Einführung
Die Ergotherapie spielt eine zentrale Rolle in der Rehabilitation von Patienten mit Hemiplegie (Halbseitenlähmung) oder Hemiparese (unvollständige Halbseitenlähmung). Ziel ist es, die Selbstständigkeit im Alltag wiederherzustellen, die Lebensqualität zu verbessern und die Auswirkungen der Lähmung zu minimieren. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Ergotherapie bei Hemiplegie, von den zugrunde liegenden Konzepten bis hin zu spezifischen Therapieansätzen.
Grundlagen der Hemiplegie
Die Halbseitenlähmung, ob vollständig (Hemiplegie) oder unvollständig (Hemiparese), ist die Lähmung einer Körperhälfte. Sie ist immer Symptom einer Grunderkrankung wie z. B. eines Schlaganfalls oder einer Schädigung des Gehirns aufgrund anderer Ursachen. Einseitige Kraft- und Bewegungsstörungen (Motorik) sowie Muskelverkrampfungen im Gesicht oder an Armen und Beinen können den Alltag erheblich einschränken und Betroffene psychisch enorm belasten.
Interdisziplinäre Behandlung
Da eine Halbseitenlähmung immer als Folge einer anderen Erkrankung auftritt, wird zunächst die Grunderkrankung behandelt. Dabei kommen je nach Auslöser medikamentöse sowie operative Verfahren infrage. Sobald wie möglich folgt dann die individuelle Behandlung der Halbseitenlähmung, nach einem Schlaganfall in der Regel bereits innerhalb der ersten 24 Stunden noch auf der Schlaganfallstation (Stroke Unit). Je früher mit der Therapie begonnen werden kann, desto besser stehen die Chancen, die Lähmung zu lindern und den weiteren Verlauf positiv zu beeinflussen. Im Anschluss an die Akutbehandlung beginnt so früh wie möglich die Behandlung der Halbseitenlähmung. Dabei arbeiten Spezialisten der Neurologie, Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Pflege eng zusammen.
Ziele der Ergotherapie bei Hemiplegie
Die Ergotherapie bei Hemiplegie verfolgt mehrere Hauptziele:
- Verbesserung der motorischen Fähigkeiten: Dies umfasst die Wiederherstellung oder Verbesserung von Beweglichkeit, Kraft, Koordination und Feinmotorik der betroffenen Körperseite.
- Förderung der Selbstständigkeit im Alltag: Ziel ist es, Patienten in die Lage zu versetzen, alltägliche Aktivitäten wie Essen, Anziehen, Waschen, Kochen und Einkaufen selbstständig auszuführen.
- Reduktion von Schmerzen und Spastik: Ergotherapeutische Maßnahmen können dazu beitragen, Schmerzen zu lindern und die Muskelspannung (Tonus) zu regulieren.
- Anpassung an die veränderten Lebensumstände: Die Ergotherapie unterstützt Patienten dabei, sich an die durch die Hemiplegie bedingten Einschränkungen anzupassen und Strategien zu entwickeln, um ihren Alltag bestmöglich zu gestalten.
- Psychische Stabilisierung: Eine psychotherapeutische Begleitung kann sinnvoll sein, um Ängste oder Unsicherheiten abzubauen, Selbstvertrauen aufzubauen und Depressionen vorzubeugen oder zu behandeln.
Therapieansätze in der Ergotherapie
In der Ergotherapie bei Hemiplegie kommen verschiedene Therapieansätze zum Einsatz, die individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten abgestimmt werden. Einige der wichtigsten sind:
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Das Bobath-Konzept
Das Bobath-Konzept ist ein weltweit anerkanntes Konzept zur Rehabilitation von Menschen mit neurologischen Erkrankungen, die mit Bewegungsstörungen, Lähmungserscheinungen und Spastik einhergehen, wie z.B. nach einem Schlaganfall (Apoplex) mit Halbseitenlähmung (Hemiplegie). Der Behandlungsbeginn wird möglichst frühzeitig angestrebt, um die Hirnfunktion günstig zu beeinflussen. Das Ziel der Therapie ist es, Beweglichkeit und Muskelkontrolle wieder zu verbessern. Es wird ein Lernprozess des Patienten angestrebt, um mit ihm die Kontrolle über die Muskelspannung (Muskeltonus) und Bewegungsfunktion wieder zu erarbeiten. Im Vordergrund steht die Hemmung der durch die Schädigung vorhandenen abnormen Haltungs- und Bewegungsmuster. Während der Behandlung wird Muskulatur, die zu schwach ist stimuliert (Tapping) und Muskulatur, die eine zu hohe Spannung (Tonus) aufweist, gehemmt. So kann der Patient unter den Händen des Therapeuten normale Bewegungsabläufe wieder kennen lernen. Die Behandlung wird so alltagsnah wie möglich durchgeführt, d.h. Dinge des täglichen Lebens stehen im Vordergrund, wie z.B.
Aufgabenorientiertes Training
Bei diesem Ansatz werden alltagsnahe Aufgaben geübt, um die motorischen Fähigkeiten und die Selbstständigkeit zu verbessern. Dies kann beispielsweise das Training von Greifbewegungen, das Anziehen von Kleidung oder das Zubereiten einer Mahlzeit umfassen.
Spiegeltherapie
Die Spiegeltherapie nutzt einen Spiegel, um dem Patienten vorzugaukeln, dass er die betroffene Extremität normal bewegt. Dies kann dazu beitragen, die Hirnaktivität anzuregen und die motorische Funktion zu verbessern.
Constraint-Induced Movement Therapy (CI-Therapie)
Die CI-Therapie zwingt den Patienten dazu, die betroffene Extremität intensiv zu nutzen, während die nicht betroffene Extremität eingeschränkt wird. Dies kann zu einer Verbesserung der motorischen Funktion und der Selbstständigkeit führen.
Einsatz von Hilfsmitteln und Adaptationen
Die Ergotherapie beinhaltet auch die Anpassung der Umgebung und den Einsatz von Hilfsmitteln, um die Selbstständigkeit des Patienten zu fördern. Dies kann beispielsweise die Verwendung von speziellen Essbestecken, Anziehhilfen oder Badewannenliftern umfassen. Mit einem individuell auf die Beeinträchtigungen angepassten Rehabilitationsprogramm trainieren Spezialisten Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn und Koordination mit und ohne orthopädische Hilfsmittel wie Orthesen sowie die Feinmotorik. Ist auch die Gesichtsmuskulatur betroffen, ist das Training der Lippen- und Zungenmuskulatur besonders wichtig, um die Schluck- und Sprechfunktion zu verbessern.
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Elektrische Muskelstimulation (EMS)
Die elektrische Muskelstimulation wird in der ergotherapeutischen Praxis zunehmend angewandt. Ziel ist herauszufinden, wie diese Maßnahme im ergotherapeutischen Setting bestmöglich gestaltet werden kann und inwieweit sie mit dem Berufsbild der Ergotherapie vereinbar ist. Zielgruppe sind Patienten mit einer Hemiparese der oberen Extremitäten nach Schlaganfall. Vergleichend mit dem Berufsbild der Ergotherapie und dem Canadian Practice Process Framework (CPPF) konnten einige gemeinsame Aspekte in Bezug auf die elektrische Muskelstimulation gefunden werden. Dazu zählen das klientenzentrierte Vorgehen in der Zielfindung, die Möglichkeit zu betätigungsorientierten Therapieinhalten und die Anpassung des Schwierigkeitsgrades während der Therapie. Die Ergebnisse zeigen eine gute Vereinbarkeit der elektrischen Muskelstimulation mit den Zielsetzungen der Ergotherapie.
Weitere Schwerpunkte
Weitere Schwerpunkte liegen in den Bereichen Spastizität und biomechanische Veränderungen sowie deren Reduzierung bzw. Behandlung. Die Bedeutung des motorischen Lernens mit seinen wichtigsten Kernelementen wird hervorgehoben. Evidenzbasierte Therapieverfahren mit „Hands-off-Charakter“ sowie ausgewählte ICF-Assessments als Werkzeug für die tägliche therapeutische Arbeit werden aufgezeigt und anhand ausgewählter Studien und Fallbeispiele untermauert.
Modul 01: Die Rehabilitation der oberen Extremität bei Hemiplegie und Hemiparese
- Posturale Kontrolle / Balance / unterer Rumpf (Patientenvideos)
- Aufgabenorientierte Behandlung der posturalen Kontrolle und Assessments nach ICF
- Gleichgewicht: Reaktionen, Analyse und Befund (Patientenbeispiel, Workshop)
- Rumpfaktivitäten mit Einbindung der oberen Extremitäten (Patientenvideos, Demonstration)
- adaptive biomechanische Veränderungen, Ursachen, Behandlung (Patientenvideos)
- Spastizität und Hypertonus als Plus-Symptome des UMNS: Definitionen, Ursachen, Behandlung
- evidenzbasierte Maßnahmen zur Spastik- und Tonusreduzierung (Patientenvideos, Workshop)
- ICF-Assessments nach ICF (Spastikbefund, Tonusbefund)
- evidenzbasierte Interventionen im Bereich des motorischen Lernens mit konkretem Therapiebezug (Patientenbeispiele, Videos)
- moderne und klinisch etablierte Behandlungsmöglichkeiten für verschiedenste Tonusverhältnisse (Patientenbeispiele, Videos)
- Behandlungssequenzen bei ausgeprägtem Funktionsverlust und bei Funktionswiederkehr, repetitive aktive und zielorientierte Handlungen in der Therapie (Patientenvideos)
- obere Extremität: Exkurs Funktionelle Anatomie / Neurophysiologie / Biomechanik
- typische Problematiken wie Scapula alata, Subluxationen, Scapulo humeraler Rhythmus: moderne und klinisch etablierte Behandlungs- und Mobilisationsmöglichkeiten Patientenbeispiele, Videos)
- Schmerzproblematiken (u.a.
Der therapeutische Alltag
Die vorgestellten Methoden sind erprobt und lassen sich unmittelbar in den therapeutischen Alltag übertragen.
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