Manche Erlebnisse verfolgen uns ein Leben lang, während andere schnell verblassen. Doch was bedeutet es, wenn sich etwas "ins Gehirn eingebrannt" hat, und welche Mechanismen stecken dahinter? Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung dieser Redewendung, die neurologischen Prozesse, die ihr zugrunde liegen, und wie wir mit belastenden Erinnerungen umgehen können.
Die Bedeutung von "sich einbrennen"
Die Redewendung "sich einbrennen" beschreibt ein Erlebnis, das so prägend und bedeutsam ist, dass es dauerhafte Spuren im Gedächtnis hinterlässt. Was "sich einbrennt", hinterlässt unwiederbringlich Brandspuren und Veränderungen, die nicht mehr beseitigt werden können. Das Konzept des Einbrennens impliziert eine tiefe Verankerung im Gedächtnis, vergleichbar mit einem Brandzeichen, das unauslöschlich ist. Historische Belege für die Verwendung in übertragener Bedeutung sind schon in Texten des 16. Jahrhunderts zu finden, z. B. bei Mathesius: "… tyrannische art vnter seiner (des Kindes, Anm.) bösen mutter hertzen eingebrant wirdt".
Die Neurowissenschaft des Vergessens und Erinnerns
Unbewusst klappt das mit dem Vergessen bei vielen ja schon ganz gut. Wir vergessen ständig etwas: den Schlüssel, den Termin, den Geburtstag. Wer oft Dinge vergisst, gilt als unkonzentriert und schusselig, denn allgemein wird das Vergessen häufig mit dem fehlenden Erinnern, also dem Ausbleiben einer Denkleistung, assoziiert. "Das deutsche Wort 'vergessen' beruht auf dem Stamm 'gessen' und drückte ursprünglich eine Bewegung in Richtung des Sprechers aus; er 'bekommt' also etwas. Durch die Vorsilbe 'ver' wird es ins Gegenteil verwandelt. Damit ist Vergessen vom Wortstamm her ein aktiver Prozess", erklärt Martin Korte, Professor für Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig, in einem Beitrag für das Wissenschaftsmagazin Spektrum der Wissenschaft. Ein amerikanisches Forschungsteam fand mithilfe eines Experiments zudem heraus, dass die Prozesse des Vergessens und Erinnerns sich anscheinend auf Zellebene ähneln.
Im Kontext psychologischer und neurologischer Forschungen steckt hinter dem Begriff Vergessen allerdings meist eine andere Bedeutung als die, die wir im Alltag nutzen. Wenn wir von vergessen sprechen, meinen wir meistens, dass wir eine Information regelrecht verloren haben. Doch die Forschung zeigt, dass wir nicht die Information als solche verloren haben, sondern nur den Zugang nicht mehr finden. Sie ist also da, wir wissen nur nicht hinter welchem Gehirntürchen. So konnten Forscher*innen des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried zeigen, dass beim Vergessen lediglich der Zugang zu verschiedenen Erinnerungen erschwert wird, die Verbindung zwischen den Nervenzellen, die eine Erinnerung sozusagen speichern, allerdings bestehen bleibt.
Grundlage für die Fähigkeit, sich an Dinge erinnern zu können, sind die Synapsen sowie ihre Verbindungen untereinander. Diese können entweder verstärkt oder geschwächt werden, sodass der Mensch sich an bestimmte Dinge schnell erinnern kann und an andere nicht. "Eine Hirnregion namens Hippocampus fungiert dabei gewissermaßen als Trainer der Nervennetzwerke des Großhirns. Ist ein neuer Eindruck besonderes überraschend, präsentiert der Hippocampus dieses Aktivitätsmuster immer wieder dem Großhirn, bis sich die dortigen Nervenzellen an das neue Muster angepasst haben.
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Memory Engram Neurons: Die Architekten der Erinnerung
"Memory engram neurons" sind ein faszinierendes Wunderwerk der Natur. Es sind die Zellen im Gehirn, die Gedächtnisspuren legen. „Memory engram neurons“ lassen uns etwa Orte wiedererkennen, an denen wir mal waren, sogar wenn dies Jahrzehnte zurückliegt. Das Besondere an diesen Zellen ist, dass es nur wenige Neurone benötigt, um Erinnerungen aufzubauen, die sehr stabil sind und uns über Jahre oder gar auch unser ganzes Leben lang begleiten. Hippocampus von Mäusen entdeckt (Okuyama et al. 2016). Da Mäuse wie auch Menschen zu den Säugetieren gehören und eine ähnliche Architektur des Gedächtnisses besitzen, ist davon auszugehen, dass auch Menschen diese Neurone besitzen dürften.
Soziale Erinnerungen: Der Hippocampus als soziales Gedächtnis
Die ForscherInnen verwendeten einen Verhaltenstest bei Mäusen, anhand dessen Rückschlüsse zu ziehen sind, ob sich zwei Mäuse kennen oder sich neu sind. Verwendet eine Maus bei einer Begegnung viel Zeit darauf, die andere Maus gründlich durch Schnuppern auszukundschaften, ist dies ein Zeichen dafür, dass sich die beiden Mäuse nicht kennen. Erkennen sie sich, reduziert sich diese Zeit des gegenseitigen Kennenlernens deutlich. Hippocampus der Mäuse identifizieren, die spezifisch für das Wiedererkennen einer bekannten Maus verantwortlich war. Diese Region wurde nicht für das Wiedererkennen bekannter Objekte rekrutiert. Wenn diese spezifischen „sozialen Erinnerungszellen“ von den ForscherInnen durch Bestrahlung aktiviert wurden, erkannten die Mäuse plötzlich Artgenossen wieder, die sie vorher noch gar nicht gesehen hatten. Dann verwendeten die ForscherInnen eine Methode, die normalerweise „memory engram neurons“ identifiziert. Sie zeigten, dass die „sozialen Erinnerungszellen“ nicht nur aktiviert waren, wenn zwei Mäuse sich kennenlernten, sondern auch, wenn diese zwei Mäuse sich wiederholt begegneten. Es schien also spezifische Zellen zu geben, die dafür verantwortlich waren, eine bestimmte Maus wiederzuerkennen. Die Stimulation dieser Zellen wiederum führte dazu, dass sich die Mäuse aneinander erinnerten, auch wenn sie ihre Begegnung im normalen Leben vergessen hatten. Hippocampus von Mäusen entdeckt hatten, die eine Gedächtnisspur für die Erinnerung an soziale Interaktionspartner legen (Okuyama, 2017). Diese Erinnerung könnte durchaus unser Leben lang bestehen bleiben und der Grund dafür sein, warum wir auch nach Jahrzehnten einen alten Klassenkameraden wiedererkennen. Hippocampus nicht nur, wie klassisch angenommen, die räumliche Architektur unserer Umgebung speichert, sondern auch dessen soziale Architektur, die uns mit FreundInnen und Bekannten verbindet.
Stress und Gedächtnis: Wenn das Gehirn auf Hochtouren läuft
Erinnerungen aus Stresssituationen brennen sich förmlich in unser Gedächtnis ein. Forschende der Ruhr-Uni Bochum haben nun herausgefunden, dass das sogar auf vermeintlich unbedeutenden Kleinigkeiten zutrifft. Grund sei, dass das Gehirn Stress anders abspeichere. Stress ist auf körperlicher Ebene unangenehm: Wir zittern, schwitzen oder die Verdauung spielt verrückt. Bei zu viel Stress können wir unser Wissen aber auch oft gar nicht richtig zeigen. Die Situation kann dann als Misserfolg verbucht werden, erklärt die Psychologin Nora-Corina Jacob. Doch auch Situationen, die ein gutes Ende für uns haben, wirken sich auf unseren Körper und sogar im Nachhinein auf unser Gedächtnis aus. "Stress ist nicht immer schlecht, und auch in Bewerbungen oder Prüfungssituationen können wir positiv über uns hinauswachsen."
Um das neurowissenschaftlich nachzuvollziehen, haben die Forschenden der Ruhr-Uni Bochum Probanden in eine stressige Situation versetzt, die einem unangenehmen Vorstellungsgespräch ähnelt, erklärt Kathrin Baumhöfer aus den Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten. Dabei werden die Probanden zum Beispiel über einen längeren Zeitraum angestarrt oder es wird nicht oder nicht positiv auf Aussagen des Gegenübers reagiert. Was in der simulierten Situation auch vorhanden war, waren Requisiten, also zum Beispiel eine Kaffeetasse oder ein Stift, mit dem einer der Gesprächsleiter rumspielte. Und genau an diese für die Situation eigentlich völlig unbedeutenden Gegenstände konnten sich die Probandinnen und Probanden erinnern. "In unserem Gehirn gibt es einen Mechanismus, der emotionale Erinnerungen verstärkt. Stresssituationen werden deswegen besser erinnert."Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten Das ergab eine Überprüfung nach dem Stresstest, sagt Kathrin Baumhöfer, als den Testpersonen Bilder von den in der Stresssituation vorhandenen Objekten gezeigt wurden. Bilder aus der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigten, dass die neuronalen Spuren von Objekten, die in der Stresssituation vorkamen, alle ähnliche Gedächtnisspuren hinterließen. Dies war in der Kontrollgruppe und bei Objekten, die nicht in der Stresssituation vorkamen, nicht der Fall. Mit anderen Worten: Die Spuren, die die Stresssituationen im Gehirn hinterlassen, können von anderen Erlebnissen abgegrenzt werden. Die Forschenden wollen ihre Erkenntnisse nun für die Traumaforschung nutzen.
Kann man Erinnerungen löschen? Strategien für den Umgang mit belastenden Erfahrungen
Manche Erlebnisse will man einfach aus dem Gedächtnis löschen. Ist das möglich? Und was muss der Mensch dafür tun? 22. An manche Dinge wollen wir uns einfach nicht mehr erinnern. Wie schön wäre es aber, ganz bewusst einzelne Erlebnisse aus dem Gehirn löschen zu können? Beispielsweise den peinlichen Auftritt auf der Weihnachtsfeier; den Schmerz über den geplatzten Flirt, der doch eigentlich ein bisschen mehr war; den schlimmen Autounfall letzten Winter. So richtig löschen kann der Mensch Erinnerungen also nicht - doch sie lassen sich immerhin in den hinteren Teil der neuronalen Sockenschublade verbannen. Und dabei kann jede*r das Gehirn unterstützen. "Eine Möglichkeit besteht etwa darin, immer wieder verwandte Inhalte aus dem Gedächtnis abzurufen, was dazu führen kann, dass die unerwünschten Erinnerungen selbst immer schwerer abrufbar werden", erklärt Bäuml. Doch was, wenn keinerlei positive Erinnerungen existieren, die der negativen gegenübergestellt werden könnten? "Eine zweite Möglichkeit besteht darin, die alte, unerwünschte Information durch verwandte neue Information zu ersetzen. Das heißt: nach vorne schauen und möglichst schnell neue, am besten positive Erfahrungen machen", erklärt Bäuml. So kann der Prozess befördert werden, Erlebnisse, die einem Schlaf und Nerven rauben, in das Synapsennirvana zu schicken. "Damit wir etwas organisch vergessen, müssen sich die Nervennetzwerke so verändern, dass ein Aktivitätsmuster, also die Erinnerung, nicht mehr ausgelöst werden kann. Mitunter bauen sich Kontaktstellen so um, dass die Fähigkeit verloren geht, ein Gedankenmuster hervorzurufen", erklärt der Neurowissenschaftler Henning Beck.
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Rein theoretisch müsste der Mensch also, um etwas zu vergessen, dafür sorgen, dass die Synapsen und ihre Verbindungen der jeweiligen Erinnerungen abgeschwächt werden. Inwiefern und in welchem Maße jeder einzelne dazu in der Lage ist, ist allerdings noch wenig erforscht. Um das Gehirn bei diesem Vorgang zumindest zu unterstützen, lautet ein weiterer Tipp des Psychologen Bäuml: an etwas anderes denken. So manch einer wird nun die Augen verdrehen, die Male zählen, an denen Freundinnen diesen Rat schon ausgesprochen haben, ohne dass er wirksam wurde. Manchmal sitzt man doch einfach zu fest im Sattel des Pferdchens im Gedankenkarussell. Egal wie sehr man sich bemüht, man geht beispielsweise immer und immer wieder im Kopf durch, wie derdie Chefin einen angebrüllt hat. "In diesem Moment ist das sogenannte Grundeinstellungsnetzwerk aktiv - ein Verbund aus Nervenzellen im hinteren Bereich des Gehirns, das für das mind wandering zuständig ist. Der gut gemeinte Rat, an etwas anderes zu denken, zielt auf den Versuch ab, das belastende Ereignis aus dem Fokus zu rücken. Dabei müssen die anderen Gedanken nicht unbedingt tiefsinniger Natur sein; schöne und als positiv empfundene Erinnerungen an Urlaubserlebnisse, den letzten Sonntagsausflug mit den Freundinnen oder die letzte Party ändern den sogenannten inneren Kontext nachhaltig und setzen positive Akzente im Denken. Ein anderer Weg könnte darin bestehen, die Erinnerung an das negative Ereignis zu sperren: "Versuchen Sie, die unerwünschte Information gar nicht erst ins Bewusstsein kommen zu lassen. Das kann allmählich dazu führen, dass diese Inhalte wirklich weniger oft ins Gedächtnis kommen", erklärt Bäuml. Leichter gesagt als getan.
Aktives Vergessen: Eine Frage der ethischen Grenzen
"Die existierenden Befunde legen nahe, dass es kaum Inhalte gibt, die vom aktiven Vergessen ausgeschlossen sind", ist Bäuml der Meinung. Allerdings seien Experimente, in denen stark emotionale Reize eine große Rolle spielen würden, aus ethischen Gründen ausgeschlossen. "Ob ein aktives Vergessen auch bei wirklich stark emotionalen Gedächtnisinhalten funktioniert, ist also letztlich noch unklar", erklärt Bäuml. Denn bei Menschen, die unter einem Trauma leiden, hat sich das auslösende Ereignis sozusagen eingebrannt. "Wenn wir uns in einer lebensbedrohlichen Lage oder emotionalen Notsituation befinden, schüttet der Körper nicht nur Stresshormone aus, um maximale Energie bereitzustellen und alle körperlichen Vorgänge, die nicht zum unmittelbaren Überleben notwendig sind, auf ein Minimum zu reduzieren. Auch die Gedächtniszentren unseres Gehirns laufen auf Hochtouren. Alles, was mit der Gegebenheit assoziiert ist, soll möglichst genau und nachhaltig abgespeichert werden (während der Abruf bereits gespeicherter Informationen unterdessen gestört ist)", schreibt Martin Korte in seinem Artikel.
Kein Patentrezept, aber Hoffnung
Doch auch die genannten Techniken, um negative Erinnerungen abzuschwächen und weniger gut zugänglich zu machen, sind in ihrer Wirksamkeit nicht ausreichend genug erforscht, um wirklich allgemeingültige Aussagen zu machen. So gibt es kein Patentrezept dafür, wie der Mensch Dinge aktiv vergisst - auch wenn wir scheinbar über die Veranlagung dieser Fähigkeit verfügen. Es bleibt jederjedem selbst überlassen, mit sich selbst in den Dialog zu gehen und auszuprobieren, was für einen persönlich gut funktioniert. Doch eine gute Nachricht gibt es noch: Allein der Vorsatz, etwas vergessen zu wollen, hat bereits einen für das Vorhaben förderlichen Effekt. Das fand das Forscher*innenteam um Tracy H.
Die Tücken des Gedächtnisses: Mandela-Effekt und Erinnerungsverfälschungen
Manchmal spielt uns das Gedächtnis einen Streich. "Ich sehe was, was Du nicht siehst" - das altbekannte Kinderspiel hätte Pate stehen können für den Mandela-Effekt. Der Unterschied: Beim Mandela-Effekt erinnern sich Menschen an Ereignisse, die nie stattgefunden haben, anstatt sie zu sehen. Das Phänomen betrifft sogar ganze Gruppen. Entdeckt hat den Mandela-Effekt die britische Autorin Fiona Broome. Im Jahr 2010 nahm sie an einer Tagung teil und antwortete auf Nachfrage eines Teilnehmers, dass Nelson Mandela längst tot sei. In ihrer Erinnerung war der spätere südafrikanische Präsident noch in der vorherigen Haft in seiner Zelle gestorben. Sogar an Szenen seiner Beerdigung aus dem Fernsehen konnte sie sich erinnern. Die erste Überraschung: Nelson Mandela war zu dem Zeitpunkt noch quicklebendig. Er starb erst erst im Jahr 2013 im Kreis seiner Familie. Überraschung Nummer zwei: Außer Fiona Broome konnten sich noch mehrere Tagungsteilnehmer an den Tod von Nelson Mandela in der Haft erinnern und je länger sie darüber sprachen, desto deutlicher, intensiver und facettenreicher wurde ihre Erinnerung. 16. Algorithmen sind ein Werkzeug, etwa für die Überwachung von Menschen im öffentlichen Raum: Ob sie Gutes oder Schlechtes tun, hängt davon ab, wie wir sie einsetzen. Broome postete daraufhin ihre erstaunliche Erfahrung in ihrem Blog und nannte das falsche Erinnerungserlebnis "Mandela-Effekt". Schon nach kurzer Zeit meldeten sich zahlreiche Leute bei ihr, die von ähnlichen Erfahrungen mit ihrem Gedächtnis berichteten. Auch falsche Zitate prägen sich gern in das Gedächtnis vieler Menschen ein. "Luke, ich bin Dein Vater" gehört dazu. Der legendäre Satz aus dem Star Wars-Film hat sich stark in die Erinnerung von Millionen Filmfans eingebrannt. Tatsächlich sagt der Darth Vader aber lediglich: "Ich bin Dein Vater." Der Name "Luke" taucht nirgendwo auf. Viele Star Wars-Fans hingegen würden auf Nachfrage ihr letztes Laserschwert verwetten, dass das falsch ist. Gleiches gilt für die Frage: Trägt der Monopoly-Mann ein Monokel oder nicht? Viele Menschen haben genau dieses Bild im Kopf und in der Erinnerung. Tatsächlich spielt ihnen das Gehirn einen Streich: Der Aristokrat mit Zylinder, Schnurrbart und Frack trägt kein Monokel. Aber je mehr Menschen sich an dieses Bild erinnern, desto realer wird es in der gegenseitigen Bestätigung und auf Nachfrage auch vehement verteidigt. Deshalb wird das Phänomen auch schon seit Längerem von der Psychologie untersucht. Der Fachbegriff ist "Erinnerungsverfälschung" und zu unterscheiden von der "falschen Erinnerung". Während hierbei durch fantasierende Einbildung neue Gedächtnisinhalte geschaffen werden, bezeichnet die Erinnerungsverfälschung das unabsichtliche Verfälschen vorhandener eigener Erinnerungen. Immense Bedeutung kommt dem Mandela-Effekt bei Gerichtsprozessen zu. Die Frage der Glaubwürdigkeit von Augenzeugen spielt eine große Rolle. Wissenschaftlich erwiesen erinnern sich Menschen bei Negativ-Ereignissen an andere Dinge, als bei positiven Ereignissen. Jeden Tag werden unsere Sinne mit Tausenden neuen Eindrücken befeuert. Warum erinnern wir manche für immer und vergessen andere sofort wieder? War jemand beispielsweise Zeuge eines bewaffneten Banküberfalls, dann konzentriert sich seine Aufmerksamkeit auf die Bedrohung - in dem Fall die Waffe. Erlebt jemand allerdings etwas Positives, dann weitet sich seine Aufmerksamkeit. Das Gehirn will so viele schöne Eindrücke wie nur möglich mitbekommen und abspeichern. Das wahrgenommene Umfeld wird möglichst groß angelegt. Wie verlässlich ist also die Erinnerung? Die Psychologie kommt zu dem Schluss, dass unser Gehirn manipulierbar ist. Verschiedene Versuche haben gezeigt, dass durch Suggestivfragen und Suggestion bestimmte Inhalte bewusst in der Erinnerung von Menschen verankert werden können. So hat ein Versuch mit 100 Probandinnen und Probanden dazu geführt, dass die Teilnehmenden am Ende überzeugt waren, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein. Tatsächlich hat hier eine junge Frau nach erfolgter Psychotherapie ihren Vater angezeigt, er habe sie 200 Mal vergewaltigt. Als die Frau 2007 weitere nicht beweisbare Anschuldigungen erhob und sich als Teil eines landesweiten, pädophilen Netzwerkes sah, an dem führende Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Polizei beteiligt seien, wurde der Fall Västeras wieder aufgerollt. 2014 wurde der Vater freigesprochen und aus der Haft entlassen. Walt Disney Park-Besuchern wurde in späteren Gesprächen durch die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus suggeriert, sie hätten auf dem Gelände den Hasen Bugs Bunny getroffen. Alle konnten sich anschließend lebhaft daran erinnern - was aber schlichtweg unmöglich ist, da Bugs Bunny eine Trickfilmfigur der Warner Brothers ist.Die Psychologin Julia Shaw und ihr Kollege, der Psychologe Stephen Porter brachten mehrere Studierende unabhängig voneinander dazu, an eine begangene Straftat in deren Kindheit zu glauben. 70 Prozent der Probanden konnte sich anschließend an die vermeintliche Tat und das Umfeld bis hin zum Polizeieinsatz erinnern.Das "Lost in the Mall" ist ein klassisches Psychologie-Experiment, bei dem Probanden suggeriert wird, sie seien als Kind in einer großen Einkaufspassage verloren gegangen und von einem fremden Mann Zuhause abgegeben worden. Wie aber kommt es nun in unserem Alltag zu den Erinnerungstäuschungen? Wissenschaftlich erforscht wird das Phänomen seit den 1960er-Jahren. Eine verlässliche und fundierte Erklärung gibt es bisher nicht. 31. Was ist noch real? Das Reich der Quanten stellt unsere Idee von Wirklichkeit auf die Probe. Objekte verhalten sich mal wie Teilchen, mal wie Wellen, sie können an mehreren Orten gleichzeitig sein. Wieso merken wir im Alltag nichts davon? Sie sind sowohl für das Stabilisieren von Gedächtnisinhalten als offenbar auch für die Verfälschung zuständig. Psychologinnen und Psychologen sprechen deshalb von "der negativen Kehrseite der Hirnfähigkeit, bestehende Gedächtnisinhalte zu aktualisieren".
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