Angst bewältigen: Ursachen, Symptome und wirksame Tipps

Angst ist ein grundlegendes und lebenswichtiges Gefühl, das jeder Mensch kennt. Die individuellen Ausprägungen und Erfahrungen von Angst sind jedoch vielfältig und werden durch kulturelle Hintergründe, persönliche Lebensgeschichten und biologische Faktoren beeinflusst. Auch das Zeitgeschehen und persönliche Erfahrungen können Ängste verändern und verschieben.

Viele Menschen sind heutzutage von Ängsten vor wirtschaftlicher Unsicherheit, Gewalt, Terrorismus, Globalisierung, Digitalisierung und der damit einhergehenden Komplexität betroffen. Oft entsteht Angst aus dem Gefühl heraus, die Kontrolle über bestimmte Situationen zu verlieren. Allerdings handelt es sich hierbei meist um Sorgen und nicht um behandlungsbedürftige Angststörungen.

Der Unterschied zwischen Sorgen und Angststörungen

Es ist wichtig, zwischen alltäglichen Sorgen und krankhaften Angststörungen zu unterscheiden. Prof. Arno Deister von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erklärt: „Angststörungen haben nichts mit den Ängsten oder vielmehr der Besorgnis zu tun, die beispielsweise aufgrund der aktuellen politischen Lage oder Bedrohung durch Terror aufkommen - auch wenn sich zuletzt sorgenvolle Ereignisse scheinbar verdichtet haben und durchaus eine gewisse Belastung darstellen. Krankhafte Angst liegt dann vor, wenn Menschen bei Ängsten nicht in der Lage sind, ihre Gedanken und Gefühle kontrollieren zu können.“

Erscheinungsformen von Angststörungen

Krankhafte Ängste können sich auf unterschiedliche Weise äußern:

  • Panikattacken: Diese treten plötzlich und scheinbar aus dem Nichts auf und gehen mit heftigen Symptomen wie Atemnot, Beklemmung, Schwindel und Todesangst einher.
  • Stille Ängste: Diese verlaufen eher im Verborgenen und äußern sich in zermürbenden Grübelgedanken, die nicht kontrolliert werden können, sowie in ausgeprägten, katastrophisierenden Sorgen bei alltäglichen Situationen.

Angststörungen sind ernstzunehmende psychische Erkrankungen, die mit einem hohen Leidensdruck verbunden sind. Die Angst vor der nächsten Panikattacke kann das Leben der Betroffenen zunehmend einschränken.

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Prof. Deister betont: „Menschen mit einer Angststörung empfinden Ängste durch Ungewissheiten auf einer tiefergehenden, existentiellen Ebene, die sich rationalen Überlegungen und kontrolliertem Handeln entzieht. Wird dieses Angsterleben zur einer täglichen Erfahrung, erzeugt es viel Leid und erhebliche Einschränkungen.“

Behandlungsmöglichkeiten von Angststörungen

Es gibt jedoch Hoffnung: Angststörungen sind heutzutage sehr gut behandelbar. Der erste Schritt besteht darin, Angst generell nicht als Feind zu betrachten. Bewährt hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. In ausgeprägten Fällen können auch angstlösende Medikamente wie Antidepressiva hilfreich sein. Leider suchen Betroffene oft erst nach jahrelangem Leiden professionelle Hilfe.

Ursachen und Entstehung von Angststörungen

Angststörungen sind eine übersteigerte Form natürlicher Angstreaktionen. Der angeborene Warnmechanismus vor Bedrohungen wird bei Betroffenen zu leicht oder zu stark aktiviert. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird davon ausgegangen, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken:

Biologische Faktoren

  • Genetische Komponente: Angststörungen treten familiär gehäuft auf. Studien zeigen, dass die Erblichkeit der generalisierten Angststörung bei etwa 35 Prozent liegt, während Panikstörung und soziale Phobie eine Erblichkeit von 50 bis 60 Prozent aufweisen.
  • Funktionsweise des Gehirns: Die für Angst charakteristischen Symptome entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen, insbesondere des Mandelkerns (Amygdala), der Stresssignale aussendet. Bei Betroffenen scheint dieses Angstnetzwerk gestört zu sein.
  • Neurotransmitter: Das Gleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn, wie Serotonin, Noradrenalin und GABA, ist bei Angstpatienten häufig verändert. Medikamente setzen an diesem Punkt an, um den Neurotransmitter-Spiegel zu normalisieren.

Psychologische Faktoren

  • Lerntheoretische Ansätze: Krankhafte Ängste können durch Konditionierungsprozesse entstehen. Ein neutraler Reiz wird mit einem angstauslösenden Reiz verknüpft (klassische Konditionierung). Vermeidung des Reizes verstärkt die Angst (operante Konditionierung).
  • Kognitive Theorie: Übersteigerte Angst ist eine Folge fehlerhafter Vorstellungen, Gedanken und Interpretationen. Körperliche Symptome werden beispielsweise als Zeichen einer lebensbedrohlichen Erkrankung fehlinterpretiert, was zu einer Panikattacke führen kann.
  • Individuelle Vulnerabilitätsfaktoren: Persönlichkeitseigenschaften wie Introversion und Neurotizismus sowie eine hohe Sensibilität für Körperreaktionen können das Risiko für eine Angststörung erhöhen.

Soziokulturelle Faktoren

  • Frühe Lebenserfahrungen: Der Tod eines Elternteils, Trennung von den Eltern, Kindesmisshandlung oder belastende Ereignisse im Erwachsenenalter können die Entstehung einer Angststörung begünstigen.
  • Erziehungsstil: Abweisende oder überbehütende Erziehung kann das Risiko ebenfalls erhöhen.
  • Belastende Lebensumstände: Ein niedriges Bildungsniveau oder Arbeitslosigkeit gehen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko einher.

Arten von Angststörungen

Die ICD (International Classification of Diseases) unterscheidet verschiedene Arten von Angststörungen:

  • Panikstörung: Plötzliche Panikattacken ohne erkennbaren Auslöser, begleitet von starken körperlichen und psychischen Symptomen.
  • Phobische Störungen: Angst vor spezifischen Objekten oder Situationen, die zu Vermeidungsverhalten führen.
    • Agoraphobie: Angst vor Situationen, in denen eine Flucht schwer möglich wäre oder peinliches Aufsehen erregen würde.
    • Soziale Phobie: Angst vor Situationen, in denen man im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht und sich blamieren könnte.
    • Spezifische Phobie: Angst vor bestimmten Tieren, Substanzen oder Situationen.
  • Generalisierte Angststörung: Anhaltende, übermäßige Sorgen und Ängste, die sich auf verschiedene Lebensbereiche beziehen.

Symptome von Angststörungen

Angststörungen können sich sowohl psychisch als auch körperlich äußern.

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Psychische Symptome

  • Starke Ängste und Befürchtungen
  • Ständige Anspannung und Nervosität
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schlafstörungen
  • Reizbarkeit

Körperliche Symptome

  • Herzrasen oder -stolpern
  • Erhöhter Blutdruck
  • Schwitzen
  • Flache Atmung
  • Angespannte Muskulatur
  • Zittern
  • Übelkeit oder Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Engegefühl oder Schmerz in der Brust

Was tun bei Panikattacken?

Panikattacken lösen starke Reaktionen wie Herzrasen und Atemnot aus. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass diese Symptome zwar beängstigend sind, aber nicht gefährlich.

Soforthilfe bei einer Panikattacke: Fünf Tipps

  1. Bleiben Sie in der Situation: Auch wenn Sie am liebsten fliehen würden, versuchen Sie, an Ort und Stelle zu bleiben und weiterzumachen.
  2. Erinnern Sie sich: Die körperlichen Symptome sind Ausdruck der Angst, aber nicht lebensbedrohlich. Sagen Sie sich innerlich: „Ich halte das aus. Das geht vorbei.“
  3. Ablenkung hilft: Rufen Sie jemanden an, zählen Sie Gegenstände, wiederholen Sie einen Liedtext oder konzentrieren Sie sich auf Ihre Umgebung.
  4. Werden Sie körperlich aktiv: Laufen Sie Treppen hoch, schütteln Sie die Arme aus oder spannen Sie Ihre Muskeln kurz an und lassen Sie wieder locker.
  5. Bewusst atmen: Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung und atmen Sie tief und kontrolliert in den Bauch hinein.

Langfristige Behandlung von Panikstörungen

Wenn Panikattacken wiederkehren, ist eine längerfristige Behandlung sinnvoll.

  • Psychotherapie: Die kognitive Verhaltenstherapie hat sich besonders bewährt. Sie hilft, angstauslösende Gedanken zu erkennen und zu hinterfragen. Auch eine psychodynamische Psychotherapie kann hilfreich sein.
  • Medikamente: Antidepressiva (SSRIs oder SNRIs) können verschrieben werden, um das Serotonin-System im Gehirn zu beeinflussen. In Ausnahmefällen können Beruhigungsmittel eingesetzt werden, diese bergen jedoch ein hohes Risiko für Abhängigkeit.

Tipps für Angehörige

Es ist wichtig, ruhig zuzuhören und Betroffenen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.

Strategien zur Vorbeugung gesteigerter Angst und Panik

  • Stress reduzieren: Bauen Sie ausreichend Entspannung und positive Aktivitäten in Ihren Alltag ein.
  • Entspannungsübungen: Autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Achtsamkeitsübungen können helfen, Gelassenheit zu fördern.
  • Hilfreiche Gedanken: Hinterfragen Sie Ihre Ängste und versuchen Sie, die Situation realistisch einzuschätzen.
  • Gesunder Lebensstil: Achten Sie auf ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung.
  • Vermeiden Sie Koffein und Alkohol: Diese Substanzen können Angstsymptome verstärken.

Wann ist eine Therapie notwendig?

Suchen Sie professionelle Hilfe, wenn:

  • Sie mehr als die Hälfte des Tages über Ihre Ängste nachdenken.
  • Ihre Lebensqualität und Bewegungsfreiheit durch die Ängste erheblich eingeschränkt sind.
  • Sie wegen Ihrer Ängste depressiv werden oder Selbstmordgedanken haben.
  • Sie Ihre Ängste mit Alkohol, Drogen oder Beruhigungstabletten bekämpfen.
  • Ihre Partnerschaft oder Ihre Arbeit wegen Ihrer Ängste gefährdet ist.

Wo findet man Hilfe?

  • Hausarzt: Kann erste Untersuchungen veranlassen und an Fachkräfte überweisen.
  • Psychologische Psychotherapeuten: Bieten Psychotherapie an.
  • Ärztliche Psychotherapeuten: Haben sich auf Psychotherapie spezialisiert.
  • Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie: Diagnostizieren und behandeln mit Gesprächen und gegebenenfalls Medikamenten.
  • Fachärzte für psychosomatische Medizin: Konzentrieren sich auf die Verbindung von Körper und Seele.
  • Psychosoziale Unterstützungsangebote: Durch Sozialarbeiter, Ergotherapeuten oder psychiatrische Pflegekräfte.

Umgang mit allgemeiner Besorgnis

Die Medien sind voll von Nachrichten über Ereignisse, die außerhalb des persönlichen Erfahrungsbereichs liegen und schwer zu beurteilen sind, was zu allgemeiner Besorgnis beitragen kann. Es ist hilfreich, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen und zu erkennen, wann Ängste instrumentalisiert werden. Sorgen sollten in einem gewissen Maße als schützender Teil des Lebens akzeptiert werden, da sie zu einem vernünftigen Umgang mit Gefahren anstiften können.

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Achtsamkeit und Entspannung

Achtsamkeit hilft, den Alltag gelassener zu meistern, Stress abzubauen und innere Ruhe zu finden. In Phasen innerer Unruhe sind die Betroffenen oft rastlos und angespannt. Sie können sich unwohl und verstimmt fühlen, sind missgelaunt oder verspüren einen unerklärlichen Bewegungsdrang. Vielen fällt es schwer, Impulse zu kontrollieren.

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