Gottfried Benn, eine der markantesten Figuren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, fasziniert und verstört zugleich. Als Sprachschöpfer von immenser Kraft und tiefgründiger, eigenwilliger Denker hat er ein Werk hinterlassen, das bis heute polarisiert. Seine Biografie ist geprägt von Widersprüchen, seine Haltung zum Nationalsozialismus bleibt ein dunkles Kapitel. Dieser Artikel beleuchtet Benns literarisches Schaffen, seine politischen Positionen und die Kontroversen, die sein Werk und seine Person umgeben.
Benns Sprachschöpfung und dichterische Eigenart
Benns Sprachgewalt ist unbestreitbar. Er gilt als einer der stärksten Sprachschöpfer Deutschlands, der die deutsche Sprache in ungeahnter Weise neu formte. Seine Gedichte und Essays zeichnen sich durch eine hohe stilistische Brillanz und eine ungewöhnliche Bildsprache aus. Er scheute sich nicht, Tabus zu brechen und die Grenzen des Sagbaren zu erweitern.
Seine dichterische Eigenart manifestiert sich in seiner individuellen Monomanie, wie er selbst es nannte. Er folgte seinem inneren Drang, ohne Rücksicht auf Konventionen oder Erwartungen des Publikums. Diese Monomanie, so Benn, erwecke das äußerste Bild von der letzten dem Menschen erreichbaren Größe; diese Größe will nicht verändern und wirken, diese Größe will sein.
Der Dichter und die Politik: Benns ambivalente Haltung
Benns Verhältnis zur Politik war zeitlebens ambivalent. Einerseits sympathisierte er mit linken Ideen, wie sein Essay über den Paragraphen 218 zeigt. Andererseits hegte er eine tiefe Abneigung gegen die Politik als solche, die er für den Dichter als überflüssig erachtete.
In seinen Essays "Zur Problematik des Dichterischen" feierte Benn die individuelle Monomanie des Dichters und kritisierte die Reduktion von Ethos auf die Regelung sozialer Bindungen. Er verachtete das "Zivilisationsgejodel" und bekannte sich zu einer "Theorie von einem Nihilismus für alle".
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Diese Haltung stieß auf Kritik, insbesondere von jenen, die sich für Vernunft und Fortschritt einsetzten. Man warf ihm vor, Ideale zu verhöhnen, die für die Stunde die einzig möglichen, die einzig überhaupt praktikablen seien. Heinrich Mann, den Benn verehrte, wurde als Beispiel dafür angeführt, wie man künstlerische Vereinsamung mit politischer Aktivität vereinbaren könne.
Benn und der Nationalsozialismus: Eine folgenschwere Verirrung
Der wohl dunkelste Abschnitt in Benns Biografie ist seine Annäherung an den Nationalsozialismus. In den Jahren 1933 verteidigte er in Rundfunkvorträgen und einem "Offenen Brief" den Nationalsozialismus. Er erhoffte sich von ihm eine Verbesserung der Situation in Deutschland, die Überwindung von Stagnation und Nihilismus.
Diese Haltung, die er mit allen Leitartikeln des vergewaltigten Deutschlands gemeinsam ausstieß, umfasste das hingerissene Bekenntnis zum totalen Staat, die Erkenntnis, dass das Volk nicht Glück will, auch nicht Arbeit, sondern Züchtung, die unsinnige, hohle und demagogische Formel von der militanten Transzendenz und den Hohn auf die Geistesfreiheit.
Benns Unterstützung des Nationalsozialismus stieß auf breite Ablehnung und Entsetzen. Er wurde mit Erwiderungen überschüttet und für seine lügenhaften Angriffe gegen im eignen Land Wehrlose kritisiert. Seine Schriften aus dieser Zeit, wie "Der neue Staat und die Intellektuellen" und "Züchtung", gelten als geistig mager und bösartig.
Innere Emigration und späte Anerkennung
Benns anfängliche Begeisterung für den Nationalsozialismus währte nicht lange. Bereits ab 1934 ging er in die "innere Emigration". Er distanzierte sich zunehmend vom Nationalsozialismus, ohne jedoch zum offenen Widerstand überzugehen. Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten kritisiert, 1938 wurde gegen ihn ein Schreibverbot verhängt und er wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.
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Während des Zweiten Weltkriegs wuchs sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er ließ "Zweiundzwanzig Gedichte 1936-1943" illegal drucken und arbeitete am "Roman des Phänotyp" und dem Band "Statische Gedichte".
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Benn nach Berlin zurück und praktizierte wieder als Hautarzt. Von 1945 bis 1948 stand er unter Publikationsverbot. Erst 1948 erschien seine Lyriksammlung "Statische Gedichte", die seinen späteren Weltruhm begründete.
In seinem Spätwerk beeinflusste Benn die Nachkriegslyrik stark. Von zurückkehrenden Exilschriftstellern wurde er wegen seiner Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus kritisiert, von der jungen Schriftstellergeneration wurde er dagegen wegen seines modernen Stils verehrt.
Benns "Gehirne": Einblicke in die Welt des Arztes und die Abgründe der menschlichen Existenz
In seinem Novellenzyklus "Gehirne" schildert Gottfried Benn eine Welt, die ihm als Arzt nur allzu vertraut war: die der Medizin des frühen 20. Jahrhunderts, mit all ihren Potentialen, aber auch ihren Schrecken. Die Rönne-Novellen, die den Arzt Werff Rönne in den Mittelpunkt stellen, verarbeiten auf Benns charakteristische Weise die Traumata des Arztdaseins.
Benn thematisiert in diesen Novellen die Frage, ob wir die Antworten auf die Rätsel der Natur finden können - und ob wir das überhaupt wollen. Er zeigt, wie neue Erkenntnisse nicht nur Klarheit mit sich bringen, sondern auch neue Abgründe eröffnen können.
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Die Rönne-Novellen sind ein eindrucksvolles Kaleidoskop, das den Leser in seinen Bann zieht. Sie bieten Einblicke in die Abgründe der menschlichen Existenz, die Ambivalenz des Fortschritts und die Zerrissenheit des modernen Menschen.
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