Der Hämoglobinwert spielt eine entscheidende Rolle bei der Sauerstoffversorgung des Körpers. Abweichungen von den Normwerten können auf verschiedene gesundheitliche Probleme hinweisen, insbesondere im Zusammenhang mit einem Schlaganfall. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung von Hämoglobinwerten nach einem Schlaganfall, Ursachen und Folgen von Abweichungen sowie aktuelle Forschungsergebnisse zu diesem Thema.
Was ist Hämoglobin und warum ist es wichtig?
Hämoglobin (Hb) ist ein eisenhaltiges Protein in den roten Blutkörperchen (Erythrozyten), das für den Sauerstofftransport im Körper verantwortlich ist. Es bindet Sauerstoff in der Lunge und transportiert ihn zu den verschiedenen Geweben und Organen. Gleichzeitig transportiert Hämoglobin Kohlenstoffdioxid von den Geweben zurück zur Lunge, wo es abgeatmet wird. Der Hämoglobinwert ist ein indirektes Maß für die Anzahl der roten Blutkörperchen.
Ein normaler Hämoglobinwert liegt bei etwa 12 Gramm pro Deziliter (g/dL). Abweichungen von diesem Wert können auf gesundheitliche Probleme hinweisen. Ein niedriger Hämoglobinwert wird als Anämie bezeichnet, während ein erhöhter Wert als Polyglobulie bekannt ist.
Hämoglobin und Schlaganfall: Eine komplexe Beziehung
Nach Angaben eines britischen Forscherteams leiden etwa 30 Prozent aller Schlaganfall-Patienten an einer Anämie. Niedrige Hämoglobinwerte und Anämie treten bei älteren Menschen besonders häufig auf. Experten raten Ärzten daher, bei dieser Patientengruppe die Hämoglobinwerte gezielt untersuchen zu lassen. Eine Anämie kann das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen und das funktionelle Ergebnis nach einem Schlaganfall beeinflussen. Die aktuelle Studienlage bezüglich des Zusammenhangs zwischen einer Anämie und dem funktionellen Outcome nach Schlaganfall ist jedoch kontrovers.
Ursachen für veränderte Hämoglobinwerte nach einem Schlaganfall
Verschiedene Faktoren können zu veränderten Hämoglobinwerten nach einem Schlaganfall führen:
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- Anämie: Eine Anämie kann durch verschiedene Ursachen bedingt sein, darunter Eisenmangel, Vitamin-B12-Mangel, Folsäuremangel, Blutungen im Magen-Darm-Trakt oder chronische Entzündungen. Blutverdünnende Medikamente können ebenfalls das Risiko für eine Anämie steigern.
- Polyglobulie: Ein erhöhter Hämoglobinwert kann auf eine Polyglobulie hindeuten, bei der zu viele rote Blutkörperchen im Blut vorhanden sind. Dies kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter Dehydration, chronische Lungenerkrankungen, Nierenerkrankungen oder die Einnahme von leistungssteigernden Medikamenten.
- Nierenerkrankungen: Fast alle Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz entwickeln vor allem durch Erythropoietin(Epoetin)-Mangel eine Anämie.
Symptome und Diagnose
Ein niedriger Hämoglobinwert kann zu Müdigkeit, Blässe und Kurzatmigkeit führen. Ein zu hoher Hb-Wert kann auf verschiedene Krankheiten hinweisen und auf Dauer das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Da die vermehrte Anzahl roter Blutkörperchen bzw. ein erhöhter Hämoglobin-Wert keine spezifischen Symptome verursachen, wird ärztlicher Rat prinzipiell nicht deswegen konsultiert. In der Regel suchen Patientinnen/Patienten ärztlichen Rat aufgrund anderer Ursachen auf, die diagnostisch einen erhöhten Hämoglobin-Wert sicherstellen.
Die Diagnose von veränderten Hämoglobinwerten erfolgt in der Regel durch eine Blutuntersuchung. Wenn der Hb-Wert vom Referenzbereich abweicht, sind in der Regel weitere Untersuchungen und Tests nötig, um die Ursache zu ermitteln.
Therapie von veränderten Hämoglobinwerten
Die Therapie von veränderten Hämoglobinwerten richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
- Anämie: Bei Eisenmangelanämie kann die Einnahme von Eisentabletten oder eine Ernährungsumstellung helfen, den Hämoglobinwert zu erhöhen. Bei Vitamin-B12-Mangel oder Folsäuremangel können entsprechende Nahrungsergänzungsmittel verabreicht werden. In schweren Fällen kann eine Bluttransfusion erforderlich sein.
- Polyglobulie: Bei Dehydration ist die Zufuhr von Flüssigkeit und Elektrolyten indiziert. Bei einer Polyglobulie kann eine sogenannte Phlebotomie (Aderlass) durchgeführt werden, um die Anzahl der roten Blutkörperchen zu reduzieren.
- Nierenerkrankungen: Seit 1985 besteht die Möglichkeit, durch s.c. oder i.v. Gabe von rekombinantem Erythropoietin (EPO) den Hämoglobin(Hb)-Wert anzuheben bzw. zu normalisieren.
Aktuelle Forschungsergebnisse
Ein aktueller Cochrane Review findet gute Gründe für eine zurückhaltendere Gabe von Blutkonserven. Wenn nur Patienten mit niedrigeren Blutwerten (7,0 g/dL bis 8,0 g/dL) Bluttransfusionen erhalten würden, ließe sich die Menge des benötigten Blutes erheblich reduzieren. Die Autoren fanden 48 Studien mit insgesamt 21 433 Patient*innen. Diese waren aus verschiedenen Gründen ins Krankenhaus eingeliefert worden, etwa, weil sie sich einer größeren Operation unterziehen mussten oder weil sie aufgrund einer Krankheit an akutem Blutverlust litten. Die Evidenz des Reviews zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Bluttransfusion zu erhalten, bei niedrigeren Schwellenwerten um 41 Prozent geringer war, als bei höheren Schwellenwerten. Das Risiko, innerhalb von 30 Tagen nach einer Transfusion zu versterben, unterschied sich bei den Patienten der beiden Gruppen nicht deutlich.
Eine retrospektive Studie der „1000plus“ Datenbank des Zentrums für Schlaganfallforschung Berlin untersuchte den Einfluss einer Anämie beziehungsweise eines Hämoglobinabfalls auf das funktionelle Outcome oder die endgültige Infarktgröße bei Schlaganfallpatienten. Die Studie ergab, dass eine Anämie mit einem höheren Lebensalter der Patienten sowie mit dem Schweregrad des Schlaganfalls zusammenhing. Zudem ließ sich ein Zusammenhang zwischen einem, während des Klinikaufenthaltes aufgetretenem, Hämoglobinabfalls und einer zuvor erfolgten Thrombolysetherapie, dem Schweregrad des Schlaganfalls sowie einem bestehenden Vorhofflimmern aufzeigen. Der Einfluss einer Anämie beziehungsweise eines Hämoglobinabfalls auf das funktionelle Outcome oder die endgültige Infarktgröße konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.
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Bedeutung der Hämoglobinwert-Kontrolle
Die Kontrolle der Hämoglobinwerte ist insbesondere bei älteren Menschen und Schlaganfallpatienten von großer Bedeutung. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Abweichungen können dazu beitragen, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Bei der Einnahme von Gerinnungshemmern ist es wichtig, den Hämoglobinwert regelmäßig zu kontrollieren, da diese Medikamente das Risiko für Blutungen und Anämie erhöhen können.
Schutzprotein Haptoglobin
Forschende der Universität Zürich und des Universitätsspitals Zürich haben ein körpereigenes Schutzprotein namens Haptoglobin entdeckt, das verzögerte Schädigungen nach einer Hirnblutung verhindern kann. Haptoglobin bindet das ins Hirnwasser freigesetzte Hämoglobin, bevor dieses seine schädigende Wirkung entfalten kann. Indem die Forschenden Schafen gereinigtes Haptoglobin über einen Katheter direkt ins Hirnwasser verabreicht haben, konnten sie zeigen, dass gereinigtes Haptoglobin Gefäßkrämpfe verhindert und das Eindringen von freiem Hämoglobin ins Hirngewebe blockiert.
Fallbeispiel
Äußere Verletzungen hat die blasse 20-Jährige nicht, die nach einem Autounfall ins Bridgeport Hospital in US-Bundesstaat Connecticut gebracht wird. Auf alle Fragen antwortet sie klar und orientiert. Aber nachdem sie für einige Minuten das Bewusstsein verloren hatte, klagt sie jetzt über Schwindel und verschwommene Sicht. In der Notaufnahme der Klinik hat sie plötzlich Schmerzen in der Brust. Auch der Schwindel plagt sie weiter und sie empfindet Licht als zunehmend unangenehm. Außerdem spürt sie, dass sie in der linken Hand und dem linken Bein weniger Kraft hat als auf der rechten Seite. Als die Ärzte ihre Kraft prüfen, bemerken sie ebenfalls einen deutlichen Unterschied, ansonsten gibt es aber keine Seitendifferenzen oder andere Auffälligkeiten. Trotzdem sind die Mediziner alarmiert, denn eine Schwäche in einer Körperhälfte kann immer ein Zeichen für einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung sein. Aufgrund des Alters der Frau und dem vorangehenden Unfall halten die Mediziner eine Blutung für möglich und lassen sofort Computertomografie-Aufnahmen (CT) von ihrem Kopf machen. Die Bilder sind unauffällig. Zumindest eine größere Blutung ist damit ausgeschlossen. Ein Schlaganfall aber, also ein Minderdurchblutung des Gehirns, wird im CT meist erst verzögert sichtbar, die Mediziner müssen zu einem späteren Zeitpunkt erneut Bilder machen lassen.
Allerdings finden die Ärzte im Blut der Patienten etwas Auffälliges: Sie hat eine schwere Anämie, eine Blutarmut. Der Hämoglobinwert, der bei Frauen normalerweise zwischen 12 und 16 Gramm pro Deziliter liegen sollte, beträgt bei ihr nur 5,8 Gramm pro Deziliter. Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin transportiert Sauerstoff in die Körperzellen und ist damit von entscheidender Bedeutung für die Organversorgung. Auch verschiedene Eisenwerte - Eisen ist in Hämoglobin eingebaut - sind zu niedrig, die übrigen Blutwerte aber normal. Als die Ärzte die Frau erneut befragen, berichtet sie, sie leide immer wieder unter langen und heftigen Monatsblutungen. Schon oft sei ihr deswegen schwindelig gewesen oder sie sei in Ohnmacht gefallen. Sie habe deshalb des öfteren Ärzte aufgesucht, es sei aber nie eine Ursache gefunden worden.
Der Patientin geht es zunehmend schlechter. Sie bekommt leichtes Fieber, ist mitunter verwirrt und lethargisch. Insbesondere ihren linken Arm kann sie schlechter bewegen als den rechten. Bei verschiedenen neurologischen Untersuchungen zur Koordination - zum Beispiel zeigt man in einem großen Bogen mit dem Zeigefinger auf die eigene Nase - ist sie allerdings auf beiden Seiten unsicher. Für eine einseitige Störung im Gehirn ist das untypisch. Aufgrund des Fiebers punktieren die Mediziner den Rückenmarkkanal und entnehmen Nervenwasser. Sie wollen überprüfen, ob sich eine Infektion im Zentralen Nervensystem abspielt. Erst eine Kernspinuntersuchung des Kopfes zeigt jetzt, was die Ursache für die Beschwerden und die Veränderung der Patientin ist: In beiden Hälften des Kleinhirns und im linken Hinterhauptslappen des Großhirns hat sie Schlaganfälle erlitten.
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Die Ärzte geben ihr mehrere Bluttransfusionen und Eisentabletten. Dadurch verbessern sich ihre Blutwerte und die Anämie wird ausgeglichen. Auch die Schwäche in ihrer linken Körperhälfte, die Lethargie und die Unsicherheit bei Koordinationsübungen verschwinden wieder. Bei mehreren Nachsorgeuntersuchungen geht es der Patientin wieder gut. Ihre Blutwerte lässt sie nun regelmäßig kontrollieren.
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