Heinrich Lübke und Alzheimer: Eine Analyse der Amtszeit und der öffentlichen Wahrnehmung

Einführung

Die Frage nach der geistigen Fitness von Politikern im hohen Alter ist von großer Relevanz, da kognitive Probleme wie Demenz Entscheidungen maßgeblich beeinflussen können. Der Artikel untersucht den Fall von Heinrich Lübke, dem zweiten Bundespräsidenten Deutschlands, im Kontext dieser Problematik. Dabei wird sowohl auf seine Amtszeit als auch auf die öffentliche Wahrnehmung seiner Person eingegangen, insbesondere im Hinblick auf seine fortschreitende Demenz.

Heinrich Lübke: Ein konservativer Politiker im Spannungsfeld der Zeitgeschichte

Heinrich Lübke, geboren 1894, war von 1959 bis 1969 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Als CDU-Politiker vertrat er eine stramm konservative Haltung, engagierte sich aber auch in der Entwicklungshilfe, im Umweltschutz und für die deutsche Wiedervereinigung. Franz Müntefering, ein SPD-Urgestein, beschrieb Lübke als "soliden Konservativen, der soziale Positionen vertrat".

Die öffentliche Wahrnehmung: Zwischen Spott und Häme

Vielen Deutschen sind Heinrich Lübkes manchmal unbeholfene Reden mehr in Erinnerung geblieben als seine politischen Taten. Er verhaspelte sich oft, wusste bei Reden manchmal nicht, wo er war, und verwechselte die japanische Stadt Osaka mit dem Potenzmittel Okasa. Einige besonders peinliche "Lübke-Zitate" sind jedoch frei erfunden.

Einige seiner vermeintlichen Aussetzer sorgten für Bestürzung, so die angebliche Anrede "Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Ngr" bei einem Staatsbesuch in Liberia. Ein andermal soll er Queen Elisabeth auf Schloss Brühl zugeraunt haben: "Equal goes it loose", was der Spiegel Jahrzehnte später als eigene Erfindung reklamierte.

Diese vermeintlichen Fehltritte trugen dazu bei, dass Lübke von Medien und politischen Gegnern gnadenlos zur Witzfigur degradiert wurde. Heute würde man ein solches Bloßstellen wohl als politisch inkorrekt verurteilen.

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Die Demenz-Erkrankung: Eine späte Erkenntnis

Anfang 1969, wenige Monate vor Ablauf seiner zweiten Amtszeit, gab Heinrich Lübke sein Amt auf. Offiziell, um die Wahl eines Nachfolgers aus dem aufziehenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten. Es wird aber vermutet, dass seine fortschreitende Demenz und die auftauchenden Vorwürfe, er sei KZ-Baumeister in der Nazi-Zeit gewesen, die Gründe für Lübkes Rückzug waren.

Psychiater Hans Förstl bescheinigt Lübke eine beginnende Demenz für die Zeit ab 1965. Heute wissen wir, dass Lübke an zerebralen Durchblutungsstörungen litt. Seine Aussetzer waren nicht (nur) politische Unkorrektheit, sondern beruhten auch auf einer vaskulären Demenz.

Der Fall Lübke im Kontext anderer prominenter Demenz-Erkrankungen

Lübke ist nicht der einzige prominente Politiker, bei dem im Nachhinein eine Demenz-Erkrankung diagnostiziert wurde. Auch bei anderen Staatsoberhäuptern der letzten 100 Jahre gibt es Demenz-Verdachtsfälle, darunter Reichspräsident Paul von Hindenburg, US-Präsidenten wie Woodrow Wilson, Franklin D. Roosevelt und Ronald Reagan, sowie der Sowjetgründer Lenin.

Die Liste der Prominenten, die an Alzheimer erkrankt sind, ist lang und reicht von der Schauspielerin Rita Hayworth über den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan bis hin zum SPD-Politiker Herbert Wehner und dem Fußball-Bundestrainer Helmut Schön.

Früherkennung und gesellschaftlicher Umgang mit Demenz

Die Alzheimer-Krankheit beginnt oft Jahrzehnte vor dem Auftreten erster Symptome. Eine frühzeitige Diagnose kann entscheidend sein für den Verlauf und die Lebensqualität der Betroffenen. Auch könne damit dem Stigma, mit dem die Alzheimer-Krankheit belegt sei, wirkungsvoll begegnet werden.

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Es ist wichtig, die Alzheimer-Krankheit als Kontinuum zu verstehen. Studien zeigen, dass die ersten neuropathologischen Veränderungen im Gehirn schon bis zu 20 Jahre vor der klinischen Manifestation beginnen können. Eine Diagnose sollte daher möglichst früh erfolgen - idealerweise in einem Stadium, in dem kognitive Beeinträchtigungen noch gering sind.

Die Behandlung von Demenzen wie der Alzheimer-Krankheit geht heute über die Gabe von Medikamenten weit hinaus. Das geistige und körperliche Trainingsprogramm umfasst "Hirn-Jogging", Essen mit Messer und Gabel, selbstständige Körperpflege, Realitätstraining, kleine Aufgaben im Alltag und vieles mehr.

Die KZ-Vorwürfe: Eine politische Kampagne?

Neben der Demenz-Erkrankung wurde Lübke auch mit Vorwürfen konfrontiert, er sei während des Zweiten Weltkriegs an der Errichtung von Konzentrationslagern beteiligt gewesen. Diese Vorwürfe wurden von Ost-Berlin aus lanciert und von westdeutschen Medien aufgegriffen.

Schließlich entschied sich Lübke für eine Fernsehansprache - und tat sich damit keinen Gefallen. Denn ein großer Redner war er nie gewesen. So kam seine Argumentation in der Öffentlichkeit als teilweises Schuldeingeständnis an.

Sachlich war an den Vorwürfen gegen Heinrich Lübke übrigens nichts. Die tatsächlich von seiner Arbeitsgruppe angefertigten Pläne für Barackenlager hatten mit KZs nichts zu tun, wie 1992 die an der Anti-Lübke-Kampagne beteiligten Stasi-Desinformationsexperten Günter Bohnsack und Herbert Brehmer einräumten.

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Fazit

Der Fall Heinrich Lübke verdeutlicht die Herausforderungen, die mit der Alterung von Politikern und dem Umgang mit Demenz-Erkrankungen in der Öffentlichkeit verbunden sind. Einerseits ist es wichtig, die geistige Fitness von Amtsträgern zu gewährleisten, andererseits darf man nicht in Häme und Spott verfallen, wenn eine Erkrankung vorliegt.

Die Geschichte von Heinrich Lübke ist ein Mahnmal für einen respektvollen Umgang mit älteren Menschen, insbesondere solchen, die an Demenz erkrankt sind. Sie zeigt aber auch die Notwendigkeit einer offenen Diskussion über die Frage, wie lange Politiker in hohen Ämtern tätig sein sollten, wenn ihre geistigen Fähigkeiten nachlassen.

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