Haben Tiere ein Bewusstsein? Eine umfassende Betrachtung

Trauernde Kühe, plaudernde Papageien und zweifelnde Delfine - die Vorstellung, dass Tiere lediglich tumbe Wesen sind, weicht zunehmend der Erkenntnis ihrer komplexen Verhaltensweisen. Doch inwieweit verfügen Tiere tatsächlich über ein Bewusstsein und wie manifestiert sich dieses? Die Frage nach dem tierischen Bewusstsein ist komplex und vielschichtig, da Tiere uns nicht direkt über ihre bewussten Erlebnisse berichten können.

Die Schwierigkeit der Beweisführung

Eines der größten Hindernisse bei der Erforschung des tierischen Bewusstseins ist das Fehlen von Sprache. Tiere können nicht verbalisieren, wie sie sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen. „Das darf aber nicht als einziges Kriterium für die Existenz von Bewusstsein gelten“, betont Anil Seth, Neurowissenschaftler an der University of Sussex. Sprache und Selbstreflexion gelten zwar als Kennzeichen eines „höheren“ Bewusstseins, sind aber für einfachere bewusste Erfahrungen wie optische Eindrücke, Gerüche oder Schmerz nicht unbedingt erforderlich. Menschliche Babys sind ebenfalls nicht in der Lage, sich sprachlich auszudrücken, dennoch würden wir ihnen das Bewusstsein nicht absprechen.

Der Rouge-Test und seine Grenzen

Als ein etablierter Standard zur Messung des Selbstbewusstseins galt lange Zeit der Rouge-Test. Dabei wird dem Tier ein Farbklecks ins Gesicht aufgetragen. Erkennt das Tier im Spiegel den Fleck und wischt ihn aus seinem eigenen Gesicht, gilt dies als Indiz für Selbstbewusstsein. Menschenkindern gelingt dies etwa im Alter von zwei Jahren. Auch Schimpansen, Delfine und Elefanten bestehen diese Prüfung.

Rhesusaffen hingegen scheitern in der klassischen Variante des Tests. Allerdings zeigten Forscher 2010, dass Rhesusaffen durchaus in der Lage sind, sich im Spiegel zu erkennen, wenn sie zuvor eine massive Veränderung erfahren haben (z.B. durch Elektrodenimplantate). Dies wirft die Frage auf, ob das mangelnde Interesse am Spiegelbild nicht eher auf mangelnde Relevanz als auf fehlendes Selbstbewusstsein zurückzuführen ist. Hunde und Katzen beispielsweise lassen das eigene Spiegelbild nach anfänglichem Interesse schnell kalt. „Hunde und Katzen lassen echte Artgenossen niemals unbeachtet“, gibt der Magdeburger Neurowissenschaftler Henning Scheich zu bedenken. Die Spiegelbilder repräsentieren für sie demnach keine Artgenossen, denn dann wäre das Verhalten anders. „Damit wäre nicht entscheidbar, ob sie sich im Spiegelbild wiedererkennen oder nicht.“

Bei anderen Tieren scheint die Interpretation des Tests klarer: Viele Fische und Vögel attackieren ihr Spiegelbild oder balzen es an. Für sie repräsentiert die Reflexion demnach einen Artgenossen.

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Verhaltenstests erlauben demnach nur bedingt eine Aussage über das Bewusstsein anderer Lebewesen.

Neurowissenschaftliche Kriterien für Bewusstsein

Eine vielversprechendere Methode besteht darin, die Signatur des Bewusstseins direkt im Gehirn zu suchen. Anil Seth erstellte gemeinsam mit den Bewusstseinsforschern Bernard Baars und David B. Edelmann eine Liste mit 17 Kriterien für Bewusstsein bei Menschen und anderen Säugetieren. Zentral sind dabei charakteristische Aktivitätsmuster im Gehirn, die nur im Zusammenhang mit bewussten Zuständen und bewusstem Erleben auftreten.

Bewusste Wahrnehmung geht mit einer weitläufigen Gehirnaktivität einher, während unbewusste Reize sich nur als sehr lokale Aktivierung bemerkbar machen. „Die verlässlichste Signatur für Bewusstsein beim Menschen ist eine schnelle, unsynchronisierte elektrische Aktivität im thalamocortikalen System“, so Seth. Ein weiteres Charakteristikum ist ein typisches zweigeteiltes Aktivitätsmuster als Antwort auf einen Reiz. Wird etwa ein visueller Reiz präsentiert, so reagiert der visuelle Cortex umgehend. Etwa 300 Millisekunden später wird auch der präfrontale Cortex aktiv. Diese zweite Aktivität muss eine bestimmte Schwelle überschreiten, damit der Reiz bewusst wahrgenommen wird.

Solche Aktivitätsmuster lassen sich bereits bei Babys beobachten, wie ein Forscherteam um Sid Kouider zeigte. Mit Hilfe der Elektroenzephalografie (EEG) erfassten sie die Hirnaktivitäten von Babys im Alter von 5, 12 und 15 Monaten, während sie ihnen Bilder zeigten. Auf Gesichter reagierten die Babygehirne mit dem zweigeteilten Aktivitätsmuster. Diese Methode könnte sich auch dazu eignen, nach bewusster Wahrnehmung im Tiergehirn zu fahnden.

Metakognition: Das Wissen über das eigene Wissen

Das eigene Können einzuschätzen, erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion: Es gilt dafür, über sich selbst und seine Fähigkeiten nachzudenken und diese in einen größeren Kontext einzuordnen. Lange Zeit dachte man, diese so genannte Metakognition sei allein Menschen vorbehalten. 2005 stellten amerikanische Wissenschaftler fest, dass Delfine und Rhesusaffen sich im Klaren darüber sind, wenn sie die Lösung für eine gestellte Aufgabe nicht kennen. In Experimenten wurde gezeigt, dass Affen und Delfine Aufgaben verweigerten, wenn sie sich nicht sicher waren, ob sie sie lösen konnten. Demnach waren sie in der Lage, ihre eigenen Fähigkeiten zu beurteilen - und somit auch in gewissem Maße, über sich selbst nachzudenken.

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Anekdoten und Beobachtungen aus dem Tierreich

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Tiere nicht nur instinktgesteuert handeln. Die Geschichte von Joey und Honey, den Stummelschwanzmakaken, illustriert dies eindrücklich. Joey, in der Rangordnung seiner Affenhorde untergeordnet, vergnügt sich heimlich mit Honey. Als er seinen Höhepunkt mit lustvollem Grunzen Ausdruck verleihen will, wird er von Honey ermahnt, still zu sein, um nicht entdeckt zu werden. Joey scheint die Warnung zu verstehen und genießt schweigend.

Auch Krake Paul, der bei der Fußball-WM 2010 als Orakel fungierte, zeigt die Intelligenz dieser Tiere. Kraken gelten als ausgesprochen intelligent und besitzen ein sehr komplexes Nervensystem sowie eine erstaunliche Wahrnehmungs-, Problemlösungs- und Lernfähigkeit. Sie öffnen Schraubdeckelgläser, bauen Schutzhütten und nutzen sogar Werkzeug.

Schimpansen, die schauen, bevor sie die Straße überqueren; Graupapageien, die der Situation entsprechende Bemerkungen in den Raum schleudern; Kühe, die trauern, wenn ihr Kalb gestorben ist; Krähen, die Zusammenhänge erkennen - all dies sind Indizien für ein komplexes Innenleben von Tieren.

Die Dimensionen des Bewusstseins

Tierisches Bewusstsein sollte man sich nicht wie einen Lichtschalter vorstellen, der an oder aus sein kann, sagen Bochumer Philosophen. Es gibt Gründe davon auszugehen, dass nicht nur Menschen, sondern auch manche nichtmenschlichen Tierarten über bewusste Wahrnehmung verfügen. Albert Newen und Leonard Dung vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum charakterisieren Bewusstsein mit zehn verschiedenen Dimensionen und erarbeiten, welche Verhaltensweisen jeweils Hinweise für das Vorliegen einer dieser Bewusstseinsdimensionen darstellen. Zu diesen Dimensionen zählen beispielsweise ein reichhaltiges emotionales Innenleben, das Selbstbewusstsein oder eine bewusste Wahrnehmung. Die einfache Verarbeitung von Sinnesreizen ist laut den Autoren kein Hinweis auf Bewusstsein.

Bewusstsein bei Vögeln: Eine neue Perspektive

Die Fähigkeit der bewussten Wahrnehmung wird bei Menschen und Affen in der Großhirnrinde lokalisiert. Nun haben Forscher durch Messung der Hirnaktivität von Krähen erstmals nachweisen können, dass auch Krähen zu subjektivem Empfinden fähig sind, obwohl die Gehirne von Vögeln völlig anders aufgebaut sind. Die Tübinger Wissenschaftler trainierten zwei Krähen, auf optische Reize zu reagieren und registrierten gleichzeitig die Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn. Die neurowissenschaftlichen Daten weisen darauf hin, dass Krähen in der Lage sind, Sinneseindrücke bewusst wahrzunehmen - eine Fähigkeit, die man bisher nur bei Menschen und anderen Primaten belegen konnte.

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Emotionen als Schlüssel zum Bewusstsein

Die Erforschung der Emotionen und Erfahrungen von Tieren hat seit dem späten 20. Jahrhundert zugenommen, und Wissenschaftler beginnen, diese Erkenntnisse zu nutzen, um die Frage nach dem Bewusstsein zu klären. Jeff Sebo, Philosoph an der New York University, erklärt: »Wenn man subjektive Gefühle haben kann, entweder sensorische Erfahrungen wie Wahrnehmung oder affektive Erfahrungen wie Freude oder Schmerz, dann nennen wir das Bewusstsein.«

Anstatt zu versuchen, das Problem des Bewusstseins oder das Problem anderer Gehirne zu lösen, identifizieren wir Verhaltensmuster und anatomische Muster, die mit einer Reihe führender wissenschaftlicher Theorien über das Bewusstsein übereinstimmen. Und dann suchen wir nach diesen Merkmalen bei Tieren. Man würde mit Selbstreflexion beginnen, um zwischen bewussten und unbewussten Erfahrungen beim Menschen zu unterscheiden. Wir können nach innen blicken und feststellen, ob wir bewusste Schmerzen oder eine unbewusste nozizeptive Reaktion empfinden. Dann suchen wir nach beobachtbaren verhaltensmäßigen oder anatomischen Markern oder Indikatoren, die mit bewusster Verarbeitung beim Menschen verbunden sind, und wir können dann nach weitgehend analogen verhaltensmäßigen oder anatomischen Markern oder Indikatoren bei Tieren suchen. Natürlich sind sie kein Beweis für das Bewusstsein. Sie werden keine Gewissheit über das Bewusstsein schaffen, aber wir können sie als Hinweis betrachten. Und wenn wir bei einem Tier viele Marker oder Indikatoren zusammen finden, kann das die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Bewusstsein vorhanden ist.

Es gibt zumindest einige Anzeichen für Freude, die bei Tieren recht weit verbreitet zu sein scheinen. Einige davon sind Lautäußerungen, die dem Lachen ähneln. Etliche Tierarten geben Laute von sich, die auf eine freudige Erfahrung hindeuten. Nagetiere zum Beispiel können als Reaktion auf Spiel oder Kitzeln ultrahochfrequente Töne von sich geben, die einem Lachen ähneln. Ein weiteres Beispiel ist Optimismus. Man kann Studien durchführen, in denen man Tieren die Möglichkeit gibt, das Unbekannte zu verfolgen. Wenn sie dies bereitwilliger tun, deutet dies auf eine optimistische Einstellung hin. Wenn sie es weniger bereitwillig tun, deutet dies auf eine pessimistische Einstellung hin. Optimismus wird im Allgemeinen mit positiven Erfahrungen und positiven Gefühlen in Verbindung gebracht. Dann gibt es noch das Spiel. Wir sehen Spielverhalten bei vielen verschiedenen Tieren. Es hat keinen offensichtlichen direkten evolutionären Vorteil, aber es scheint ein Ausdruck von Freude zu sein. Wir finden das nicht nur bei anderen Säugetieren wie Hunden, sondern sogar bei Insekten. Es gibt Untersuchungen mit Bienen, die einen Ball herumrollen, und zwar aus keinem anderen Grund als der positiven Erfahrung, die damit verbunden ist. Es gibt andere Anzeichen von Freude, die eher artspezifisch sind, wie Gesichtsausdrücke oder Schwanzwedeln. Und schließlich sind da noch molekulare Marker, wie das Vorhandensein von Oxytocin, Dopamin oder Serotonin im Gehirn. In Kombination mit Experimenten zur Schmerzwahrnehmung und zur allgemeinen Wahrnehmung, können uns Anzeichen für Freude ein besseres Verständnis des Bewusstseins vermitteln.

Die Intelligenz der Insekten

Der Verhaltensforscher Lars Chittka vermutet, dass Bienen eine einfache Form von Bewusstsein haben. Er stellt den Insekten an der Universität London Aufgaben, auf die sie die Evolution ganz sicher nicht vorbereitet hat. Die Bienen mussten zum Beispiel einen kleinen Ball auf eine bestimmte Position einer Plattform rollen. Für die Bienen kein Problem, sie lernen durch Versuch und Irrtum. Bienen können aber noch weit mehr. Im nächsten Level des Experiments durften Bienen nur beobachten, wie Artgenossen den Ball rollten und dann belohnt wurden. Als sie dann selbst an die Bälle durften, gab es eine zusätzliche Herausforderung: Lars Chittka hatte die Plattform verändert, der vorgeführte Weg war nicht mehr der kürzeste. Tatsächlich finden die Bienen dann schon beim ersten eigenen Versuch einen kürzeren Weg. Das sind geistige Vorgänge, die weit über das Lernen durch Versuch und Irrtum hinausgehen.

Chittka betont, dass nicht nur Bienen klare Vorstellungen von ihren Zielen haben. Spinnen, die ein oder zwei Beine verloren haben, entwickeln völlig andere Strategien des Netzaufbaus. Solche Einsicht in das eigene Verhalten trauten Biologen bislang eigentlich nur Affen und Vögeln zu, vielleicht noch Tintenfischen. In der aktuellen Ausgabe der "Current Opinion in Neurobiology" argumentiert Lars Chittka aber, dass auch vergleichsweise abstrakte Denkleistungen auf ganz frühe Entwicklungen in der Evolution der Tiere zurück gehen.

Philosophische Perspektiven auf das tierische Denken

Die Frage, ob Tiere denken können, ist eng mit der Frage verbunden, was es überhaupt bedeutet, zu denken. Zum Denken gehört wesentlich das Urteilen, dessen rudimentärste Form die bejahende oder verneinende Antwort auf eine Frage ist. Ohne die Alternative des Ja oder Nein gibt es kein Urteil, damit aber auch kein Wahr- oder Falschsein. Jedes Urteil ist symbolisch-sprachlich verfasst, und zwar auch dann, wenn wir es nicht äußern, denn das nicht geäußerte Denken vollzieht sich als Sprechen mit sich selbst.

Tiere sind nach der allgemeinen Überzeugung der Biologen zur Bildung von Vorstellung und deren Assoziationen befähigt, sie richten ihre konzentrierte Aufmerksamkeit auf ein Beutetier, sie beachten eine soziale Hierarchie, sie senden und empfangen Zeichen und könnten außerhalb ihrer Medienwelt nicht überleben. Wir können problemlos den Tieren ein diesen psychischen Fähigkeiten entsprechendes Bewusstsein und Selbstbewusstsein zubilligen, denn was eine Schmerzempfindung und Hierarchieordnung besonders bei den Primaten sein sollen, deren sich das Tier nicht im Wachzustand bewusst ist, das lässt sich schwer nachvollziehen. Aber Zeichen und Signale der Tiere sind keine Symbole, mit denen gefragt und bejaht oder verneint wird; keine Zeichensequenz beinhaltet, dass etwas nicht der Fall ist. Wir haben entsprechend keinen Grund, ein Denken bei Tieren anzunehmen, das ein bestimmtes Verhalten erst erklärlich machte.

Bedingungen für Gedanken

Wenn wir sagen, jemand könne denken, dann meinen wir in der Regel, er sei in der Lage, etwas zu denken. Gedanken haben wir offenbar nie einfach so, sondern, wenn wir denken, dann denken wir immer etwas. Ein Merkmal von Gedanken ist es daher, einen Inhalt zu haben. Gedanken sind meist aus mehreren Bestandteilen zusammengesetzt. Die Hauptbestandteile des Hundegedankens sind: „Katze“ und „Baum“. Hierbei handelt es sich um Begriffe. Sie sind ein weiteres Merkmal von Gedanken. Wie es bei Kant heißt, erfolgt Denken immer in Begriffen. Die vielleicht entscheidende Bedingung von Gedanken ist ihr Objektivitätsanspruch bzw. ihre semantische Evaluierbarkeit. Gedanken müssen wahr oder falsch sein können. Jemand, der einen Gedanken hat, muss in der Lage sein, diesen von dem, worauf er sich bezieht, unterscheiden zu können. Wenn man nun einen Gedanken hat, dann hat man diesen in der Regel nicht einfach so. Gedanken sind nicht untätig in ihrem Träger, sondern erfüllen immer bestimmte Funktionen. So tritt ein Gedanke meist nicht allein auf, sondern ist mit anderen Gedanken auf systematische Weise verbunden. Weiterhin kann ein Gedanke einen Grund für ein Verhalten darstellen. Schließlich kann er seinerseits erwogen und bedacht werden.

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