Tim Roth, der britische Schauspieler, der im Mai seinen 60. Geburtstag feierte, hat sich in seiner Karriere immer wieder neu erfunden. Bekannt wurde er vor allem durch seine Rollen in Filmen von Quentin Tarantino, doch Roth ist mehr als nur ein "Pulp Fiction"-Gangster. Er ist ein Charakterkopf, der sowohl in Independent-Filmen als auch in großen Hollywood-Produktionen überzeugt.
Frühe Karriere und Durchbruch
Schon sein erster Auftritt 1982 war das Versprechen eines unangepassten Talents. In Alan Clarkes Fernsehfilm »Made in Britain« spielte Roth einen jugendlichen Neonazi und Gewalttäter, Trevor, der sich gegen jeden Versuch der Resozialisierung wehrt. Nicht nur sein wuchtiges Charisma in dem für angeblich 1000 britische Pfund gedrehten Film überraschte, bereits zuvor wusste der bis dahin komplett unbekannte Roth den Regisseur auf sich aufmerksam zu machen. Zum Casting war er eine halbe Stunde zu früh erschienen und vertrieb sich die Wartezeit im Park, den Clarke von seinem Bürofenster aus sehen konnte. Mit einem befreundeten Punk fingierte er eine handfeste Auseinandersetzung, die so überzeugend gewirkt haben muss, dass die Polizei einschritt. Bei Clarke machte das derart Eindruck, dass er ihn vom Fleck weg engagierte.
Der internationale Durchbruch gelang ihm 1994 mit seiner Rolle als Pumpkin in Quentin Tarantinos »Pulp Fiction«. Die einleitende Szene, in der Pumpkin mit den Worten »I love you, Honey Bunny« einen Diner-Überfall startet, ist legendär. Roth verkörperte den fluchenden Kleingangster mit einer Mischung aus Coolness und Wahnsinn, die ihn unvergesslich machte. Der Dialog schaffte es sogar auf den Soundtrack, der damals, wie der Film selbst, zum Kult wurde. Nicht zuletzt deswegen ist Pumpkin der bis heute wohl bekannteste Leinwandauftritt des britischen Schauspielers. Oft spielt er kaputte Typen, geschundene Seelen, die ihren Schmerz hinter Coolness und ausgestellter Härte verstecken.
Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino
Die Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino setzte sich in Filmen wie »Reservoir Dogs« (1992) und »The Hateful Eight« (2015) fort. In »Reservoir Dogs« spielte Roth Mr. Orange, einen Undercover-Polizisten, der bei einem missglückten Raubüberfall schwer verletzt wird. In »The Hateful Eight« verkörperte er einen wortgewandten britischen Henker namens Oswaldo Mobray. Es entstand eine bis heute anhaltende Freundschaft und Arbeitsbeziehung.
Vielfältige Rollen und Independent-Filme
Neben seinen Auftritten in Tarantino-Filmen hat Tim Roth eine beeindruckende Bandbreite an Rollen gespielt. Er überzeugt in Independent-Filmen wie James Grays Regiedebüt »Little Odessa« (1994) und Buddy Giovinazzos Gangsterdrama »Unter Brüdern« (1996). Klaren Zuschreibungen entzieht er sich immer wieder geschickt. Und er zeigt eine große Bandbreite, spielt Ganoven und Polizisten, aber auch zweifelnde Künstler wie van Gogh in Robert Altmans biografischem Brüderdrama »Vincent & Theo«. Immer wieder beweist er auch komisches Talent wie im Anthologiefilm »Four Rooms« als Hotelpage, und auch leise und subtil kann er, wie in Giuseppe Tornatores »Die Legende des Ozeanpianisten« als genialischer Klavierspieler, der sein ganzes Leben auf einem Schiff verbringt.
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Roth hat ein sicheres Händchen für Regisseure, nicht so sehr für einzelne Filme. Die Freiheit, an ambitionierten, aber oft unterfinanzierten Projekten mitzuwirken, subventioniert sich Roth hin und wieder mit Auftritten in Großproduktionen und Franchisefilmen wie als Schimpansengeneral Thade in Tim Burtons »Planet der Affen«, dem Horror-Remake »Dark Water« oder Fernsehserien wie »Lie To Me« (2009-11) als Psychologe und Lügenexperte oder in »Tin Star« (2017-2020) als Undercoverpolizist. Er sei zur Stelle, »wann immer ein teigiges Britengesicht gebraucht wird«, sagt er und macht keinen Hehl daraus, dass es manchmal einfach ums Geld geht. So verkörperte er 2008 in »Der unglaubliche Hulk« den Spion Emil Blonsky und Hulks Erzfeind Abomination und leiht ihm nun im MCU-Superheldenfilm »Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings« seine Stimme. Darauf angesprochen sagt Roth mit breitem Grinsen: »Ach ja, da bin ich auch dabei.«
Privatleben und Hintergrund
Tim Roth ist im Süden Londons aufgewachsen und stammt aus einer kreativen Familie. Beide Eltern waren Kunstmaler, sein Vater Ernie, ein Amerikaner irischer Abstammung, verdiente den Lebensunterhalt als Journalist, Mutter Ann arbeitete auch als Lehrerin. Seine Kindheit war überschattet von jahrelangem Missbrauch durch seinen Großvater, wie er in einem Interview im »Guardian« vor fünf Jahren offenbarte. Auch Roths Vater war bereits Opfer sexueller Übergriffe durch ihn gewesen. »Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber!« (1989). Er studierte zunächst Bildhauerei am Camberwell College of Art, beschloss dann aber, Schauspieler zu werden. Er tingelte durch kleine Theater, Schauspielschule hat nie geklappt, und saß mit seinen Schauspielkumpels nachts oft im Kino, bei Klassikern des europäischen Kinos wie Wajda und Bergman. Er hoffte, dadurch cool zu werden, erinnert er sich in Cannes, wo er im Juli Mia Hansen-Løves »Bergman Island« vorstellte, der nun ins Kino kommt. Darin spielen er und Vicky Krieps ein Filmemacherpaar, das zum inspirierten Schreiben auf die schwedische Insel Farö fährt, zum langjährigen Wohnort Ingmar Bergmans.
Privat scheint er ein für die Medien uninteressant anständiges Leben zu führen. Seit 1993 ist er mit Nikki Butler verheiratet, sie haben zwei inzwischen erwachsene Söhne, Roths ältester Sohn Jack aus einer früheren Beziehung ist ebenfalls Schauspieler geworden.
Aktuelle Projekte
Roth ist nach wie vor aktiv und vielbeschäftigt. Manchmal macht er eine Ausnahme, wenn er wie in diesem Jahr in gleich zwei Autorenfilmen mitwirkt, die auf A-Festivals Premiere feiern, wie »Bergman Island«, der im Juli in Cannes lief, und Michel Francos Familiendrama »Sundown«, das Roth im September in Venedig vorstellte. Darin spielt er einen Mann, der im Acapulcourlaub vom Tod seiner Mutter erfährt, und statt mit der Familie zur Beerdigung zu fahren, in Mexiko ein neues Leben beginnt. Umgekehrt scheint er es nicht krummzunehmen, wenn er wie in »Once Upon A Time… in Hollywood« am Ende herausgeschnitten wird. Roth sieht sich nach eigenen Angaben nur selten überhaupt den fertigen Film an.
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