Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die für viele Betroffene eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität bedeutet. Angesichts der Tatsache, dass herkömmliche Medikamente oft nicht ausreichend wirken oder mit Nebenwirkungen einhergehen, suchen viele Patienten nach alternativen Therapieoptionen. In den letzten Jahren hat medizinisches Cannabis zunehmend an Bedeutung gewonnen und das Interesse an seiner potenziellen Wirksamkeit bei der Behandlung von Migräne geweckt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage, die Anwendungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Aspekte von Haschisch bzw. Cannabis bei Migräne.
Einleitung: Cannabis als legales Arzneimittel
Cannabis, das in Deutschland lange Zeit nur im Zusammenhang mit Missbrauch bekannt war, steht Patienten seit Anfang März als legales Arzneimittel in öffentlichen Apotheken zur Verfügung. Es wird in gleichbleibender Qualität und für bestimmte medizinische Indikationen nach ärztlicher Verordnung abgegeben. Dieser Wandel von einem illegalen Rauschmittel zu einem legalen Arzneimittel wirft Fragen nach den Wirkmechanismen und der tatsächlichen Evidenz der Wirksamkeit von Cannabis und seinen Inhaltsstoffen auf.
Wirkmechanismen von Cannabis
Cannabis wirkt antiphlogistisch, antiemetisch, muskelrelaxierend, sedierend, appetitanregend, analgetisch und antidepressiv. Bisher wurde in Deutschland hauptsächlich der Wirkstoff THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) eingesetzt. Verfügbar ist zudem CBD (Cannabidiol). CBD hebt die psychoaktive Wirkung des THC auf, daher sollte medizinisches Cannabis THC und CBD in einem ausgeglichenen Verhältnis enthalten. Ein Fertigspray wie Sativex enthält beispielsweise je 50 % THC und CBD.
Studienlage zur Wirksamkeit von Cannabis bei Migräne
Die medizinische Wirkung von Cannabis ist noch nicht endgültig erforscht. Eine zentrale Rolle spielt das Endocannabinoid-System als Teil des Nervensystems. Es reagiert auf die Wirkstoffe von Cannabis, die Cannabinoide, zu denen insbesondere THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) zählen. Das Endocannabinoid-System scheint mit der Schmerzwahrnehmung im Gehirn zusammenzuhängen, auch bei Migräne-Attacken.
Eine randomisierte Studie hat gezeigt, dass die Inhalation der Cannabisdrogen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) die Dauer von Migräneattacken verkürzen kann.
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Eine Übersichtsarbeit, die 12 Publikationen mit 1.980 Patienten auswertete, ergab, dass medizinisches Cannabis (MC) nach 6 Monaten der Einnahme Übelkeit und Erbrechen durch Migräne signifikant reduzieren konnte. Es sorgte schon nach 30 Tagen für eine Reduktion in der Migränehäufigkeit und -frequenz. MC war dabei 51 % effektiver in der Reduktion der Migräne als Produkte ohne Cannabis. Im Vergleich zu Amitriptylin konnte MC bei manchen Patienten (11,6 %) Migräneattacken stoppen und ansonsten die Frequenz reduzieren. Bei Nutzern von MC kam es jedoch oftmals zu Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch. Die Autoren dieser Übersichtsarbeit schließen daraus, dass medizinisches Cannabis positive Effekte auf Häufigkeit und Frequenz von Migräne haben kann. Sie betonen jedoch, dass weitere experimentelle Studien zur Bewertung der Sicherheit und Effektivität von Cannabis bei Migräne notwendig sind, um dies verlässlich einschätzen zu können.
Eine Studie zur Wirkung von Cannabinoiden auf die Symptomschwere verschiedener Kopfschmerzen analysierte Daten der medizinischen App „Strainprint“. Die Forscher extrahierten über 12.000 Einträge von 1.306 Kopfschmerzpatienten sowie 7.441 Anwendungen von insgesamt 653 Betroffenen mit Migräne - innerhalb von 16 Monaten. Cannabis verbesserte bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome. Mit rund 88 % lag die Quote von Migränikern nur knapp darunter. Die Schwere wurde von den Teilnehmern nach Gebrauch als deutlich geringer gewertet. Im Durchschnitt lagen die Werte um drei Punkte auf einer Zehn-Punkte-Skala - was in etwa einer Halbierung entsprach.
Studien haben gezeigt, dass Migräne-Patienten durch die Einnahme von Präparaten mit THC und CBD an weniger Tagen pro Monat Migräne-Attacken hatten. Außerdem ließen sich dadurch Symptome wie Kopfschmerzen und Übelkeit verringern beziehungsweise lindern. Insgesamt ist die Datenlage aber bislang nicht ausreichend, um endgültige Empfehlungen zu Therapieoptionen und Dosierungen für die Behandlung mit Cannabis gegen Migräne zu machen. Es gibt einzelne Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis, nach denen sich die Symptome verschlimmern. Als Ursache gilt in erster Linie eine zu hohe Dosierung über einen zu langen Zeitraum.
Unterschiede in der Wirkung bei Frauen und Männern
Da Frauen auf die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden empfindlicher reagieren als Männer, erwarteten die Autoren in einer Untersuchung einen stärkeren Effekt bei den Teilnehmerinnen. Tatsächlich gaben mehr Migränepatientinnen an, dass sich ihre Symptome gebessert hätten. Statistisch ließ sich das aber nicht absichern. In der Kopfschmerzgruppe war es sogar anders herum, plus Signifikanz: Männer profitierten etwas mehr vom Cannabis als Frauen, die zudem häufiger von einer Verschlechterung ihrer Symptome berichteten (3 % vs. 1,8 %).
Gewöhnungseffekte
Mit der Zeit schienen sich die Probanden allerdings an den Konsum zu gewöhnen, zumindest an die Wirkung von Cannabisblüten: Sie benötigten zunehmend höhere Dosen, um die Beschwerden zu lindern. Während die Wirkung gegen Migräne im Verlauf annähernd gleich blieb, fiel sie bei Kopfschmerzen immer geringer aus. Konzentrate zeigten insgesamt die etwas besseren Effekte als Blüten, wobei vermutlich nicht die Mengen an Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol entscheidend waren, sondern wahrscheinlich noch andere Cannabinoide.
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Verfügbarkeit von medizinischem Cannabis in Deutschland
Seit 2017 ist es Ärzten in Deutschland erlaubt, medizinisches Marihuana oder Cannabis zu verschreiben. Die Indikationen für die Anwendung sind nicht explizit formuliert, allerdings geht die Fachliteratur von einem sehr breiten therapeutischen Spektrum aus. Da zu den etablierten Indikationen chronische Schmerzen zählen, ist das Interesse von Migräne-Patienten naheliegend.
Cannabinoide werden aus der Hanfpflanze Cannabis sativa gewonnen. Der pflanzliche Cannabis enthält über 100 Inhaltsstoffe, u.a. die Cannabinoide. Ärzte dürfen Extrakte, künstliche Cannabinoide oder getrocknete Cannabisblüten (Medizinal-Hanf) verordnen. Cannabisblüten haben sehr unterschiedliche Wirkstoffzusammensetzungen und es Bedarf zum Inhalieren einen Verdampfer. Werden Cannabisblüten geraucht oder inhaliert, flutet die Wirkung schnell an, lässt aber auch schnell wieder nach, was in der Schmerzbehandlung nicht erwünscht ist. Von einer Eigentherapie mit Cannabisblüten raten Experten ausdrücklich ab, da die Dosierungen ungenau seien und es zu unerwünschten, gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen kommen kann.
Medizinisches Cannabis lässt sich inhalieren (rauchen, verdampfen) oder oral einnehmen (Tropfen, Kapseln, Öl, Spray). Wenn die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung mit medizinischem Cannabis, etwa gegen Migräne, übernehmen soll, ist eine Genehmigung erforderlich. Die Ablehnung ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich.
Gut zu wissen: Den Anbau von medizinischem Cannabis überwacht in Deutschland die Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das BfArM erteilt auch Genehmigungen für den Import von medizinischem Cannabis und daraus gefertigten Produkten (zum Beispiel Extrakte). Die über Apotheken vertriebene Menge Cannabis stieg seit 2017 kontinuierlich an.
Darreichungsformen und Anwendung
Bei Schmerzpatienten wird aufgrund der derzeitigen Studienlage zur Wirksamkeit, als auch der Ergebnisse der Begleiterhebung, zunächst die Anwendung eines oral wirksamen Cannabispräparats (Dronabinoltropfen, Nabiximols-Spray oder ölige Vollextrakte) bevorzugt.
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Es gibt verschiedene Cannabis Konsumformen zur Behandlung von Migräne:
- Inhalation (Rauchen oder Verdampfen): Dies bietet eine schnelle Linderung, da die Wirkstoffe direkt in den Blutkreislauf gelangen.
- Öle und Tinkturen: Produkte Wie Dronabinol werden oral eingenommen oder unter die Zunge getropft.
- Essbare Produkte (Edibles): Diese haben eine längere Wirkungsdauer, aber auch eine verzögerte Wirkung von bis zu zwei Stunden.
Die Wirkung von medizinischem Cannabis kann je nach Verabreichungsmethode variieren. Inhalation kann schnell wirken, während essbare Formen länger brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Für eine individuelle Beratung zu den besten Anwendungsmethoden und der passenden Dosierung kann die kostenlose Hotline der Cannamedical Pharma kontaktiert werden.
Empfehlungen zur Anwendung
- Start low, go slow: Beginnen Sie mit einer niedrigen Dosis und steigern Sie langsam, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
- Einnahmemethoden variieren: Bei akuten Migräneanfällen ist die Inhalation (z. B. durch Verdampfen) wegen der schnellen Wirkung innerhalb weniger Minuten nützlich. Öle und Tinkturen sind eine diskrete Alternative, die unter die Zunge getropft wird und eine etwas längere Wirkung bietet.
- Überwachung der Reaktion: Führen Sie ein Tagebuch über Dosierung und Reaktionen, um herauszufinden, was am besten wirkt.
- Bei potenziellen Medikamenteninteraktionen: Einige Migränemedikamente können mit Cannabis interagieren.
Einsatzgebiete und Wirksamkeit
Cannabinoide dürfen nur in Einzelfällen bei schwerwiegenden körperlichen Erkrankungen gegeben werden, bei denen andere Medikamente keine Wirkung gezeigt haben. Eine Krankheit gilt dann als schwerwiegend, wenn sie lebensbedrohlich ist oder wenn sie eine so schwere Gesundheitsstörung verursacht, dass die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigt ist. Cannabinoide können meist keine Schmerzfreiheit herstellen, die Schmerzen werden aber unter Umständen vermindert wahrgenommen und schmerzbedingte Schlafstörungen können sich verbessern. Für eine deutliche Schmerzreduktion um mind. 50% liegt kein Beweis vor.
Als mögliche Einsatzgebiete für cannabisbasierte Medikamente gelten derzeit insbesondere chronische Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen), Spastik (langandauernde Muskelverkrampfung) bei Multipler Sklerose sowie Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen bei Krebserkrankungen unter Chemotherapie.
Akutschmerzen und Gewebeschmerzen wie z.B. muskuläre Schmerzen scheinen weniger auf Cannabinoide anzusprechen. Bei Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, rheumatoider Arthritis, chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung, Morbus Crohn, Schiefhals und Reizdarmsyndrom konnten keine eindeutigen Verbesserungen erzielt werden.
Kontraindikationen
Kontraindikationen für die Anwendung von Cannabis sind: Psychosen, affektive Störungen, Angststörung, Kindes- und Jugendalter, da irreversible kognitive Folgeschäden zu erwarten sind.
Nebenwirkungen
Unter einer Therapie mit Cannabinoiden kann es zu Nebenwirkungen im Gehirn kommen, die sich z. B. in Form von Übelkeit, Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, Mundtrockenheit, Störungen der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung und des Denkens sowie Stimmungsschwankungen zeigen können. Weitere Nebenwirkungen sind Suchtentwicklung, Beeinflussung von Gedächtnisfunktionen, Verwirrtheit, Gewichtszunahme, Bewegungsbeeinträchtigungen, Nebenwirkungen auf das Herz- und Kreislaufsystem und Lustlosigkeit. Die bisherigen Untersuchungen beziehen sich auf kurze Behandlungszeiträume von wenigen Wochen bis Monaten, die besonderen Risiken einer Langzeitbehandlung sind weitestgehend unklar. Bei gleichzeitig zur Schmerzerkrankung bestehenden bestimmten psychiatrischen Erkrankungen wie Suchterkrankungen oder Psychosen ist von einer Behandlung mit Cannabinoiden abzusehen, da die Risiken und Nebenwirkungen hier besonders erhöht sind.
Unter medizinischer Anwendung ist das Lenken von Fahrzeugen und Bedienen von Maschinen vorrübergehend eingeschränkt. Diese Einschränkungen treten besonders bei Ersteinnahme, Entzug und je nach Dosishöhe auf. Die kontinuierliche Verfügbarkeit der Arznei ist z.B. bei Auslandsreisen zu gewährleisten, sonst kann es zu Entzugssymptomen kommen.
Verschreibung und Kostenübernahme
Die Cannabinoide können vom Arzt nur in speziellen Einzelfällen verschrieben werden. Der Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse bedarf einer besonderen Begründung durch den behandelnden Arzt. In der Schmerztherapie kann es derzeit nur bei Patienten mit nicht anders behandelbaren schwersten chronischen Nervenschmerzen eingesetzt werden. Sie sollten nicht als einzige Maßnahme gesehen werden, sondern nur in Kombination mit physiotherapeutischen und psychotherapeutischen Verfahren. Eine langfristige Therapie ist nur bei einer anhaltenden positiven Wirkung sinnvoll. Allerdings gibt es noch keine ausreichenden Erfahrungen zu Erfolg und Sicherheit in der Langzeitbehandlung.
Versicherte mit schwerwiegenden Erkrankungen haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis, wenn es keine alternative Therapie gibt, die etablierten Maßnahmen nicht wirken oder nicht ausreichen und wenn eine Aussicht auf Besserung durch diese Therapie besteht. Die erste Verordnung muss von der Krankenkasse genehmigt werden. Dazu ist ein begründeter Antrag des Arztes erforderlich. Der Arzt ist verpflichtet, Daten für eine Begleiterhebung zu erheben. Die gesetzlichen Krankenkassen können nach begründetem Antrag des behandelnden Arztes die Therapie erstatten. Die Entscheidung, ob ein Patient mit Cannabis behandelt werden muss, liegt beim behandelnden, bzw. verschreibendem Arzt. Die Erstattung muss jedoch von der Krankenkasse genehmigt werden.
Cannabis im Vergleich zu traditionellen Migränemedikamenten
Im Vergleich dazu wirken traditionelle Migränemedikamente wie Triptane und NSAIDs (nichtsteroidale Antirheumatika) auf die Blutgefäße und Schmerzrezeptoren im Gehirn.
Cannabis hat im Vergleich zu traditionellen Medikamenten ein anderes Nebenwirkungsprofil. Im Gegensatz dazu sind herkömmliche Migränemedikamente, insbesondere NSAIDs, mit gastrointestinalen Problemen wie Magenschmerzen und Blutungen assoziiert.
THC ist psychoaktiv und bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren im Gehirn, was zu den bekannten Rauschzuständen führt. CBD, im Gegensatz dazu, ist nicht psychoaktiv und interagiert hauptsächlich mit CB2-Rezeptoren, die im Immunsystem und peripheren Nervensystem zu finden sind.