalen Vergleich mit anderen Texten zulässt, einer Interpretation allerdings eher hinderlich ist.
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Am Beispiel: Unter dem literarhistorischen Synthetisierungsdruck blieben bislang bei weitem mehr Spezifika des Benn'schen Œuvres vernachlässigt als berücksichtigt. Zwar lässt sich für die frühe Lyrik, die beispielsweise eine enge intertextuelle Bindung zu Georg Heym aufweist, durchaus behaupten, dass die typisch "expressionistischen" provokativen Bilder und auch die sich vornehmlich sprachlich niederschlagende Kulturkritik in typischer Weise präsent sind. Wie jedoch mit Benns eher naturalistisch beeinflusster Naturauffassung oder seiner populärwissenschaftlich inspirierten Neigung zum Metaphysischen zu verfahren sei, bleibt ungeklärt. Die Gefahr literarhistorisch orientierter Textinterpretation, sofern sie sich - sei es explizit, sei es implizit - auf literaturhistorische Typologisierungsmerkmale stützt, ersetzt in der Regel die Frage nach der Bedeutungsdimension und damit die dezidierte Interpretation. Mit dem Bezug auf ein scheinbar immergültiges, unhinterfragbares Paradigma - die "Epoche" bzw. die ihr zu subsumierenden Unterströmungen - umgeht sie aber eine argumentative literaturwissenschaftliche Beweisführung.
Das Beispiel des Benn'schen "Gehirn"-Begriffs: Die Beschreibung des Protagonisten Werff Rönne in Benns Rönne-Novellen erfolgt in der Regel über die "vorgefundene" "Ich-Dissoziation". Was dieses "expressionistische Schlagwort" anschaulich zu machen sucht, könnte aber über detaillierte Quellenstudien nicht nur beschrieben, sondern hinlänglich erklärt werden - auch in dezidiert poetologischer Hinsicht. Das "Gehirn" erweist sich dann weniger als ein schlichter Verweis auf die geistige, rauschhafte Verfassung des Protagonisten, sondern vielmehr als Schnittstelle, als Benn'scher Vorstellungskomplex, in dem zahlreiche zeitgenössische wissenschaftliche und philosophische Theoreme collagiert werden. Sowohl erbbiologisch (vgl. etwa Haeckels Histonalgedächtnis) als auch psychoanalytisch wird hier - um nur zwei der hier verknüpften Theorien zu nennen - ein mythischer Zugang zum Wesen und zur "Geschichte" des Menschen konstruiert, wird "Wahrheit" bzw. ein transzendentes "Sein" erfahrbar. Die geistesgeschichtliche Dimension solcher Metaphern bleibt von der Epochensystematik, ebenso wie von einem biografischen oder ideologiekritischen Zugang aber unentdeckt, da sie statt mit dem Text zu argumentieren, lediglich auf eine Zuweisungsgewohnheit verweist. Dieses Manko ließe sich auf zahlreiche weitere Motiv- und Vorstellungskomplexe Benns übertragen: den Rausch-Begriff, den Form-Begriff, die Vorstellung vom "Ich", das Benn'sche Geschichtsverständnis etc. Der mit einer Epocheneinteilung unterstellte Homogenitätsgedanke, der - wenn überhaupt - nur auf einer Abstraktionsebene als "Modell" existiert, hat, so scheint es, fast jegliche literaturwissenschaftliche Differenzierungsfähigkeit eingebüßt. Sowohl Benns Werk als auch der "Expressionismusbegriff" sind Paradigmen der Literaturwissenschaft, die einander in der Wahrnehmung bedingen und neben der gegenseitigen Erhellung auch zu einer "Spirale der fortwährenden Reduktion von Komplexität" führen können; im Falle Benns äußert sich dies etwa auch in der gestellten bzw. nicht mehr gestellten Frage, ob dieser "Expressionist" sei. Ein nachnaturalistischer Bezug, der Bezug auf die "Konservative Revolution" oder auf wissenschaftliche wie metaphysisch orientierte Konzepte liegen außerhalb des dominanten Deutungsschemas "Expressionismus". Eine Hinterfragung der einer Typologisierung zu Grunde liegenden Prämissen und eine Öffnung hin auf neue Interpretationshorizonte könnte demgegenüber den Blick vom Exemplarischen zum Singulären bzw. Spezifischen und damit auch zu einer - zumindest partiellen - Modifikation des Expressionismusbildes, längerfristig gar zu einer - wie York-Gothart Mix dies unlängst postulierte - "relationale[n] Prämissen verpflichtete[n] Analyse von 'innerliterarischen' und 'außerliterarischen' Aspekten" führen.
Inhalt und Themen von "Gehirne"
Der Novellenband "Gehirne" beinhaltet mehrere Erzählungen, in denen Benn seine Erfahrungen als Arzt verarbeitet. Im Zentrum steht oft der junge Arzt Rönne, der mit den Grenzen der Medizin und der menschlichen Existenz konfrontiert wird. Die Novellen zeichnen sich durch einen inneren Monolog aus, der die Realität als nicht mehr beschreibbar darstellt. Benn schildert die menschliche Existenz als Banalität und den körperlichen Verfall, wobei er einen starken Zynismus entwickelt.
Der Arzt Werff Rönne als zentraler Charakter
In den Rönne-Novellen, die in der Sammlung "Gehirne" enthalten sind, beschreibt Gottfried Benn, wie neue Erkenntnisse nicht nur Klarheit mit sich bringen. Der Protagonist Werff Rönne, ein junger Arzt, erlebt eine zunehmende Entfremdung von der Realität. Er versinkt in sich selbst, verliert den Bezug zu seinen Patienten und muss schließlich die Klinik verlassen. Sein Wahnsinn treibt ihn auf eine bizarre Reise, die die Traumata des Arztdaseins und die Grenzen der Erkenntnis aufzeigt.
Thematische Schwerpunkte
- Die Grenzen der Erkenntnis: Benn thematisiert die Frage, ob wir die Antworten auf die Rätsel der Natur finden können und ob wir das überhaupt wollen.
- Das Trauma des Arztdaseins: Die Novellen spiegeln die Erfahrungen Benns als Arzt wider und verarbeiten die Schrecken der Medizin des frühen 20. Jahrhunderts.
- Die Entfremdung des Individuums: Rönnes zunehmender Realitätsverlust und sein Abgleiten in den Wahnsinn verdeutlichen die Entfremdung des Individuums von sich selbst und der Welt.
- Kulturkritik: Die typisch "expressionistischen" provokativen Bilder und die sich vornehmlich sprachlich niederschlagende Kulturkritik sind in Benns Werk präsent.
Benns ambivalente Haltung zum Nationalsozialismus
Vor allem die Schriften „Der neue Staat und die Intellektuellen“ (1933) und „Kunst und Macht“ (1934) sind es, in denen sich Benn mit der faschistischen Ideologie identifiziert und zum Apologeten des Regimes wird. Sie deuten retrospektiv das Ausmaß der geistigen Gefährdung des Dichters schon für das Ende der zwanziger Jahre an. Die Identifizierung mit dem NS-Regime stellt sich bei Benn allerdings niemals komplex dar. Und 1934 beginnt der Rückzug; wenigstens für seine Person begreift Benn immer deutlicher, daß er einem entsetzlichen Irrtum aufgesessen ist. Mancherlei Beschimpfungen und Drangsalierungen tun ein übriges, um ihn abzukühlen. Um den zunehmenden Schwierigkeiten auszuweichen, beginnt er eine Fluchtposition auszubauen. Er scheidet aus der Mitgliedschaft der Deutschen Akademie der Dichtung aus und sucht, wie er es formuliert, die „aristokratische Form der Emigration“, indem er sich als Militärarzt reaktivieren läßt. Für mehrere Jahre verläßt Benn Berlin, um in Hannover, später wieder in Berlin und in Landsberg (a.d. Warthe) Dienst zu tun. Weitere Angriffe, besonders durch die NS-Presse (Das schwarze Korps und Völkischer Beobachter) folgen 1936, nach seinem fünfzigsten Geburtstag, und als Reflex auf einen im gleichen Jahr veröffentlichten Gedichtband. Ein Jahr später gelingt es Benn, sich nach Berlin, der für ihn wesentlichen Stadt, zurückversetzen zu lassen. Die Attacken gegen ihn nehmen ihren Fortgang; im Jahr 1938 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und endgültig mit Veröffentlichungsverbot belegt. Außer einem Privatdruck, Zweiundzwanzig Gedichte (1943), hat Benn in jener Zeit keinen Band mehr zum Druck geben können.
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Die späte Erklärung Benns - aus dem Jahr 1950 - über die damalige „innere Bedrängnis, in der ich stand… Ich glaubte an eine echte Erneuerung des deutschen Volkes, die einen Ausweg aus Rationalismus, Funktionalismus, zivilisatorischer Erstarrung finden würde“, bestätigt die Schlußfolgerungen Klaus Manns nur noch. „Innere Bedrängnis“ soll Benn nicht bestritten werden; in jenen ersten Monaten der braunen Herrschaft scheint sie als Haltung des Autors kaum zum Tragen gekommen zu sein. Jedenfalls wird das weder in der Akademie der Künste sichtbar, als seine Bedenklichkeit offensichtlich nicht ausreicht, um den drangsalierten Künstlerkollegen auch nur ein Quentchen Solidarität zu beweisen, noch angesichts der allgemeinen kulturellen „Gleichschaltung“, der barbarischen Bücherverbrennungen und Verbote, noch besonders angesichts des maßlosen physischen Terrors, der zu jener Zeit Deutschland überflutet. Gottfried Benn, der es schon in der Weimarer Republik weit von sich gewiesen hatte, Schriftsteller als „Lieferanten politischen Propagandamaterials“ (Max Herrmann-Neiße) zu akzeptieren, wird nun zeitweise zum Propagandisten der braunen Usurpatoren.
Daß solche Versuche, das Regime zu umarmen, einer realen Einschätzung faschistischer Politik und Zielsetzung wie der Bestimmung der persönlichen Situation in keiner Weise entsprechen, muß Benn schmerzhaft erfahren. Spätestens im Sommer 1934 beginnen seine Ablösungsversuche vom Nazismus. Die Worte im Anfang des ,Expressionismus‘ sind aus dem vorigen Jahr, als noch viel Glaube, Liebe, Hoffnung war, heute würde ich sie gewiß nicht schreiben. … Den einen bekämpft man, weil er ostisch ist, den anderen, weil er mediterran ist, den dritten, weil er humanistisch ist, den vierten, weil er christlich ist - alles bekämpfen sie, bloß selber leisten, das können sie nicht. Ein Mitläufer der Nazis im einschichtigen Sinn, ein Karrierist, auf Posten und öffentliches Ansehen im „neuen Reich“ spekulierend, ist Benn sicher nicht gewesen. Er „wurzelt“ auch nicht „in dem gleichen Boden, in dem das erneuerte Deutschland in seinen letzten Tiefen wurzelt“, wie ein bombastischer Klappentext aus den dreißiger Jahren ihn mit Haut und Haaren für das NS-Regime vereinnahmend feststellen zu können glaubt.
Das Spätwerk und die Anerkennung
Mit der Veröffentlichung der Statischen Gedichte (1948), dem Prosaband Der Ptolemäer 1949, den Essays der „Ausdruckswelt“ und anderem kehrt er in die literarische Arena zurück. Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn in Westberlin. Das Exemplarische und das Besondere des Dichters Gottfried Benn ist nicht ohne die theoretische Komponente zu sehen, in deren Zeichen das Werk steht. Infragestellen der Welt hat schon der junge Benn bis zum Extrem getrieben. Die Zeichnung krasser Leidenssituation in seiner „Sektionslyrik“ ist aber niemals nur ästhetisch fundiert, sie verharrt nicht in literarischer Attitüde. Sie entspringt der Konfrontation mit Wirklichkeit, die ihm bereits vor dem ersten Weltkrieg tief fragwürdig und ausweglos erscheint.
Zusammenfassung in fünf Sätzen
- Gottfried Benns "Gehirne" ist ein Novellenband, der die Traumata des Arztdaseins und die Grenzen der Erkenntnis thematisiert.
- Im Zentrum steht oft der Arzt Rönne, der mit der Sinnlosigkeit der Welt und der Entfremdung des Individuums konfrontiert wird.
- Benn verarbeitet seine Erfahrungen als Arzt und schildert die menschliche Existenz als Banalität und körperlichen Verfall.
- Die Novellen zeichnen sich durch einen inneren Monolog aus, der die Realität als nicht mehr beschreibbar darstellt.
- "Gehirne" ist ein eindrucksvolles Werk des Expressionismus, das bis heute zur Auseinandersetzung anregt.
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