Der Hallux valgus, umgangssprachlich auch als Ballenzeh bekannt, ist eine häufige Fußdeformität, die viele Menschen betrifft, insbesondere Frauen. Diese Fehlstellung des Großzehengrundgelenks kann zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und einer verminderten Lebensqualität führen.
Was ist ein Hallux Valgus?
Der Hallux valgus (ICD-10 M20.1) ist eine Vorfußdeformität, die mit einer fortschreitenden Achsenabweichung der Großzehe nach außen (Valgus) bei gleichzeitiger Achsenabweichung des ersten Mittelfußknochens (MT I) nach innen (Varus) einhergeht. Der Hallux valgus ist eine sichtbare Fehlstellung der Großzehe. Dabei ist der große Zeh nicht mehr in seiner natürlichen Stellung. Er winkelt sich in Richtung der anderen Zehen ab und verdrängt diese sogar häufig. Teilweise schieben sich die Zehen so auch über- oder untereinander. Durch diese Schiefstellung wölbt sich der Ballenbereich an der Innenseite des Fußes. Es ist eine deutliche Beule zu sehen und zu tasten. Auch verändert sich durch den Hallux valgus die Gewichtsverteilung auf dem gesamten Fuß. Die Großzehe übernimmt zu wenig Last, während die Knochen unter den Kleinzehen überlastet werden.
Professorin Christina Stukenborg-Colsman, Chefärztin für Fuß- und Sprunggelenkschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, erklärt, dass die Fehlstellung nicht direkt im Großzehengrundgelenk beginnt, sondern weiter oben am Fußrücken. Von dort aus entwickelt sich die charakteristische Abweichung des großen Zehs nach außen, während der erste Mittelfußknochen nach innen wandert.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Entstehung eines Hallux valgus ist multifaktoriell und wird durch ein Zusammenspiel intrinsischer und extrinsischer Faktoren beeinflusst.
Genetische Veranlagung:Erbliche Faktoren spielen eine wesentliche Rolle. Manche Menschen sind aufgrund ihrer genetischen Veranlagung anfälliger für einen Hallux valgus, möglicherweise aufgrund schwächerer Sehnen und Bänder im Fuß. Bei einem Hallux valgus ist eine familiäre Häufigkeit zu beobachten. Nach Johnston [1956] handelt es sich um einen autosomal dominanten Erbgang mit inkompletter Penetranz [5].
Schuhwerk:Entgegen häufiger Vermutungen sind enge Schuhe nicht die Hauptauslöser. Sie können das Risiko für einen Hallux valgus zwar erhöhen und Probleme verstärken, insbesondere Schuhe mit hohen Absätzen und spitz zulaufendem Vorfußbereich. Schlechtes Schuhwerk, etwa mit hohen Absätzen, kann einem Hallux valgus Vorschub leisten. Wesentlich bedeutsamer scheint aber dessen negativer Einfluss auf das Voranschreiten der Deformität zu sein.
Weitere Risikofaktoren:* Gelenkerkrankungen wie rheumatoide Arthritis
- Verkürzte Achillessehnen und Wadenmuskeln
- Spreizfuß (Absenkung des Quergewölbes)
- Weibliches Geschlecht (aufgrund schwächerer Sehnen und Bänder sowie häufigerem Tragen von hohen und engen Schuhen)
- Erworbene Fehlstellungen, z. B. neurologische Erkrankungen
- Posttraumatische oder postarthritische Zustände
- Konstitutionelle Bänderschwäche
Symptome und Diagnose
Viele Menschen mit einem Hallux valgus haben keine oder nur leichte Beschwerden. Bei anderen führt die Fehlstellung zu Schmerzen und Druckstellen.
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Typische Symptome:
- Vorwölbung des Ballens am Großzehengrundgelenk
- Schmerzen am Ballen, insbesondere bei Druck durch Schuhe
- Seitliche Abweichung der Großzehe zu den anderen Zehen
- Entzündung und Schwellung des Schleimbeutels (Bursa) am Ballen
- Verdickte Hornhaut an der Fußsohle
- Taubheitsgefühl im großen Zeh (durch Schädigung von Nerven)
- Entwicklung von Hammer- oder Krallenzehen
- Arthrose im Großzehengrundgelenk
Diagnose:
Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine klinische Untersuchung. Der Arzt achtet auf die typische Fehlstellung, prüft die Beweglichkeit der Zehen und beurteilt die Haut des Fußes. Zusätzlich wird der Fuß geröntgt, um den Schweregrad der Fehlstellung zu beurteilen und andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Bei der Auswertung sollten folgende Faktoren bestimmt bzw. beurteilt werden:
- Hallux-valgus-Winkel (HV-Winkel): Winkel zwischen der Längsachse des Os metatarsale I und der Großzehe
- Intermetatarsalwinkel I/II (IM-I/II-Winkel): Winkel zwischen der Längsachse des Os metatarsale I und II
- Position des Metatarsale-I-Kopfes in Relation zu den Sesambeinen
- Gelenkkongruenz des Metatarsophalangealgelenks I
- Arthrosegrad
- Metatarsus adductus [1]
Konservative Behandlungsmethoden
Ein Hallux valgus muss nur behandelt werden, wenn er Beschwerden verursacht. Im Anfangsstadium können konservative Maßnahmen helfen, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Fehlstellung zu verlangsamen. Professorin Stukenborg-Colsman räumt jedoch mit dem Mythos auf, dass konservative Maßnahmen wie Einlagen oder Schienen eine Korrektur bewirken können. Diese lindern zwar Symptome, verändern jedoch nicht die knöcherne Fehlstellung.
Mögliche konservative Behandlungen:
- Schuhwerk: Bequeme und flache Schuhe mit ausreichend Platz für die Zehen tragen. Schuhe mit hohen Absätzen und spitz zulaufendem Vorfußbereich sollten vermieden werden.
- Einlagen: Orthopädische Einlagen können den Fuß unterstützen und den Druck auf den Ballen verringern.
- Schienen: Hallux valgus-Schienen sollen den großen Zeh gerade halten und so Beschwerden lindern. Sie werden meist nachts getragen. Es ist aber unklar, ob Schienen das wirklich bewirken. Die Fehlstellung korrigieren können sie nicht.
- Zehenspreizer und -polster: Diese Hilfsmittel können helfen, den Druck zwischen den Zehen zu verringern und Reibung zu vermeiden.
- Fußgymnastik: Gezielte Übungen können die Fußmuskulatur stärken und die Beweglichkeit der Zehen verbessern.
- Physiotherapie: Funktionelle Stabilisierung des Fußes mittels Muskelkräftigungs- und Dehnungsübungen. Methoden aus der manuellen Therapie werden empfohlen. Eine weitere physikalische - nicht validierte - Methode in der Behandlung des Hallux valgus ist die Spiraldynamik®.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac eingenommen werden, um Schmerzen und Entzündungen zu lindern. Medikamentös kommen hauptsächlich topische (selten auch orale) Analgetika und antiphlogistische Arzneimittel aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) zum Einsatz [1].
- Gewichtsreduktion: Bei Übergewicht kann eine Gewichtsreduktion helfen, den Druck auf die Füße zu verringern.
Operative Behandlungsmethoden
Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend helfen, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Eine Operation ist die einzige Möglichkeit, Fehlstellungen zu korrigieren und so die Ursache der Beschwerden zu beseitigen. Ein Eingriff garantiert jedoch nicht, dass man hinterher keine Beschwerden mehr hat. Die moderne Fußchirurgie bietet heute zahlreiche minimalinvasive Verfahren, die individuell auf den Schweregrad der Deformität abgestimmt werden. Meist genügt ein ambulanter Eingriff, nach dem Patienten bereits nach kurzer Zeit wieder mobilisiert werden.
Allgemeine OP-Indikationskriterien sind [1]:
- Schmerzen, Leidensdruck
- Einschränkung der Lebensqualität
- Druckstellenbedingte Schuhprobleme
- Rezidivierende Ulzera über dem Ballen bzw. der Pseudoexostose
- Funktionseinschränkung
- Progressive Deformität
- Drohende Kleinzehendeformitäten
Verschiedene Operationsverfahren:
Es gibt eine Vielzahl von Operationsverfahren zur Korrektur des Hallux valgus. Die Wahl des geeigneten Verfahrens hängt vom Schweregrad der Fehlstellung, dem Alter des Patienten und anderen individuellen Faktoren ab. Die operative Versorgung des Hallux valgus umfasst den knöchernen Vorfuß und die periartikulären Weichteilstrukturen. In der Literatur sind mehr als 150 Methoden beschrieben. Grundsätzlich unterschieden werden [1]:
- Gelenkerhaltende Operationen:
- Abtragung der Pseudoexostose mit Weichteileingriff
- Korrekturosteotomien (Metatarsale I, Großzehengrundphalanx, Os Cuneiforme mediale)
- Gelenkresezierende Operationen:
- Resektionsinterpositionsarthroplastik
- Arthrodese (Versteifung des Großzehengrundgelenks)
Gemäß der Leitlinie wird zur operativen Behandlung des symptomatischen Hallux valgus folgender Algorithmus empfohlen. [1]
- Milde Form:
- Distale Korrekturosteotomie
- Diaphysäre/basisnahe Korrekturosteotomie
- TMT-I-Korrekturarthrodese bei Instabilität des TMT-I-Gelenkes
- Moderate Form:
- Distale Korrekturosteotomie
- Diaphysäre/basisnahe Korrekturosteotomie
- TMT-I-Korrekturarthrodese
- Schwere Form:
- Diaphysäre/basisnahe Korrekturosteotomie
- TMT-I-Korrekturarthrodese
Bei einem pathologischen distalen Gelenkflächenwinkel des Metatarsale I (DMAA) > 10° sollte dieser im Rahmen der Osteotomie korrigiert werden. Bei einer begleitenden symptomatischen Arthrose des MTP-I-Gelenks wird die additive Dekompression des Gelenks durch Verkürzung des Metatarsale I und/oder eine Osteotomie des Großzehengrundgliedes empfohlen. Alternativ ist eine MTP-I-Arthrodese möglich.
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Komplikationen:
Wie bei jedem chirurgischen Eingriff können auch bei einer Hallux valgus-Operation Komplikationen auftreten. Dazu gehören:
- Infektionen
- Nervenverletzungen
- Durchblutungsstörungen
- Pseudarthrose (Nichtverheilen des Knochens)
- Fehlstellungsrezidiv (erneutes Auftreten der Fehlstellung)
- Osteonekrose (Absterben von Knochengewebe)
- Hallux varus (Überkorrektur der Fehlstellung)
- Transfermetatarsalgie (Schmerzen im Bereich der Mittelfußknochen)
- Funktionseinschränkungen bei Streck- und Beugesehnenläsionen
- Chronisches regionales Schmerzsyndrom (CRPS)
Nachsorge:
Nach der Operation ist eine konsequente Nachbehandlung wichtig, um den Heilungsprozess zu fördern und Komplikationen zu vermeiden. Dazu gehören:
- Hochlagerung des Fußes zur Schwellungsreduktion
- Lymphdrainage
- Tragen eines Spezialschuhs für mehrere Wochen
- Physiotherapie zur Wiederherstellung der Beweglichkeit und Kraft
- Vermeidung von Belastung des Fußes für einen bestimmten Zeitraum
Überraschend erscheint der Rat, den operierten Fuß nicht zu kühlen - stattdessen empfiehlt die Expertin Hochlagerung und Lymphdrainage zur Schwellungsreduktion.
Prävention
Um einem Hallux valgus vorzubeugen, können folgende Maßnahmen ergriffen werden:
- Tragen von bequemem und flachem Schuhwerk
- Vermeidung von Schuhen mit hohen Absätzen und spitz zulaufendem Vorfußbereich
- Regelmäßige Fußgymnastik zur Stärkung der Fußmuskulatur
- Barfußlaufen zur Förderung der natürlichen Fußstellung
- Vermeidung von Übergewicht
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