Professor Heinz Reichmann: Eine Ära in der Dresdner Neurologie geht zu Ende

Mit Anerkennung und Dankbarkeit blickt die neurologische Gemeinschaft auf das Wirken von Professor Heinz Reichmann zurück, der sich nach fast drei Jahrzehnten als Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Dresden und 16 Jahren als Dekan der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden aus der Vollzeit-Leitung zurückzieht. Sein Engagement und seine Expertise haben die Dresdner Hochschulmedizin maßgeblich geprägt und ihr zu einem bundesweiten und internationalen Renommee verholfen.

Ein Leben für die Neurologie

Professor Reichmanns wissenschaftlicher Fokus lag im Bereich der extrapyramidal-motorischen Erkrankungen, doch seine Leidenschaft und Unterstützung reichten weit darüber hinaus. Er studierte Humanmedizin an der Universität Freiburg und promovierte dort im Jahr 1979. Seine akademische Laufbahn führte ihn zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Institut für Biochemie der Universität Konstanz sowie an das Institute of Neurology der Columbia University in New York City.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übernahm er verschiedene Positionen an der Universität Würzburg, wo er 1990 zum Professor für Neurologie ernannt wurde. 1996 folgte er dem Ruf an die Elbe und wurde Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Dresden. Hier sah er die Chance, eine komplett neue Klinik aufzubauen und die vorhandenen Strukturen um eine Schlaganfallstation (Stroke Unit), eine Intensivstation und wissenschaftliche Labore zu erweitern.

Dekan mit Weitsicht und Dedikation

Von 2005 bis 2021 trug Professor Reichmann als Dekan der Medizinischen Fakultät an der Technischen Universität Dresden eine gewaltige Verantwortung. Er führte die Fakultät mit Weitsicht und Dedikation und galt als einer der Gründerväter der Hochschulmedizin Dresden. Zuletzt war er dienstältester Dekan einer Medizinischen Hochschule in Deutschland.

Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus, betont die enge Verbindung zwischen der erfolgreichen Entwicklung der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums: „Erfolgreiche Krankenversorgung baut auf kompetenter Forschung auf, die innovative Ansätze zeitnah und ohne Übertragungsverluste ans Krankenbett bringt. Umgekehrt braucht es ärztliche Erfahrung, um Ideen und Konzepte für die Medizin der Zukunft zu entwickeln.“

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Innovationen für die Patientenversorgung

Professor Reichmann hat in die Patientenversorgung am UKD zahlreiche Innovationen eingebracht. Besonders hervorzuheben sind seine Erkenntnisse zur Parkinson-Krankheit, die vom Darm in das Gehirn des Menschen wandert. Doch auch fachübergreifend war er aktiv, um die besten Köpfe auf der Suche nach den besten Lösungen zusammenzubringen. Er leitete für einige Jahre ein Graduiertenkolleg mit Kollegen aus dem MPI, CRTD und anderen Institutionen - eine Kooperation, die in der Zwischenzeit in Dresden Concept auf höherer Stufe aufgegangen ist.

Gleichzeitig rückte er immer auch die Lehre in den Fokus. Viele Ärztegenerationen haben an der Fakultät unter seiner Leitung das Rüstzeug für ihre weitere Arbeit vermittelt bekommen.

Engagement in Fachgremien und Gesellschaften

Professor Reichmann engagiert sich in zahlreichen neurologischen Fachgremien und war Präsident der Deutschen Parkinson Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V. In den Jahren 2009 und 2010 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und 2012 bis 2013 Präsident der European Neurological Society. 2010 wurde er zum Fellow of the Royal College of Physicians (UK) und der American Academy of Neurology (USA) ernannt.

Er ist Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gesellschaften, wie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Europäischen Gesellschaft für Neurologie und der Amerikanischen Academy of Neurology. Er war Präsident der Deutschen und Europäischen Gesellschaft für Neurologie, Fellow der Royal Society of Medicine, Ehrenmitglied der Japanischen Neurologischen Gesellschaft und ist Gastprofessor an der Universität Aalborg in Dänemark.

Dresdens medizinische Exzellenz

Professor Reichmann schätzt den Standort Dresden als außergewöhnlich hoch ein: „Es gibt kein Krankheitsbild, das wir hier nicht abdecken! Die Dresdner dürfen sehr zufrieden sein mit ihrer ärztlichen Versorgung.“ Er sieht jedoch auch Verbesserungspotenzial, insbesondere in der Straßenplanung: „Die Straßenplanung ist unterirdisch, eine Zumutung für die Bürger. Wir haben ein riesiges Straßennetz, aber zum Beispiel die Stauffenbergallee ist desolat - das wirft kein gutes Licht auf Dresden für Besucher. Es könnte auch mehr Rechtsabbiegespuren geben, beispielsweise an der Uniklinik.“

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Auch auf nationaler Ebene sieht er Handlungsbedarf: „Wir brauchen endlich Optimismus und eine bürgernähere Politik. Man muss an die "kleinen Leute" denken.“ Im medizinischen Bereich wünscht er sich mehr Freiheit für Universitäten bei klinischen Studien: „Den Universitäten wird auch vorgegeben, welche Medikamente zulässig sind - aber wer soll es ausprobieren, wenn nicht wir? Da existiert noch so viel Papierkrieg, es muss dort mehr Freiheit geben.“

Sein größter Wunsch für die Zukunft der Medizin ist die Besiegung der Volkskrankheiten: Diabetes, Krebs, Demenz.

Forschungsschwerpunkte und Expertise

Professor Reichmann bietet besondere Expertise bei Krankheiten mit Bewegungsstörungen, wie Parkinson und Muskelerkrankungen, in europaweiten Rankings. Er setzt auf frühzeitige Information durch Gremien, Bords und Studien sowie auf ein sehr engagiertes Team und patientennahe Forschung.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Bedeutung körperlicher Aktivität zur Minderung des Risikos neurodegenerativer Erkrankungen und zur positiven Beeinflussung des Krankheitsverlaufs. Am Dresdner Standort des DZNE werden Plastizitätsvorgänge im erwachsenen und alternden Gehirn erforscht und untersucht, wie Plastizität die Kompensationsfähigkeiten des Gehirns angesichts von Degeneration bestimmt. Ziel ist es, die Erkenntnisse der Stammzell- und Plastizitätsforschung für die Prävention und Therapie neurodegenerativer Erkrankungen nutzbar zu machen.

Dank an eine stille Heldin

Ein besonderer Dank gilt auch der stillen Heldin hinter den Kulissen - Frau Reichmann, die ihren Mann all die Jahre unterstützt hat. Ohne ihre Hingabe, ihr Verständnis und ihre Kraft wäre dieser außergewöhnliche Weg womöglich ein anderer gewesen. Ihr beider Einsatz als Team hat maßgeblich zu den Erfolgen beigetragen.

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Ein Abschied und ein Neuanfang

Nach seinem Abschied als Dekan wird Professor Reichmann der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden weiterhin als Teilzeitneurologe erhalten bleiben. Seine Nachfolge als Dekan tritt Frau Professor Esther Troost an.

Die neurologische Gemeinschaft dankt Professor Heinz Reichmann für sein Wirken, sein Engagement und seinen Spirit, die immer ein leuchtendes Beispiel sein werden. Für seine weiteren Vorhaben wünschen wir ihm alles Gute!

Persönliches

  • Lieblingsrestaurant: Kastenmeier, The Bollicine hinterm Schauspielhaus
  • Urlaub: Besuche bei der Tochter in den USA (Charlotte/North Carolina), sonst ist Italien die Nummer eins!
  • Änderungswünsche für Dresden: Verbesserung der Straßenplanung, mehr Rechtsabbiegespuren
  • Änderungswünsche für Deutschland: Mehr Optimismus und eine bürgernähere Politik
  • Änderungswünsche für die Medizin (Deutschland): Mehr Freiheit für Universitäten bei klinischen Studien
  • Änderungswünsche für die Welt: Besiegung der Volkskrankheiten Diabetes, Krebs, Demenz.

tags: #heinz #reichmann #neurology