Einsamkeit ist ein wachsendes Problem in unserer Gesellschaft, insbesondere für ältere Menschen. Viele Senioren leben allein, ihr Freundeskreis schrumpft und es fällt ihnen schwer, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Dies kann negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit haben, insbesondere auf ihre kognitiven Fähigkeiten. Studien haben gezeigt, dass soziale Isolation das Risiko von Demenz und Alzheimer erhöhen kann. Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, soziale Kontakte zu pflegen und das Gehirn im Alter fit zu halten.
Einsamkeit im Alter: Ein unterschätztes Problem
Einsamkeit betrifft viele ältere Menschen. 40 Prozent von ihnen leben alleine. Der Bekanntenkreis wird bei den meisten älteren Menschen immer kleiner und viele tun sich schwer damit, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Durch den Wegfall der eigenen Rollen und der zunehmenden Inflexibilität, die viele Menschen im Alter ereilt, wird es für Senioren immer schwerer, neue Kontakte zu knüpfen. Die Beweglichkeit wird weniger. Wenn dann noch Familienangehörige oder Bekannte weit weg wohnen oder jemand möglicherweise aufgrund von Verlust bzw. Tod keine Familie mehr hat, ist Einsamkeit vorprogrammiert. Laut verschiedener Studien liegen die Zahlen der Senioren, die über Einsamkeit klagen, zwischen fünf und zwanzig Prozent. Einsamkeit ist dabei nicht nur an das Alleinwohnen geknüpft, sondern insbesondere an das umgebende soziale Netz. Ist dies nicht vorhanden, steigt der Leidensdruck. Frauen haben im Alter im Schnitt ein größeres soziales Netz als Männer, sie genießen es auch, sich einfach nur so zum Plaudern, ohne große Gruppenaktivitäten zu treffen. Viele Männer mögen das weniger.
Die Auswirkungen sozialer Isolation auf das Gehirn
Während das Gefühl der Einsamkeit noch nicht zwingend zu gesundheitlichen Verschlechterungen führt, tut es die tatsächliche soziale Isolation schon. So hat eine Londoner Langzeitstudie hervorgebracht, dass erhöhte soziale Kontakte im Alter ab 60 Jahren dazu führen können, dass eine mögliche Demenz erst später oder gar nicht entwickelt wird. Soziales Engagement fördert das kognitive Denken, die Sprache, die motorischen Fähigkeiten und hilft dabei, kognitive Reserven zu entwickeln. Auch vor Herzinfarkten oder Grippeinfektionen können soziale Kontakte schützen, wie Wissenschaftler und Forscher herausgefunden haben. Menschen sind soziale Wesen und leben nicht gerne in Isolation. Über den Umgang mit anderen formen sich das eigene Identitätsgefühl sowie die Verortung in der Gesellschaft beziehungsweise in einer Gruppe. Fällt dies weg, wächst das Risiko für Depressionen, so Psychologen. Die Gesellschaft anderer Leute und Freundschaften können sogar besser wirken als Medizin, so eine Forscherin aus Neuseeland.
Eine Längsschnittstudie der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften mit rund 2000 Teilnehmenden zwischen 50 und 82 Jahren ergab, dass soziale Isolation zu einer stärkeren Reduktion der grauen Hirnsubstanz führt. Insbesondere der Hippocampus, eine Hirnregion, die für Gedächtnisleistungen und Lernprozesse zuständig ist, ist von altersbedingten Abbauprozessen betroffen. Einsamkeit lässt das Gehirn nicht nur schneller altern und schadet der Gedächtnisleistung, sondern kann auch eine spätere Alzheimer-Demenz begünstigen, folgern die Forschenden.
Soziale Kontakte als Schutzfaktor für das Gehirn
Soziale Kontakte halten das Gehirn jung, Einsamkeit hingegen lässt es schneller altern. Der menschliche Geist sei, so sind sich die Experten und Expertinnen sicher, auf Anregung, Neues und ein beständiges Gefordertsein angewiesen. Auch die Gesprächsinhalte können mental herausfordern und das ältere Gehirn mit neuen Perspektiven und Inhalten bereichern. Hirnforscher betonen, dass es für das betagte und oft etwas eingefahrene Gehirn wie eine Frischzellenkur wirken kann, sich auch mit jüngeren Generationen zu beschäftigen. Die Neugier und Begeisterung etwa von Kindern wirken auf ältere Menschen mitunter erfrischend. Die Berührung mit anderen Sichtweisen kann wiederum helfen, geistig nicht festzufahren und mental nicht zu erstarren.
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Der Kontakt zu anderen Menschen hat aber noch eine weitere günstige Auswirkung auf das Gehirn: Durch das Zusammensein mit anderen erhöht sich die Ausschüttung des Hormons Oxytocin. Von diesem ist inzwischen bekannt, dass es äußerst heilsame Wirkungen auf das Gehirn hat. Es reduziert Stress, der das Gehirn schädigen kann. Während Einsamkeit das Gehirn also schneller altern lässt, halten Freunde und soziale Interaktionen es länger jung.
Sozial aktive Senioren haben ein deutlich geringeres Risiko für Demenz und leichte kognitive Beeinträchtigung. Laut einer Studie der Rush University reduzieren regelmäßige soziale Aktivitäten das Demenzrisiko (-38 %) und das Risiko für eine leichte kognitive Beeinträchtigung (- 21 %) deutlich. „Wir zeigen hier, dass soziale Aktivität mit einem verringerten Risiko für die Entwicklung von Demenz und leichter kognitiver Beeinträchtigung verbunden ist. Es ist bereits aus früheren Studien bekannt, dass soziale Interaktionen die neuronalen Netzwerke im Gehirn stärken und diese damit widerstandsfähiger gegen altersbedingte Abbauprozesse machen. Wieso soziale Aktivitäten die Entstehung kognitiver Krankheiten beeinflussen, ist jedoch noch unklar.
Wege aus der Einsamkeit: Aktiv werden und Kontakte knüpfen
Um im Alter neue Sozialkontakte zu knüpfen, müssen Sie selber aktiv werden. Schließen Sie sich Wandergruppen an, wenn es die Gesundheit noch zulässt.Halten Sie Ausschau nach Vereinen, die Sie interessieren und machen Sie Schluss mit dem Alleinsein. Besuchen Sie Senioren-Kontaktbörsen im Internet. Dort werden nicht nur Partnerschaften gesucht, sondern auch Gesprächspartner oder Begleiter beim Spazierengehen.Lesen Sie die Tageszeitung Ihres Ortes und schauen Sie, welche Angebote es für Freizeitaktivitäten gibt. Auch Partner werden immer noch über Annoncen in Zeitungen gesucht. Über Seniorenzentren und soziale Einrichtungen wie zum Beispiel die Diakonie oder die Caritas können Angebote wie zum Beispiel Senioren-Cafés, Lesezirkel oder gemeinsames Singen wahrgenommen werden.Kirchliche Gemeinden bieten ebenfalls regelmäßig Angebote an, denen Jung und Alt beiwohnen können.Besuchen Sie Senioren-Tagesstätten. Dort können Sie an Aktivitäten teilnehmen, essen und werden von professionellen Pflegekräften unterstützt.Engagieren Sie sich selber für ein Ehrenamt. So fühlen Sie sich nicht nur weniger einsam, sondern auch wieder „gebraucht“. Mit dem Eintritt in die Rente geht dieses Gefühl bei vielen Senioren verloren.Besuchen Sie Vorlesungen an der Universität. Als Gasthörer können Sie dort ihren Interessen nachgehen und auch mit jüngeren Leuten in Kontakt kommen.Suchen Sie sich Hobbies, die Sie verfolgen. Auch wenn das Angebot für Senioren in der Stadt größer ist, gibt es auch auf dem Land die Möglichkeit, sich in Netzwerke zu integrieren, Vereine zu besuchen und an Veranstaltungen und Aktivitäten teilzunehmen. So ist es zum Beispiel möglich, auch einfach nur mal den Nachbarn anzusprechen, den man schon länger sympathisch findet und ihn nach einem gemeinsamen Spaziergang zu fragen. Dafür braucht es weder moderne Technik, noch Zuschriften in Zeitungen, noch die Auseinandersetzung mit einem Verein oder einer großen Gruppe, sondern einfach nur ein wenig Mut.
Hilfsmittel nutzen
Wenn die Vermeidung von Sozialkontakten darin begründet liegt, dass jemand nicht mehr so gut hört, dann lässt sich das mit einem Hörgerät recht leicht beheben. Falsche Scham sollte nicht der Grund dafür sein, sozial zu vereinsamen. Auch Fahrdienste können helfen, Mobilitätseinschränkungen zu überbrücken. Wer seine Wohnung gar nicht mehr verlassen kann, kann Besucherdienste in Anspruch nehmen. Dabei kommen meist ehrenamtliche Helfer nach Hause und leisten Gesellschaft, lesen vor oder unterhalten sich mit den Pflegebedürftigen. Integrative Wohngemeinschaften sind eine weitere Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu knüpfen und weniger alleine zu sein. Um sich weniger alleine zu fühlen und eine zusätzliche Beschäftigung zu haben, bietet sich auch die Anschaffung eines Haustiers an. Doch nicht jeder Senior ist noch fit genug für ein so agiles Haustier.
Was Angehörige tun können
Als Angehöriger sollten Sie es ernst nehmen, wenn jemand in Ihrer Familie über Einsamkeit klagt, schließlich kann das ein Anzeichen für Depressionen sein. Fragen Sie nach, wie die Person früher mit dem Gefühl von Einsamkeit umgegangen ist. Helfen Sie Ihrem Angehörigen dabei, Kontakte zu knüpfen. Gehen Sie zum Beispiel zusammen mit ihm ins Internet und zeigen Sie ihm, wie Kontaktbörsen oder soziale Netzwerke funktionieren. Schließlich werden die Anwendungen immer benutzerfreundlicher, sodass selbst Senioren mit wenig Computererfahrung sich mit etwas Übung und Anleitung darin zurechtfinden können. Drängen Sie Ihren Angehörigen jedoch nicht, wenn er klare Zeichen der Ablehnung zeigt. Letztlich muss er dazu bereit sein, sich auf neue Menschen einzulassen. Einsamkeit ist ein Gefühl, das jeder Mensch unterschiedlich empfindet. Wenn Sie als Pflegeperson eines älteren Menschen das Gefühl haben, dass jemand wenig soziale Kontakte hat, muss das noch lange nicht bedeuten, dass er sich einsam fühlt. Hier können Sie behutsam vorgehen und erfragen, wie es um das soziale Gefüge des Pflegebedürftigen bestellt ist. Reden Sie ihm keine Einsamkeit ein, wenn sie nicht da ist und reden Sie sie nicht klein, wenn sie thematisiert wird. Sprechen Sie auch mit den Angehörigen.
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Fünf Ideen gegen die Einsamkeit
- Alte Kontakte auffrischen: Vielleicht gibt es eine Bekannte, mit der das gemeinsame Kaffeetrinken immer sehr nett war, doch der Kontakt ist eingeschlafen? Auch wenn es etwas Mut kostet: Ein Anruf oder eine Nachricht mit der Frage, ob man wieder etwas gemeinsam unternehmen mag, kann sich lohnen.
- Kontakt zu Nachbarn aufnehmen: Kurz nebenan klingeln, weil das Salz leer ist. Oder über den Gartenzaun hinweg kurz plaudern: Solche kleinen Kontakte in der Nachbarschaft können dafür sorgen, dass man sich weniger einsam fühlt.
- Ein Ehrenamt übernehmen: Kindern bei den Hausaufgaben helfen, Kleiderspenden sortieren oder Menschen im Krankenhaus besuchen: Ein Ehrenamt bringt nicht nur den Kontakt zu anderen Menschen, sondern gibt uns auch das gute Gefühl, etwas Sinnvolles für andere zu tun.
- Ein neues Hobby suchen: Wer zum Beispiel im Sportverein, Orchester oder Chor aktiv wird, lernt schnell neue Leute kennen. Ist man weder besonders sportlich noch musikalisch, findet sich im Kursprogramm der Volkshochschule vor Ort sicherlich ein anderes Angebot, das interessiert.
- Digitale Möglichkeiten nutzen: Sie haben ein Hobby, das Sie allein pflegen? Zudem gibt es viele Online-Börsen oder digitale Angebote, um Menschen für gemeinsame Aktivitäten zu finden.
Weitere Tipps für ein fittes Gehirn im Alter
Neben sozialen Kontakten gibt es noch weitere Faktoren, die die Gehirngesundheit im Alter positiv beeinflussen können:
- Geistige Aktivität: Fordern Sie Ihr Gehirn regelmäßig heraus, indem Sie neue Dinge lernen, lesen, Rätsel lösen oder sich mit komplexen Themen beschäftigen. Eine umfassende Analyse von 54 Einzelstudien ergab: Personen mit höherer Alltagsnutzung digitaler Technologien zeigten weniger kognitive Beeinträchtigungen. Auch Studien, die Teilnehmende über längere Zeit hinweg begleiteten, kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Wer digital aktiv blieb, zeigte seltener Anzeichen geistigen Abbaus als Vergleichsgruppen.
- Körperliche Aktivität: Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und regt die Bildung neuer Nervenzellen an. Bereits moderate Bewegung wie Spazierengehen oder Gartenarbeit kann positive Effekte haben.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten ist wichtig für die Gehirngesundheit. Kürzlich hat eine Studie zudem erstmals auch biologisch nachgewiesen, dass mediterrane Diät die Gehirngesundheit und kognitive Fähigkeiten positiv beeinflusst.
- Stressreduktion: Chronischer Stress kann das Gehirn schädigen. Sorgen Sie für ausreichend Entspannung und Schlaf, und suchen Sie nach Möglichkeiten, Stress abzubauen, z.B. durch Yoga, Meditation oder Spaziergänge in der Natur.
- Musik: Es gibt wenige Dinge, die das Gehirn so anregen wie Musik. So regt Musik neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn an und hilft so bei der Vorbeugung gegen Alzheimer. Ähnlich wie das Tanzen hat das Musizieren dabei einen der größten Trainingseffekte. Das Erlernen und Üben feinmotorischer Bewegungen, das Lesen von Noten und die Schulung des Gehörs stärken das Gehirn und tragen zur geistigen Fitness bis ins hohe Alter bei. Auch das bloße Musikhören trainiert das Gehirn - vor allem, wenn die Musik für uns neu ist.
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