Gut und Böse im Gehirn: Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts

Die Frage, wie unser Gehirn zwischen Gut und Böse unterscheidet, beschäftigt die Wissenschaft seit langem. Neurowissenschaftliche Studien, insbesondere am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, haben interessante Einblicke in die neuronalen Prozesse gewährt, die dieser komplexen Fähigkeit zugrunde liegen.

Die Interpretation sozialer Botschaften

Soziale Interaktionen sind oft von subtilen Nuancen geprägt. Ein Lächeln kann eine freundliche Geste sein, aber auch Zynismus verbergen. Ein Kompliment kann ehrlich gemeint sein oder eine versteckte Beleidigung darstellen. Die Fähigkeit, diese Feinheiten zu erkennen und richtig zu interpretieren, ist entscheidend für angemessene Reaktionen.

Neurowissenschaftler haben Hirnbereiche identifiziert, die aktiviert werden, wenn wir zweideutige Situationen als positiv oder negativ interpretieren. Wenn wir etwas fälschlicherweise als negativ beziehungsweise positiv auffassen, laufen wir Gefahr, unangemessen zu reagieren: Wir ignorieren eine Zurückweisung oder fühlen uns in einer eigentlich freundlichen Atmosphäre unbegründet beleidigt.

Identifizierung von Hirnarealen für positive und negative Bewertungen

In einer Studie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig wurden Probanden Filmausschnitte mit emotional widersprüchlichen Botschaften vorgeführt. Ein Beispiel hierfür war eine Szene aus Quentin Tarantinos Film „Reservoir Dogs“, in der eine Person ein Opfer foltert, während sie lacht, tanzt und plaudert. Während der Filmvorführungen erfassten die Wissenschaftler die Hirnaktivität der Studienteilnehmer durch Hirnscans mittels der funktionellen Magnetresonanztomografie.

Die Ergebnisse zeigten, dass zwei bestimmte Hirnareale eine Schlüsselrolle bei der Bewertung von Situationen spielen:

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  • Sulcus temporalis superior (STS) im Schläfenlappen: Dieser Bereich ist für die Interpretation positiver Ereignisse zuständig.
  • Lobus parietalis inferior (IPL) im Scheitellappen: Dieser Bereich wird aktiv, wenn wir eine Situation als negativ empfinden.

„Wir haben zwei Areale im Gehirn identifizieren können, die als eine Art Fernbedienung wirken. Sie bestimmen, wie wir eine Situation einschätzen, und welches der beiden Netzwerke an- oder ausgeschaltet wird“, erklärt Christiane Rohr vom Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Wenn wir mit einer emotional schwierig einzuschätzenden Situation oder Botschaft konfrontiert sind, werden zunächst beide Hirnareale aktiv, berichten die Forscher. „Die beiden Regionen scheinen miteinander zu kommunizieren um so herauszufinden, welche von ihnen aktiviert oder inaktiviert wird“, so Hadas Okon-Singer von der Universität Haifa.

Die Amygdala und der mediale präfrontale Cortex waren signifikant bei der Priorisierung positiver oder negativer Signale beteiligt, aber nicht bei den subjektiven Bewertungen von Konflikten per se, und der superiore temporale Sulcus und der inferiore Parietallappen, die mit sozialer Kognition und emotionaler Kontrolle in Verbindung gebracht wurden, bei der Priorisierung positiver oder negativer Signale und der subjektiven Konfliktbewertung beteiligt waren und so die „Hubs“ oder „Schalter“ in der emotionalen Konfliktbewertung darstellen.

Die Bedeutung der Unterscheidungsfähigkeit

Wie jeder aus persönlicher Erfahrung weiß, gelingt es Menschen unterschiedlich gut, etwas knifflige soziale Situationen richtig einzuordnen. Manche haben damit sogar ausgesprochen starke Probleme, was zu Depressionen, Angstzuständen oder zur Vermeidung von sozialen Interaktionen führen kann. Was genau im Gehirn passiert, wenn eine solch eingeschränkte Unterscheidungsfähigkeit vorliegt, ist noch unklar.

Die Kartierung des Gehirns: Einblick in Funktionen und Krankheiten

Die Kenntnis darüber, welche Nervenzelle wo mit welchen Zellen verbunden ist, würde unser Wissen über Funktionen und Krankheiten des Gehirns deutlich voranbringen. Mit der Entwicklung einer speziellen Färbemethode schließen Winfried Denk und Shawn Mikula vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried nun eine der letzten methodischen Lücken: Die Kartierung eines gesamten Mäusegehirns scheint möglich.

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Seit Wissenschaftler im späten 19. Jahrhundert die ersten Nervenzellen unter dem Mikroskop betrachteten, hat sich viel getan. Heute sind viele Fragen zur Anatomie, Chemie, Physiologie und Zellbiologie beantwortet - sowohl im gesunden als auch im erkrankten Gehirn. Wie aus der Aktivität einzelner Zellen jedoch unser Denken und Fühlen entsteht und was passiert, wenn Zellen zum Beispiel bei neurodegenerativen Erkrankungen aus dem Zellverband verschwinden, ist nach wie vor unklar.

Das menschliche Konnektom enthält rund 100 Billionen Zell-Verbindungen. Diese zu kartieren ist nach wie vor reines Wunschdenken. Die Entwicklung des Serienschnitt-Raster-Elektronenmikroskops und anderer Aufnahme- und Analysemethoden, lassen das Konnektom des Mäusegehirns, das 3000-mal kleiner als das des Menschen ist, nun jedoch in greifbare Nähe rücken.

Die BROPA-Methode: Eine neue Färbetechnik

"Ein entscheidender, noch fehlender Schritt war die Probenpräparation", fasst Shawn Mikula das Projekt zusammen. In den vergangenen Jahren hat er an der gleichmäßigen und zerstörungsfreien Färbung eines gesamten Mäusegehirns für das Elektronenmikroskop gearbeitet. Zuverlässig konnten bisherige Färbemethoden nur relativ kleine Gewebeproben färben. Das Zerteilen des Gehirns in kleine Stücke verhindert jedoch ihr späteres Zusammensetzen zu einem Gesamtbild. Methoden, die eine Färbung des gesamten Gehirns zum Ziel hatten, färbten das Gehirn entweder zu schwach und ungleichmäßig, oder sie zerstörten Hirnstrukturen.

Shawn Mikula und Winfried Denk stellen nun ihre BROPA-Methode zur Färbung eines gesamten Gehirns vor. Die Abkürzung steht für eine aufwändige Abfolge von Färbe- und Waschschritten, darunter mit Osmium- und Pyrogallol-Lösungen. Die gesamte Färbung und Vorbereitung dauert rund vier Wochen. "Das war zum Teil ganz schön nervig, denn man weiß erst am Ende dieser Zeit, ob eine Änderung im Färbeverfahren gut oder schlecht war", erklärt Shawn Mikula. Doch nach vielem Warten und Verfeinern sind die beiden Wissenschaftler mit ihrer neuen Methode nun zufrieden: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass in einem BROPA-gefärbten Mäusegehirn mit dem Serienschnitt-Raster-Elektronenmikroskop zuverlässig einzelne Nervenzellfortsätze verfolgt und Synapsen erkannt werden können", so Mikula.

"Wir sind nun unserem Ziel, ein gesamtes Mäusegehirn mit allen Zellen und Verbindungen unter dem Elektronenmikroskop aufzunehmen und am Computer wieder zusammenzusetzen, einen wichtigen Schritt näher gekommen", erklärt Winfried Denk, Direktor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Sobald die neuste Gerätegeneration geliefert und getestet ist, was mit über einem Jahr veranschlagt ist, wollen die Wissenschaftler das Projekt starten. "Ich schätze, dass allein die Datenerhebung rund zweieinhalb Jahre dauern wird", so Denk. In dieser Zeit werden zirka 40 Petabyte Daten entstehen. "Die Speicherung kriegen wir schon hin, an der Analyse arbeiten wir noch", fügt Mikula hinzu. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass automatisierte Computerprogramme BROPA-gefärbte Synapsen und Zellkörper recht zuverlässig erkennen können. Somit bleibt "nur" noch ihre Zuordnung zu den vielen Kilometern vorhandener Nervenfasern. "Ich bin zuversichtlich, dass wir auch das lösen können", sagt Winfried Denk.

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Soziale Interaktion und die Erkennung von Artgenossen

Menschen sind bekanntlich äußerst soziale Tiere. Aber sie sind nicht die einzigen, die sich mit Individuen der eigenen Art zusammenschließen, um ihre Ziele zu erreichen. In der Natur lassen sich häufig Herden, Schwärme, Rudel und Kolonien von Tieren der gleichen Art beobachten. Aber wie erkennt das Gehirn eines Tieres seine Artgenossen?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz, in Gründung, untersuchen diesen Prozess an jungen Zebrafischen. Sie entdeckten nun einen neuronalen Schaltkreis, der soziale Anziehung vermittelt. Menschen und viele Tierarten leben in Gemeinschaften. Als Grundlage für soziale Interaktionen müssen Individuen aber zunächst einmal andere Individuen als zu ihrer eigenen Art zugehörig identifizieren. Dies geschieht in der Regel in Sekundenbruchteilen und oft instinktiv. Die Entschlüsselung der neuronalen Schaltkreise, die diesem Vorgang zugrunde liegen, ist jedoch alles andere als trivial.

Die Rolle des visuellen Systems

„Beim Erforschen von Sozialverhalten gibt es eine grundlegende Schwierigkeit: Aktionen und Reaktionen gehen ineinander über und sind im Verhalten und auf neuronaler Ebene für uns als Betrachter schlecht zu unterscheiden“, erklärt Johannes Larsch, Projektleiter in der Abteilung von Herwig Baier. „Das liegt daran, dass sich die beteiligten Individuen gegenseitig beeinflussen. Sie sind gleichzeitig Empfänger und Sender sozialer Signale. Das Team um Johannes Larsch fand jedoch eine Möglichkeit, die Bedeutung des visuellen Systems für das Sozialverhalten genauer zu erforschen. Sie entwickelten einen Versuchsaufbau, in dem Zebrafischlarven mit simulierten Artgenossen interagieren können. Dazu reicht ein Punkt auf einem Display, der sich - und das ist wichtig - mit dem für Zebrafische typischen, ruckartigen Bewegungsmuster bewegt. Die Tiere können diesem Reiz nicht widerstehen: Sie schwimmen dem Punkt oft stundenlang hinterher, da sie ihn offensichtlich für einen Artgenossen halten. Damit hatten die Forschenden einen isolierten und genau definierten Schlüsselreiz als Auslöser von Schwarmverhalten gefunden.

Nun konnte das Team untersuchen, wie dieser Reiz im Gehirn verarbeitet wird. Dazu erweiterten sie ihren Versuchsaufbau um die Möglichkeit, gleichzeitig Gehirnaktivität zu messen. Die Experimente zeigten, dass ein sich Fisch-ähnlich bewegender Punkt im Zebrafischgehirn ganz bestimmte Nervenzellen im Thalamus aktiviert. Derselbe Bereich des Thalamus wird auch aktiv, wenn tatsächlich ein Artgenosse in der Nähe schwimmt. Der Thalamus ist eine Gehirnregion, die auch beim Menschen unter anderem für Sinnesverarbeitung wichtig ist.

„Der Thalamus stellt eine sensorische Schaltzentrale des Gehirns dar, in der Sinneseindrücke zusammenkommen und weitergeleitet werden“, erklärt Johannes Larsch. Sinnesreize werden auf ihrem Weg zum Thalamus zunächst in der Netzhaut und anschließend im Tectum verarbeitet, einem Teil des Mittelhirns und wichtiges visuelles Zentrum des Wirbeltiergehirns.

Die Bedeutung identifizierter Nervenzellen

Die von den Forschenden nun identifizierten Nervenzellen in dieser Region verbinden das visuelle System des Zebrafisches mit weiteren Gehirnregionen, die bei sozialem Verhalten aktiv werden. „Wir wussten bereits, dass diese weiteren Gehirnregionen eine Rolle beim Steuern von Sozialverhalten spielen, aber nicht, durch welche visuellen Reize sie aktiviert werden. Unsere Arbeit hat diese Wissenslücke geschlossen und gezeigt, über welche neuronalen Schaltkreise die visuellen Signale in diese Regionen gelangen“, sagt Larsch.

Wie wichtig die neu identifizierten Nervenzellen für das Sozialverhalten der Fische sind, zeigte sich, als die Forscher die Funktion dieser Zellen gezielt blockierten: Die Zebrafischlarven verloren ihr Interesse an Artgenossen - das instinktive Hinterherschwimmen fand kaum noch statt. „Die von uns untersuchten Nervenzellen erfüllen im Zebrafisch somit die Aufgabe des sozialen Erkennens und leiten eine Annäherung an Artgenossen ein“, sagt Johannes Kappel, Doktorand und Erstautor der Studie. „Menschen besitzen ebenfalls einen Thalamus und viele neuronale Prozesse sind während der Evolution vom Fisch zum Menschen erhalten geblieben. Auch beim Menschen gibt es Gehirnregionen, die aktiviert werden, wenn wir für uns typische Bewegungsmuster wahrnehmen. Ihre genaue Funktionsweise und Bedeutung für die Steuerung unseres Verhaltens sind allerdings noch unbekannt.“

Die Studie von Kappel, Larsch, Baier und ihren Ko-Autoren wirft neues Licht auf einen Teil des Gehirns, dessen Aktivierung den grundlegenden "Klebstoff" für die Bindung zwischen zwei Zebrafische liefert. In der Summe führen viele solcher einzelnen Interaktionen zur Bildung von Fischschwärmen. Soziales Verhalten wird also durch Netzwerke von Gehirnen gesteuert, die ihrerseits Netzwerke von Neuronen sind.

Freier Wille und Determinismus in der Hirnforschung

Bestimmte Experimente haben gezeigt, dass es vorbewusst angebahnte Entscheidungen gibt. Das gilt den Deterministen als Argument, es gebe keinen freien Willen. John-Dylan Haynes: "Man weiß generell, dass Menschen nicht gut darin sind, zu sagen, warum sie sich auf eine bestimmte Art und Weise entschieden haben. Wenn man in sich hinein schaut, erscheint der Prozess der Entscheidungsfindung nicht sonderlich rätselhaft. Man überlegt, wägt ab, berechnet die Tragweite seiner Entscheidung, schwächt sie ab, entscheidet um oder hält an der ursprünglichen Idee fest. "Geeignete Aktivitäten von Nervenzellen können gewiss den Inhalt oder sogar die Existenz des subjektiven Erlebens beeinflussen.

Das Libet-Experiment und seine Interpretation

Der Philosophieprofessor Philip Hübl von der Universität Stuttgart beschreibt ein Experiment, bei dem Versuchspersonen auf eine Uhr schauten und sich den Zeigerstand der Uhr merken sollten - das war ein Punkt, der sich ziemlich schnell gedreht hat: Wann habe ich den Ruck verspürt, den Finger zu bewegen? Dann hat er gemessen, wann sie tatsächlich den Finger bewegt haben und hat rausgefunden: Der Ruck, den Finger zu bewegen, dieses Gefühl, jetzt will ich den Finger bewegen, hat 300 Millisekunden stattgefunden, bevor sich der Finger tatsächlich bewegt hat. Gleichzeitig hat er noch Hirnströme gemessen, das Bereitschaftspotential, und hat herausgefunden, eine halbe Sekunde vorher - also noch einmal 200 Millisekunden vor dem Ruck - hat sich schon eine typische Veränderung dieser Hirnaktivität ergeben.

John-Dylan Haynes: "Das ist natürlich paradox! Wie kann es denn sein, dass mein Gehirn weiß, wie ich mich gleich entscheiden werde, noch bevor ich selber das Gefühl habe, dass ich mich entschieden habe?"

Haynes ist Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité Berlin und Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging. Er erklärt: "Das Ich ist eine Instanz, die hartnäckig ihren Produzenten leugnet. Wenn man sich die Großhirnrinde anguckt, dann überwiegen die Verknüpfungen dessen, was reinkommt, und dessen, was rausgeht, um das Hunderttausend- bis Millionenfache. Also alles, was aus dem Unbewussten in das Bewusstsein eindringt, erlebt das Bewusstsein an und in sich und kann das alles sich nur selbst zuschreiben. Und so kommt es, dass dieses Ich all die Wünsche, die aus dem Unbewussten kommen, die Handlungsentwürfe, die auch aus dem Unbewussten kommen, sich selbst zuschreibt. Und das ist diese Lüge: Ich tue das, Ich erlebe das, Ich will das jetzt so. Das sind Illusionen, aber es sind sehr nützliche Illusionen. Wenn man diesen Apparat zerstört, kann der Mensch nicht mehr in komplexen Situationen handeln."

Kritik am Libet-Experiment

Philip Hübl kritisiert: "Dann gibt es die große Frage: Gibt es so etwas wie einen Willensruck überhaupt? Libet hat natürlich durch die Fragestellung seinen Versuchspersonen suggeriert: Achtet mal darauf, was in euch passiert. Dann hat er gesagt: Den Drang, die Absicht, den Wunsch. Aber Drang, Absicht, Wunsch sind ganz verschiedene Dinge. Auf was sollte man da wirklich achten?"

John-Dylan Haynes ergänzt: "Es gab auch ganz viele Diskussionen, ob man diesen Libet-Versuchen wirklich trauen kann. Ein Aspekt ist beispielsweise, dass die Hirnaktivität 200-300 Millisekunden vor der bewussten Entscheidung auftritt. Da waren sich einige Forscher nicht so ganz sicher, ob diese Zeitspanne nicht zu kurz ist. Möglicherweise könnte das ja auch auf einen Messfehler sein. Eine andere Frage war, dass sich die Probanden nur für die Bewegung der Hand entscheiden konnten und ihnen keine Alternativen für Handlungen zur Verfügung standen. Es war auch unklar, was andere Hirnregionen machen. Er hat nämlich Messungen mit dem EEG gemacht. Damit misst man Hirnströme auf der Oberfläche des Skalps, aber damit bekommt man nur motorische Hirnsignale, also die tatsächlich mit dem Abschluss der Bewegung zu tun haben. Libet hat immer Mittelwerte über ganz viele Entscheidungen gezeigt. Das heißt, er hat die Leute ganz oft eine Entscheidung fällen lassen, sich zu bewegen und hat dann diese unscharfen einzelnen Kurven so lange gemittelt, bis man aus dem Rauschen heraus dann tatsächlich eine Kurve gesehen hat. Wenn man sagen möchte, dass dieses Hirnpotential, das der Entscheidung vorausgeht, wirklich die Ursache der Entscheidung sein soll, dann muss sie jedes Mal auftreten, sobald man sich entscheidet. Man muss also genau sagen, wie eng ist denn der Zusammenhang zwischen dem sogenannten Bereitschaftspotential und der anschließenden Entscheidung."

Haynes' Experimente zur Vorhersage von Entscheidungen

Das Haynes-Lab im Bernstein-Center Berlin setzt unter der Leitung seines Namensgebers auf die beiden Wunderwaffen der zeitgenössischen Hirnforschung: Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) sowie die mathematische Analysis der Muster neuronaler Aktivität.

John-Dylan Haynes: "Dann haben wir ein Experiment gemacht, wo Probanden in einem Kernspintomographen liegen. Die Probanden konnten sich immer wieder in neuen Durchgängen aussuchen, ob sie sich für eine linke oder eine rechte Taste entscheiden. Und dann mussten sie die drücken. Und wir haben auf dem Bildschirm, den sie sehen konnten, eine Reihe von Buchstaben, die zufällig angeordnet waren, gezeigt. Und zwar jede halbe Sekunde gab es einen neuen Buchstaben. Damit haben wir messen wollen, wann die Probanden sich entscheiden. Wir haben sie nämlich gebeten, die sollen uns sagen, welcher Buchstabe auf dem Bildschirm zu sehen war, als sie sich entschieden haben. Jetzt hatten wir also die Hirnaktivität. Wir hatten die Entscheidung. Und wir wussten, wann sie sich entschieden haben. Die Entscheidung fiel üblicherweise eine halbe Sekunde bis eine Sekunde vor der eigentlichen Bewegung. Aber wir fanden Hirnaktivität, die schon sehr früh angezeigt hat, wie sich jemand gleich entscheiden würde. Und zwar bis zu sieben Sekunden. Das heißt, das Gehirn hat Informationen über eine Entscheidung, die jemand erst sieben Sekunden später glaubt zu fällen. Das klingt natürlich paradox. Wir haben dann alle möglichen Tests noch gemacht, ob wir dem Ergebnis trauen konnten. Aber es schien solide zu sein. Man muss allerdings ganz klar sagen: Diese Vorhersage ist nicht perfekt. Das an sich ist schon interessant. Offensichtlich habe ich hier etwas nicht richtig verstanden."

Haynes: "Diese Entscheidungen, die wir untersucht haben, die lange dauern, bis sie sich aufgebaut haben, das sind alles selbst getaktete Entscheidungen. Da kann die Person sich selber aussuchen, wann sie die Entscheidung fällen möchte. Das ist vielleicht eher zu vergleichen mit einer Entscheidung, wo man nicht auf eine äußere Frage reagiert, sondern eine Entscheidung zum Beispiel: Wo gehe ich studieren? Was für einen Job werde ich machen? Das sind auch selbst getaktete Entscheidungen. Da muss man nicht schnell reagieren, sondern hat Zeit, die Entscheidung im eigenen Tempo aufzubauen. Das heißt, wir können natürlich immer noch genau so schnell auf äußere Ereignisse reagieren."

Die Rolle des Bewusstseins bei Entscheidungen

Michael Pauen, Professor für Philosophie des Geistes an der Berliner Humboldt-Universität, kommentiert: "Die Frage ist - und das war so ein Diskussionspunkt - kann man daraus schließen, dass unsere Entscheidungen bereits mehrere Sekunden auf der neuronalen Ebene unbewusst bereits festgelegt worden sind, bevor wir selber davon erfahren? Dass also das, was wir als bewusste Entscheidung betrachten, letztlich so eine Art Kino ist, das aber auf den eigentlichen Entscheidungsprozess keinen Einfluss hat. Wenn es einen solchen Mechanismus gibt, so die Überlegung, könnte er auch eine Erklärung für die Vorhersagerate von nur 60 bis 70 Prozent bei den vorigen Versuchen sein."

Haynes beschreibt ein Experiment, in dem Probanden in einem Duell gegen eine Maschine antraten: "Nehmen wir mal an, wie aus dem Western, Sie müssen ein Duell absolvieren. Dann ist die Aufgabe, die man selber hat, zu ziehen so schnell wie möglich, ohne dass es vorhergesagt werden kann. Der andere muss versuchen, mich vorherzusagen und ich muss versuchen, möglichst unvorhersagbar zu sein. Dann kann ich gewinnen. So ein Spiel haben wir mit Leuten gespielt. Wir haben die gebeten, einen Knopf, der auf dem Fußboden stand, mit dem Fuß zu treten. Den Probanden wurde auch ein Licht gezeigt. Das Licht konnte grün oder rot sein. Wenn das Licht grün war, und sie haben den Knopf gedrückt, dann konnten sie gewinnen. Wenn sie aber den Knopf getreten haben, und das Licht war rot, dann haben sie verloren. Das wäre jetzt nicht weiter schwierig für die Probanden, aber wir haben ihre Hirnaktivität gemessen und haben die unbewusste Entscheidung, jetzt gleich den Knopf zu treten, ausgelesen und dann dieses Signal benutzt, um das Licht auf rot zu schalten, damit er den Durchgang verliert."

Das Duell läuft also so: Das Licht schaltet von rot auf grün. Der Proband entschließt sich dazu, auf den Knopf zu treten, um die Runde zu gewinnen. Wenn der Proband trotzdem auf den Knopf tritt, kann er die im Unbewussten initiierte Handlung nicht mehr aufhalten. Schafft es der Proband hingegen, nicht auf den Knopf zu treten, ist das Ich doch Herr im eigenen Haus und hat die letzte Entscheidungsgewalt.

Haynes: "Es war so, dass die Maschine schon gewonnen hat, aber in ganz vielen Fällen hat die Maschine nicht gewonnen. Wenn man sich das ganz genau anschaut, stellt man fest, dass die Probanden, nachdem das Gehirn die vorbereitende Aktivität getroffen hat, die Bewegung noch anhalten können. Sie können also die Entscheidung noch abbrechen. Das widerspricht der Interpretation des Libet-Experimentes, nach dem dieser Prozess wie so eine Dominokette ist, wo man nicht mehr eingreifen kann. Stattdessen sieht es eher so aus, dass wir diesen Prozess anhalten können. Wir haben also noch bis zu einem ganz späten Zeitpunkt Kontrolle darüber. In meinen Augen bedeutet das, dass dieses klassische Libet-Experiment seine Relevanz verloren hat für die Frage der Willensfreiheit. Weil argumentativ wollte man damit immer Determinismus beweisen, und das Libet-Experiment ist nach unseren Versuchen nicht mehr dazu geeignet, Determinismus zu beweisen, weil die Probanden sich noch umentscheiden können."

Determinismus versus freier Wille

Haynes: "Ob's einen freien Willen gibt, hängt ganz davon ab, was man unter freiem Willen versteht. Wenn man mit frei meint, dass sich die Entscheidung unabhängig machen kann von den Hirnprozessen, dass wir etwas entscheiden können, was nicht von den Hirnprozessen vorhergesehen ist, dann muss man ganz klar sagen - sagt die Wissenschaft - dass das nicht möglich ist. Die Entscheidung mag zwar nicht vollständig vorhersagbar sein, weil noch ein Rest Zufall eine Rolle spielt, aber dieser Zufall, der da noch eine Rolle spielt, ist keiner, über den der Proband eine Kontrolle hat. Es ist nicht so, dass man darin seinen Willen ausdrücken kann. Auch diese Entscheidung, eine getroffene Absicht abzubrechen, hat ihre Mechanismen im Gehirn. Wir können also nachvollziehen, nicht nur, wie die Entscheidung ursprünglich im Gehirn zustande kommt, sondern wir können auch die Mechanismen sehen, wie diese Person die Entscheidung wieder anhält."

Markus Gabriel: "Der Determinismus ist insofern noch einmal ein ganz interessanter Fall, weil gar nicht klar ist, ob der sich überhaupt formulieren lässt."

Die Anwendung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse

Die Fortschritte in der Neurowissenschaft bieten spannende Möglichkeiten, das menschliche Gehirn besser zu verstehen. Dies hat Auswirkungen auf verschiedene Bereiche, von der Behandlung psychischer Störungen bis hin zur Entwicklung neuer Technologien.

Gehirnlesen und Lügendetektion

Haynes Arbeitsgruppe versucht, mit Hilfe der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) Gedanken zu lesen. Die Grundidee ist, dass jeder Gedanke im Gehirn ein bestimmtes Aktivierungsmuster erzeugt. Dieses Muster kann man mit dem Magnetresonanz-Tomografen auslesen. So lassen sich einfache Gedanken lesen. „Gerade Lügen ist ein Muster, das bei allen Menschen sehr ähnlich ist“, erklärt Haynes. Allerdings hängt das von der Art der Lüge ab. Es gibt zum Beispiel Auslassungslügen, bei denen der Mensch einfach Informationen weglässt, und es gibt Fabrikationslügen, bei denen er etwas erfindet.

Haynes macht aber ähnliche Einschränkungen wie Klaus-Robert Müller vom Fraunhofer-Institut zuvor: Nur, weil das Erkennen von Lügen bis jetzt unter Laborbedingungen ganz gut geklappt hat, heißt das noch nicht, dass der MRT generell zuverlässige Ergebnisse liefern würde. „Das Gehirnlesen steckt wirklich noch in den Kinderschuhen. Ob es jemals eine universelle Gehirnlesemaschine gibt, die für alle Menschen funktioniert, ist fraglich“, sagt Haynes. Seine Methode im Sinne der Homeland Security einzusetzen, hält Haynes für wenig praktikabel: „An Flughäfen?

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