Der Glanz des Triumphes und die Tragik des Vergessens liegen oft nah beieinander. Dies zeigt sich auf berührende Weise in den Lebensgeschichten von Helmut Schön, dem legendären Bundestrainer, und Gerd Müller, dem unvergessenen „Bomber der Nation“, deren Namen untrennbar mit dem Weltmeistertitel von 1974 verbunden sind. Beide Fußballikonen, die Deutschland zu historischen Siegen führten, mussten im späteren Leben mit den tückischen Folgen von Alzheimer und Demenz kämpfen.
Der Triumph von 1974: Eine Nation im Fußballfieber
Der 7. Juli 1974 ist ein Datum, das in der deutschen Fußballgeschichte für immer einen besonderen Platz einnimmt. Im Finale der Weltmeisterschaft im eigenen Land besiegte die deutsche Nationalmannschaft unter der Leitung von Helmut Schön die Niederlande mit 2:1. Gerd Müller erzielte den entscheidenden Treffer und reckte nach dem Schlusspfiff die Faust in die Luft. Ein Bild, das sich ins Gedächtnis eingebrannt hat.
Helmut Schön hatte acht Jahre lang als Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft gearbeitet, bevor er 1964 das Zepter übernahm. Seine Amtszeit war von Erfolg gekrönt, und der WM-Titel 1974 war der Höhepunkt seiner Karriere. Vier Jahre später übergab er das Amt an seinen langjährigen Co-Trainer Jupp Derwall.
Doch nicht nur der Titel selbst, sondern auch die Art und Weise, wie er errungen wurde, machte diesen Erfolg so besonders. Schön verstand es, eine Mannschaft aus außergewöhnlichen Individualisten zu formen, die dennoch als Einheit auftrat. Spieler wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Wolfgang Overath und Günter Netzer verkörperten den neuen, selbstbewussten Fußballer-Typus, der sich nicht mehr in das traditionelle Kollektiv einordnen wollte. Schön gab ihnen die Freiheit, ihre Individualität auszuleben, verpflichtete sie aber gleichzeitig, diese Freiheit mit Verantwortung für die Mannschaft zu verknüpfen.
Gerd Müller: Der „Bomber der Nation“ und seine unvergesslichen Tore
Gerd Müller, geboren im November 1945 in Nördlingen, war der Inbegriff des Torjägers. Seine Karriere begann beim TSV Nördlingen, bevor er 1964 zum FC Bayern München wechselte. Mit 552 Toren für die Münchner stellte er einen Rekord auf, der erst 49 Jahre später von Robert Lewandowski gebrochen wurde. Viermal wurde er Deutscher Meister, dreimal gewann er den Europapokal der Landesmeister.
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Sein wichtigstes Tor erzielte er jedoch im WM-Finale 1974 gegen Holland. Aus einer scheinbar unmöglichen Position, mit dem Rücken zum Tor, drehte er sich blitzschnell und versenkte den Ball im Netz. Ein typischer Müller! Insgesamt traf er bei dieser WM viermal.
Nach dem WM-Gewinn spielte Müller nie wieder für Deutschland. Aus Protest gegen den DFB, weil nur die Funktionärsgattinnen zum Bankett durften, nicht aber die Spielerfrauen. Viele Jahre später gestand Müller, dass er seinen Rücktritt bereut habe. Er hätte noch so viele Tore für Deutschland schießen können…
1979 endete seine Bundesliga-Karriere. Nachdem Bayern-Trainer Pal Csernai ihn auf die Bank gesetzt hatte, ging Müller in die USA zu Fort Lauderdale. In Florida begann für ihn und seine Frau Uschi eine dunkle Zeit. Gerd verfiel dem Alkohol. Doch durch die Stärke seiner Uschi und die Hilfe seiner alten Bayern-Gefährten kam er aus seiner Lebenskrise heraus. Uli Hoeneß flog in die USA, brachte Müller zurück nach Deutschland und stellte ihn nach einer Entziehungskur als Trainer an.
Franz Beckenbauer sagte immer: „Ohne den Gerd wäre der FC Bayern nicht das, was er heute ist. Ohne Gerd würden wir an der Säbener Straße noch in der Hütte sitzen, in der wir in 60er-Jahren angefangen haben.“
Helmut Schön: Der stille Stratege an der Seitenlinie
Helmut Schön, geboren am 15. September 1915 in Dresden, war ein Mann der leisen Töne. Er galt als sensibler und einfühlsamer Trainer, der seine Spieler mit großer Menschlichkeit führte. Seine Stärke war es, eine Mannschaft mit außergewöhnlichen Individualisten zu formen und dabei jedem seine Individualität zu lassen.
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Schön begann seine Trainerkarriere nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone. 1952 wurde er Trainer der saarländischen Nationalmannschaft, bevor er 1956 Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger wurde. 1964 übernahm er schließlich selbst das Amt des Bundestrainers.
Seine Erfolgsbilanz ist beeindruckend: Weltmeister 1974, Europameister 1972, Zweiter der WM 1966, Dritter der WM 1970, Zweiter der EM 1976. In 139 Begegnungen in seiner Amtszeit erreichte seine Mannschaft 87 Siege und erlitt nur 21 Niederlagen.
Die dunklen Schatten: Alzheimer und Demenz
Doch der Glanz der Erfolge konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch das Leben von Helmut Schön und Gerd Müller von Tragödien überschattet war. Beide litten im späteren Leben an Alzheimer bzw. Demenz.
Bei Helmut Schön wurde die Alzheimer-Krankheit in den 1990er Jahren diagnostiziert. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre in einem Pflegeheim in Wiesbaden, wo er am 23. Februar 1996 im Alter von 80 Jahren starb.
Auch Gerd Müller erkrankte an Demenz. Im Januar 2012 saß er noch bei der Gala zum 60. Geburtstag von Uli Hoeneß, doch nur Insider wussten zu diesem Zeitpunkt von seiner Krankheit. 2015 wurde seine Erkrankung öffentlich gemacht. Er lebte in einem Pflegeheim, wo er am 15. August 2021 im Alter von 75 Jahren verstarb.
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Die Alzheimer-Krankheit und Demenz sind tückische Erkrankungen, die das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen beeinträchtigen. Sie rauben ihnen ihre Erinnerungen und ihre Persönlichkeit. Es ist eine Tragödie, wenn Menschen, die einst im Rampenlicht standen und von Millionen bewundert wurden, im Alter von dieser Krankheit heimgesucht werden.
Das Vermächtnis der Helden: Mehr als nur Fußball
Helmut Schön und Gerd Müller waren mehr als nur erfolgreiche Fußballer und Trainer. Sie waren Vorbilder, Identifikationsfiguren und Symbole für den deutschen Fußball. Ihr Vermächtnis lebt in den Herzen der Fans weiter.
Auch nach ihrem Tod werden sie für ihre sportlichen Leistungen und ihre menschlichen Qualitäten geehrt. Sie haben Deutschland unvergessliche Momente beschert und den Fußball nachhaltig geprägt.
Die Geschichten von Helmut Schön und Gerd Müller zeigen aber auch, dass Erfolg und Ruhm nicht vor den Schattenseiten des Lebens schützen. Krankheit und Leid können jeden treffen, unabhängig von Status und Leistung. Umso wichtiger ist es, dass wir uns an die positiven Seiten dieser außergewöhnlichen Menschen erinnern und sie für das ehren, was sie für den deutschen Fußball geleistet haben.
Weitere Helden von 1974: Ein Blick auf die Vergänglichkeit
Neben Helmut Schön und Gerd Müller sind auch andere Spieler der Weltmeistermannschaft von 1974 bereits verstorben. Bernd Hölzenbein, der am 15. April verstarb, Heinz Flohe, Jürgen Grabowski, Horst-Dieter Höttges und Franz Beckenbauer sind ebenfalls nicht mehr am Leben.
Diese Todesfälle erinnern uns daran, dass auch die größten Helden vergänglich sind. Sie mahnen uns, die Leistungen und Verdienste dieser Menschen zu würdigen, solange sie noch unter uns sind, und ihr Andenken zu bewahren.