Die Grippeimpfung ist ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, um saisonale Epidemien zu verhindern und schwere Krankheitsverläufe zu reduzieren. Das Robert Koch-Institut (RKI) und die Ständige Impfkommission (STIKO) geben jährlich aktualisierte Impfempfehlungen heraus, um Risikogruppen bestmöglich zu schützen. Im Kontext dieser Empfehlungen ist es jedoch auch wichtig, mögliche Nebenwirkungen der Grippeimpfung zu betrachten, insbesondere neurologische Komplikationen.
Aktuelle Impfempfehlungen der STIKO für die Saison 2025/2026
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in Zusammenarbeit mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) neue Impfempfehlungen für die Grippesaison 2025/26 herausgegeben. Für Personen ab 60 Jahren werden zwei inaktivierte, tetravalente Influenzaimpfstoffe mit erhöhter Immunogenität empfohlen. Beide Impfstoffe sind in Deutschland zugelassen und haben in Studien eine gesteigerte Immunantwort im Vergleich zu Standardimpfstoffen gezeigt.
Die STIKO nennt diese beiden Impfstofftypen als gleichwertig bevorzugte Optionen:
- Efluelda Tetra Injektionssuspension in einer Fertigspritze
- Fluad Tetra, Injektionssuspension in einer Fertigspritze
Weiterhin empfiehlt die STIKO die Influenzaimpfung für folgende Personengruppen:
- Alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon sowie bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens bereits ab dem 1. Trimenon.
- Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens, wie z. B.:
- chronische Erkrankungen der Atmungsorgane (inklusive Asthma bronchiale und COPD),
- chronische Herz- oder Kreislauferkrankungen,
- chronische Leber- oder Nierenerkrankungen,
- Diabetes mellitus oder andere Stoffwechselerkrankungen,
- Adipositas (BMI ≥ 30),
- chronische neurologische Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose mit infektionsgetriggerten Schüben),
- angeborene oder erworbene Immundefizienz,
- HIV-Infektion.
- Bewohner von Einrichtungen in der Pflege.
- Personen, die als mögliche Infektionsquelle im selben Haushalt lebende oder von ihnen betreute Risikopersonen gefährden können.
Geimpft werden sollten zudem im Rahmen eines erhöhten beruflichen Risikos:
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- Personen mit erhöhter Gefährdung, insbesondere medizinisches Personal.
- Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr.
- Personen, die als potenzielle Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikopersonen fungieren können.
Für alle Risikogruppen (außer für ≥ 60-Jährige) wird die jährliche Impfung mit einem zugelassenen quadrivalenten Influenza-Impfstoff in Standarddosis (inaktivierte Totimpfstoffe) empfohlen. Hierzu gehören in Deutschland z. B. Vaxigrip Tetra, Fluarix Tetra, Influvac Tetra, Afluria Tetra und Flucelvax Tetra.
Für Kinder ab zwei Jahren (falls indiziert) kann auch der Lebend-attenuierte Influenza-Impfstoff (LAIV) Fluenz Tetra eingesetzt werden.
Hochdosis-Influenza-Impfstoff (Efluelda®)
Der Hochdosis-Impfstoff enthält die vierfache Antigenmenge inaktivierter, gespaltener Influenzavirusantigene herkömmlicher Standardvakzinen (zwei A-Subtypen und zwei B-Typen) und ist für Personen ab 60 Jahren zugelassen.
Laut STIKO wurden bei älteren Erwachsenen signifikant höhere Hämagglutinationshemm-Antikörpertiter erzielt im Vergleich zu Impfungen mit einer Standardvakzine. Zudem sinkt mit dem Hochdosis-Impfstoff die Zahl der Influenza-bedingten Komplikationen und Hospitalisierungen im Vergleich zu Standard-Grippeimpfstoffen.
MF59-adjuvantierter Influenza-Impfstoff (Fluad® Tetra)
Der MF59-adjuvantierte Subunit-Impfstoff Fluad® Tetra enthält vier inaktivierte, gereinigte Influenzavirusantigene (zwei A-Subtypen und zwei B-Typen) sowie das Adjuvans MF59, das die antigenspezifische Immunantwort verstärken und ausweiten soll. Die Zulassung wurde im Dezember 2023 auf Personen ab 50 Jahren ausgeweitet. Die Fachinformation beschreibt in klinischen Studien eine erhöhte Immunogenität gegenüber nicht-adjuvantierten quadrivalenten Impfstoffen, wobei die Überlegenheit nicht für alle Influenzastämme erreicht wurde.
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Mögliche neurologische Nebenwirkungen
Obwohl Grippeimpfungen im Allgemeinen als sicher gelten, können in seltenen Fällen neurologische Nebenwirkungen auftreten. Es ist wichtig zu betonen, dass das Risiko solcher Komplikationen sehr gering ist, aber dennoch berücksichtigt werden sollte.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene, aber schwerwiegende Autoimmunerkrankung, die das periphere Nervensystem betrifft. Es handelt sich um eine idiopathische Polyneuritis der spinalen Nervenwurzeln und peripheren Nerven, mit einer Inzidenz von etwa 1-2 pro 100.000 Einwohner. Hirnnerven sind seltener betroffen. Ein GBS kann in jedem Lebensalter auftreten, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Die genaue Ätiologie des GBS ist noch unklar. Derzeit wird eine Autoimmunerkrankung angenommen, bei der IgG- oder IgM-Autoantikörper gegen Ganglioside oder Myelin bzw. gegen die Zellmembranen der Axone des peripheren Nervensystems gebildet werden. Als auslösende Faktoren gelten Infektionen mit bestimmten Erregern und Impfungen.
Symptome des GBS sind aufsteigende Lähmungen, beginnend in den Beinen, sowie Sensibilitätsstörungen. In schweren Fällen kann es zu Atemlähmung kommen.
Fallberichte deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Grippeimpfung und GBS hin. Einem Bericht zufolge wurde der AkdÄ der Fall einer 66-jährigen Patientin berichtet, bei der neun Tage nach einer ersten Impfung mit Shingrix® zuerst Kribbelparästhesien in beiden Füßen und Unterschenkeln bis zu den Knien auftraten. Am nächsten Tag entwickelten sich auch Missempfindungen in den Fingerspitzen und zunehmende Schwäche der Beine. Die Diagnose eines Guillain-Barré-Syndroms (GBS) wurde gestellt.
In einem weiteren Fall kam es bei einem 15-jährigen Mädchen etwa einen Monat nach einer Injektion von Encepur® als Auffrischimpfung zu distalen Gefühlstörungen mit Parästhesien und langsam zunehmenden distal betonten Lähmungen. Der elektrophysiologische Befund zeigte eine für GBS typische Veränderungen.
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Es ist wichtig zu beachten, dass diese Fallberichte keinen kausalen Zusammenhang beweisen. Das GBS kann auch durch andere Faktoren ausgelöst werden, wie z.B. Infektionen.
Enzephalitis/Enzephalopathie
Enzephalitis und Enzephalopathie sind Entzündungen des Gehirns, die durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden können, einschließlich Virusinfektionen. In seltenen Fällen wurden Enzephalitis/Enzephalopathie als Komplikation nach einer Grippeimpfung beobachtet.
In einer australischen Studie mit 506 stationär behandelten Patienten im Alter von sechs Monaten bis zwölf Jahren hatten 49 neurologische Symptome. Sieben Kinder (fünf chronisch Kranke) entwickelten eine Enzephalitis/Enzephalopathie.
Weitere neurologische Komplikationen
Neben GBS und Enzephalitis/Enzephalopathie wurden in seltenen Fällen auch andere neurologische Komplikationen nach Grippeimpfungen berichtet, darunter:
- Krampfanfälle
- Lähmungen
- Schlaganfall
Bewertung der Kausalität
Die Bewertung der Kausalität zwischen Grippeimpfung und neurologischen Nebenwirkungen ist komplex. Viele der berichteten Fälle sind Einzelfälle, und es ist oft schwierig, einen direkten Zusammenhang herzustellen. Immunologische Stimuli wie Infekte, aber auch Impfungen sind bekannte Trigger eines GBS.
Unter 4.4 „Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung“ findet man aber den Hinweis, dass in einer Beobachtungsstudie nach der Markteinführung bei Personen im Alter von ≥ 65 Jahren, während der 42 Tage nach der Impfung mit Shingrix® ein erhöhtes Risiko für das GBS beobachtet wurde, mit geschätzt drei zusätzlichen Fällen pro eine Million verabreichter Dosen. Die vorliegenden Informationen reichten aber nicht aus, um einen kausalen Zusammenhang mit der Impfung zu bestimmen.
Bei Encepur® ist GBS weder als mögliche Nebenwirkung in der Fachinformation gelistet, noch finden sich weitere Hinweise auf ein mögliches Risiko.
In der EudraVigilance-Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen finden sich zum 12.10.2023 206 Meldungen zu GBS nach Impfung mit Shingrix® sowie 117 Meldungen zu GBS nach Impfung gegen FSME (eine Unterscheidung nach den einzelnen verfügbaren Impfstoffen Encepur® und FSME immun® ist im öffentlichen verfügbaren Teil der Datenbank nicht möglich). Es ist zu berücksichtigen, dass Meldungen von Verdachtsfällen nicht identisch mit Nebenwirkungen sind. Die Anzahl von Verdachtsfallmeldungen erlaubt keinen Rückschluss auf die tatsächliche Häufigkeit der gemeldeten Reaktion in der geimpften Population, da die Anzahl der geimpften Personen nicht bekannt ist. Ein Rückschluss auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einem gemeldeten Verdachtsfall einer Nebenwirkung und einer Impfung kann allein aufgrund dieser Daten nicht getroffen werden.
Nutzen-Risiko-Abwägung
Trotz des geringen Risikos neurologischer Nebenwirkungen überwiegt der Nutzen der Grippeimpfung bei weitem, insbesondere für Risikogruppen. Die Grippe kann zu schweren Komplikationen wie Pneumonie, Herzinfarkt und Schlaganfall führen, insbesondere bei älteren Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen. Die Impfung reduziert das Risiko, an Grippe zu erkranken, und kann den Krankheitsverlauf mildern, wenn es dennoch zu einer Infektion kommt.
Häufige Nebenwirkungen der Grippeimpfstoffe
Die meisten Nebenwirkungen der Grippeimpfung sind mild und vorübergehend. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Lokale Reaktionen an der Injektionsstelle (Schmerzen, Rötung, Schwellung)
- Muskelschmerzen (Myalgie)
- Kopfschmerzen
- Unwohlsein
- Arthralgie
- Ermüdung/Fatigue
Diese Symptome sind meist mild bis moderat und bilden sich innerhalb weniger Tage zurück.
Kontraindikationen
Es gibt bestimmte Kontraindikationen für die Grippeimpfung, die beachtet werden müssen:
- Überempfindlichkeit gegenüber dem Impfstoff oder einem sonstigen Bestandteil der Vakzine
- Schwere allergische Reaktion (z. B. Anaphylaxie) auf vorangegangene Influenza-Impfungen
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