Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit dar. In Deutschland leiden schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen an Demenz, wobei die Alzheimer-Demenz mit 60-80% die häufigste Form darstellt. Angesichts der steigenden Lebenserwartung wird erwartet, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2050 auf etwa 2,3 Millionen erhöhen wird. Deutsche Ärzte und Forscher sind jedoch aktiv an der Suche nach wirksamen Therapien beteiligt, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten. Mit der Zulassung von Lecanemab und Donanemab stehen nun erstmals zwei Wirkstoffe zur Verfügung, die gezielt an einer der Hauptursachen der Erkrankung ansetzen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Entwicklungen in der Alzheimer-Forschung in Deutschland, die Rolle deutscher Ärzte und die Perspektiven für zukünftige Behandlungen.
Früherkennung als Schlüssel zur erfolgreichen Therapie
Die Früherkennung der Alzheimer-Krankheit ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg neuer Therapieansätze. Dr. Klaus Gehring, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte, betont, dass mit einer Mehrzahl an Anfragen zu rechnen ist, bei denen Betroffene ein so fortgeschrittenes Erkrankungsbild zeigen, dass sie nicht für eine Behandlung mit Lecanemab infrage kommen. Prof. Thorsten Bartsch, Demenzspezialist in der UKSH-Neurologie, Campus Kiel, ergänzt, dass vor einer Therapie sorgfältig geprüft werden muss, ob die Diagnose einer Alzheimer-Krankheit tatsächlich vorliegt.
Ein bekannter Alzheimerforscher erwähnte in einem Interview aus dem Jahr 2007, dass bereits im ersten milden Stadium der Krankheit 70% der für die Gedächtnisbildung wichtigen Nervenzellen geschädigt sind. Im zweiten, mittelschweren Stadium sind es bereits 90%. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, die Krankheit so früh wie möglich zu diagnostizieren, idealerweise noch vor dem milden Stadium, zum Zeitpunkt der leichten kognitiven Störung (LKB). Etwa 70% der Menschen mit dieser Diagnose entwickeln innerhalb von fünf Jahren eine Alzheimer-Demenz.
Zur Sicherung dieser schwierigen frühen Diagnose wurde ein biologischer Test entwickelt, der auf seinen Einsatz wartet. Dieser Test könnte dazu beitragen, die Krankheit in einem Stadium zu erkennen, in dem die Nervenzellschädigung noch begrenzt ist und die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie höher sind.
Lecanemab: Ein neuer Hoffnungsträger in der Alzheimer-Therapie
Mit Lecanemab (Handelsname Leqembi) steht seit September 2025 in Deutschland eine neue Therapieoption zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit im frühen Stadium zur Verfügung. Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem aktiviert, die Mikrogliazellen, die die Ablagerungen abbauen oder deren Neubildung hemmen sollen.
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Die Europäische Kommission hat Lecanemab am 15. April 2025 zugelassen. Es ist die erste zugelassene Therapie in der EU, die auf eine der der Alzheimer-Krankheit zugrunde liegenden Ursachen abzielt. Lecanemab ist jedoch nicht für jeden Menschen mit einer Alzheimer-Krankheit geeignet. Es ist nur für Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder einer leichten Alzheimer-Demenz zugelassen, bei denen die für eine Alzheimer-Krankheit typischen Eiweißablagerungen (Amyloid-Beta-Plaques) im Gehirn nachgewiesen wurden und die maximal eine Kopie einer bestimmten Genvariante (ApoE4) besitzen.
Voraussetzungen für die Behandlung mit Lecanemab
Um festzustellen, ob Lecanemab infrage kommt, sind eine genaue Diagnose und spezielle Untersuchungen erforderlich. Dazu gehören:
- Kognitive Tests: Beurteilung der Gedächtnis- und Denkleistung mithilfe von Standard-Fragebögen.
- Biomarker-Nachweis: Nachweis der für die Alzheimer-Krankheit typischen Eiweißablagerungen im Gehirn anhand von Biomarkern, insbesondere durch eine Entnahme von Nervenwasser (Lumbalpunktion) oder eine Amyloid-Positronen-Emissions-Tomografie (Amyloid-PET).
- Gentest: Bestimmung, ob und wie viele Kopien der ApoE4-Genvariante vorliegen, da Menschen mit zwei Kopien dieser Genvariante ein höheres Risiko für schwere Nebenwirkungen von Lecanemab haben.
- MRT-Untersuchung: Eine aktuelle Magnetresonanz-Tomografie (MRT) ist erforderlich, um bestehende Erkrankungen wie eine Hirnschwellung oder -blutung auszuschließen.
Ablauf der Behandlung mit Lecanemab
Lecanemab wird alle zwei Wochen als Infusion gegeben, die etwa eine Stunde dauert. Die Dosierung hängt vom Körpergewicht ab und beträgt 10 Milligramm (mg) Lecanemab pro Kilogramm Körpergewicht. Während der Behandlung sind regelmäßige MRT-Kontrollen erforderlich, um das Gehirn auf Schwellungen oder Blutungen zu untersuchen.
Die Behandlung wird beendet, wenn die Erkrankung zu einer mittelschweren Alzheimer-Demenz fortschreitet oder sich ein erhöhtes Risiko für eine Hirnblutung ergibt.
Nutzen und Risiken von Lecanemab
Lecanemab ist kein Heilmittel für Alzheimer, kann aber den Krankheitsverlauf verlangsamen. In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Lecanemab erhielten, um 27 Prozent langsamer voranschritt als in der Placebo-Gruppe.
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Allerdings ist die Wirkung von Lecanemab von vielen Expertinnen und Experten eher als moderat eingeschätzt. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht. Die Studie hat jedoch gezeigt, dass sich der verzögernde Effekt mit der Dauer der Einnahme zunimmt.
Zu den möglichen Nebenwirkungen von Lecanemab gehören Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H), die meist ohne erkennbare Symptome auftreten, aber engmaschig kontrolliert werden müssen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Infusionsreaktionen.
Herausforderungen und Perspektiven
Die Behandlung mit Lecanemab stellt neue Anforderungen an die ärztliche Versorgung. Sie erfordert eine frühzeitige Diagnose sowie spezialisierte Einrichtungen mit ausreichender personeller und technischer Ausstattung. Zudem ist die Therapie aufwändig und kostspielig.
Dennoch ist Lecanemab ein wichtiger Schritt in der Alzheimer-Forschung, da es erstmals einen Wirkstoff gibt, der ursächlich an einer der möglichen Krankheitsursachen angreift. Es gibt weitere Amyloid-Antikörper, die sich im Moment in der klinischen Überprüfung befinden. Die Entwicklung geht also weiter. Künftig sind auch Kombinationstherapien denkbar aus mehreren Wirkstoffen, die zusammen mit der Amyloid-Antikörpertherapie vielleicht noch besser wirken. Dazu wird an Biomarker-Tests gearbeitet, die helfen sollen, die Erkrankung vor Ausbruch zu entdecken.
Donanemab: Eine weitere Option in der Alzheimer-Therapie
Neben Lecanemab wurde im Laufe des Jahres 2025 ein weiteres Alzheimer-Medikament von der Europäischen Kommission zugelassen: Donanemab. Donanemab wirkt ähnlich wie Lecanemab, indem es die schädlichen Ablagerungen aus Amyloid-beta im Gehirn reduziert.
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Die Zulassung von Donanemab sollte auf Erkrankte mit höchstens einer Kopie der Genvariante ApoE4 beschränkt werden, da Erkrankte mit einer doppelten ApoE4-Kopie ein höheres Risiko auf Nebenwirkungen haben.
Ein Vorteil von Donanemab ist, dass es nur einmal monatlich verabreicht wird und die Behandlung beendet werden kann, sobald die krankheitsrelevanten Ablagerungen entfernt sind. Es gibt Hinweise darauf, dass Leqembi bei Frauen schlechter wirkt als bei Männern. Für Kisunla gibt es diese Beobachtung bislang nicht.
Die Rolle der Lebensführung bei der Prävention und Verzögerung der Alzheimer-Krankheit
Neben medikamentösen Therapien spielt die Lebensführung eine wichtige Rolle bei der Prävention und Verzögerung der Alzheimer-Krankheit. Geistige Beweglichkeit in Form von lebenslanger Neugierde ist ebenso wichtig wie die Versorgung des Gehirns mit dessen wichtigsten Mikronährstoffen.
Im Körper von Alzheimer-Patienten kann oft ein Mangel an Folsäure und Omega-3-Fettsäuren nachgewiesen werden. Omega-3-Fettsäuren, die typischerweise in Pflanzenölen wie Leinöl, Rapsöl und allen Nussölen vorkommen, sind besonders wichtig für das Gehirn. Eine klinische Studie aus Schweden hat gezeigt, dass der Krankheitsverlauf von Alzheimer-Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, die täglich 2,3 Gramm der Fischöle DHA und EPA zu sich nahmen, gestoppt oder zumindest verlangsamt wurde.
Netzwerke und Forschungsprojekte in Deutschland
In Deutschland gibt es verschiedene Netzwerke und Forschungsprojekte, die sich mit der Alzheimer-Krankheit beschäftigen. Dazu gehört das Netzwerk Alternsforschung (NAR), in dem Wissenschaftler aus den Bereichen Biologie, Medizin, Soziologie und Ökonomie zusammenarbeiten. Ziel des NAR ist es, das Altern und altersassoziierte Erkrankungen besser zu verstehen und neue Präventions- und Therapieansätze zu entwickeln.
Weitere Forschungsprojekte beschäftigen sich mit der Identifizierung früher, spezifischer Veränderungen im Blut oder im Gehirn, die auf eine Alzheimer-Erkrankung hindeuten könnten. Ziel ist es, die Krankheit so früh wie möglich zu erkennen und zu behandeln.
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