Grober epileptischer Anfall: Definition, Ursachen, Diagnose und Behandlung

Die Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch eine Vielfalt von Erscheinungsformen auszeichnet. Seit über 2000 Jahren sind zahlreiche Formen epileptischer Anfälle beschrieben worden. In der Antike wurde die Epilepsie auch als «Heilige Krankheit» (lateinisch: Morbus sacer) bezeichnet, da bei generalisierten tonisch-klonischen Anfällen mit Bewusstseinsverlust angenommen wurde, dass die Betroffenen von Dämonen oder anderen bösen Geistern besessen seien. Bereits Hippokrates und seine Schüler glaubten nicht mehr daran, dass die Patienten von bösen Geistern besessen waren oder durch schwarze Magie verzaubert wurden. Stattdessen vermuteten sie bereits im 4. Jahrhundert vor Christus, dass die Erkrankung durch eine Störung im Gehirn verursacht wurde.

Terminologie und Definition

Zunächst muss terminologisch zwischen einem einzelnen epileptischen Anfall und einer echten Epilepsie unterschieden werden. Bei letzterer kommt es zu chronisch-rezidivierenden epileptischen Anfällen. Als epileptischen Anfall bezeichnet man in der Neurologie ein Krankheitsgeschehen, dass sich in ganz unterschiedlicher Weise manifestieren kann, dessen gemeinsames Merkmal jedoch die pathologisch hypersynchronisierte elektrische Aktivität von cerebralen Neuronen-Populationen ist, die zu einer Dysfunktion des Gehirns führen. Dabei kann diese Dysfunktion lokal begrenzt sein; dann sprechen wir von fokalen oder partiellen epileptischen Anfällen; oder die elektrische Hypersynchronisation kann generalisiert im Gehirn auftreten, dann sprechen wir von generalisierten epileptischen Anfällen. Letztere können einerseits aus fokalen epileptischen Anfällen hervorgehen, als sogenannte primär-fokale, sekundär-generalisierte Anfälle. Andererseits können auch primär-generalisierte Anfallsformen beschrieben werden.

Ein epileptischer Anfall ist dabei ein medizinisches Symptom, das aufgrund ganz unterschiedlicher Ursachen entstehen kann, so etwa als Fieberkrampf im Kindesalter, aufgrund von Stoffwechselstörungen, am häufigsten bei einer Unterzuckerung (Hypoglykämie), sowie durch zahlreiche andere Ursachen wie etwa Infektionen, Entzündungen, Durchblutungsstörungen oder Verletzungen des Gehirns. Anstelle des Begriffes «epileptischer Anfall» wird manchmal auch der Begriff «Krampfanfall» benutzt.

Klassifikation epileptischer Anfälle

Die aktuelle Klassifikation epileptischer Anfälle der internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) unterscheidet fokale Anfälle, generalisierte Anfälle und Anfälle mit unbekanntem Ursprung.

Fokale Anfälle

Fokale Anfälle, die meistens mit motorischen Phänomenen wie zum Beispiel einem Muskelzucken oder sensiblen Phänomenen wie Taubheit, Kribbeln oder Ähnlichem einhergehen, betreffen nur einen Teil des Gehirns und somit auch nur einen bestimmten Bereich des Körpers. Bei einem einfach-fokalen Anfall ist der Betroffene bei vollem Bewusstsein und es gibt unterschiedliche Symptome, wie beispielsweise Bewegungs-Auffälligkeiten mit Zuckungen, Körperdrehungen oder ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen, wie beispielsweise Geruchs- oder Geschmacksstörungen. Neben dem einfach-fokalen Anfall gibt es den komplex-fokalen Anfall. Ein komplex-fokaler Anfall beginnt mit den Symptomen des einfach-fokalen Anfalls. Außerdem wird das Bewusstsein des Betroffenen trüber und ist nicht mehr ansprechbar.

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Generalisierte Anfälle

Generalisierte Anfälle führen zu einem Bewusstseinsverlust, dabei verdreht der Patient in der Regel die Augen, stösst manchmal unverständliche Laute aus, es kann auch zu Schmatzen oder Beissvorgängen kommen. Meist zeigt sich eine Blauverfärbung (Zyanose) an den Lippen und im Gesicht, mit dem Bewusstseinsverlust stürzt der Patient in der Regel, nach der initialen tonischen Phase kommt es dann zu der klonischen Phase mit muskulären Entäusserungen am ganzen Körper. Meistens ist der Betroffene nach dem generalisierten Anfall (Grand Mal, grosser Anfall, klonisch-tonischer Anfall) für eine Zeit lang nicht voll orientiert, teilweise auch total verwirrt. Während der eigentliche Anfall in der Regel nur ein bis drei Minuten dauert, kann die postiktale Erholungspause 5 - 30 Minuten dauern, in einzelnen Fällen auch deutlich länger. Die langsame Erholung und nur langsame Reorientierung ist ein typisches Kennzeichen eines generalisierten Krampfanfalles und unterscheidet ihn von anderen Formen der Bewusstlosigkeit, etwa der orthostatischen oder vasovagalen Synkope («banale Ohnmacht»). Generalisierte Epilepsien betreffen die gesamte Hirnregion und machen 30% der Epilepsien aus. Der Anfall zeigt sich in einer Verkrampfung der Muskeln (tonischer Anfall) oder in Zuckungen der Muskulatur (klonischer Anfall). Die Anfälle sind allerdings nicht auf bestimmte Hirnregionen oder Hirnhälften zurückzuführen. Beide Ausprägungen treten manchmal auch gemeinsam auf. Der Arzt nennt das einen tonisch-klonischen Anfall oder manchmal auch Grand Mal. Die generalisierte Epilepsie wird in primär und sekundär generalisierte Anfälle aufgeteilt.

Weitere Anfallsformen:

  • Absence (“Petit Mal”): Kurze Bewusstseinspause, geistige Abwesenheit. Betroffene halten in Bewegung inne, sind abwesend und reagieren nicht auf Ansprache. Blinzeln, Mund- und Kopfbewegungen. Danach gehen Betroffene abrupt ihren begonnenen Tätigkeiten nach und erinnern sich nicht an die Bewusstseinspause.
  • Myoklonischer Anfall: Ein bestimmter Muskel oder eine Muskelgruppe beginnt zu zucken. Betroffene bleiben bei Bewusstsein. Dauert wenige Sekunden und endet abrupt.
  • Klonischer Anfall: Muskelgruppen, meist am Rumpf, ziehen sich rhythmisch zusammen. Betroffene stürzen oft und verletzen sich dadurch. Dauert mehrere Minuten an.
  • Tonischer Anfall: Plötzliche Verkrampfung der Muskulatur, keine Zuckungen. Betroffene verlieren Bewusstsein, kann zu Stürzen kommen. Betroffene krümmen sich oder überstrecken den Kopf. Dauert nur wenige Augenblicke. Passiert auch während dem Schlafen.
  • Tonisch-klonischer Anfall “Grand Mal”: Eventuell Aura, plötzlicher Bewusstseinsverlust. Zu Beginn schreien Betroffene meist kurz und stürzen. Ganzer Körper verkrampft sich für ca. 30 Sekunden. Symmetrische Zuckungen an Armen, Beinen und am Kopf für etwa 30 Sekunden. Schaumiger Speichel, unkontrollierbares Wasserlassen und Einkoten. Haut verfärbt sich bläulich aufgrund des Sauerstoffmangels. Unkontrollierbares Beißen auf Wange oder Zunge. Danach: Betroffene benommen und schlafen eine Weile. Beim Aufwachen sind sie desorientiert und verwirrt und leiden an Muskelkater. Sie haben keine Erinnerung an den Anfall.

Status epilepticus

Ein Sonderfall ist der Status epilepticus. Hierbei handelt es sich um einen langanhaltenden, sich nicht selbst limitierenden Anfall oder eine Serie von Anfällen ohne, dass es zu einem Erreichen des Normalzustandes kommt, welche insgesamt länger als fünf Minuten anhalten. Der Status epilepticus ist ein potenziell lebensbedrohlicher Notfall und muss zu einer sofortigen stationären Einweisung führen, möglicherweise dann intensivmedizinisch behandelt werden.

Ursachen von Epilepsie

Epilepsien werden zuerst nach ihrer Anfallsart eingeteilt und daraufhin nach ihrer Ursache. In diesen Untergruppen gibt es noch eine zusätzliche Aufteilung nach dem Alter der Betroffenen.

  • Symptomatische oder strukturell-metabolische Epilepsie: Strukturelle Defekte oder Defekte des Stoffwechsels im Gehirn verursachen die Anfälle. Strukturelle Erkrankungen, die zu einer Epilepsie führen können, können durch ein kraniales Computertomogramm (CCT) oder besser noch durch ein kraniales MRI entdeckt werden. Falls auch eine Infektion oder Entzündung als Ursache des Anfalles erwogen wird, muss dringend eine Lumbalpunktion durchgeführt werden um eine Liquordiagnostik zu ermöglichen.
  • Idiopathische Epilepsie: Es handelt sich um einen oder mehrere genetische Defekte. Diese sind in manchen Fällen bereits dem Betroffenen bekannt, jedoch können sie auch noch unbekannt sein.
  • Kryptogene Epilepsie: Unbekannte Epilepsien. Man vermutet einen strukturellen Defekt bei Betroffenen, jedoch konnte diese Vermutung noch nicht bestätigt werden.

Viele Symptome und Befunde deuten darauf hin, dass es oft eine konkrete Ursache für die Epilepsie geben muss. Es gibt verschiedene Auslöser und Trigger, die eine Epilepsie auslösen können. Oftmals hängen die Ursachen auch vom Alter ab und kann prinzipiell jeden Menschen treffen. Meist sind mehrere Auslöser für den Anfall verantwortlich.

Mögliche Ursachen beim Erwachsenen sind u.a. Strukturelle Veränderungen im Gehirn. Neben den bereits genannten Ursachen gibt es weitere, die nicht auf genetische Veranlagungen oder nur teilweise auf Veränderungen im Gehirn zurückgeführt werden können.

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Diagnose von Epilepsie

Ein erstaufgetretener epileptischer Anfall muss als Notfall betrachtet werden, da sich dahinter eine lebensbedrohliche Erkrankung verbergen kann. Auch ein erstmalig aufgetretener epileptischer Anfall, dessen medizinische Bedeutung nicht abgeschätzt werden kann, sollte zu einer raschen ärztlichen Untersuchung führen, da ein Anfall prinzipiell ein Hinweis auf eine lebensbedrohende Erkrankung sein kann.

Der erste und wichtigste Schritt bei der Diagnose von epileptischen Anfällen und epileptischen Syndromen ist die Erhebung einer präzisen Anamnese. Da die Betroffenen bei Bewusstseinsstörungen ihre Störung meist nicht beschreiben können, ist die Fremdanamnese durch Familienangehörige oder Bekannte, welche den Anfall beobachtet haben, von höchster Wichtigkeit und ermöglicht den ersten diagnostischen Schritt, nämlich die genaue Beschreibung des Anfallgeschehens (die «Anfalls-Semiologie»).

Diagnostische Schritte:

  1. Anamnese: Ausführliches Gespräch mit dem Patienten und/oder Angehörigen, um das Anfallsgeschehen genau zu beschreiben. Fotos oder Videoaufzeichnungen des Anfalls können sehr hilfreich sein.
  2. Körperliche und neurologische Untersuchung: Überprüfung des Nervensystems anhand verschiedener Tests.
  3. Elektroenzephalografie (EEG): Messung der Hirnströme, um typische Kurvenveränderungen bei Epilepsie zu erkennen.
  4. Magnetresonanztomografie (MRT): Detaillierte Schnittbilder des Gehirns, um eventuelle Schäden oder Fehlbildungen als Ursache des Anfalls zu erkennen.
  5. Computertomogramm (CT): Ergänzend zum MRT, vor allem in der Akutphase, um beispielsweise Hirnblutungen als Auslöser des Anfalls zu entdecken.
  6. Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, um Entzündungen oder Stoffwechselveränderungen zu erkennen.
  7. Lumbalpunktion: Entnahme einer Probe der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit, um eine Gehirnentzündung oder Hirnhautentzündung als Auslöser der Anfälle auszuschließen.

In einzelnen Fällen kann auch eine funktionelle Bildgebung mit fMRT, PET oder SPECT sinnvoll sein. Zur prächirurgischen Diagnostik werden dem Patienten teilweise auch intracerebrale Elektroden oder Elektrodengrids implantiert.

Therapie der Epilepsie

Die Hauptsäule der medizinischen Therapie von Epilepsien ist die medikamentöse Therapie mit Antiepileptika. Mittlerweile gibt es zahlreiche Antiepileptika, von denen einige vorwiegend für fokale Epilepsien und andere vorwiegend oder ausschliesslich für generalisierte Epilepsien eingesetzt werden. Gegebenenfalls muss auch eine Kombinations-Therapie mit zwei oder drei Antiepileptika durchgeführt werden. Bei etwa 70% der Patienten erreicht man mit einer medikamentösen Therapie eine Anfallsfreiheit oder zumindest ein so seltenes Auftreten von Anfällen, dass die Betroffenen im Leben kaum noch eingeschränkt sind.

Medikamentöse Behandlung

Den meisten Epilepsie-Patienten hilft eine medikamentöse Behandlung, ein anfallsfreies Leben zu führen. Eingesetzt werden sogenannte Antiepileptika. Sie hemmen die übermäßige Aktivität von Nervenzellen im Gehirn. Damit senken sie das Risiko für einen Krampfanfall. Deshalb spricht man auch von Antikonvulsiva (= krampfhemmenden Mitteln). Gegen die Ursache der Epilepsie helfen die Medikamente allerdings nicht. Das bedeutet: Antiepileptika wirken nur symptomatisch, ohne die Epilepsie zu heilen.

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Als Antiepileptika werden verschiedene Wirkstoffe eingesetzt, zum Beispiel Levetiracetam oder Valproinsäure. Der Arzt wägt für den jeweiligen Patienten ab, welcher Wirkstoff im konkreten Fall vermutlich am besten wirkt. Dabei spielt die Art der Anfälle beziehungsweise die Form der Epilepsie eine wichtige Rolle. Außerdem berücksichtigt der Arzt bei der Wahl des Antiepileptikums und dessen Dosierung mögliche Nebenwirkungen.

Das Ziel ist, weitere Anfälle zu verhindern (oder zumindest zu reduzieren). Gleichzeitig werden die Nebenwirkungen so gering wie möglich gehalten.

In der Regel verschreibt der Arzt bei Epilepsie nur ein einziges Antiepileptikum (Monotherapie). Wenn dieses Medikament nicht die gewünschte Wirkung zeigt oder starke Nebenwirkungen verursacht, ist es meist einen Versuch wert, mit ärztlicher Rücksprache auf ein anderes Präparat umzustellen. Manchmal findet sich erst beim dritten oder vierten Versuch das individuell beste Antiepileptikum.

Bei manchen Patienten lässt sich die Epilepsie mit einer Monotherapie nicht ausreichend in den Griff bekommen. Dann verschreibt der Arzt womöglich zwei (oder mehr) Antiepileptika. Eine solche Kombinationstherapie wird sorgfältig geplant und überwacht. Denn allgemein gilt: Je mehr verschiedene Medikamente jemand einnimmt, desto eher kommt es zu unerwünschten Wechselwirkungen. Auch das Risiko für Nebenwirkungen steigt.

Die Epilepsie-Medikamente werden oft als Tablette, Kapsel oder Saft eingenommen. Manche lassen sich auch als Spritze, Infusion oder Zäpfchen verabreichen.

Antiepileptika helfen nur dann zuverlässig, wenn sie regelmäßig angewendet werden. Es ist also sehr wichtig, sich genau an die entsprechenden Anweisungen des Arztes zu halten!

Antiepileptika werden meist über mehrere Jahre eingenommen. Wenn über einen langen Zeitraum keine epileptischen Anfälle mehr aufgetreten sind, ist manchmal in Absprache mit dem Arzt ein Absetzversuch möglich. Das darf aber nicht abrupt geschehen. Stattdessen empfiehlt es sich, die Dosierung nach ärztlicher Anweisung schrittweise zu verringern.

Bei manchen Betroffenen kehren die epileptischen Anfälle dann zurück (teilweise auch erst nach Monaten oder Jahren). Dann führt kein Weg daran vorbei, die Epilepsie-Medikamente wieder einzunehmen. Andere Patienten bleiben nach dem Absetzen der Antiepileptika dauerhaft anfallsfrei. Zum Beispiel dann, wenn die Ursache der Anfälle (wie eine Hirnhautentzündung = Meningitis) zwischenzeitlich abgeheilt ist.

Vorhersagen lässt sich das im Einzelfall nicht. Der behandelnde Arzt schätzt anhand der individuellen Situation des Patienten ein, wie hoch das Anfallsrisiko ohne Medikamente ist. In manchen Fällen stellen sich Epileptiker am besten von Anfang an darauf ein, dass sie die Medikamente wohl lebenslang brauchen - etwa dann, wenn ein bleibender Hirnschaden die Ursache für die Epilepsie ist.

Setzen Sie Ihre Epilepsie-Medikamente niemals auf eigene Faust ab - das hat unter Umständen lebensgefährliche Konsequenzen!

Epilepsiechirurgie

Bei Epilepsien, deren Ursache eine einzelne strukturelle Hirnläsion ist, ist gegebenenfalls auch eine Operation zu erwägen. Insbesondere bei strukturell bedingten Temporallappenepilepsien ist die Operation eine hervorragende Therapieoption, die bei medikamentöser Therapieresistenz nicht selten zu Anfallsfreiheit führen kann. Entsprechend sollten solche Patienten frühzeitig einem Neurologen mit Schwerpunkt Epilepsie oder einer epileptischen Klinik zugeführt werden. Die Operationen werden dann in der Neurochirurgischen Klinik durchgeführt.

Bei manchen Patienten ist die Epilepsie mit Medikamenten nicht ausreichend behandelbar. Gehen die Anfälle immer von einer begrenzten Hirnregion aus (fokale Anfälle), ist es in manchen Fällen möglich, diesen Teil des Gehirns operativ zu entfernen (Resektion, resektive Operation). In vielen Fällen verhindert dies zukünftige epileptische Anfälle.

Stimulationsverfahren

Neben einer Operation kommen sogenannte Stimulationsverfahren infrage, wenn Medikamente bei Epilepsie nicht ausreichend wirken. Dabei werden bestimmte Strukturen im Gehirn oder solche, die dorthin führen (Vagusnerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert. Das wirkt epileptischen Anfällen zum Teil entgegen.

Zur Anwendung bei Epilepsie kommen verschiedene Verfahren. Am weitesten verbreitet ist die Vagusnerv-Stimulation (VNS): Dabei pflanzt der Chirurg dem Betroffenen ein kleines, batteriebetriebenes Gerät unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut. Es handelt sich um eine Art Schrittmacher, der über ein Kabel, das ebenfalls unter der Haut verläuft, mit dem linken Vagusnerv am Hals verbunden wird.

Ein anderes Stimulationsverfahren ist die tiefe Hirnstimulation: Dabei werden dem Patienten kleine Elektroden an bestimmten Stellen im Gehirn implantiert, zum Beispiel am Thalamus oder Hippocampus. Sie stimulieren das Nervengewebe mit elektrischen Impulsen. In der Folge sinkt bei vielen Betroffenen die Zahl der Anfälle.

Was mache ich bei einem akuten epileptischen Anfall?

In der Regel reich es bei einem epileptischen Anfall dafür zu sorgen, dass scharfe und spitze Gegenstände, beziehungsweise andere Gegenstände, an denen sich die Patienten verletzen können, entfernt werden, damit es zu keinen schweren Verletzungen kommt. Weitere Massnahmen, die in der Vergangenheit durchgeführt worden sind, so etwa ein Beisskeil, sind nicht indiziert.

Behandlung bei Status epilepticus

Wenn jemand einen Status epilepticus erleidet, ist es wichtig, sofort den Notarzt zu rufen - es besteht Lebensgefahr!

Der Patient erhält als erstes ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin). Trägt der Epileptiker das Notfallmedikament bei sich, lässt es sich auch von medizinischen Laien verabreichen: Es wird entweder in eine Wange gelegt (Buccaltablette) oder als Creme über eine kleine Tube in den After des Patienten eingeführt.

Der eingetroffene Notarzt verabreicht das Beruhigungsmittel gegebenenfalls auch als Spritze in eine Vene. Dann bringt er den Patienten rasch in ein Krankenhaus. Dort wird die Behandlung fortgesetzt.

Lässt sich der Status epilepticus nach 30 bis 60 Minuten immer noch nicht beenden, bekommen viele Patienten eine Narkose und werden künstlich beatmet.

Epilepsie und Alltag

Viele der altersgebundenen Epilepsien der Kindheit, so etwa die Rolando-Epilepsie, bilden sich im Laufe des zunehmenden Alters zurück und heilen vollständig aus. Die meisten epileptischen Syndrome des späteren Jugendalters und des Erwachsenen heilen in der Regel allerdings nicht aus, sondern sind chronische Erkrankungen die langfristige Therapie benötigen. Das heisst, auch bei längerer Anfallsfreiheit unter erfolgreicher medikamentöser Therapie, sollte diese beibehalten werden, da beim Absetzen oder Ausschleichen die Epilepsie häufig wieder beginnt.

Wer einmal einen epileptischen Anfall beobachtet hat, ist sicherlich sehr beeindruckt, wenn nicht gar verängstigt gewesen. Die epileptischen Anfälle sehen teilweise schaurig aus. Erstaunlicherweise geschehen im Rahmen von epileptischen Anfällen allerdings selten ernsthafte Verletzungen. Nichtsdestotrotz ist das Sterberisiko von Epileptikern erhöht.

Findet ein epileptischer Anfall im Verlauf von gefährlichen Handlungen, so etwa dem Besteigen von Leitern und Gerüsten, oder dem Führen von Fahrzeugen statt, ist die Gefahr für Leib und Leben aus ersichtlichen Gründen deutlich erhöht. Es gibt auch in seltenen Fällen im Rahmen von generalisierten Anfällen ein vorzeitiges Ableben im Rahmen eines Syndroms, das als plötzlicher Tod bei Epilepsie (sudden unexpected death in epilepsy, SUDEP) eintreten kann. Hierbei kommt es entweder zu kardialen Problemen oder zu respiratorischen Problemen, sodass schlussendlich aus einem in der Regel ungefährlichen generalisierten Anfall eine lebensbedrohliche Situation entsteht.

Die meisten Epileptiker können ein normales Leben führen. Manche epileptischen Syndrome, insbesondere schwere kongenitale Epilepsiesyndrome, gehen nicht nur mit einer Epilepsie, sondern auch mit zahlreichen weiteren cerebralen Störungen einher. Hierbei handelt es sich insofern um komplexe Mehrfacherkrankungen, die in der Regel zu schweren Behinderungen führen. Diese sollten nicht mit Epilepsie-formen verwechselt werden, die in der Regel zu überhaupt keinen cerebralen Einschränkungen führen, abgesehen von den anfallsartigen epileptischen Anfällen.

Bezüglich von Impfungen ist festzuhalten, dass eine grosse Mehrzahl von Impfungen auch für Epileptiker ungefährlich ist. Bei verschiedenen Impfungen ist allerdings das Risiko von schweren Impfreaktionen oder schweren Nebenwirkungen erhöht. Hier sollte immer Rücksprache mit fachkundigen Ärzten gehalten werden.

Obwohl zahlreiche Epilepsieformen genetisch bedingt sind, handelt es sich meistens nicht um einfache mendelsche Erbgänge, sondern um polygene Erbgänge.

Epilepsie und Fahrtauglichkeit

Im Straßenverkehr entscheiden oft Sekundenbruchteile, ob es zu einem Unfall kommt oder nicht. Bei einem epileptischen Anfall kann die betroffene Person vorübergehend Bewusstsein und Körperkontrolle verlieren. Deshalb geht von Menschen, die unvorhergesehen solche Anfälle haben können, ein besonderes Risiko für sie selbst und andere Verkehrsteilnehmende aus. Personen mit Epilepsie müssen daher in der Regel über einen längeren Zeitraum anfallsfrei sein, um ein Kraftfahrzeug fahren zu dürfen.

Wenn eine Person aufgrund eines epileptischen Anfalls medizinischen Rat einholt, schätzt die Ärztin oder der Arzt die Fahreignung der betroffenen Person ein. Meist geht man aus nachvollziehbaren Gründen (unvorhersehbare Bewusstlosigkeit) davon aus, dass die notwendigen Anforderungen zum Führen von Kraftfahrzeugen bei Epilepsie nicht erfüllt werden. Es wird dann ein ärztliches Fahrverbot ausgesprochen.

Attestiert die Ärztin oder der Arzt eine zeitweise Fahruntauglichkeit aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen, müssen sich Verkehrsteilnehmende daran halten. Das "ärztliche Fahrverbot" ist nicht gleichzusetzen mit einem vom Gericht oder der Fahrerlaubnisbehörde verhängten Fahrverbot.

Wer jedoch dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, wenn er oder sie trotz fehlender Fahrtauglichkeit fährt, und macht sich (z.B. bei einem Unfall) strafbar, wenn andere Personen dadurch gefährdet werden. Bei einem Unfall drohen Geld- und sogar Freiheitsstrafen, wenn jemand verletzt oder im schlimmsten Fall getötet wird.

Zudem kann die Kfz-Haftpflichtversicherung bereits an die Unfallgeschädigten ausgezahltes Geld zurückfordern; die Kaskoversicherungen können Leistungen kürzen oder verweigern.

Für eine Einschätzung der Fahreignung bedarf es immer einer medizinischen Einzelfallprüfung. Dieser liegen die Begutachtungsleitlinien der Bundesanstalt für Straßenwesen zugrunde. Darin wird zwischen den Fahrerlaubnisklassen unterschieden, die wiederum in zwei Gruppen eingeteilt werden.

Für die Gruppe 1 (Klassen A, A1, A2, B, BE, AM, L und T) ist Folgendes festgelegt:

  • Bei erstmaligem Anfall ohne erkennbaren Auslöser: Nach frühestens sechs Monaten ohne weitere Anfälle darf die Fahrerlaubnis nach Prüfung wieder erteilt werden. Davor sind Untersuchungen von Fachärztinnen oder Fachärzten für Neurologie notwendig.
  • Wenn es eine plausible Erklärung für den Anfall gegeben hat (beispielsweise bestimmte Medikamente), wird fachärztlich abgeklärt, ob ein generell erhöhtes Risiko epileptischer Anfälle besteht und ob die auslösenden Ursachen fortbestehen.
  • Treten die Anfälle wiederholt auf, spricht man von Epilepsie. Bevor eine Patientin oder ein Patient wieder Auto fahren darf, muss nachgewiesen werden, dass sie oder er mindestens ein Jahr lang keinen Anfall hatte.

In der Gruppe 2, also bei Inhabern eines Lkw- und Bus-Führerscheins oder einer Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung (Klassen C, C1, CE, C1E, D, D1, DE, D1E und FzF), kann die Fahreignung nach epileptischen Anfällen nur festgestellt werden, die Betroffenen keine Medikamente gegen Epilepsie (anfallssuppressive Medikamente) einnehmen. Erstmaliger Anfall ohne erkennbaren Auslöser: Wie in Gruppe 1 ist auch hier eine fachärztliche Untersuchung notwendig, bei der kein erhöhtes Risiko für weitere Anfälle festgestellt wird. Außerdem wird die Kraftfahreignung frühestens nach zwei Jahren ohne Anfälle wieder erteilt.

Bei wiederholten epileptischen Anfällen bleibt die Kraftfahreignung für die Gruppe 2 in der Regel langfristig ausgeschlossen. Hier bedarf es stets einer Einzelfallprüfung.

Solange die Fahreignung nicht sichergestellt werden kann, dürfen Betroffene kein Kraftfahrzeug fahren. Andernfalls liegt eine Ordnungswidrigkeit vor.

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